SC Langnau – Der gezähmte Tiger

Der SC Langnau ist auf dem Höhenflug. Verantwortlich dafür ist der Kanadier Todd Elik, das einst berüchtigtste Raubein im Schweizer Eishockey. Was macht er jetzt schon wieder? Läuft mit schnellen Schritten vor die tobenden Fans der gegnerischen Mannschaft, zieht den linken Handschuh aus, hebt den Arm und streckt den Mittelfinger zum «fuck you» in die Höhe. Sekunden zuvor hat der Speaker des Stadions mitgeteilt: «Zwei Strafminuten für den Spieler Nummer 12 vom Schlittschuhclub Langnau, Todd Elik, wegen übertriebener Härte.» Tja, Todd. Warum nur, warum? Wie ein Traumtänzer umspielst du deine Gegner, manchmal zwei, drei aufs Mal. Blitzschnell antizipierst du den nächsten Spielzug und sorgst mit einer überragenden Stocktechnik für ständige Gefahr vor dem gegnerischen Tor. Du bestimmst den Rhythmus des Spiels, schlägst millimetergenaue Pässe, gewinnst fast jeden Einwurf und fürchtest keinen Zweikampf. Ice hockey at its best. Was für eine Lust, dir zuzusehen! Und dann das, immer wieder, manchmal bleibts beim Stinkefinger, doch auch schon mal wurde es besonders hässlich, wie damals in Chur, als du von der Strafbank aus mit dem Stock auf einen Jugendlichen eingeschlagen hast. Eine schlimme Unsportlichkeit. Gewiss, Todd, man hat dich an diesem Abend von der ersten Minute an bis aufs Blut gereizt. Auf dem Eis wie von den Rängen herab haben sie dir übel mitgespielt. Kein Zweifel, du bist von den Zuschauern hinter der Bank aufs Schlimmste beschimpft worden. Ungehindert. Die längste Zeit. Zum Gaudi des Gegners. Aber deshalb zum blindwütigen Schläger werden? Du, Todd, der Beste der Liga? Warum nur, warum? Kannst du uns das erklären? «Mal sehen, kommt vorbei», hast du geantwortet. Also nach Langnau. Der Himmel ist grau. Nebel hängt an den Hügeln. Es ist kalt. Eishockeywetter. Die Emmentaler sind unterwegs zum Mätsch. Scharen in Rot-Schwarz-Gelb. Und überall Tiger. Auf dem Kopf, um den Hals, auf Brust und Rücken und manchmal aufs Gesicht gemalt. Vor dem Pommes-frites-Hüsli stehen sie Schlange. Noch dreissig Minuten bis Spielbeginn. «Todd-E-lik!», skandieren die Fans, die Arme bei jeder Silbe ruckartig nach vorn gestreckt. Todd Elik. Ein lebender Schlachtruf. Tiger Todd. Was noch vor wenigen Jahren der Langnauer Weichkäse, ist heute ein kanadischer Hockeyspieler: der Stolz des Ämmitau. Auf Elik projizieren sie ihre Hoffnung, nicht vergessen zu gehen, die Sehnsucht zu gewinnen. Sie, die Emmentaler, die in den letzten Jahren durch die Konzentration im Käsereigeschäft viel verloren haben. Zweieinhalb Stunden Gesang, Getrampel, Geklatsche, zelebriert von einem Gemisch aus Buben, Bauern und Büezern. Logen gibt es nicht in Langnaus Eishalle. Und wer in der Slap-Shot-Bar ein Cüpli bestellt, ist bestimmt kein «Hiesige». Die Anlagen des SC Langnau sind bescheiden. Eine enge Kabine mit vier veralteten Duschen steht den zwanzig Profis zur Verfügung. Die Lion Kings aus Zürich würden sich bedanken, wollte man ihnen so was zumuten. In Langnau gehören der Schlittschuhklub und seine Spieler dem Volk, nicht dem Mäzen. Entsprechend knapp ist das Geld. Mit 6,2 Millionen haben die Tiger das mit Abstand bescheidenste Budget der Nationalliga A. Anderseits kommen nicht weniger als dreizehn Spieler der ersten Mannschaft aus den eigenen Reihen. Der Nachwuchs Langnaus zählt zu den stärksten im Land. Mit rund 250 000 Franken Jahressalär ist Todd Elik der Grossverdiener im Verein. Ist das zu viel Geld für jemanden, der ein Spiel allein entscheiden kann? Für einen, der die Jungen mitreisst? Der sich – im Training wie im Ernstkampf – voll einsetzt? Für den Leader? Den Vorzeigeprofi? Der dies fragt, ist René Zeh, seit anderthalb Jahren Präsident des SC Langnau. Die Fragen sind rhetorisch. Elik – da gibts für Zeh keinen Zweifel – ist das Geld wert. Todd ist der Topskorer der Liga und, wie Steve Hirschi, mit 18 Jahren der Youngster der Mannschaft, es ausdrückt: «Ein absoluter Glücksfall. Eine Art Vater und ein Profi, von dem wir täglich enorm viel lernen.» Im Übrigen ist Eliks Vertrag mit einer «Disziplinar»-Klausel versehen. Das heisst, wenn der Kanadier übermässig auf der Strafbank sitzt oder vorzeitig unter die Dusche muss, gibts Abzug beim Salär. «Ausrasten», heisst das Wort, das wie ein Fluch an Todd Elik hängt. Ein Wort, das ihn kränkt und jedes Mal von neuem in Rage bringt. «Ich bin kein Schläger; aber ich werde ständig provoziert», sagt er, und es klingt weder aggressiv noch gereizt, eher hilflos und traurig. Wieso berichten die Medien nicht über die Ausfälle des Publikums? Über die Fans von Ambri, von Bern, von Freiburg, von Zürich, die auf den Rängen «Elik – Arschloch» oder «Elik – Scheisse» skandieren? Von den Gegenspielern, die ihn zu zweit und mit versteckten Fouls zu stoppen suchen? Ruhig bleiben? Nicht hinhören? Weiter spielen? Andere vielleicht, er nicht. Tiger Todd reizt man nicht ungestraft.Todd Elik kann oder will nicht reden über das Unkontrollierbare, das Aggressive, den Jähzorn, der immer mal wieder mit zerstörerischer Konsequenz über ihn hereinbricht, ihn in solchen Augenblicken als den begnadeten Eishockeyspieler, der er ist, disqualifiziert und überdies seiner Mannschaft schadet. Gerne möchte man fragen: «Todd, mal ganz ehrlich: Hast du nicht eine Schraube locker?» Man belässt es dann bei der Frage: «Todd, weshalb immer wieder diese emotionalen Reaktionen?», was schon ausreicht, um Eliks gute Laune zu gefährden. Er fühlt sich missverstanden, belästigt und von einem Teil der Medien terrorisiert. Gleichzeitig möchte er sich erklären, wenigstens jenen, die sich die Mühe nehmen, die Sache «objektiv» zu betrachten. Bei den Erklärungsversuchen lernt man den ruhigen, nachdenklichen Elik kennen. Man spürt seine Leidenschaft für den Hockeysport, erahnt seinen «totalen Einsatz» und «wahnsinnigen Siegeswillen», von dem Trainer und Mannschaftskollegen schwärmen. Es wird klar, wie verletzlich und sensibel «Bad Boy» Elik ist. Plötzlich sieht man einen Mann vor sich, der glaubt, dem Gegner in ständiger Notwehr-Situation gegenüberzustehen, ein Mann, ausgerüstet mit feinsten Antennen für Stimmungen und Spannungen, ein Mann in Alarmbereitschaft, allzeit bereit zurückzuschlagen – verbal, mit Gesten oder mit dem Stock. Todd Elik selbst bringt sein Verhalten auf die Formel: «Sich zur Wehr setzen» als natürliche Reaktion auf «Unrecht», das einem widerfährt. Es ist noch etwas, was den ehemaligen NHL-Profi der Gefahr des «Ausrastens» aussetzt: Eishockey spielt sich im öffentlichen Raum ab. Lebt von der Stimmung in der Halle, von Emotionen, von Kampf, von Tricks und Finten mit den Gegnern. Provokationen gehören zur professionellen Passion im Rink. Was ist das für ein Spieler, den so was kalt lässt? Der wegfährt, wenn zwei aneinander geraten und es heiss wird auf dem Eis? Wer Hockey der Spitzenklasse nicht auch als Showkampf begreift, nicht erkennt, dass vom Hockeystar ein hoher Unterhaltungswert verlangt wird, dem fehlt die richtige Einstellung. «Todd ist ein heissblütiger Spieler. Er nimmt die Stimmung des Publikums auf und reagiert, was natürlich Provokationen nicht ausschliesst», sagt Jakob Kölliker, früher als Spieler des EHC Biel und der Nationalmannschaft ein ausgebufftes Schlitzohr, heute Langnaus Sportchef und Trainer der U-20. Alfred Bohren, Langnaus Assistenztrainer und früher ebenfalls ein Crack, wünscht sich «mehr Eliks»; denn er habe genau das, was vielen Schweizer Spielern fehle: «Das innere Feuer, die totale Hingabe für den Hockeysport.» In den letzten fünf Spielen hat Todd Elik nur noch 16 Minuten auf der Strafbank gesessen. Er riskiert damit den Titel des Strafenkönigs, gefährdet seinen schlechten Ruf und wird endlich gesehen als das, war er ist: der beste Eishockeyspieler im Land.

Der SC Langnau ist auf dem Höhenflug. Verantwortlich dafür ist der Kanadier Todd Elik, das einst berüchtigtste Raubein im Schweizer Eishockey.

Was macht er jetzt schon wieder? Läuft mit schnellen Schritten vor die tobenden Fans der gegnerischen Mannschaft, zieht den linken Handschuh aus, hebt den Arm und streckt den Mittelfinger zum «fuck you» in die Höhe. Sekunden zuvor hat der Speaker des Stadions mitgeteilt: «Zwei Strafminuten für den Spieler Nummer 12 vom Schlittschuhclub Langnau, Todd Elik, wegen übertriebener Härte.»

Tja, Todd. Warum nur, warum? Wie ein Traumtänzer umspielst du deine Gegner, manchmal zwei, drei aufs Mal. Blitzschnell antizipierst du den nächsten Spielzug und sorgst mit einer überragenden Stocktechnik für ständige Gefahr vor dem gegnerischen Tor. Du bestimmst den Rhythmus des Spiels, schlägst millimetergenaue Pässe, gewinnst fast jeden Einwurf und fürchtest keinen Zweikampf. Ice hockey at its best. Was für eine Lust, dir zuzusehen!

Und dann das, immer wieder, manchmal bleibts beim Stinkefinger, doch auch schon mal wurde es besonders hässlich, wie damals in Chur, als du von der Strafbank aus mit dem Stock auf einen Jugendlichen eingeschlagen hast. Eine schlimme Unsportlichkeit.
Gewiss, Todd, man hat dich an diesem Abend von der ersten Minute an bis aufs Blut gereizt. Auf dem Eis wie von den Rängen herab haben sie dir übel mitgespielt. Kein Zweifel, du bist von den Zuschauern hinter der Bank aufs Schlimmste beschimpft worden. Ungehindert. Die längste Zeit. Zum Gaudi des Gegners. Aber deshalb zum blindwütigen Schläger werden? Du, Todd, der Beste der Liga? Warum nur, warum? Kannst du uns das erklären?

«Mal sehen, kommt vorbei», hast du geantwortet. Also nach Langnau. Der Himmel ist grau. Nebel hängt an den Hügeln. Es ist kalt. Eishockeywetter. Die Emmentaler sind unterwegs zum Mätsch. Scharen in Rot-Schwarz-Gelb. Und überall Tiger. Auf dem Kopf, um den Hals, auf Brust und Rücken und manchmal aufs Gesicht gemalt. Vor dem Pommes-frites-Hüsli stehen sie Schlange. Noch dreissig Minuten bis Spielbeginn.

«Todd-E-lik!», skandieren die Fans, die Arme bei jeder Silbe ruckartig nach vorn gestreckt. Todd Elik. Ein lebender Schlachtruf. Tiger Todd. Was noch vor wenigen Jahren der Langnauer Weichkäse, ist heute ein kanadischer Hockeyspieler: der Stolz des Ämmitau. Auf Elik projizieren sie ihre Hoffnung, nicht vergessen zu gehen, die Sehnsucht zu gewinnen. Sie, die Emmentaler, die in den letzten Jahren durch die Konzentration im Käsereigeschäft viel verloren haben.

Zweieinhalb Stunden Gesang, Getrampel, Geklatsche, zelebriert von einem Gemisch aus Buben, Bauern und Büezern. Logen gibt es nicht in Langnaus Eishalle. Und wer in der Slap-Shot-Bar ein Cüpli bestellt, ist bestimmt kein «Hiesige». Die Anlagen des SC Langnau sind bescheiden. Eine enge Kabine mit vier veralteten Duschen steht den zwanzig Profis zur Verfügung. Die Lion Kings aus Zürich würden sich bedanken, wollte man ihnen so was zumuten. In Langnau gehören der Schlittschuhklub und seine Spieler dem Volk, nicht dem Mäzen. Entsprechend knapp ist das Geld. Mit 6,2 Millionen haben die Tiger das mit Abstand bescheidenste Budget der Nationalliga A.

Anderseits kommen nicht weniger als dreizehn Spieler der ersten Mannschaft aus den eigenen Reihen. Der Nachwuchs Langnaus zählt zu den stärksten im Land. Mit rund 250 000 Franken Jahressalär ist Todd Elik der Grossverdiener im Verein. Ist das zu viel Geld für jemanden, der ein Spiel allein entscheiden kann? Für einen, der die Jungen mitreisst? Der sich – im Training wie im Ernstkampf – voll einsetzt? Für den Leader? Den Vorzeigeprofi? Der dies fragt, ist René Zeh, seit anderthalb Jahren Präsident des SC Langnau. Die Fragen sind rhetorisch. Elik – da gibts für Zeh keinen Zweifel – ist das Geld wert. Todd ist der Topskorer der Liga und, wie Steve Hirschi, mit 18 Jahren der Youngster der Mannschaft, es ausdrückt: «Ein absoluter Glücksfall. Eine Art Vater und ein Profi, von dem wir täglich enorm viel lernen.» Im Übrigen ist Eliks Vertrag mit einer «Disziplinar»-Klausel versehen. Das heisst, wenn der Kanadier übermässig auf der Strafbank sitzt oder vorzeitig unter die Dusche muss, gibts Abzug beim Salär.

«Ausrasten», heisst das Wort, das wie ein Fluch an Todd Elik hängt. Ein Wort, das ihn kränkt und jedes Mal von neuem in Rage bringt. «Ich bin kein Schläger; aber ich werde ständig provoziert», sagt er, und es klingt weder aggressiv noch gereizt, eher hilflos und traurig. Wieso berichten die Medien nicht über die Ausfälle des Publikums? Über die Fans von Ambri, von Bern, von Freiburg, von Zürich, die auf den Rängen «Elik – Arschloch» oder «Elik – Scheisse» skandieren? Von den Gegenspielern, die ihn zu zweit und mit versteckten Fouls zu stoppen suchen?

Ruhig bleiben? Nicht hinhören? Weiter spielen? Andere vielleicht, er nicht. Tiger Todd reizt man nicht ungestraft.Todd Elik kann oder will nicht reden über das Unkontrollierbare, das Aggressive, den Jähzorn, der immer mal wieder mit zerstörerischer Konsequenz über ihn hereinbricht, ihn in solchen Augenblicken als den begnadeten Eishockeyspieler, der er ist, disqualifiziert und überdies seiner Mannschaft schadet.

Gerne möchte man fragen: «Todd, mal ganz ehrlich: Hast du nicht eine Schraube locker?» Man belässt es dann bei der Frage: «Todd, weshalb immer wieder diese emotionalen Reaktionen?», was schon ausreicht, um Eliks gute Laune zu gefährden. Er fühlt sich missverstanden, belästigt und von einem Teil der Medien terrorisiert. Gleichzeitig möchte er sich erklären, wenigstens jenen, die sich die Mühe nehmen, die Sache «objektiv» zu betrachten. Bei den Erklärungsversuchen lernt man den ruhigen, nachdenklichen Elik kennen. Man spürt seine Leidenschaft für den Hockeysport, erahnt seinen «totalen Einsatz» und «wahnsinnigen Siegeswillen», von dem Trainer und Mannschaftskollegen schwärmen.

Es wird klar, wie verletzlich und sensibel «Bad Boy» Elik ist. Plötzlich sieht man einen Mann vor sich, der glaubt, dem Gegner in ständiger Notwehr-Situation gegenüberzustehen, ein Mann, ausgerüstet mit feinsten Antennen für Stimmungen und Spannungen, ein Mann in Alarmbereitschaft, allzeit bereit zurückzuschlagen – verbal, mit Gesten oder mit dem Stock. Todd Elik selbst bringt sein Verhalten auf die Formel: «Sich zur Wehr setzen» als natürliche Reaktion auf «Unrecht», das einem widerfährt.

Es ist noch etwas, was den ehemaligen NHL-Profi der Gefahr des «Ausrastens» aussetzt: Eishockey spielt sich im öffentlichen Raum ab. Lebt von der Stimmung in der Halle, von Emotionen, von Kampf, von Tricks und Finten mit den Gegnern. Provokationen gehören zur professionellen Passion im Rink. Was ist das für ein Spieler, den so was kalt lässt? Der wegfährt, wenn zwei aneinander geraten und es heiss wird auf dem Eis? Wer Hockey der Spitzenklasse nicht auch als Showkampf begreift, nicht erkennt, dass vom Hockeystar ein hoher Unterhaltungswert verlangt wird, dem fehlt die richtige Einstellung.

«Todd ist ein heissblütiger Spieler. Er nimmt die Stimmung des Publikums auf und reagiert, was natürlich Provokationen nicht ausschliesst», sagt Jakob Kölliker, früher als Spieler des EHC Biel und der Nationalmannschaft ein ausgebufftes Schlitzohr, heute Langnaus Sportchef und Trainer der U-20. Alfred Bohren, Langnaus Assistenztrainer und früher ebenfalls ein Crack, wünscht sich «mehr Eliks»; denn er habe genau das, was vielen Schweizer Spielern fehle: «Das innere Feuer, die totale Hingabe für den Hockeysport.»

In den letzten fünf Spielen hat Todd Elik nur noch 16 Minuten auf der Strafbank gesessen. Er riskiert damit den Titel des Strafenkönigs, gefährdet seinen schlechten Ruf und wird endlich gesehen als das, war er ist: der beste Eishockeyspieler im Land.

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