Madame Tempo

Madame Tempo

Sie fegt durch die Büros wie ein Blitz. Rednerpulte erobert sie mit der flinken Behändigkeit von Menschen, die nach landläufigem Ideal etwas zu kurz geraten sind für ihr Gewicht. Sie redet rasch, aber präzis. «Manchmal fürchte ich, ihrem Tempo nicht folgen zu können», seufzt eine Mitarbeiterin. «Je suis fonceur», bestätigt Nelly Wenger – eine Frau, die vorwärts drängt.

Doch an diesem Donnerstag, dem 3. Februar, begegnet uns eine andere Nelly Wenger: Statt von Termin zu Termin zu hetzen, schlendert die 45-Jährige locker durch die Cafeteria im Parterre des Expo-Hauptsitzes in Neuenburg. Küss-chen hier, Händedruck da, Gratulationen, wir wünschen alles Gute.

Am Vortag ist Nelly Wenger vom Steuerungsausschuss unter Franz Steinegger zur Expo-Generaldirektorin ernannt worden. Man hatte ihre Bestätigung im Amt erwartet, das sie seit dem Rauswurf von Jacqueline Fendt im Juli 1999 interimistisch versah. Aber der Entscheid kam überraschend schnell. Auch FDP-Präsident Steinegger muss seinem Ruf als «fonceur» gerecht werden. Kein Wunder, dass Wenger von Steinegger sagt: «Er tickt ähnlich wie ich.»

Jetzt sitzen wir beim Mittagessen im Hotel «Alpes et Lac» am Neuenburger Bahnhofplatz, das zu einer Expo-Dépendance geworden ist. Rückschläge sind hier begossen worden, aber auch Erfolge. Diesmal ist die Stimmung sonnig. Nelly Wenger ist gesprächig, aber nicht geschwätzig. Weit unten gleisst der Neuenburgersee, und darauf wächst wie ein Pfahlbauerdorf die Expo-Plattform. «Sie wird täglich grösser. Es ist schön, wenn Ideen eine konkrete Form annehmen.»

Ideen und konkrete Formen sind zwei Eckpfähle von Nelly Wengers eigener Plattform. Das Mädchen aus Marokko, geboren 1955 in Casablanca, hat sich in Paris und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule EPFL in Lausanne zur Bauingenieurin ausbilden lassen. Ins Waadtland war sie gekommen, weil ein marokkanischer Kollege von Lausanne und seiner Hochschule geschwärmt hatte. Und erst «beim Durchblättern des Vorlesungsverzeichnisses fühlte ich mich vom Tiefbau animiert», sagt sie.

Keine vorgezeichnete Karriere also, denn nach der französischen C-Matura mit Schwerpunkt Mathematik und Physik hätte Nelly Ohayon, wie sie damals noch hiess, alles und irgendetwas studieren können. Die Musterschülerin, ältestes von sieben Kindern einer traditionellen jüdischen Familie, war in den Geistes-wissenschaften ebenso begabt wie in naturwissenschaftlichen Fächern.

Dass der Tiefbau eine Männerdomäne ist, dass man auf dem Bau breitschultrig, hemdsärmlig und in klobigen Stiefeln auftreten muss, kam ihr, die sich stets in elegantes Schwarz hüllt und sorgfältig schminkt, erst gar nicht in den Sinn. «Inzwischen liebe ich Baustellen», beteuert sie: «Es sagt mir enorm zu, wenn hoch komplexe Projekte unter Zeitdruck realisiert werden müssen.» Stress ist ihre Droge: «Ich komme erst richtig in Fahrt, wenn Druck da ist.»

Das sei eine ihrer grossen Stärken, meint Franz Egle, bis Ende Januar Expo-Kommunikationschef: «Nelly hat den Blick fürs Wesentliche und ist in der Lage, aus einzelnen Elementen sehr rasch ein Ganzes zusammenzufügen.»

Logisch, dass sie bald vom reinen Ingenieurwesen wegkam. 1979 beschäftigte sie sich für die Diplomarbeit mit einem Projekt, das bautechnische Aspekte überschritt: die Instandsetzung des Hafens von Jaffa in Israel. «Da ging es um Fragen des Transports, der Wirtschaftlichkeit, des Städtebaus.» Später kamen Aufträge aus Tunesien, dem Senegal: Raum-, Stadt- und Verkehrsplanung.

Ihren Mann Fred Wenger, einen Architekten aus dem Jura, hatte Nelly Ohayon an der EPFL kennen gelernt. Gemeinsam gründeten sie in Lausanne das Planungsbüro Urbaplan. Gemeinsam plante man Autobahnteilstücke, Stadtumfahrungen, Schnellzug-Trassees. Doch das Büro mit 30 Mitarbeitern füllte die Kapazitäten der Unermüdlichen nicht aus: 1988 absolvierte sie eine Managementausbildung. Und von 1989 bis 1992 war Nelly Wenger Lehrbeauftragte an der EPFL. Daneben fand sie Zeit für eigene Kinder: Sie gebar einen Sohn und eine Tochter, heute 14 und 12 Jahre alt.

Eine Powerfrau. Da stellt sich die Frage, die man einem Mann nie stellen würde: Wie bringt man eine brillante Karriere in Einklang mit den Bedürfnissen einer Familie? «Ich habe immer ge-arbeitet», sagt sie: «Die Basis-Infrastruktur stimmt, wir haben uns organisiert.»

Kinder brauchen allerdings mehr als eine «Infrastruktur»: Liebe, Wärme, Zeit. Das ist nur schwer mit 16- und 20-Stunden-Arbeitstagen zu vereinbaren – und mit den vier Tagen Ferien, die Wenger während des ganzen Jahres 1999 genommen hat. «Das stimmt», räumt die Expo-Chefin ein und wird nachdenklich: «Man muss aufpassen, dass die affektive Seite nicht zu kurz kommt.»

Aber gleich gewinnt sie dem Stress wieder positive Seiten ab: «Je mehr ich beruflich gefordert bin, desto kompetenter bin ich auch zu Hause.» Ausserdem werde man noch im Februar Ferien in Marokko verbringen.

1991 stieg Nelly Wenger aus der Firma Urbaplan aus: Die Waadtländer Regierung engagierte sie als Chefin des Amtes für Raumplanung. Die Kantonsverwaltung der Waadt gilt als behäbig und konservativ. Das Departement für Verkehr und Umwelt, dem die 36-jährige Chef-beamtin beitrat, hatte zudem den Ruf einer frauenfeindlichen Institution.

Da waren Durchsetzungsvermögen, Menschenkenntnis und Verhandlungsgeschick gefragt. Nach sieben Jahren, schrieb die welsche Wirtschaftszeitung «L’Agéfi» Anfang 1999 anerkennend, «hinterliess sie einen völlig umstrukturierten und dynamisierten Dienst».

Ziemlich verrückt also, dass Nelly Wenger Anfang 1999 auf dem sinkenden Expo-Schiff anheuerte. «Es mag tatsächlich idiotisch erscheinen», sagt sie, «aber für mich war das eine Aufmunterung, weil ich erkannte, dass es viel zu tun gab.»

Die Verrücktheit wurde mit 250 000 Franken Jahreslohn abgefedert. Was aber immer noch nur knapp die Hälfte dessen ist, was die kurz zuvor zurückgetretene künstlerische Direktorin Pipilotti Rist garniert hatte.

Fast wäre Nelly Wenger das Draufgängertum zum Verhängnis geworden. Die Expo-Krise erreichte im Juli 1999 mit dem Aufstand gegen Jacqueline Fendt, an dem auch Nelly Wenger und der künstlerische Direktor Martin Heller beteiligt waren, einen Höhepunkt. Fendts Abgang sei unumgänglich gewesen, sagt ihre Nachfolgerin: «Frau Fendt hat zu lange nicht gemerkt, dass ein Kurswechsel fällig war.»

Doch die Expo-Führung mit der Interimschefin Wenger liess sich auch danach nicht von der Überzeugung abbringen, die Expo sei trotz aller Querelen 2001 immer noch machbar. Heute, da das Vorhaben um ein Jahr verschoben, neu durchgerechnet, ein wenig reduziert, besser strukturiert und politisch abgefedert ist, sind alle froh um die zusätzliche Zeit, die bereits wieder knapp erscheint.

Den Fehler, den sie beinahe gemacht hätte, hat Wenger inzwischen erkannt: «Rein physisch hätte die Zeit genügt, um die Landesausstellung 2001 fertig zu stellen. Was ich zu wenig bedacht habe, war die Zeit für politische Debatten. Man kann Politikern nicht sagen, ihr habt zwei Wochen, um euch zu entscheiden.»

Nelly Wenger behauptet auch heute nicht, dass alle Probleme bewältigt seien. Aber Franz Steinegger und sein bundesrätlicher Auftraggeber Pascal Couchepin sind überzeugt, dass die Chancen nie so günstig waren. Nelly Wenger sei jedenfalls «ideal – die beste Besetzung für den Posten», schwärmt Kommunikationsberater Egle.

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