Ueli Steiger: «Schneller Schnitt ist erotisch»

Ueli Steiger

Der vielbeschäftigte Schweizer Chefkameramann Ueli Steiger kommt mit zwei neuen Hollywoodfilmen in unsere Kinos.

–: Ueli Steiger, was sagen Sie als Kameramann zu den verwackelten Bildern in den dänischen Dogma-Filmen?
UELI STEIGER: Bei «Festen» meint der Zuschauer, ein Familienmitglied sei mit der Videokamera durch das Geburtstagsfest gerannt. Was natürlich überhaupt nicht stimmt. «Festen» ist hoch brillant, fein inszeniert. Ein grossartiger Film.

–: Was ist für Sie ein guter Film?
STEIGER: Einer, der mich reinzieht. «Festen» eben, oder «The Matrix». Der war eine Freude und so sexy, dass mich die wenig plausible Story nicht störte.

–: Wie wichtig ist der Kameramann in Hollywood-Filmen?
STEIGER: Die Frage stelle ich mir immer wieder selbst. Es gibt Filme, zu denen ich wahnsinnig viel beitrage, nicht nur auf optischer Ebene. Bei anderen Filmen bin ich nur Bilderlieferant.

–: Wie war es bei «Bowfinger» mit Regisseur Frank Oz?
STEIGER: Oz stellte mich sehr in Frage, drehte Tests mit mir am Set von «Bowfinger». Er fragte mich: «Ist das nicht zu hell? Ist das nicht zu dunkel?» Ich stand stark unter Druck zu Beginn. Ich wusste, dass Oz nie zweimal mit dem gleichen Kameramann gearbeitet hatte. «Bowfinger» war ein grosses Projekt, und in Hollywood wird ein Kameramann sofort entlassen, wenn etwas nicht funktioniert.

–: Sie durften …
STEIGER: … bleiben. Ich hatte dann einigen Einfluss auf den Film und werde irgendwann wieder mit Frank drehen.

–: Wer hat vor zehn Jahren die lähmend heisse Bildsprache Ihres Hollywood-Debütfilms «Hot Spot» kreiert: Sie oder Regisseur Dennis Hopper?
STEIGER: Ich sprach kein Wort mit Hopper, ich legte einfach los. Das verunsicherte mich zuerst. Bis ich merkte, dass er mir völlig vertraute.

–: Aber irgendwann mussten Sie doch mit Hopper über Optik und Kameraführung gesprochen haben?
STEIGER: Ich kommunizierte auf visueller Ebene mit ihm, hatte ein Zoom auf der Kamera und zeigte ihm mit groben Einstellungen, was ich wie zu filmen gedenke. Er sagte: «Great, let’s shoot it.»

–: In «Hot Spot» gibt es lange Einstellungen, langsame Kamerafahrten, wenig Schnitte. Das Gegenteil der viel beschworenen modernen Bildsprache. Gibt es die überhaupt?
STEIGER: Ich glaube schon, aber ich kenne sie nicht. Vielleicht ist die Bildsprache von Jean-Marie Poirés «The Visitors», den ich gerade drehe, modern. Ich weiss es nicht. Ich werde Bauchkrämpfe haben, wenn ich den Film im Kino sehe, weil er so zerschnitten sein wird. Aber ich wuss-te, dass Poiré so arbeitet, also muss ich es akzeptieren.

–: Wie arbeitet Poiré?
STEIGER: Er kommt aus der Werbung und schneidet rasend schnell. «The Visitors» hat sicher viermal so viel Schnitte wie «Bowfinger». Keine Einstellung ist länger als 36 Bilder, also anderthalb Sekunden. Das hat zur Folge, dass man sehr statisch dreht. Es hat keine Kamerafahrten, dafür sehr viele Einstellungen. Man filmt eine Szene zu Tode. Für eine anderthalbminütige Szene 36 Einstellungen. Von schräg oben, unten, rechts, links. Das ist wahnsinnig anstrengend. Aber Poiré ist ein guter Regisseur, den ich schätze.

–: Was ist ein guter Regisseur?
STEIGER: Ein guter Regisseur weiss, was er will. Das ist schon mal wichtig. Er muss ständig entscheiden. Er muss Fehler eingestehen und sagen, «das machen wir noch einmal».

–: Die so genannt moderne Bildsprache kommt von den Videoclips. Haben junge Zuschauer die Stakkato-Ästhetik schon so verinnerlicht, dass sie von einer bedächtigen Optik automatisch gelangweilt werden?
STEIGER: Die Gefahr besteht. Im schnellen Schnitt liegt ja auch eine Art von Erotik. Immer wieder werden einem Bilder entzogen, von denen man gerne mehr sehen würde. Zudem basiert die neue Ästhetik auf der zeitlichen Verkürzung von Aktionen. Das beherrscht und macht Jean-Marie Poiré hemmungslos. Ein Auto hält, zwei Leute steigen aus, gehen fünf Meter zu einem Restaurant. Das dauert real zehn Sekunden. Poiré macht daraus mit Jump Cuts drei, vier Sekunden. Hopper würde die ganze Szene ungeschnitten zeigen. Das wirkt dann langsam, dafür wird mit dem Bild eine Stimmung erzeugt, nicht mit dem Schnitt. Und das gefällt mir als Kameramann natürlich besser.

–: Poiré treibt mit seinen Schnitten die Handlung voran?
STEIGER: Ja, er schneidet auch alle Schnaufer aus den Dialogen. Wenn die Schauspieler dann synchronisieren, geraten sie ausser Atem, weil es zu schnell geht.

–: Sie waren bei Poiré nur Bilderlieferant?
STEIGER: Und Lichtlieferant.

–: Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielern bei «Bowfinger»?
STEIGER: Steve Martin ist ein grossartiger Typ. Er hat für «Bowfinger» das Drehbuch geschrieben und war auch als Autor am Set stets sehr präsent. Heather Graham war ebenfalls toll. Ich filmte ja schon bei Mike Myers’ «Austin Powers: The Spy Who Shagged Me» mit ihr.

–: Und wie war Eddie Murphy?
STEIGER: Kein Kommentar.

–: War wenigstens Komödiant und Regisseur Mike Myers so witzig wie in seinen Austin-Powers-Filmen?
STEIGER: Myers ist ein hoch intellektueller Analytiker, sehr anspruchsvoll. Kein einfacher Mensch. Aber solche Leute stehen in Hollywood auch unter einem wahnsinnigen Druck, tragen eine riesige Verantwortung. Es geht um extrem viel Geld und um den eigenen Ruf.

–: Zweifeln Sie hie und da daran, ob der Film, den Sie gerade drehen, auf dem richtigen Weg ist?
STEIGER: Ich zweifle immer. Wer ist in dem Business schon mit einem übergrossen Ego gesegnet?

–: Eddie Murphy?
STEIGER: Der sicher, ja.

–: Wie ironisch ist Hollywood?
STEIGER: Sehr ironisch. Ich staune immer wieder, wie sich Hollywood selbst auf die Schippe nimmt.

–: Auch in «Bowfinger»?
STEIGER: Und wie! Wenn Heather Graham als Landei Daisy in Hollywood aus dem Bus steigt und den Fahrer fragt, wo sie hier Schauspielerin werden könne, dann ist das real. Nur landen die meisten dieser Mädchen im Valley.

–: Bei der Pornoindustrie. Sie sind im guten Teil von Los Angeles gelandet. Was für Privilegien haben Sie sich in den zehn Jahren seit «Hot Spot» erarbeitet?
STEIGER: Ich muss nicht mehr jedes Angebot annehmen. Mit James Cameron würde ich zum Beispiel nie drehen.

–: Auch wenn er Sie gebeten hätte, bei «Titanic» die Kamera zu führen?
STEIGER: Ja. Cameron ist ein Despot, und für gewisse Dinge ist das Leben zu kurz.

–: Haben Sie auch Privilegien?
STEIGER: Ich bin seit einem halben Jahr in der Academy, kann gratis ins Kino, erhalte alle Filme auf Video und durfte schon das letztemal für die Oscars stimmen.

–: Für welche Filme und welche Schauspieler haben Sie gestimmt?
STEIGER: Das sage ich Ihnen selbstverständlich nicht.

–: Bei den eigenen Filmen müssen Sie aber in den Ausstand treten.
STEIGER: Nein, da stimme ich natürlich schamlos für mich. Wie alle anderen in Hollywood auch.

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