Wellenreiter – Radiopiraten

Wellenreiter - Radiopiraten

Radiopiraten erfreuen Junge und provozieren gerne die Behörden. Die Sendungsmacher beleben mit mobilen Anlagen und Internet das alte Medium neu. Merh…

Marco Kaspar, 19, liebt den Uetliberg, besonders das waldige Dickicht auf dem Zürcher Hausberg hat es ihm angetan. Nicht weil Marco ein begeisterter Naturfreund wäre, aber der Uetliberg ist ideal, um seinen illegalen Radiosender Fantastic aufzubauen und damit Millionen-Zürich zu beschallen.«Richtiges Jugendradio fehlt in der Schweiz auf UKW; darum braucht es uns», sagt Kaspar. Der junge Radiopirat gehört zu einem kleinen und verschworenen Kreis von Enthusiasten, die sporadisch klandestin senden. Er stellt am PC sein Programm zusammen und sendet es stundenweise aus – ohne Konzession, versteht sich. Kaspar lockt nicht nur das Verbotene, sondern ebenso freut ihn die Resonanz von Freunden und Bekannten, die ihn hören und ihm im Einzelfall dazu gratulieren, just den richtigen Sound getroffen zu haben. Dabei verlässt sich der Radiopirat strikt auf seinen persönlichen Geschmack: «Ich bin meine eigene Zuhörergruppe», sagt Kaspar.

Er gehört zur neuen Schweizer Radio-Bewegung. Das sind junge Leute, die das alte Medium frisch entdeckt haben. Sie verbreiten ihre Musik über das Internet oder illegal über den Äther. Oder beides. Der Sound ist das Wichtigste. House, Trance, Hip Hop, UK Garage und Ambient prägen die neue Radiokultur. Zur Musik gehören die DJs. Identifikationsfiguren wie René S., Oli Stumm oder DJ Boost sind klingende Namen in der Szene. Sie sind lokal illegal im Raum Zürich immer wieder zu hören.

Man sieht sie auch auf dem Internet-Radio bei der Arbeit. DJRadio heisst der Sender von Egon Blatter, 32, der im Mittelpunkt der Szene steht. Auf dem Netz verbreitet er nicht nur Musik und bewegte Bilder, bei DJRadio findet man auch Direktübertragungen von Partys und Gigs. «Die Nachfrage nach elektronischer Musik ist bei den Jungen riesig», sagt Blatter.

Er leitet daraus seinen Wunsch ab, vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) eine UKW-Konzession zu erhalten. Denn er erreicht über das Internet nur 5000 bis 6000 Interessierte. Dazu kommen Jugendliche, die sein Programm sporadisch über den Äther hören. DJRadio verbreitet hin und wieder den Sound der illegalen Zürcher Stationen Fantastic und Mystery auf dem Internet, wenn die mal wieder auf Sendung sind. Und diese illegalen Sender nehmen gern die Signale von DJRadio auf, die sie im Versteckten ausstrahlen. Kurz: Radio und Internet wachsen zusammen.

Youngster Marco Kaspar ist gegenwärtig der einzige Schweizer Radiopirat, dem die Ehre zukommt, in ein Verfahren mit dem Bakom verwickelt zu sein. Kaspar machte sich einen Spass daraus, auf dem Uetliberg einen UKW-Sender einzurichten, von wo er tageweise Sendungen unter dem Label Fantastic Radio ausstrahlte – und blieb lange unbehelligt. Denn Kantonspolizei und Bakom-Leute mochten nicht im Dickicht der Bergwaldungen herumstiefeln, um Kaspars Sender anzupeilen und auszuheben.

Doch dann wurde der Junge übermütig und installierte versuchsweise eine Rundstrahlantenne auf dem Dach des Hauses seines Kollegen Egon Blatter. Im August erschienen prompt drei Bakom-Beamte und ebenso viele Kantonspolizisten, um den Sender zu konfiszieren. Die Beziehung zwischen den Radio-Enthusiasten ist seit jener Episode getrübt, da Kaspar DJRadio-Mann Blatter über seinen Versuch mit der Rundstrahlantenne nicht informierte.

Kaspar muss mit einer Verwarnung oder Busse zwischen ein paar hundert Franken und 100 000 Franken rechnen. Im Oktober ist er ins Bakom in Biel zur Einvernahme geladen. Bleibt zu hoffen, dass die Behörden ein Nachsehen haben und dem Ärmsten finanziell nicht jeglichen Ausgang auf Jahre hinaus verunmöglichen.

Der Wetziker Elektromonteur Marco Kaspar hatte als siebenjähriger Knirps seinen ersten Radioapparat. Während der Schulzeit baute er sich sein erstes kleines «Sänderli» mit einem Radio-Elektronik-Kasten – seither träumte er von der eigenen Radiostation. An der Street Parade vor drei Jahren kam er schliesslich mit Radiomachern in Kontakt, die vom Event berichteten. Kaspar erkannte, wie einfach er sich seinen Traum erfüllen kann. Und heute ist es für ihn das höchste der Gefühle, wenn er mit seinem Kleinwagen durch die Stadt kurven kann und seinen eigenen Sound hört. Und er liebt es, sich mit Gleichgesinnten zu treffen, um neue Radiostreiche auszuhecken. Auf Grund seiner Erfahrungen mit den Behörden will es Kaspar allerdings mit dem Bakom nicht ganz verderben: «Wir wollen ja nichts Unrechtes tun, möchten aber unseren Beitrag an die Jugendkultur leisten.»

Auf die vom Bakom beschlagnahmte Sendeanlage muss er in Zukunft verzichten. Das stört ihn jedoch wenig, weil er bereits zwei neue Sender hat. Unter www.broadcastwarehouse.com wird das Sende-Material im Internet angeboten. Eine komplette Anlage kostet rund 2000 Franken, Mischpult, Soundmodul, Mikrofon und Kopfhörer inklusive. All das kann man sich auch mit tiefem Budget stückweise zusammenkaufen. Eine Antenne ist schon für 500 Franken zu haben.

Die jungen Radiofreaks sind ohnehin nicht auf Rosen gebettet. DJRadio ist für Egon Blatter zumindest vorderhand ein Verlustgeschäft. Er hofft indes auf mehr Einkünfte und möchte 2002 den Break-even erreichen. Neben der Werbung ortet er einen Markt beim Aufzeichnen und «Streamen» von Events in Klubs oder an Partys, beispielsweise aus dem Zürcher Klub D-Lite.ch. Unter «Streamen» versteht er die Verbreitung von Musik und Bildern über das Internet, so dass die Cyberwelt an den Ereignissen direkt teilhaben kann. Die Feier auf Ibiza wird so frei Haus geliefert; der Party-Veranstalter bezahlt die Kosten und profitiert von der Werbung, die Feriengäste anlocken soll.

Auch der Genfer Yvan Huberman hat die kommerzielle Seite des Internet-Radios entdeckt. Sein Radio Basic.ch bringt neben Werbung regelmässig Event-Übertragungen, die er für die Veranstalter auch archiviert.

«Radiomachen soll mein Beruf werden», sagt Marco Kaspar. Er ist vom Medium begeistert und fordert «ein Radio von Jugendlichen für Jugendliche». Ihm ist nicht nur die Musik wichtig. Von einer Lehrstellen-Börse bis zu einer Sprechstunde bei Schulsorgen kann er sich alles in seinem Programm vorstellen. Er erarbeitet ein Konzept, das er dem Bakom vorlegen will, um eine UKW-Konzession zu erhalten. Kaspar ist auch mit den Leuten des Alternativradios Lora im Gespräch, um ein eigenes Programmfenster zu erhalten.

Eine Konzession wollen alle. Auch Egon Blatter hat demnächst einen Termin beim Bakom in Biel, um seine Wünsche darzulegen. Blatter ist wild entschlossen, Radio auf UKW zu machen: «Sonst fahre ich mit zwei Sattelschleppern vor das Bundeshaus und zeige denen mit Verstärkern, was Musik ist.»

Gut möglich, dass den Bundesbeamten diese Erfahrung nicht erspart bleibt. Denn UKW-Frequenzen sind ein rares Gut, und der Bundesrat ist sehr zurückhaltend mit Sendebewilligungen. Selbst die SRG wartet schon lange vergeblich auf eine UKW-Frequenz für ihren Jugendsender Virus. Der Basler Radio-Unternehmer Giuseppe Scaglione verlangt ebenfalls seit Jahren eine UKW-Konzession für sein Radio 105. Diese Sender werden vorderhand nur über Kabel und Internet verbreitet – mit entsprechend bescheidenen Hörerzahlen. Und beide Kanäle werden von den neuen Radiopiraten nicht ernst genommen, weil sie musikalisch zu sehr auf Kommerz setzten. Scaglione kontert den Vorwurf mit einem Hinweis auf die deutsche Szene: «Dort machten viele radikal auf alternativ, und die strahlen heute Britney Spears aus, weil sie sonst nicht gehört würden.» DRS-3-Chef Andreas Schefer betont, dass Radio DRS mit «seinen fünf Ketten jede Stilrichtung abdeckt – auch für die Jugendlichen».

Kommerz hin oder her, Tatsache ist, dass ein Teil der Jugend mit der Neuausrichtung von Radio DRS 3 ein Stück Identität verloren hat. Die hörermässig erfolgreiche Strategie Richtung Mainstream hat dazu geführt, dass besonders die Jüngsten monieren, keinen UKW-Sender mehr zu finden, der ihrem Musikgeschmack entspricht.

Der Zürcher Medienwissenschaftler Heinz Bonfadelli sieht das Bedürfnis der Jugendlichen nach einem «eigenen Radio» in der Individualisierung der Jugendkultur: «Die Mediennutzung ist zunehmend fragmentiert.» Deshalb können selbst Spartensender wie Virus nicht mehr jeden ausgefallenen Musikgeschmack abdecken.

Die jungen Radioleute verstehen sich zwar als Rebellen, aber als unpolitische. Im Gegensatz zu Roger Schawinski Ende der Siebzigerjahre. Er war damals angetreten, die Schweizer Radioszene aufzumischen, was er mit seinem illegalen Sender auf dem italienischen Pizzo Groppera schaffte. Schawinski rät den Jungen heute, sich bis 2004 zu gedulden. Nach der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes sei es einfacher, zu einer Konzession zu kommen: «Genügend Frequenzen gibt es; das haben Versuche gezeigt.»

«Wir müssen die rechtmässigen Konzessionsinhaber schützen», sagt Bakom-Sprecher Roberto Rivola. Es gehe den Behörden keineswegs darum, ein Räuber-und-Poli-Spiel mit den Radiopiraten aufzuziehen. Aber ein Frequenzen-Chaos könne nicht toleriert werden. «Der Funkverkehr im Luftraum des Zürcher Flughafens wurde schon gestört.» Rivola macht den Jungen wenig Hoffnung auf permanente Konzessionen. Für zeitlich limitierte Versuche gebe es jedoch immer wieder Spielraum. Und andere Verbreitungsmethoden – wie auf Kabelnetzen – wurden mit dem Bakom besprochen.

Die neuen Radiopiraten fordern das Polit-Establishment nicht direkt heraus. Typisch ist die Aussage des 27-jährigen DJRadio-Mitgründers Oli Dätwyler: «Ich bin ein Idealist und kämpfe für eine Sache, die materiell nichts bringt.» Oder des 24-jährigen Moderators Emanuel Eugster: «Radio Z löst keine Emotionen aus. Wir aber begeistern die Leute.» Sie wollen einfach Radio machen und verlangen dafür eine Lizenz, damit sie nicht in die Illegalität vertrieben werden.

Behaupten sie zumindest. «Der Reiz des Illegalen ist doch spürbar», sagt DJ Boost, der für Radio DRS 3 und die Illegalen arbeitet. Wer schlägt dem Staat nicht schon gerne ein Schnippchen? Besonders wenn es den eigenen Interessen dient. Das kritisiert DJ René S. zwar, der in der
Szene weitherum Bewunderung geniesst. «Ich finde es schade, dass sie im Versteckten senden.» Aber die Ideologie dahinter gefällt ihm: «Die Privatradios sind heute schlimmer als DRS. Dem muss man etwas entgegenstellen.»

Laut dem deutschen Soziologen Norbert Bolz prägen Strömungen wie die neuen Radiopiraten das kulturelle Leben: «Die Alternativen sind Fermente in der Evolution des Massengeschmacks. Der Mainstream wird gerade von denen bestimmt, die anders sein wollen als der Mainstream.» Bolz konstatiert «eine Art Konformismus des Andersseins».

Dieser Konformismus ist in der Radioszene vorderhand ausschliesslich männlich, wie Jus-Student Oli Dätwyler von DJRadio betont: «Die Frauen finden es zwar cool, was wir machen, und hören uns.» Aber die ganze Verbreitungstechnik interessiere sie überhaupt nicht.

Hauptsache, es gibt etwas Anerkennung, aber allzu wichtig ist sie den neuen Pionieren nicht. Schliesslich machen sie vor allem für sich selbst Radio. Und finden dabei ihre Selbstverwirklichung.

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