Verbrechersyndikat Entenhausen

Verbrechersyndikat Entenhausen

Seit fünfzig Jahren bewegen sich Donald Duck und Micky Maus prügelnd und stehlend im Verbrechersumpf. Kriminologen ermitteln.

In Entenhausen regiert 1952 das Verbrechen. Auf jeder zweiten Seite des Jugendhefts «Micky Maus» kommt es zu einer Straftat – vor allem Körperverletzung und Einbruchdiebstähle. Am häufigsten straffällig wird Donald Duck mit 46 von total 182 Delikten jenes Jahres. Seltener delinquieren Dagobert Duck, dessen Grossneffen Tick, Trick und Track sowie Micky Maus. Abgeschlagen mit einer einzigen Straftat folgen die fürs Verbrechen prädestinierten Panzerknacker.

Diese Verbrechensstatistik stammt aus der Untersuchung «Kriminalpolitik in Entenhausen». Zwei Juristen vom Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Bern haben die Verfehlungen der Entenhausener auf Grund der «Micky Maus»-Hefte der Jahrgänge 1952, 1983 und 1995 wissenschaftlich analysiert. Die Forschungsarbeit verdeutlicht die gesellschaftliche Bedeutung des Hefts. Diese Woche wird «Micky Maus» 50 Jahre alt.

Ein halbes Jahrhundert Comic-Geschichte wurde damit erstmals juristisch beleuchtet. Die Forschungsarbeit kommt zum Schluss, dass sich die Art der Verbrechen seit den ersten Ausgaben des Hefts kaum verändert hat. Wohl aber die Täter: Während in der Anfangszeit Kriminalität aus dem duckschen Umfeld stammte, so werden die Straftaten in den heutigen Ausgaben von Unbekannten begangen. Die Disney-Helden sind sauberer geworden. So macht in der aktuellen Nummer Donald, einst Entenhausener Verbrecherkönig, einen gewissen Dim-Sun dingfest, einen chinesischen Bankräuber. Auch Micky ist nicht mehr ein unbedarfter Spassvogel, sondern Mäusedetektiv mit Mission. Karl-Ludwig Kunz, Autor der Studie: «Wo Micky auftritt, geht es praktisch ausnahmslos um die Vermittlung von Sicherheitsgefühl durch Wiederherstellung eines sauberen, von Ganoven und zwielichtigen Gestalten befreiten Entenhausens.»
Der Berner Strafrechtsprofessor Kunz bezeichnet die Kriminalität Entenhausens als Sinnbild für Asozialität. Klassische Delikte wie Körperverletzung und Einbruchsdiebstahl sind in der Welt von Donald und Micky allgegenwärtig. Sie sind wegen ihrer klaren Tatbestände leichter zu zeichnen als komplexe Delikte wie organisierte Kriminalität oder Wirtschaftsverbrechen. Diese kommen darum im Comic, der von einfachen und drastischen Bildern lebt, nicht vor. «Die Entenhausener Kriminalität spiegelt das in der Wirklichkeit vorhandene Vorstellungsbild von Kriminalität ausgesprochen gut», sagt Kunz.

Die Berner Kriminologen sind nicht die einzigen Wissenschaftler, die sich mit den «Micky Maus»-Heften auseinander gesetzt haben. Vor allem Germanisten haben das Magazin in den 50 Jahren seines Bestehens untersucht. Ihre Sprachstudien führten sie jeweils zu Erika Fuchs. Die heute 96-Jährige war die erste Chefredaktorin von «Micky Maus». Über 40 Jahre lang übersetzte die Kunsthistorikerin die Comics ins Deutsche. Dabei hielt sie sich nur selten ans Original aus Amerika und ging in ihrer Fantasie eigene Wege. Mit Nachhaltigkeit: Eben wurde Erika Fuchs für ihre Übersetzungsarbeit mit einem deutschen Literaturpreis ausgezeichnet. Sie gilt als Erfinderin der längst für alle Comics typischen Lautmalereien und verkürzten Infinitiven wie «knirsch», «stöhn», «seufz». Diese Sprachformen – Onomatopöien im linguistischen Fachjargon – sind heute wesentlicher Bestandteil der Jugendsprache. Aber auch Erwachsene greifen gerne auf fuchssche Sprachschöpfungen zurück. Allgemeingültige Lebensweisheiten wie «Dem Ingeniör ist nichts zu schwör» oder «Ohne Knete keine Fete» textete sie einst für das Heft.

Der Berliner Ehapa-Verlag, Herausgeber der «grössten Jugendzeitschrift der Welt», feiert das Jubiläum mit einer 68-seitigen Spezialausgabe in der Comic-Zeitschrift «Die Sprechblase». Aufrichtig nimmt darin der Verlag zum «dramatischen Auflageneinbruch» der letzten Jahre Stellung. Vor vier Jahren hatte «Micky Maus» noch eine Gesamtauflage von 1,3 Millionen Exemplaren, heute werden im deutschen Sprachraum noch rund 700’000 Hefte verkauft. In der Schweiz sank der Absatz von 50’000 auf 36’000 Exemplare. «Kinder verwenden heute weniger Lesezeit für Hefte», sagt Armin Kratohwil, Geschäftsführer der Egmont AG, die «Micky Maus» hier zu Lande herausgibt. «Grund für den Rückgang sind die neuen Medien. Videospiele und Games im Internet sind unsere Hauptkonkurrenten geworden.» Auch hat sich die Leserschaft verjüngt: Griffen vor zehn Jahren noch vor allem die 8- bis 14-Jährigen zur «Micky Maus», so sind es heute die 6- bis 12-Jährigen.

Auch das Heft hat sich gewandelt. Die Panzerknacker, die einst eigene Geschichten erlebten, treten heute selten auf. Und Figuren wie «Der kleine böse Wolf», achtseitiger Höhepunkt der Erstausgabe, sind komplett verschwunden. Dafür wurde der redaktionelle Anteil zwischen den einzelnen Comic-Abenteuern erhöht: «Micky Maus»-Leser, zu 65 Prozent Buben, lernen heute mit Daniel Düsentrieb physikalische Experimente verstehen oder nach dem Sonnenstand die Uhrzeit bestimmen. «Unsere Leser sollen einen Nutzen fürs tägliche Leben ziehen», sagt Armin Kratohwil.
50 Jahre «Micky Maus» sind für den Zürcher Medienpädagogen Christian Doelker ein «Ereignis von beachtlichem Zeithorizont». Er erklärt sich die Langlebigkeit der Figuren mit ihrer mythologischen Kraft. «Micky Maus hat die archetypischen Züge des kleinen Schlauen. Diese Symbolität ist aus Sagen und Fabeln bekannt und wurde in eine zeitgemässe Formensprache gebracht.» Donald & Co. sind keine Augenblicksschöpfungen. Doelker: «Diese Figuren gehören mit zum inneren Universum des Menschen. Dank grafischer Anpassungen halten sie sich als ständige, aktuelle Begleiter sowohl von Heranwachsenden als auch Erwachsenen.»

Zwar ist die Zeit, in welcher der «Spiegel» sie als «Opium in der Kinderstube» bezeichnete, vorbei. Dennoch können sich noch heute nicht alle Verlage mit dem Genre anfreunden. Das Schweizerische Jugendschriftenwerk (SJW) hat zwar ebenfalls Gezeichnetes im Sortiment, etwa vom «Zürich by Mike»-Zeichner Mike van Audenhove. «Wir betreiben Leseförderung», sagt der SJW-Verlagssekretär Tsultrim Shabga. «Einfache oder gelegentlich obszöne Texte in Sprechblasen sind keine Leseförderung, sondern Bildli-Angucken. Das kann und soll nicht unser Geschäft sein.»

Was würde Micky dazu sagen? Ufff!

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