Maja Brunner: «Immer wieder Neues anzetteln»

Maja Brunner

Maja Brunner, die vielseitig begabte «Volksmusikkönigin» mit Hang zu jungen Männern, hat mit fünfzig immer noch «eine riesige Neugier aufs Leben».

–: Frau Brunner, ist es für eine Frau schwieriger, fünfzig zu werden, als für einen Mann?
Maja Brunner: Im Gegenteil. Männer erleben ihre Wechseljahre versteckt, obwohl auch bei ihnen einiges passiert. Aber man spricht kaum darüber. Eine Frau dagegen findet in jeder Zeitschrift Information über die Wechseljahre, und was man dagegen tun kann. Wobei ich mein Alter und die damit zusammenhängenden Veränderungen nicht als Problem betrachte. Noch nicht.
–: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Zahl Fünfzig denken?
Brunner: Es ist eine gute Zahl. Ich ziehe Bilanz. Ob ich will oder nicht. Im Moment kommen viele Interview-Anfragen. Das zwingt mich, in alten Fotos zu kramen, was Erinnerungen hervorbringt. Dabei merke ich, dass ich einige Dinge zwar weggesteckt, aber nicht verarbeitet habe. Anderes hingegen bedeutet mir überraschenderweise gar nichts mehr. Ich räume auf.
–: Helfen Ihnen Vorbilder von «zwägen» Frauen, die älter sind als Sie?
Brunner: Klar achtet man vermehrt auf Frauen wie Tina Turner und Cher. Wobei Cher mit ihren vielen Operationen eher ein schlechtes Beispiel ist.
–: Käme für Sie denn ein Lifting in Frage?
Brunner: Zum jetzigen Zeitpunkt klar Nein. Ich sage aber nicht, ich würde es nie tun.
–: Wie wichtig ist Schönheit für Sie?
Brunner: So lange ich auf der Bühne stehe, will ich gut aussehen. Wobei ich gutes Aussehen nicht mit Faltenlosigkeit in Verbindung bringe, sondern damit, wie man «zur Wösch uselueget».
–: Sie altern unter den Augen der Öffentlichkeit. Macht es das schwieriger?
Brunner: Das ist sehr hart. Ich liebe meinen Beruf weiss Gott über alles, bin es aber manchmal wirklich leid, mich von allen beurteilen lassen zu müssen. Bei allem, was ich tue, setze ich mich der Meinung anderer Leute aus. Ich habe es noch nicht geschafft, dass es mir hundert Prozent egal ist.
–: Sie werden ohnehin gerne auf das Image der Volksmusikkönigin mit Hang zu jungen Männern reduziert.
Brunner: Mit vierzig hatte ich plötzlich einen jüngeren Freund. Davor waren meine Partner älter als ich. Warum dieser Schnitt passierte, weiss ich nicht. Ob ich nicht älter werden will? Ob es an den Männern liegt?
–: Warum suchen Sie sich keinen Gleichaltrigen?
Brunner: Es gibt ganz tolle Männer in meinem Alter, aber den meisten fehlt die Aufbruchstimmung. Sie haben keine Pläne mehr, sind gesetzt – was auch richtig ist, schliesslich haben sie lange Jahre gearbeitet und sind es müde, immer wieder Neues anzuzetteln. Ich hingegen habe immer noch eine riesige Neugier aufs Leben und tausend Pläne. Im Bewusstsein natürlich, das ich nicht mehr die Unendlichkeit zur Verfügung habe. Mir scheint, Frauen sind agiler und eher bereit, alles über den Haufen zu schmeissen, nochmals neu anzufangen.
–: Können Sie sich vorstellen, beruflich nochmals etwas ganz anderes zu beginnen?
Brunner: Etwas, das nichts mit Musik zu tun hat, wohl kaum. Damit meine ich nicht den Musikstil. Diesbezüglich bin ich in den letzten Jahren ja sehr breit gefahren.
–: Wie nahm Ihr Stammpublikum die latinoinspirierte CD «Führe mich nicht in Versuchung» und das Bühnenprogramm «Divamix» auf?
Brunner: Absolut gut. Wenn ich allerdings plötzlich eine Heavymetal- oder Technoplatte machen würde, nähme man mir das nicht ab. So was würde auch für mich nicht stimmen. Mir wird heute in der Musik sowieso zu viel «gschnurret.»
–: Inwiefern?
Brunner: Es wird zu viel gerappt. Die kramen alle Siebzigerjahre-Hits hervor und verrappen sie gnadenlos. Es hat zwar Perlen dabei, aber das meiste ist einfach «verschnurret». Das wäre nichts für mich. Gospels, Schlager oder Bluesstücke kann ich hingegen ohne weiteres bringen.
–: Trotzdem ist es Ihnen nie gelungen, aus der Volksmusikecke herauszukommen.
Brunner: Was heisst nicht gelungen? Ich habe gar nie den Effort unternommen. Ich fühle mich dort wohl. Genauso wohl wie in anderen Musik-Genres. Ich bringe meine Stimmungslieder an Auftritten, bin aber zum Beispiel im Herbst ans Blues Festival in Basel eingeladen, wo ich mit dem Joe-Walter-Quartett auftreten werde.
–: Fällt es Ihnen leicht, von einer Szene in die andere zu switchen?
Brunner: Ja, obwohl das Publikum jeweils ein ganz anderes ist. Das meine ich nicht als Wertung, es ist einfach ein anderer Schlag, eine andere Stimmung, ein anderer Groove.
–: Die Volksmusikszene gilt als leicht dümmlich. Fühlen Sie sich dort nie fehl am Platz?
Brunner: Es ist eine absolute Frechheit, ein Publikum so einzustufen. Egal, ob Volkstümlich, Rock oder Blues: Es gibt überall dümmliche Leute, aber auch ganz tolle.
–: Woher kommt denn dieses Image?
Brunner: Schweizer haben einen Minderwertigkeitskomplex. Die Volksmusik der Latinos und der Iren finden sie sensatio-nell, aber für die eigene schämt man sich fast. Dabei finden sich überall Parallelen. Vielleicht ist man einfach zu faul, um genau hinzuhören. Beim volkstümlichen Schla-ger kommt das Problem dazu, dass man den Text versteht. Der ist oft trivial, was ich völlig okay finde. Englische, französische oder italienische Texte sind nicht intelligenter. Man versteht bloss nicht alles.
–: Die permanente Fröhlichkeit der Volkstümler wirkt aber unglaubwürdig.
Brunner: Fröhlichkeit mit Dummheit gleichzusetzen, ist dumm. Ganz am Anfang, als ich in diese Szene einstieg, hatte ich mit dem Image extrem Mühe. Aussen Stehende beurteilten mich nach dem Motto: «Kannst du überhaupt lesen und schreiben»?
–: Haben Sie dazu nicht selbst ein bisschen beigetragen? Sie machen willig bei allem mit, egal ob «Wandern mit Maja», «VIP-Rezepte für Astor-Küchen» oder «Welches Auto fahren Promis?».
Brunner: Klappern gehört zum Handwerk, aber es gibt Grenzen. Es darf nicht lächerlich sein. Wenn ich jedoch für ein Foto in ein Auto sitze, das ich tatsächlich fahre, nun gut. Manchmal hat man auch den – meist leider vergeblichen – Hintergedanken, die betreffende Firma revanchiere sich. In der Schweiz ist man den Leuten sehr nahe, das Land ist klein, Starkult gibt es nicht. Darum geht man halt Wandern mit den Lesern einer Zeitschrift, was ich übrigens mag, weil einem dort die Leute viel erzählen und man sein Publikum besser kennen lernt. Am Anfang will man bekannt werden. Später merkt man, dass man das eine oder andere besser nicht gemacht hätte.
–: Fühlen Sie sich ernst genommen und anerkannt?
Brunner: Inzwischen Ja. Ob jemandem meine Musik gefällt, ist Geschmackssache. Aber Anerkennung des handwerklichen Könnens ist mir wichtig, und die bekomme ich.
–: Sie haben unzählige Auftritte gemacht und sehr viele Platten verkauft. 1991 bekamen Sie sogar den World Music Award für am meisten verkaufte Platten in der Schweiz. Sind Sie reich?
Brunner: Nein. Mit 25’000 verkauften Platten bekommt man hier Gold. Das ist wunderbar, aber verglichen mit Weltstars lächerlich. Ich nannte Ursula Andress, die mir den Preis damals überreichte, die konkreten Zahlen nicht. Ich hatte in drei Jahren 80 000 oder 90 000 Stück verkauft. Elton John, der für England ausgezeichnet wurde, setzte in einem Jahr sechs Millionen Alben ab.
–: Welche Rolle spielt Ihr Bruder Carlo in Ihrer Karriere?
Brunner: Eine sehr wichtige. Er holte mich ins Volksmusik-Genre. Er schrieb und komponierte den Titel, mit dem ich 1987 den Grand Prix der Volksmusik gewann. Das war mein Durchbruch.
–: Und im Privatleben?
Brunner: Wir haben eine sehr enge Beziehung. Er ist vier Jahre jünger, und ich liebte ihn vom ersten Moment an innig. Das ging so weit, dass ich Panik hatte, wenn er nicht in meinem Blickfeld war. Er fand das nicht immer so toll und lehnte sich gegen meine Beschützungsversuche auf. Später ging jeder eigene Wege, bis wir uns so Mitte zwanzig wieder fanden. Er ist nicht nur ein Bruder, sondern auch ein Freund.
–: Wie geht er damit um, in Ihrem Schatten zu stehen?
Brunner: Er steht überhaupt nicht in meinem Schatten. In der traditionellen Volksmusik ist er die absolute Nummer eins. Bruder hin oder her, als Musiker, Komponist und Produzent ist er einfach genial. Medienmässig bin ich vielleicht bekannter. Sängerinnen stehen halt im Vordergrund. Das liegt in der Natur der Sache.
–: Setzt sich Ihr privater Freundeskreis aus Leuten aus der Showszene zusammen?
Brunner: Ich habe viele Bekannte, aber nur wenige Freunde. Drei, vier männliche und etwa gleich viele weibliche. Bis auf den Schauspieler Erich Vock und den Chansonnier Michael von der Heide kommt niemand aus der Künstlerbranche.
–: Ein enger Freund ist auch Ihr Exmann Franz. Sie waren dreimal verheiratet und könnten theoretisch Grossmutter sein. Bedauern Sie, keine Kinder zu haben?
Brunner: Heute kann ich reinen Gewissens sagen Nein. Wenn ich Kinder gewollt hätte, dann hätte ich welche gehabt. Es mag altmodisch klingen, aber ich finde, wenn man Kinder hat, soll ein Elternteil die ersten Jahre zu Hause bleiben. Dass ich dazu nicht bereit war, lag nicht an meiner Karriere als Sängerin. Denn als die anfing, war ich ja schon gegen Ende dreissig. Viel zu viele Leute glauben, Kinder haben zu müssen, um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen. Gleichzeitig sind sie aber nicht bereit, Einbussen in Kauf zu nehmen.
–: Würden Sie sich als Emanze bezeichnen?
Brunner: Auf keinen Fall. Das klingt nach Strassenkampf, Anklage und verbissenen Forderungen. Da bocken Männer doch nur. Mit Charme und einem Lächeln erreicht man sehr viel mehr. Aber eine emanzipierte Frau im Sinne von selbstständig bin ich schon. Der Begriff Emanze ist etwa gleich in Verruf geraten wie der Ausdruck Macho. Ich mag Männer. Und wenn mit Macho Männer gemeint sind, die «ihren Mann» im Leben stehen, finde ich das gut. Wobei meiner Meinung nach in einer Beziehung beide Partner mal stark und mal schwach sein dürfen.
–: Über die Macken anderer Stars wird in der Branche gerne getratscht. Über Sie hört man überall nur Lob. Wie kommt das?
Brunner: Das wundert mich selbst, denn ich plaudere oft schneller, als ich denke. Ich sage immer offen und ehrlich meine Meinung, auch wenn das nicht immer schmeichelhaft ist. Seltsamerweise nimmt man es mir nicht übel. Ich tratsche zwar für mein Leben gern, aber nie bösartig hinter dem Rücken anderer Leute.
–: Im Herbst strahlt das Schweizer Fernsehen eine Sondersendung von «Hits auf Hits» zu Ihrem Fünfzigsten aus. Diese Ehre wurde noch nicht vielen zuteil. Wieso gerade Ihnen?
Brunner: Weil ich es verdient habe? Nein, im Ernst, ich habe aufgehört, alles zu hinterfragen. Ich nehme es einfach dankend an und freue mich riesig. SF DRS hat Sequenzen bis zurück ins Jahr 1969 ausgegraben. Dazu kommt neues Material. Der Moderator und Schlagersänger Leonard singt mit mir im Duett ein Hitmedley von Rex Gildo und Gitte. Und wenn ich Glück habe, kommt ein Liebling aus früheren Tagen als Überraschungsgast in die Sendung.
–: Wer denn?
Brunner: Ich sage nur: ein toller Mann.
–: Sie haben heute beinahe mehr Power als damals.
Brunner: Ich bin selbstbewusster und setze meine Energie zielgerichteter ein. Heute muss ich gar nichts mehr, wenn ich nicht will. Auch nicht mit allen freundlich sein. Wer mich nicht mag, mag mich auch nicht, wenn ich mich vor Freundlichkeit überschlage. Dieses Bewusstsein setzt Reserven frei.
–: Gibt es Dinge, die Sie bereuen?
Brunner: Nein, denn ich kann sie sowieso nicht rückgängig machen.

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