Suzanne Speich, Chefin von Viva-Swizz – Hier spielt die Musik

Viva-Swizz

Ältere Semester kennen ihre TV-Station nicht, und das ist ein Glück. Ein Spartensender für Junge kann viel Geld machen – sagt Suzanne Speich, Chefin von Viva-Swizz.

–: Frau Speich, was bedeutet die Street Parade für Viva-Swizz?
Suzanne Speich: Sie ist ein ausgezeichneter Marketing-Anlass. Wir laden unsere Werbekunden und andere Gäste in den Garten des Hotels «Baur au Lac» ein. Beste Lage, nur ein paar Meter von der Umzugsroute entfernt.
–: Lokalradios rangeln sich um Sonderfrequenzen, Fernsehstationen zeigen stundenlang Live-Mitschnitte. Einzig Viva-Swizz bringt nachts, wenn die Street Parade längst vorbei ist, eine Zusammenfassung.
Speich: Das ist auch richtig so. Unsere Zuschauerinnen und Zuschauer sind in einem Alter, in dem sie an der Street Parade mitmachen; ferngesehen wird hinterher. Übertragungen sind für ein Tele 24 richtig, wo Roger Schawinski den Live-Mitschnitt für seine Zuschauer über 50 erfunden hat. Das blosse Defilee der Wagen ist nichts für unseren Sender.
–: Mögen Sie Techno?
Speich: Techno ist rückläufig. Viva-Swizz zeigt viel mehr Hip Hop und Latino.
–: Muss man Techno mögen, um einen Jugendmusiksender zu führen?
Speich: Ich bin Medienunternehmerin und muss deshalb natürlich die meiste Musik, die wir spielen, auch kennen. Mögen tue ich aber besonders Cross-over – etwa Pavarotti mit Anastacia und Sting in Modena. Privat hab ichs eher mit dem Belcanto.
–: Sie sprechen von Zuschauern Ihres Senders. Wir behaupten einmal: Sie haben eher Zuhörer.
Speich: Musik-Clips polarisieren immer. Es gibt zwei Möglichkeiten: Die Zuschauer mögen das Video, aber die Musik nicht. Oder umgekehrt. Weggesehen wird also immer mal. Aber unsere Zuschauer bleiben beim Sender – und schalten höchstens um auf unseren Teletext. Wie beliebt Teletext ist, wissen wir, seit wir ein Empfangsgirl suchten und das Stelleninserat im Teletext platzierten: Nach einer Stunde hatten wir bereits nicht weniger als 20 Bewerbungsanrufe.
–: Offenbar ein unterschätztes Medium.
Speich: Wir bauen es aus. Im August führen wir ein Chat-Forum auf Teletext ein. Eine Fernsehpremiere.
–: Das lokal- und sprachregionale Fernsehen ist in der Krise. Sender bauen Programme ab, denn es gibt nicht genügend Werbung.
Speich: Falsch! Es gibt immer mehr Werbung. Als im Herbst 1999 die privaten Sender starteten, gingen sie von einem Werbevolumen von 400 Millionen Franken aus. Heute spricht man schon von 500 Millionen Franken für Fernsehwerbung.
–: Als Roger Schawinski diesen Frühling zum Ungehorsam gegen das Bundesamt für Kommunikation aufrief, hat sich Viva-Swizz per Communiqué von einem Bruch der Werbevorschriften distanziert und behauptet, privates Fernsehen in der Schweiz könne rentabel sein.
Speich: Wir haben – ich zitiere den Zwischenabschluss unserer Treuhandfirma – «im ersten Halbjahr 2001 ein ausgeglichenes Ergebnis erwirtschaftet».
–: Ein schwammiger Begriff. Was heisst das bei einem Jahresbudget von sechs Millionen Franken?
Speich: Sehr viel. Es stehen – Stand Juli – Werbeeinnahmen über sieben Millionen Franken zu Buche. Das bessere Halbjahr liegt noch vor uns. Und ein kleiner Gewinn ist ja immerhin besser als 25 oder 70 Millionen Verlust!
–: So gut kann es Viva-Swizz nun auch wieder nicht gehen, wenn Sie im Herbst die Zielgruppe von den 14- bis 29-Jährigen auf die 12- bis 34-Jährigen ausweiten.
Speich: Das ist ein natürlicher Vorgang. Wir haben durch den Zusammenschluss mit dem deutschen Viva auch dessen etwas jüngere und ältere Zuschauer übernommen.
–: McDonald’s ist einer Ihrer Hauptsponsoren. Mögen Sie Big Macs?
Speich: Ich habs nicht so mit Fastfood. Ein Business-Lunch mit Urs Hammer, dem Chef von McDonald’s, heisst für uns zwei: Chicken McNuggets zur Vorspeise. Dann aber fahren wir jeweils zu Girardet respektive Rochat nach Crissier.
–: Motorola, Sunrise und Coca-Cola sind Ihre anderen drei Hauptsponsoren. Sie zahlen alle je 1,25 Millionen Franken – ein enges redaktionelles Korsett.
Speich: Ein mehr als komfortables: Vier Grosskunden garantieren fünf Sechstel unseres Budgets. Das Geld aller vier Key-Partner fliesst je hälftig in Sponsoring und herkömmliche TV-Werbung.
–: Marken transportieren ein Image. Aber solcher Transfer ist heikel: Was, wenn die Jungen plötzlich lieber Pepsi trinken?
Speich: Das Image von Weltmarken ist relativ stabil. Abgesehen davon steht es Pepsi frei, bei uns Spots zu schalten.
–: Sie sagen, der Werbemarkt in der Schweiz sei gewachsen. Ist ein fünfter Hauptsponsor in Aussicht?
Speich: Ich wünschte, ich könnte Ende Jahr bekannt geben, es sei H&M. Noch sind wir nicht so weit, denn diese Kleiderfirma hat bislang nie Fernsehspots produziert und nur auf Plakatwerbung gesetzt.
–: Das Radio- und Fernsehgesetz wird revidiert, Privatsender fordern eine Lockerung der Werbevorschriften. Was ist Ihre Haltung?
Speich: Wir verlangen ein Werbeverbot für die SRG-Sender nach 20 Uhr, wie es auch für die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF in Deutschland gilt.
–: In Deutschland ist Alkoholwerbung erlaubt.
Speich: Alkoholwerbung sollte auch bei uns erlaubt sein, wenn die EU sie erlaubt. Wir sollten uns nicht überall in vorauseilendem Gehorsam der EU angleichen und dann das eine Mal, wo es zum Nutzen der Schweizer Wirtschaft wäre, die Alleintour fahren …
–: … weil viele Programme Ihres deutschen Mutterkanals Viva Alkoholfirmen als Sponsoren haben?
Speich: Nein, aus kommerziellen Gründen. Wenn Jugendliche Partys feiern, werden eben Bier und Alcopops getrunken.
–: Im Gegensatz zum Fernsehen lässt sich in der Schweiz mit privatem Radio Geld verdienen. Planen Sie hier den Einstieg?
Speich: Ich denke haushälterisch; erst muss der Fernsehsender richtig Gewinn machen. Und ein Radiosender ist nur interessant, wenn man ihn auch terrestrisch empfangen kann. Wir denken aber ab und zu über den Aufbau eines Viva-Swizz-Fernsehens für die Romandie nach.
–: Und wann wird dieses Fernsehen der Fall sein?
Speich: In einem Jahr, denke ich. Natürlich müssten wir das Programm neu rechnen, aber der Werbemarkt Romandie ist höchst interessant. Das Ganze funktioniert aber nur, wenn auch dieser Sender sein typisches Gesicht bekäme, seine eigene Redaktion in Genf oder Lausanne hätte – und seine romandieeigene Playlist. Das ist aber wie gesagt alles erst Zukunftsmusik …
–: … wenn Viva-Swizz fünf Prozent Marktanteil hält.
Speich: … wenn wir satte Gewinne schreiben. Marktanteile sind wenig entscheidend. Der deutsche Nachrichtensender N TV hat 0,9 Prozent Marktanteil und wirft Gewinn ab. Wenn man es richtig macht, kann man als Spartensender mit kleinem Marktanteil viel Geld verdienen.
–: Die Aktion CH-Rock fordert von den Radios eine Quote von zehn Prozent Schweizer Musik. Wurde die Interessengemeinschaft der Schweizer Musiker auch bei Ihnen vorstellig?
Speich: Nein. Unsere Konzession schreibt eine Stunde Schweizer Musik pro Tag vor. Wir liegen weit darüber. Wir spielen Subzonic gleichberechtigt neben Prince, Lovebugs neben Madonna. Nur das bringt etwas. Ich bin gegen die Ghettoisierung des Schweizer Musikschaffens in eigenen Rubriken, die Verbannung ins «pluemete Trögli» sozusagen. Darum haben wir uns dafür stark gemacht, dass dieses Jahr erstmals der Musikpreis «Comet Schweiz» vergeben wird.
–: Warum hat Viva-Swizz noch keine Stars? Es gibt ja keine Eva Wannenmacher und keinen Heinrich Müller des Jugendfernsehens.
Speich: Unsere Moderatorinnen und Moderatoren sind absolute Stars – unter den Jungen. Sie verteilen locker 100 Autogrammkarten pro Woche. Ich habe auch kein Interesse daran, dass unsere Mitarbeiter in den alten Medien porträtiert werden; es bringt dem Sender nichts. Videojockeys eines Musik-Fernsehens gehören ins «Forecast», ins «Kult». Nicolas Hayek von der Swatch Group warf mir einmal vor, er kenne Viva-Swizz nicht. Ich antwortete ihm: Gott sei Dank nicht!

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