Sulzer-Medica – «Wir werden bluten müssen»

Sulzer-Medica

Sulzer-Medica-Chef Max Link gibt zu, dass im Skandal um kaputte Hüftgelenke die Firma ungenügend versichert ist.

–: Herr Link, wie viele Juristen beschäftigen Sie in den USA, um der Klageflut zu begegnen? Eine Heerschar?
Max Link: Bis zu diesem Wochenende waren es noch viele auf unterschiedlicher Ebene. Jetzt habe ich unsere juristische Strategie geändert. Das habe ich übers Wochenende an einer Sitzung mit drei US-Anwälten festgelegt. Die Schadenersatzklagen sind Chefsache. Ich kommuniziere ausschliesslich mit dem Verwaltungsrat, unserem Hausjuristen in Huston, Texas, und drei Anwälten ausser Haus in den USA.
–: Wieso?
Link: Wir bezwecken ein Maximum an Stabilität und ein Minimum an «Leaks», also Informationen, die nach aussen dringen. Das ist in der jetzigen Lage ganz wichtig.
–: Wie würden Sie die aktuelle Situation für Sulzer Medica charakterisieren?
Link: Es gibt immer noch ein gewisses Mass an Unsicherheit. Doch die juristischen Verhandlungen in den USA haben die Sicherheit in den letzten Tagen we-sentlich verbessert.
–: Was ist der Grund?
Link: Der Gerichtsstand steht seit dem 20. Juni fest. Details kann ich aber im Moment nicht preisgeben.
–: Also hat man sich mit den «Killeranwälten» auf einen Gerichtsstand geeinigt, und der ist nicht in Kalifornien, wo Strafzuschläge wegen grober Fahrlässigkeit nicht versicherbar sind.
Link: Der Gerichtsstand wurde von einer Gruppe von Bundesrichtern festgelegt, und er liegt nicht in Kalifornien.
–: Sie sind jetzt drei Monate VR-Präsident. Wird Sulzer Medica überleben?
Link: Ich bin heute wesentlich zuversichtlicher als noch vor kurzem. Wir haben jetzt eine Phase der Konsolidierung erreicht.
–: Ihre öffentlichen Verlautbarungen sagen das Gegenteil. Früher hiess es, dass die Versicherungsdeckung ausreichend sei. Und jetzt ist alles anders.
Link: Ich will nichts relativieren und sage klar: Die Versicherungsdeckung wird nicht für alle Schadenfälle ausreichen.
–: Wieso hat Sulzer Medica dann so lange an den gegenteiligen Behauptungen festgehalten?
Link: Das Ausmass des Schadens wurde zu spät deutlich. Manches ist falsch gelaufen.
–: Die Spekulationen über die Höhe der Versicherungssumme gehen von 200 bis 500 Millionen Franken Schadendeckung. Was ist denn nun richtig?
Link: Dazu kann ich aus verhandlungstaktischen Gründen nichts sagen.
–: Damit heizen Sie die Spekulationen nur weiter an.
Link: Ich muss abwägen zwischen unserer verhandlungstaktischen Position und dem Anspruch der Öffentlichkeit auf Information. Ich werde alles unterlassen, was unsere Verhandlungsposition schwächt.
–: Aber es schwächt den Kurs der Sulzer-Medica-Aktie.
Link: Im Moment schon, aber mittel- und längerfristig ist dies die richtige Strategie.
–: Die Leute glauben es Ihnen nicht.
Link: Dieses Dilemma kann ich im Moment nicht lösen.
–: In der Öffentlichkeit ist von einem Total-Crash der Glaubwürdigkeit von Sulzer Medica die Rede. Ein Beispiel: Mitte April gab der Konzern bekannt, dass es 850 Reoperationen von Hüftgelenken in den USA seien, einen Monat später war es die doppelte Zahl, am 18. Juni sprachen Sie von 1800. Wieviel sind es denn jetzt?
Link: Jetzt sinds ungefähr 2000. Tatsache ist aber, dass die Zahl der neu gemeldeten Reoperationen von Woche zu Woche zurückgeht.
–: Nochmals zur Glaubwürdigkeit.
Link: Ja, wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Diesem Vorwurf kann ich gar nichts entgegnen.
–: Jede Firma, die Produkte zurückrufen muss oder mit anderen Schadenfällen konfrontiert ist, macht Sonderrückstellungen. Wieso tut das Sulzer Medica nicht?
Link: Was auf Medica zukommt, beziffern wir mit Absicht noch nicht. Wir sind eine Firma, die nach wie vor erheblich Cash erwirtschaftet. Wir werden nicht alle Schäden zu 100 Prozent am ersten Tag befriedigen müssen. Das wird mit den Gerichten in den USA ausgehandelt. Wir gehen davon aus, dass wir die meisten Kosten aus dem laufenden Cash-flow decken können.
–: Aber dann fehlt Ihnen das Geld dafür anderswo, zum Beispiel bei den Investitionen.
Link: Ich habe mit Absicht keinen allgemeinen Investitionsstopp verfügt. Ich habe allerdings den Neubau einer Fabrik in Austin, USA, gestoppt, der sowieso hätte überprüft werden müssen. Die jetzigen Probleme haben mir den Entscheid erleichtert.
–: Also Business as usual?
Link: Ja. Oberwinterthur ist total ausgelastet, wir arbeiten hier zwei- und dreischichtig. Da stehen für die nächsten Tage oder Wochen Investitionsentscheide im Raum. Also das Geschäft läuft normal weiter.
–: Dann ist es ja noch dramatischer. Das Geschäft läuft gut, doch Sulzer Medica ist an der Börse für ein Butterbrot zu haben. Sie sind ein Übernahmekandidat.
Link: Das sehe ich gar nicht so. Wenn Sie verfolgten, was an der Sulzer-Generalversammlung passiert ist, dann kann ich mir im schweizerischen Umfeld nicht gut vorstellen, dass wir ein Übernahmekandidat sind. Unser Aktionariat ist vorab schweizerisch. Und da stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel. In der Medizinalindustrie hat im Übrigen noch nie eine feindliche Übernahme stattgefunden.
–: Und die Kunden, haben die noch Vertrauen in Sulzer-Medica-Produkte?
Link: Wir haben in den USA bis jetzt etwa 15 Prozent unserer Kunden verloren, aber es sind nicht die High Users, sondern Kunden, die unsere Produkte relativ wenig implantieren. Wenn ich nämlich unsere Geschäftszahlen in der Orthopädie bis im Mai anschaue, stelle ich keinen Einbruch fest. Wir sind immer noch auf dem Niveau des Vorjahres, und in Europa läuft das Geschäft blendend.
–: Haben Sie keinen Handlungsbedarf an der Spitze von Sulzer Orthopedics in den USA?
Link: Doch, da werden eine Reihe von personellen und organisatorischen Massnahmen getroffen. Und sie kommen eher früher als später.
–: Können Sie das präzisieren?
Link: Wir werden das am 5. Juli öffentlich kommunizieren.
–: Seit 1997 sind Sie im Verwaltungsrat von Medica. Sind Sie nicht auch verantwortlich für das Debakel?
Link: Der VR hat für alles die oberste Verantwortung. Realistischerweise muss man aber auch sehen, dass der VR auf korrekte Informationen aus der Geschäftsleitung angewiesen ist. Diese Informationen hatten wir im Fall der Hüftgelenke nicht. Daraus haben wir die Konsequenzen gezogen.
–: Der VR war gut, der Fehler liegt bei den anderen?
Link: Nein, das kann man so nicht sagen, der VR muss die Verantwortung voll übernehmen.
–: Wird Sulzer Medica die Prozesswelle in den USA überleben?
Link: Meine Antwort ist ganz klar Ja. Auch die Kläger sind daran interessiert, dass wir überleben, sonst erhalten sie ihr Geld nicht.
–: Die «Killeranwälte» werden bis an die Schmerzgrenze gehen.
Link: Sicher werden wir bluten müssen, da mache ich mir keine Illusionen.
–: Sie sind der erste Sulzer-Medica-Verantwortliche, der offen dazu steht, dass man wird bluten müssen.
Link: Ja, das werden wir müssen. Die Firma muss für die schadhaften Implantate geradestehen, und die Verantwortlichen müssen das auch. In dieser Firma muss es eine Kultur der «Verantwortlichkeit» geben: einstehen für das, was man machte oder unterliess.
–: Überlegen Sie sich Verantwortlichkeitsklagen?
Link: Nein, das tun wir nicht, aber personelle Konsequenzen werden nicht ausbleiben.

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