Popstars – Wir basteln uns eine Girlie-Band

Popstars - Wir basteln uns eine Girlie-Band

In der neuen TV3-Sendung hoffen vier junge Frauen auf eine Karriere. Die Musik ist dabei nicht das Wichtigste.

Scharenweise strömten junge Frauen zum Zürcher In-Lokal «Kaufleuten». Sie drängten sich zu Hunderten vor dem Eingang, warteten wie die Lämmer. Erst als ein paar Regentropfen fielen, kam Bewegung in die Menge. Hastig wurden Schirme aufgespannt, Kapuzen hochgeschlagen. An einem so wichtigen Tag dürfen das Make-up und die aufwändig gestylte Frisur keinen Schaden nehmen. Die Frauen wollten ihrer Karriere als Popstar einen entscheidenden Schritt näher kommen. Das war vor zwei Monaten.

Der Privatsender TV3 führte an jenem Junitag das erste von vier Castings für die schweizerische Ausgabe der Reality-Fernsehserie «Popstars» durch. 600 Frauen ab 18 Jahren fanden sich ein. Auch die nachfolgenden Casting-Termine in Luzern, Bern und Basel lockten zahlreiche hoffnungsfrohe Gesangs- und Tanzstunden-Absolventinnen an.

Das Kalkül der jungen Frauen war denkbar einfach. Jede der über 1200 Bewerberinnen wusste, dass die deutsche Girlie-Band No Angels ihren Aufstieg an die Spitze der Hitparaden der Fernsehserie «Popstars» von RTL2 zu verdanken hat. Was in Deutschland möglich ist, sollte doch auch in der Schweiz klappen.

Der Erfolg des Formats ist den Programmverantwortlichen von TV3 nicht entgangen. Sie kauften die Rechte von der deutschen Produktionsfirma Tresor En-tertainment, Inhaberin der Lizenzrechte von «Popstars». Für Christoph Bürge, Programmchef von TV3, ist das Format eine ideale Ergänzung im Profil des Senders: «Die Attraktivität des Programms ist für uns genauso zentral wie der Umstand, dass wir mit ‹Popstars› jungen Talenten zu einer Karriere verhelfen können.»
Attraktiv ist das Konzept der 16-teiligen Reality-Soap – die von TV3 ab 4. September gesendet wird – dank dem einfachen Muster, nach dem es gestrickt ist: Das Publikum kann vom Sofa aus verfolgen, wie vier «Mädchen von nebenan» zu umjubelten Stars werden und welche Hürden sie dabei meistern müssen. Die klassische Erfolgsstory mit Happyend in fernsehgerechten Häppchen – garniert mit Schweiss, Tränen und Träumen.

Für die Casting-Teilnehmerinnen indes ist der Weg zum verheissungsvollen Ziel steinig. Zunächst müssen sie sich mit vier Konkurrentinnen vor den Kameras und vor der dreiköpfigen Jury aufstellen und den Refrain des vorbereiteten Songs zum Besten geben. Schon nach 15 Sekunden ist der Traum von der Popstar-Karriere für die meisten ausgeträumt. Lediglich eine von zehn Anwärterinnen wird zum so genann-ten Recall am Folgetag eingeladen. Diese Auserwählten haben die Chance, mit zwei über Nacht einstudierten Songs ihr Talent erneut unter Beweis zu stellen.

Wer diese Hürde schafft, darf an einem siebentägigen Workshop im Tessin teilnehmen. 30 Frauen wurden während stundenlangen Tanz- und Gesangstrainings geschlaucht. Das alles im Beisein der Kameras, die das Bildmaterial für die Sendungen liefern.

Selbst herausragendes Talent und bedingungsloser Einsatz bedeuten nicht zwingend, am Ende des Selektionsmarathons zu den vier glücklichen Popstars in spe zu gehören. Entscheidend ist allein die wohl dosierte Zusammensetzung der Band. Eine zu starke Persönlichkeit oder eine allzu prägnante Stimme könnte der Breitenwirkung schaden. Daran wird Markus Johne, Produzent von Tresor TV, gedacht haben, als er nach einem ersten Augenschein beim Zürcher Casting die Qualität der Bewerberinnen kommentierte: «Oberer Durchschnitt – mehr brauchen wir nicht.»
Bei einer der Workshop-Teilnehmerinnen hinterliess diese Haltung einen schalen Nachgeschmack. Zwar hat sie mittlerweile die Enttäuschung verschmerzt, dass sie trotz durchwegs positiver Kritiken der Jury am letzten Tag aus dem Rennen fiel. «Einer der Produzenten erklärte uns, dass der Erfolg der Band zu fünf Prozent vom Talent und zu 95 Prozent vom gezielten Marketing abhängt.» Das hat die Abgewiesene verärgert: «So was entspricht nicht meiner Vorstellung einer Showgeschäft-Karriere.»

Ins gleiche Kapitel gehört, dass die Teilnehmerinnen den Produktionspartnern die Rechte am Bild- und Tonmaterial vollumfänglich übertragen. Sie müssen ihre Unterschrift auf ein Formular setzen, das ihnen die Teilnahme bei «Popstars» überhaupt erst ermöglicht.
Der Berner Jurist Peter Streit kennt sich als Mitautor eines Handbuchs für Musikschaffende in der Materie aus und bestätigt, dass das Ausmass der Rechteübertragung auf den ersten Blick skandalös anmutet.

Bei näherer Betrachtung der Umstände zeige sich jedoch, dass die Folgen für die Teilnehmerinnen kaum gravierend sein dürften. Zumal die Geltungsdauer der Einverständniserklärung auf die Produktion der Fernsehsendung beschränkt sei. «Die Produzenten sichern sich auf diese Weise einen reibungslosen Produktionsablauf.»
Entscheidend ist laut Streit jedoch, dass den vier ausgewählten Bandmitgliedern «ein neuer Vertrag vorgelegt wird, der sich auf die Produktion des Tonträgers bezieht». Diesen Umstand hat TV3-Programmchef Christoph Bürge auf Anfrage bestätigt. Noch sind die Namen der vier Auserwählten nicht bekannt. Damit die Spannung nicht frühzeitig verloren geht, müssen sie bis zur zehnten Episode vom 6. November anonym bleiben.

Trotz allem Kalkül seitens der Pro-duktionspartner lässt sich der Erfolg für die vier Siegerinnen von «Popstars» Schweiz erst abschätzen, wenn im November ihre Single auf den Markt kommt. Sie wird dieser Tage in den Münchner Studios von Tresor Entertainment eingespielt.
Werden die vier Schweizerinnen dereinst so berühmt und umjubelt wie die No Angels? Zweifel sind angebracht, selbst wenn die Verantwortlichen stets betonen, dass ihr Konzept aufgehen wird. Eine Top-Platzierung in der Schweizer Hitparade führte bis heute kaum je zum internationalen Durchbruch. Bis auf die No Angels hat es auch im Ausland keine «Popstars»-Band geschafft, über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekannt zu werden – Beispiele gibt es in Australien, England, Italien, Norwegen, Kanada und in den USA.

Doch Überraschungen sind im Musikgeschäft möglich. Mehr als diese Hoffnung bleibt den vier «Mädchen von nebenan» wohl nicht, auch wenn ihnen die Erfüllung des grossen Traums zu gönnen wäre.

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