Millionenmacher

Millionenmacher

Fernsehmann Beat Regli schaffte seine erste Million innert vier Jahren. Er setzte dabei voll aufs Internet.

Meine Freiheit bedeutet mir alles», sagt der fünfzigjährige Aussteiger. Der Satz windet sich wie ein roter Faden durch das Leben von Beat Regli. Eigentlich wäre er am liebsten im Mittelalter als Troubadour geboren worden: ein
bunter Vogel am Rande der Gesellschaft, der seinen Zuhörern von fremden Ländern und Völkern singt. Verschlagen hat es den sensiblen Mann mitten ins 20. Jahrhundert. Und was tut hier ein reisehungriger, verkannter Troubadour? Er geht zum Fernsehen. Und wird nie richtig glücklich dabei.

Nach mehr als 20 Dienstjahren, eingespannt in den hierarchischen Apparat des Studios Leutschenbach, hat er genug.

Mit dem Ersparten, rund 80 000 Franken, beginnt er zu spekulieren. «Investieren», korrigiert der Fernsehmann. Schliesslich war er nach den wilden 68er-Jahren an vorderster Studentenfront dabei, um die kapitalistische Weltherrschaft zu bekämpfen. Und «Spekulant» gehörte damals zu den schlimmsten Beschimpfungen, die man seinem Gegner anhängen konnte.
«Sobald ich eine Million habe, kündige ich.» Diesen Satz haben seine Mitarbeiter von der Sendung «10 vor 10» immer wieder gehört, aber nie richtig geglaubt. Doch Regli hat vor allen anderen schon 1993 gemerkt, dass sich mit dem Internet auch für Anleger völlig neue Perspektiven eröffnen.

«Dank dem Internet haben auch Kleine ihre Chance erhalten, an der Börse zu verdienen», hämmert er seinen Kollegen ein. Wobei die Chance der Kleinanleger nicht im direkten Kauf und Verkauf von Aktien besteht, sondern in der grenzenlosen Informationsbeschaffung.
Schon in den Siebzigerjahren hatte er es mit rund 5000 Franken beim Börsenroulette versucht. Und am Ende festgestellt, dass er damit nur verloren hatte. Seine Erkenntnis: «Man kann auch langfristig an der Börse Geld verlieren – nur sagen das die Banken ihren Kleinanlegern nicht.»

Mitte der Neunzigerjahre versucht er es ein zweites Mal. Diesmal ohne Bankberatung, aber mit einer eigenen, konsequenten Strategie: «Ich habe gemerkt, dass das Internet eine Revolution vergleichbar mit der Erfindung des Rades ist», sagt er. Aus früheren Booms hat er gelernt, dass man bei einem Goldrausch nicht in die Goldsuche investieren muss, sondern in Firmen, die Schaufeln und Infrastruktur verkaufen. Also recherchiert Regli nächtelang im Netz ausschliesslich nach US-Firmen, die mit guten Managements am Aufbau der Internet-Struktur beteiligt sind. Jahre vor allen anderen setzt er auf damals unbekannte Firmen wie Cisco, die als «Router» die Weichen für den Online-Verkehr herstellen. Auf Sun Microsystems, die sehr früh ihre Firmen-PCs abgeschafft haben und konsequent auf das Netz setzen. Oder auf Firmen wie EMC, die für den rasch wachsenden Ausbau der Computerkapazitäten die nötigen Speicher herstellen.

«Das Wichtigste bei der Auswahl ist, auf pfiffige Managements zu setzen. Produkte und Märkte ändern sich rasant, da kann nur ein weitsichtiges, flexibles Management mithalten», weiss Regli. Auch hier kommt für den Kleinanleger das Internet zum Zug. Nach dem Prinzip «Versuch und Irrtum» dringt er immer weiter vor auf der Suche nach brauchbaren Informationen über US-Firmen, die sich im Internet engagieren. Er findet Foren und Chatrooms, wo sich Kleinanleger Tipps geben und sich gegenseitig trösten, wenn sie abstürzen. Online stösst er auf Geschäftsberichte und US-Börsenbriefe, geht Gerüchten nach und findet nach dem Schneeballprinzip schliesslich die wirklich heissen Investments.

Dabei passt Regli überhaupt nicht ins Klischee-Bild des Kleinanlegers, der gierig dem Geld nachrennt. Als Student der Volkswirtschaft ist er in den Sechzigern Mit-Organisator am Ökonomenstreik und anderen Aktionen gegen das «Establishment», verteilt Flugblätter gegen Kapital und Ausbeutung, engagiert sich für eine umweltfreundliche Weltwirtschaft. Nach einem Abschluss mit «magna cum laude» an der Uni Zürich will er Dozent werden. Er träumt von einer Geschichtsprofessur für Mittelalter, scheitert aber am politisch motivierten Nein der rechtsbürgerlichen Erziehungsdirektion. Und weil beim Schweizer Fernsehen gerade der sozialdemokratische Ueli Götsch die Leitung der Abteilung Information übernimmt und auf moderaten Links-Kurs steuert, erhält er eine Einladung, im Gründungsteam des «Kassensturzes» mitzumachen.

«Wir hatten die Mission, die Menschen aufzuklären und damit die Welt zu verbessern», sagt Regli. Dabei in gleicher Mission waren Roger Schawinski sowie Walter Rüegg, heute Radiodirektor DRS, mit dem Regli studiert und die studentische Rebellion geübt hatte. «Der skurrile Beat Regli hatte an der Uni schon wegen seines Äusseren keine Chance auf Karriere», sagt Radiodirektor Rüegg über seinen damaligen Gesinnungsgenossen.

Auch in der Fernsehmaschinerie eckt der Einzelgänger mit seinen Filmen und seiner Person immer wieder an. «Er produzierte einzigartige Dokumentarfilme, immer im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Er ging immer an die Grenzen, zeigte Tränen und Emotionen, die damals noch tabu waren», sagt ein Berufskollege. Heute ist im Fernsehen genau dieser Reportagestil gefragt. Doch Regli kommt damit viel zu früh. Und läuft auch bei seinen weiteren Stationen «CH-Magazin», «Kamera läuft», «Kultur aktuell», «Rundschau» bei den Chefs immer wieder auf.

Für viele ist schon sein Äusseres eine Provokation. Über alle Modeströmungen hinweg trägt er sein blondes Haar unverändert lang bis über die Schultern. An der rechten Hand zentimeterlange Nägel, die ihn als heimlichen Gitarren-Künstler verraten. Dazu zerknitterte Seidenhemden, intensiver Parfümgeruch: einer, der sich nicht an den Mainstream anpassen will, ein Querkopf, ein Eigenbrötler, ein Outsider.

Nur draussen auf Reportage lebt er auf, findet er die kreative Freiheit, die ihm existenziell wichtig ist. Er sucht Extremsituationen: Algerien, Israel, Südlibanon, Tschetschenien, Albanien, Kosovo und immer wieder Afghanistan. Er fängt den Horror der Weltkonflikte ein, nicht kamerageil mit Blut und Bomben dargestellt, sondern immer aus der Sicht der Opfer, der Flüchtlinge, der Frauen und Kinder. Eine grosse Belastung für einen TV-Mann, der gleichzeitig unter der Hierarchie im Betrieb leidet: «Du kommst nach Hause, triffst auf ehemals gute Kollegen, die aufgestiegen sind und zu widerlichen Mackern wurden.»

Da kam der letzte Börsenaufschwung gerade recht. «Er hat mir das Leben gerettet», sagt Beat Regli rückblickend. «Ich wäre krank geworden.

Plötzlich merkte ich, dass ich unrasiert, ungepflegt und mit ausgeleierten Klamotten ins Büro kam.» So setzt er sich abends bei Eröffnung der New-Yorker Börse an den Büro-PC. Und sitzt noch da, wenn die Kollegen nach der Sendung nachts um halb elf in die Beiz gehen. «Er ist nie mitgekommen», sagt ein Bürokollege, «er wollte seine Zeit und sein Geld lieber in die Börse investieren.» Neidisch beobachten sie, wie Regli vom Börsengewinn förmlich überschwemmt wird: «Du rackerst dich ab für deinen Lohn und siehst, wie Beat nach einem flotten Börsentag hinter dem Computer ein Paar Tausender verdient hat», meint ein kritischer Kollege.

«Es war schon berauschend», sagt Regli, «als ich beispielsweise von einer Reportage aus Rumänien zurückkam, hatte ich in zwei Wochen drei Jahresgehälter an der Börse verdient.» Kein Wunder, wird das ganze Büro vom Fieber gepackt. Journalisten und Kameraleute wollen es ihm nachtun. Und Regli gibt bereitwillig seine heissen Informationen weiter. Sogar die Sekretärin träumt vom schnellen Geld und steigt aufs Börsenkarussell. Doch so erfolgreich wie Regli wird keiner. «Manchmal haben wir gewonnen, mindestens so oft aber auch verloren. Am Schluss blieben manche blauen Flecken.»

Auch Reglis Banken staunen über ihren seltsamen Kunden. «Er hat am Anfang als normaler Kleinanleger breit diversifiziert mit Fonds angefangen und sich in kurzer Zeit zu einem kompetenten Investor entwickelt», sagt Malcolm Dastur, Privat-
Banker von der Sankt-Galler Vermögens-

beratung. Und Friedrich Eigenmann, damals Filialleiter von der Coop-Bank in Winterhur, meint: «Regli wusste mehr als wir über die Titel. So wie er investiert hat, investieren sonst nur ganz Grosse, die auch Millionenverluste verkraften können. Das könnte ich nie machen.»
Bald merken die Bankmitarbeiter, dass Regli ein gutes Händchen mit amerikanischen Aktien hat. «Die haben angefangen, mich zu kopieren und die gleichen Titel wie ich zu kaufen», lacht er. Der Hobbyanleger zeigt den Bankprofis, wos langgeht.

Nach vier Jahren Engagement an den Börsen hat Regli seine Million in Schweizer Franken zusammen – der grosse Moment für den Abgang aus der ungeliebten Fernsehmaschine. Dann hängt er doch ein paar Wochen dran, um auch die Dollarmillion zu erreichen. Und bringt so das Fass zum Überlaufen: Auch den Vorgesetzten ist aufgefallen, dass Regli während der Bürozeit hinter seinem Computer immer mehr am Börsenticker hängt. Mehrmals zitiert «10 vor 10»-Leiter Martin Hofer seinen börsenverrückten Mitarbeiter und liest ihm die Leviten. «Ich musste ihn manchmal schon an seine Pflichten ermahnen und an seine Disziplin appellieren», sagt Hofer.
Im März 2000 wird Reglis Situation untragbar: Er kündet seine Lebensstelle. Die Führungsriege im Fernsehen zeigt keine Spur von Trauer über den Abgang ihres langjährigen Mitarbeiters – auch wenn Regli früher für sein Schaffen mit dem begehrten Fernsehpreis bedacht worden war. «Obwohl ich 27 Jahre lang bei SF DRS angestellt war, erhielt ich keinen Dankesbrief, keine Reaktion, nichts», sagt Regli. Auch bei ihm löst die Erreichung seines Ziels keine Euphorie aus. «Mein Herz hat nicht höher geschlagen. Etwas Lustgefühl hätte ich eigentlich schon gerne gehabt.» Allerdings ist heute auch eine Million nicht mehr das, was sie einmal war. Vor allem in Zeiten der Börsenkrise. Nach dem Crash der amerikanischen Technologie-Börse Nasdaq ist Reglis Million um etwa die Hälfte geschrumpft. Was ihn aber nicht sonderlich schmerzt. «Konsum macht nicht glücklich. Ich habe mit einem Abschwung gerechnet und lebe seit Jahren mit knapp 4000 Franken monatlich.»

In einer Altwohnung in der Winterthurer Altstadt hat er seine eigene, kleine Gegenwelt aufgebaut. Wer durch die Tür schreitet, betritt ein anderes Jahrhundert: die Fenster verriegelt, abgedunkelt. Die Wände, Böden und Liegeflächen bedeckt mit schwerem Seidendamast aus Pakistan und Afghanistan. Warme, dunkle Rotbrauntöne, Goldfäden im Gewebe, dazu schimmernde Schlag-Instrumente aus dem Fernen Osten, mehrere klassische Gitarren und – als einziges Attribut aus der heutigen Zeit: endlose Reihen von Comic-Büchern, viele davon mit Storys aus dem Mittelalter. An der Küchenwand verblichene Fotos von Regli als jungem Konzertgitarristen. Bilder aus Afghanistan. Und von ehemaligen schönen Frauen in seinem Leben.

Der Fernsehmann, der für kurze Zeit Papiermillionär war, lebt heute allein in seiner dunklen 3-Zimmer-Höhle. «Ich habe den Luxus erreicht, langsam sein zu dürfen. Jetzt kann ich es mir endlich leisten, einfach Zeit zu haben und kreativ zu sein, ohne
einen hierarchischen Apparat im Rücken zu spüren.» Trotz der massiven Papierverluste hält er immer noch an seiner Börsenstrategie fest. «Die Spekulationsblase in der Informationstechnologie-Branche ist geplatzt, der nächste Aufschwung wird kommen. Ich habe genug im Rücken, um zu warten.» Und von einer Welt zu träumen, die längst verblichen ist: eine mittelalterliche, geistige Welt, wo jeder seinen lebenslangen Platz hat. Ohne dem Geld nachzurennen.

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