Madame Teissier – Hellseher im Nebel

Horoskope

Horoskope, Nostradamus und Numerologie haben New York und Zug prophezeit – im Nachhinein.

Eins vorweg: Madame Teissier hat die Katastrophen nicht vorausgesagt. Mag die Starastrologin nun noch so düster warnen, alles werde noch viel schlimmer, und damit eventuell sogar Recht haben – Tatsache bleibt: Sie und die gesamte Astrologen-Gilde schauten sowohl im Hinblick auf den Terroranschlag in New York als auch auf den Amoklauf in Zug in ein schwarzes Loch im Universum.

Dafür wird jetzt im Nachhinein umso heftiger gerechnet und gemessen, interpretiert und gedeutelt. Nicht nur Horoskope, auch Haus- und Flugnummern, Nostrada-mus-Verse und Bibeltexte werden von selbst ernannten Spezialisten mit Röntgenblick geprüft, neu zusammengewurstet und via Massen-E-Mail um den Globus gejagt. Auf dass die Empfänger bang in ihren Bildschirm starren und sich fragen, ob nicht doch etwas dran sein könnte.

In Sachen Astrologie reicht ein Blick in die Vergangenheit, um zu wissen, was von Prognosen zu halten ist. Beispiel Dezember 2000. Hochsaison für Jahreshoroskope. «Nun wird alles besser», jubilierte das deutsche «Cosmopolitan». Die dem Schweizer Verleger Jürg Marquard ge-hörende Zeitschrift trötete vom «Glücksplaneten Jupiter, der 2001 unsere Schick-sale beeinflussen wird. Ein Segen für alle: Leichtigkeit, Optimismus, Lebensfreude, Genuss in allen Variationen». Kein Wort von Terror und weltweiter Verunsicherung.

Auch Madame Teissier sang das Hohelied auf Jupiter: Man spüre mehr Solidarität, orakelte sie in der «Schweizer Illustrierten». Allenfalls sei 2001 mit Krisen in der Liebe zu rechnen. September? Der kommt gar nicht vor. Dafür hatte Frau Doktor einen Privattipp für Dick Vredenbregt, den Fotografen der Zeitschrift. Am 27., 28. und 29. März 2001 werde er die Frau seines Lebens kennen lernen sowie am 15. April und am 15. Juni sensationelle Geldgeschäfte tätigen, berichtet der Chefredaktor im Editorial. Die Nachfrage bei Vredenbregt ist ernüchternd. «Ich bin weder Millionär geworden, noch habe ich meine Traumfrau getroffen.» Dabei habe er sich an den betreffenden Tagen doch besonders gründlich rasiert.

Sehr beruhigend. Etwas beunruhigender die Aussage der Astrologin Monica Kissling im «Sankt Galler Tagblatt». Dort schrieb sie für die Woche vom 10. September, Amokläufer hätten Hochsaison. «Diese Äusserung in einer Zeitung zu machen, war ein Grenzfall», sagt Kissling. Die Konstellation sei zwar äusserst kritisch gewesen, komme aber alle anderthalb Jahre vor und sollte darum nicht überbewertet werden. «Man muss ehrlich sein», sagt «Madame Etoile», «die Ereignisse in New York und Zug sah niemand voraus.»

Bei Katastrophen aller Art hat meist auch die Bibel etwas Passendes zu bieten. Speziell die Johannes-Offenbarung und ihre Endzeitprophezeiungen ziehen die Apokalypsejünger gern heran. Kurz nach den Anschlägen in den USA kursierten Sätze aus dem neutestamentlichen Text, die den Fall von Babylon beschreiben, in welchem manche das Zentrum jüdischen Lebens und Handels verstehen. In der Offenbarung, Kapitel 18, steht: «Wehe, du grosse Stadt Babylon. In einer einzigen Stunde wird das Gericht über dich kommen.»

Die Zeit zwischen dem Einschlag der ersten Boeing und dem Einsturz des zweiten Tower, schreien nun christliche Fundis, betrug exakt 102 Minuten. Richtig. Aber das sind 42 Minuten zu viel. Ekkehard W. Stegemann, Ordinarius an der Universität Basel, schüttelt über diese Endzeitrufer den Kopf: «Babylon steht in frühchristlichen Texten für Rom, Sinnbild von Macht, Unterdrückung, Unreinheit – Widergöttlichem schlechthin.» Einen Bezug zu den Attentaten herzustellen, ist für Stegemann keine Auslegung, sondern bewusste Fehlinterpretation: «Das ist schriller und geradezu obszöner Fundamentalismus.»

Laut Dieter Sträuli, Kopräsident der Beratungsstelle für Sektenfragen InfoSekta und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Zürich, verfügen Menschen über eine «planende Vernunft», die sie gegen unangenehme Überraschungen wappnen soll. «Natürlich versagt dieses System», sagt Sträuli. «Katastrophen treffen uns immer unvorbereitet und wecken darum die Vorstellung, im Universum seien alle Ereignisse festgehalten. Die nachträgliche Identifizierung mit Hilfe von Orakeln ist Esoterikgläubigen der ‹Beweis› für die Existenz dieses kosmischen Buches.»

Dabei besteht gar kein Grund zur Sorge. «Apokalypse» heisst übersetzt nämlich nicht «Katastrophe», sondern «Enthüllung». Aber bis es so weit ist, malt man den Teufel an die Wand. Oder sieht ihn im Rauch des brennenden Tower, wie auf dem Foto des Amerikaners Mark D. Phillips. Etwas guten Willen brauchts, dafür erkennt man dann sogar, dass Satan eine rote Clownnase hat.

Nicht Dummheit und Fanatismus sind schuld, sondern höhere Mächte. Das entbindet den Einzelnen von seiner Verantwortung, löst aber gleichzeitig ein Gefühl des Ausgeliefertseins aus. Die End-zeitprognosen und Verschwörungstheorien der Ketten-E-Mail-Scherzkekse schü-ren diese Verunsicherung bis zur Hysterie.

Eins dieser Mails zeigt das Foto eines jungen Mannes auf der Aussichtsplattform des World Trade Center. Im Text wird behauptet, der unbeschädigte Fotoapparat sei in den Trümmern gefunden worden. Hinter dem Touristen nähert sich ein Flugzeug. Ein dramatisches Bild. Aber eine Fälschung. Der erste Anschlag fand um 8 Uhr 45 statt. Die Aussichtsplattform aber öffnete jeweils erst um 9 Uhr 30.
Ein weiteres Mail fordert auf, die Flug-Nummer Q33 NY zu vergrössern und auf die Schriftart Wingdings zu wechseln. Es erscheint: ein Flugzeug, zwei Hochhäuser ein Totenkopf und der Davidstern. Verblüffend. Bloss: die «Hochhäuser» stellen eigentlich beschriebene Blätter dar – und eine Flugnummer Q33 gab es nicht.

Auch scheinbar Empörendes entpuppt sich als Hirngespinst. So behauptete ein Ketten-E-Mail, die feiernden Palästinenser, die CNN zeigte, stammten in Wahrheit aus dem Golfkrieg von 1991. Auch der deutsche Nachrichtensender NTV, der die Bilder ebenfalls gezeigt hatte, bekam dieses E-Mail tausendfach. Thomas Schulz, Kommunikationschef von NTV: «Wir mussten mit einem Gegenschreiben reagieren.» Als Urheber der Meldung wurde der brasilianische Student Marcio A. V. Carvalho eruiert. Er musste sich öffentlich entschuldigen und hatte Glück, dass CNN kein bleibender Image-Schaden entstand. Das wäre teuer geworden.

Bei Katastrophen sind auch die schnellen Rechner aus der der Astrologie verwandten Sparte Numerologie zur Stelle. Ihnen stach das geballte Vorkommen der Zahl 11 sofort ins Auge. Es geschah am 11. September, dem 254. Tag des Jahres, Das ergibt die Quersumme: 11. Es bleiben 111 Tage bis zum Ende des Jahres, New York City hat – genau wie Afghanistan – 11 Buchstaben. Flug 11 schlug als erster im Nordturm ein, der die Hausnummer 11 hatte. An Bord waren 92 Menschen, Quersumme: 11. Diese Häufung ist nach Ansicht der Numerologin Christine Bengel dramatisch: «Die Elf steht für zwei Polaritäten – zwei Mächte. Es geht um ‹Zwei-Machen› und ‹Ver-Zwei-flung›.» Hinzu komme die Zahl neun des Monats. Sie stehe für Wandel und Chaos. Trotzdem wehrt sich Bengel dagegen, Voraussagen zu machen. «Jede Zahl sagt etwas über die Grundstimmung des Tages aus. Ich kann damit einen günstigen Zeitpunkte für eine Heirat berechnen, aber nicht hellsehen.»

Trotzdem sieht Bengel einen Zusammenhang zwischen den Attentaten von New York und dem Amokläufer in Zug vom 27. 9. Die kleinste Quersumme des Datums ergibt neun. «Hier geht es um Auflösung, Drama, Veränderung. Rechnet man die Quersumme des Jahres dazu, also drei, kommt man zum Schluss, dass hier ein Mensch während Jahren um ‹sein› Recht gekämpft hatte und an diesem Tag den ‹Mut› hatte, das Chaos zu inszenieren.» Bengel hält solche Zahlenspiele nicht für Unfug, sondern begrüsst deren Verbreitung durch das Internet. «Es gibt keine Zufälle», sagt sie, räumt aber ein, dass man die Rechnerei ins Uferlose treiben kann. Und sie wehrt sich vehement dagegen, mit Zahlenmagie Angst einzujagen. «Davon distanziere ich mich in aller Deutlichkeit.»

Angst und bang wird einem auch bei den Prophezeiungen von Nostradamus. Die Weissagungen des französischen Astrologen und Mathematikers berichten von Geschichtsereignissen, künftigen Herrschern, persönlichen Schicksalen, Erfindungen und Katastrophen.

Schenkt man den Interpreten Glauben, so sagte er sogar die Gefangennahme des französischen Königs Louis XVI. voraus,
Napoleons Machtergreifung, das Dritte Reich sowie den Golfkrieg. Je nach Auslegung der verschlüsselten Verse versteht sich. Einer aus dem Jahre 1654 lautet: «In der Stadt Gottes gibt es ein grosses Donnern. Wenn die Zwillingsbrüder fallen, beginnt der dritte grosse Krieg.» Beängstigend. Bloss: Nostradamus lebte von 1503 bis 1566. Und den Vers schrieb der kanadische Student Neil Marshall vor fünf Jahren im Rahmen einer Arbeit über den Seher. Marshall wollte beweisen, dass jede ungenaue Vorhersage irgendwie, irgendwo und irgendwann wahr wird. Das ist ihm gelungen.

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