Scooter – Board ohne Kick

Scooter Board ohne Kick

Letztes Jahr machte Wim Ouboter mit seinem trendigen Trottinett ein Riesengeschäft. Jetzt plagen ihn Absatzsorgen und die Konkurrenz.

Eine Explosion. Eine Rakete. Ein Knaller. Die Alutrottinette schlugen ein wie eine Bombe. «Die Scooter waren das explosivste Teil, das wir je in unserem Sortiment hatten», sagt der Verkäufer bei Waro. Innert kürzester Zeit verkauften sich die Mini-Trottis letzten Sommer wie von allein.
Zwischen 40 und 50 Millionen der zweirädrigen Scooters und dreirädrigen Kickboards sind letztes Jahr weltweit verkauft worden. Doch der Rausch ist zu Ende. «Von dem Markt des letzten Jahres ist nicht mehr viel übrig», sagt Lars Bühler von Intersport, «er ist total zusammengebrochen.» Aus dem Verkaufsschlager ist ein Ladenhüter geworden.

«So ein Run kann sich nicht wiederholen», sagt Wim Ouboter, Chef des Küsnachter Unternehmens Micro Mobility Systems (MMS). Er hat mit seinen Alu-Scootern die Welle des letzten Sommers losgetreten. Und er will nichts davon hören, die Dinger seien bereits wieder total out. Ihm bedeuten sie nach wie vor die Welt. «Absatzprobleme gibts vor allem mit dem Asiatenschrott», behauptet Ouboter. Und darüber wundere er sich gar nicht: In China hätten letztes Jahr 700 Fabriken seine Idee kopiert und den Markt überschwemmt. Nun, da die Hysterie vorbei sei, hätten «95 Prozent der Fabriken die Produktion wieder eingestellt», sagt Ouboter.

Er selbst huldigt stoisch der grossen Zukunft von Mobilität im Kleinstformat. Mit der Prämisse, dass heute jeder, der eins wollte, einen Scooter oder ein Kickboard hat, und dass, wer noch keins hat, auch keins will, muss auch Ouboter sich für die Zukunft von MMS einiges einfallen lassen. Ziele hat er viele.

Eins davon heisst, eine «seriöse Firma» zu werden. Seriös? Er wolle sich künftig deutlich von den «Hardcore-Firmen» (Ouboter), die es in seiner Branche zuhauf gebe, unterscheiden. Dort sei jeder gepierct, es werde ständig gekifft, und geschäftet werde nur, wenn die Lust dazu gross genug sei. Fürs neue Image hat Ouboter aus dem Trio Ouboter/Ehefrau/Schwiegervater, das vom Ansturm des letzten Sommers total überrollt worden ist («Wir waren eine reine Logistikfirma, kein Marketing und auch sonst nichts», sagt Ouboter), in den letzten Monaten eine 15-köpfige Organisation formiert. Er selbst nennt sich heute Chief Executive Officer. Angestellt hat er je einen Finanz-, einen Marketing- und einen Logistikchef, Verkaufs- und Vertriebsmanager. Nur, mit den richtigen Leuten an der richtigen Stelle ist der Kampf gegen den Markt noch längst nicht gewonnen. Ouboter wehrt sich zwar entschieden gegen die Behauptung, die Scooter seien out, doch seine Zahlen sprechen eine andere Sprache. Sein Absatz läuft schleppend. Während er letztes Jahr allein in der Schweiz 100 000 seiner Mikrogefährte unters Volk bringen konnte, hat er in diesem Jahr noch keine 20 000 Stück verkauft. Grund: «der Asiatenschrott». Er stapelt sich in den Lagern der Detailhändler bis unters Dach. Um nicht auf den Alurollern sitzen zu bleiben, verscherbeln sie die Teile nun zu Spottpreisen. Bernie’s verscherbelt den Restposten Scooters für 79 Franken statt 259 Franken. Bei ABM liegen sie für 39 Franken herum, bei Interdiscount für 39 Franken 90. Jeder Kiosk bietet irgendeine Version der Aluroller an, für weniger als 100 Franken. «Auch wir werden die Restbestände mit Rabatt verkaufen», sagt Lars Bühler von Intersport. Bei Manor steht nach dem Verscherbeln der Lagerbestände eine Sortimentsbereinigung an.

«Und dann kommt für uns die Normalität zurück», dreht Ouboter die gegenwärtige Misere ins Positive, «nächstes Jahr wird unser Umsatz wieder steigen.» Bis die Durststrecke vorbei ist, will Ouboter möglichst viel anreissen. Das Geld dazu habe er: Von den 100 Millionen Franken Umsatz des letzten Jahres sei noch reichlich Bares da, sagt er.

Ouboter richtet gross an. Er reist nach London zu Vic Armstrong, dem Stunt-Director der James-Bond-Filme, führt diesem seine Kickboards und Videoaufnahmen vor. Sie zeigen eine kleine Gruppe Harakiris – «Ich kenne die persönlich» -, die mit seinen Gefährten mit bis zu 100 Stundenkilometern eine Bergstrasse herunterbrettern. Wenn Armstrong will, liefern sie ihm für den nächsten 007 gratis eine Actionszene. Ouboters Produkte erstrahlten schlagartig in neuem Glanz, hätten abermals die Chance, Verkaufsrenner zu werden. Bis das Drehbuch geschrieben ist, bleibt Ouboters 007-Plan im Reich der Träume.

Träume hat Unternehmer Ouboter viele. Etwa jenen, fortan Cash in China zu suchen, um so das harzige Geschäft in unserer Hemisphäre auszugleichen. Zusammen mit seinem dort ansässigen Produzenten will er die Leute in Peking, Shanghai und Hongkong mit einem preisgünstigen «Chinesenmodell» (Ouboter) vom Velo aufs Trottinett holen.

Ganz anders seine Strategie in der westlichen Welt. Hier will Ouboter nicht auf ewig «der mit dem Aluroller» bleiben. Eher schwebt ihm ein Attribut in der Art «Mister Mikro-Mobilität» vor. Doch dafür muss hier erst einmal das Image des Modegags von den Kleinstgefährten weg. Ouboter versuchts mit neuen Produkten.

Vor einem Jahr hatte er gerade ein einziges im Angebot: den zweirädrigen Alu-Scooter. Heute sinds 22. Darunter der Kinderscooter Bobby-Board aus Plastik, dreirädrige Kickboards mit flexiblem Trittbrett, Skateboards aus Aluminium für mehr Sprungkraft, solche mit schwenkbaren Achsen für einfacheres Kurven, Trottinette mit Vollgummirädchen für besseres Bremsen, und als Nonplusultra bietet er für einen Aufpreis von 180 Franken die Roller mit ABS-Bremssystem an.
Besonders stolz ist Ouboter indes auf den Scooter mit Elektroantrieb. Er schickt ihn mit einer Preisempfehlung von 499 Euro in den Markt. Ein stolzer Preis, bedenkt man, dass das Motörchen genau dann schlapp macht, wenn es am nötigsten gebraucht würde: am Berg.

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