Luciano Pavarotti ohne Freunde

Luciano Pavarotti

Der italienische Tenor Luciano Pavarotti beherrscht vor allem eins: Das Geldverdienen.

Der 29. Mai sollte ein grosser Tag für Luciano Pavarotti sein. Der italienische Tenor hatte zum achten Mal zu seinem Benefiz-Konzert «Pavarotti & Friends» geladen, um im Duett mit internationalen Pop-Grössen für eine bessere Welt zu singen. Doch in Pavarottis Heimatstadt Modena, wo das Konzert stattfand, tauchte kein einziger Superstar auf. Ausgerechnet beim 40-Jahre-Bühnenjubiläum des Sängers machten sich Publikumsmagneten wie Sting oder Michael Jackson rar. Jede Menge Eintrittskarten, die zwischen 15 und 900 Franken kosteten und deren Erlös den Flüchtlingen Afghanistans hätte zugute kommen sollen, blieben liegen. Am Ende karrten die Veranstalter dreihundert Rentner herbei, damit das Fernsehen keine leeren Stühle zeigen musste.

Auch die Darbietungen gerieten oft daneben. Einer der komischen Höhepunkte des Konzerts war das Duett der zwei Schwergewichte Luciano Pavarotti und Barry White, die sich gegenseitig «You’re my first, my last, my everything» ins bärtige Gesicht sangen. Als Pavarotti dann zusammen mit der englischen Pop-Band Morcheeba den Dean-Martin-Hit «That’s Amore» anstimmte, packte die italienischen Kritiker das Grauen. «That’s orrore», das ist entsetzlich, schrieb die römische Tageszeitung «La Repubblica» in einem Kommentar über die misslungene Selbstinszenierung des Sängers.

Die Italiener haben genug von «Big Luciano», den sie jahrzehntelang als Mythos verehrt haben. Wie die Pizza und die Mode ist Pavarotti, der als Nachfolger der grossen Bel-Canto-Tenöre Enrico Caruso und Benjamino Gigli gilt, eines der berühmtesten Exportprodukte des Landes. Doch in den letzten Jahren hat das Ansehen des 65-jährigen Tenors schwer gelitten.

Erst kursierten Gerüchte über eine schwere Erkrankung des fülligen Sängers, der nach Angaben der Boulevard-Presse rund drei Zentner auf die Waage bringt. Die australische Sopranistin Joan Sutherland nährte den Verdacht, als sie erklärte, dass dem Tenor der nötige Atem für schwierige Arien fehle: «Pavarotti singt nur noch lächerliche Opern wie ‹Aida› und ‹Otello›. Es ist Zeit, dass er in Rente geht.» Doch ihr korpulenter Kollege dachte gar nicht daran, den Rat zu befolgen, sondern stürzte sich in seinen zweiten Frühling: 1996 kamen die ersten Fotos in Umlauf, auf denen Pavarotti während Karibik-Ferien mit seiner jungen Sekretärin Nicoletta Mantovani flirtete, die jetzt seine Lebensgefährtin ist. Die Seifenoper um seine junge Liebe verübeln ihm die weiblichen Fans, die meist seiner Generation angehören. Sie kreiden dem dreifachen Vater an, dass er seine Familie wegen eines Mädchens verlassen hat, das jünger ist als seine eigenen Töchter. Nicoletta Mantovani ist heute 30 Jahre alt und Produzentin von Pavarottis internationalen Mega-Events.
Auch wegen seiner zahlreichen Steuerhinterziehungen hat der Tenor eine schlechte Presse. Das Delikt gilt in seinem Heimatland zwar nicht als Kapitalverbrechen, doch ein Prominenter, der sich mit Wohltätigkeitsveranstaltungen profilieren will, ruiniert sich damit seinen Ruf. Im letzten Jahr, als Pavarotti während des Schlagerfestivals von Sanremo für den Schuldenerlass zu Gunsten der armen Länder eintrat, musste er sich giftige Kommentare gefallen lassen. «Schade, dass Pavarotti bislang wenig beigetragen hat, um die Verschuldung seines eigenen Landes zu vermindern», schimpfte Kolumnist Giampaolo Pansa im Wochenmagazin «L’Espresso».

Vor einigen Wochen wurde in Modena nun offiziell ein Verfahren gegen Pavarotti eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zwischen 1989 und 1995 Steuern in Höhe von umgerechnet rund 16 Millionen Franken hinterzogen zu haben. Der italienische Fiskus will dem Sänger nicht abkaufen, dass sein Hauptwohnsitz ein vergleichsweise winziges 100-Quadratmeter-Apartment in Monte Carlo sein soll, während er in der Nähe seiner Heimatstadt luxuriöse Häuser, ausgedehnte Ländereien und einen Pferderennstall besitzt. Auch in anderen Ländern, darunter Deutschland und Brasilien, hatte Pavarotti schon Ärger mit dem Steueramt. «Ich bin ein Weltreisender, der viel verdient, aber auch sehr viel für wohltätige Zwecke ausgibt», verteidigt sich der Maestro. In Italien hält er Anteile an elf Unternehmen und Gesellschaften. Der Star ist auch mit einer Modemarke für Frauen und einem Parfüm mit dem Label Luciano Pavarotti dick im Geschäft.
Der Reichtum, den der Bäckerssohn dank seiner goldenen Stimme angehäuft hat, ist seit Jahren Hintergrund des Scheidungsdramas, das sich zwischen Pavarotti und seiner Exfrau Adua Veroni abspielt. «Adua will mich finanziell ruinieren», beklagte sich der Publikumsliebling der Teutonen bei der deutschen «Bild am Sonntag». Seine Entscheidung bereue er aber nicht, denn seine neue Freundin sei «voller Charme, liebenswert und intelligent».

Nicoletta Mantovani ist genau das, was der exzentrische Alt-Star braucht. Sie folgt ihrem Maestro auf Tritt und Schritt. Wenn er nach der letzten Zugabe hinter dem Vorhang verschwindet, wartet sie auf ihn. Aber auch an den Abenden, an denen er nicht auftritt, wacht sie bis zum Morgengrauen an seiner Seite. «Wir gehen jede Nacht erst um vier ins Bett, weil wir meistens mit amerikanischen Büros arbeiten», erzählt sie. Für die junge Frau ist das normal, sie kennt nichts anderes. Ihr Leben hat erst mit Pavarotti angefangen, als sie ihm damals, vor acht Jahren, als Hostess bei einer seiner Veranstaltungen über den Weg gelaufen ist. Heute ist sie für die künstlerische Leitung von «Pavarotti & Friends» verantwortlich. «Big Luciano» will seiner Nicoletta aber noch mehr bieten. «Wir wollen heiraten und Kinder bekommen», gestand er.

Bis dahin soll er aber ein paar Kilo abspecken. Seine zukünftige Frau setzt ihn immer wieder auf Diät, bisher allerdings ohne sichtbaren Erfolg. Luciano Pavarotti liebt die Küche seiner Heimatregion Emilia-Romagna, wo vor allem Tortellini mit Butter und Parmesan, deftiger Speck und schwerer Rotwein serviert werden. Der passionierte Esser mit der sensiblen Sängerkehle hasst aber Zigarettenrauch. Als der Tenor einmal mit dem spanischen Regierungschef Aznar und seiner Frau Ana Botella zu Tisch sass und sich die Dame nach dem Dessert genüsslich eine Zigarette anzünden wollte, fuhr er sie an: «Sie werden doch wohl nicht in meiner Anwesenheit rauchen wollen!»

Pavarotti muss alles kontrollieren, was um ihn herum geschieht. Das brachte ihm zwar schon einige Feinde, aber auch viel Geld ein. Bei dem Super-Projekt «Die drei Tenöre», das 1990 mit José Carreras und Placido Domingo in den römischen Caracalla-Thermen debütierte, hat sich der Maestro selbst um das Management gekümmert. Seinen Kollegen war das recht. Sie haben mit den Einnahmen aus Konzerten und TV-Übertragungsrechten ein Vermögen gemacht. Von den italienischen Musikkritikern muss sich Pavarotti aber immer öfter den Vorwurf gefallen lassen, dass er kein Künstler, sondern ein Manager sei, der eine «Geldfabrik» verwalte.
Den Maestro ficht dies wenig an. Die Bühne von «Big Luciano» ist der globalisierte Markt. Wenn ihn die Italiener nicht mehr lieben, dann sucht er sich eben neue Freunde. Bei «Pavarotti & Friends» begrüsste ihn sein japanischer Fanklub am Bühneneingang mit Plakaten, einer lebensgrossen Pavarotti-Puppe und grossem Jubel. Die Japaner folgen ihrem Idol seit seinem Tokio-Besuch vor sechs Jahren zu jedem Auftritt.

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