Nur keine Panik – Schweizer Konjunkturexperten Optimismus

Nur keine Panik - Schweizer Konjunkturexperten Optimismus

Trotz Stellenabbau der Grossfirmen verbreiten Schweizer Konjunkturexperten Optimismus.

Die Hiobsbotschaften häufen sich markant. ABB schockte letzte Woche mit dem Abbau von weltweit 12 000 Stellen. Wenn der Konzern die acht Prozent der Belegschaft linear streicht, verschwinden in der Schweiz 650 Stellen. Beim Berner Telekommunikationskonzern Ascom gehen 1100 Jobs verloren, davon rund 400 in der Schweiz. Auch Pharmamulti Roche greift zum Rotstift und streicht global in den nächsten zwei bis drei Jahren 3000 Jobs, in der Schweiz werdens 600 sein.

Angst vor dem Absacken – die sich jagenden Schlagzeilen über Massenentlassungen schüren die Befürchtung, dass der Schweizer Arbeitsmarkt kippt. Doch die Konjunkturprognostiker sehen keinen Grund zur Panik. Die Expertengilde gibt Entwarnung – und zwar einstimmig.

«Die Schweiz rutscht in keine Rezession», sagt Thomas Kübler, Basler Konjunkturforschung (Bak). «Die Arbeitslosenzahlen sind weiter rückläufig», erklärt Bernd Schips, Konjunkturforschungsstelle der ETH (Kof). «Kein Anlass zur Sorge», meint Boris Zürcher, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Beschäftigungszunahme habe sich zwar verlangsamt, doch mit steigenden Arbeitslosenquoten sei nicht zu rechnen, lautet der Konsens. Zürcher: «Wir haben keinen Grund, unsere Arbeitslosenprognose von 1,8 Prozent für dieses Jahr nach oben zu revidieren.»
Doch die Liste der Stellenvernichter wird immer länger. In der Schweiz sind seit Anfang Jahr Tausende von Jobs verschwunden. Zürich-Versicherungs-Gruppe: minus 600 Jobs. Siemens: 145 Stellen weniger. Swiss Re: 200 Jobs weg. Esec streicht 110 Stellen, Vetropack 150 und Bühler 100. «Verzerrte Wahrnehmung», winkt Kof-Chef Bernd Schips ab: «Man hört nur, dass grosse Firmen Stellen abbauen. Wenn

neue Arbeitsplätze entstehen, wird das nicht registriert.»
Unter dem Strich würden immer noch mehr Jobs geschaffen, erklären die Konjunktur-Experten. Vor allem der Dienstleistungssektor sowie kleine und mittlere binnenorientierte Unternehmen sind die Motoren der Beschäftigung. Kein Absacken des Arbeitsmarktes also – nur eine Korrektur.
«Der Nachfrageüberhang nach Arbeitskräften lässt nach», erklärt Bak-Mann Thomas Kübler, der das für «keine schlechte Entwicklung» hält: «Ein über längere Zeit ausgetrockneter Arbeitsmarkt erzeugt starken Lohndruck, der wiederum Inflation generiert.»

Weniger positiv sehens die Beschäftigten – die Job-Angst nimmt zu. «Für weniger Qualifizierte wirds enger», räumt Boris Zürcher vom Seco ein. Auch beim
Arbeitsvermittlungsunternehmen Adecco hebt man den Warnfinger: «Man sollte jetzt nicht im letzten Moment noch die Stelle wechseln», meint Regionaldirektor Manuel Henchoz: «Die Neuen in der Firma sind meist die Ersten, die wieder gehen müssen, wenns zum Stellenabbau kommt.»
Noch aber ist es nicht soweit. Die Arbeitslosenzahlen sind weiter rückläufig. Ende Juni waren bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) 59 176 Arbeitslose registriert.

Das entspricht einer Abnahme von 1,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die Arbeitslosenquote sank im Juni von 1,7 auf 1,6 Prozent. Damit gehört die Schweiz zu den Klassenbesten – in Euroland liegt die Arbeitslosenquote mit über 8 Prozent deutlich höher. Negative Signale gibts aber auch auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Die Stellenanzeiger in den Tageszeitungen sind merklich dünner geworden, der Manpower-Stellenindex ist nach unten gekippt.

Klar ist auch, dass sich eine allfällige deutliche Konjunkturabkühlung schneller und stärker auf den Arbeitsmarkt auswirken würde als in der Vergangenheit. In der Rezession der Achtzigerjahre profitierte die Schweiz von Konjunkturpuffern. Viele Ausländer kehrten in ihre Heimat zurück, als die Wirtschaft ins Stottern geriet. Die Frauen gingen wieder in den Haushalt. Heute bleiben die Arbeitnehmerinnen im Arbeitsmarkt integriert – was sich bei einer Konjunkturabkühlung schneller in höheren Arbeitslosenzahlen spiegeln wird.

Hinzu kommt, dass die Unternehmen in den Achtzigerjahren Arbeit gehortet, die Produktion gedrosselt und Kurzarbeit eingeführt hatten – die Arbeitnehmer blieben angestellt. «Heute wird schneller entlassen», erklärt Seco-Experte Boris Zürcher: «Der Wettbewerbsdruck hat zugenommen, Schweizer Firmen können es sich nicht mehr leisten, Mitarbeiter-Reserven zu halten.»

Noch aber ist die Job-Bilanz im Lot. Die Konjunktur-Profis sehen keine Anzeichen, dass die Schweiz in eine handfeste Krise schlittert. Kein Grund zur Katerstimmung, meint auch Kof-Chef Bernd Schips: «Alle Daten zeigen, dass die Beschäftigung immer noch zunimmt. Wir haben keinen Beschäftigungsrückgang.»

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