Jüngster Tag auf CNN

Jüngster Tag auf CNN

Wie vom Kino abstrahieren? Wie den Ernstfall ernst nehmen? Im TV wirkte America under attack vergleichsweise flau.

Wenn man geschockt ist, versagt das Hirn bei der Zensur der Gedanken; in Krisenlagen fällt einem manches ein, was der gravierenden Realität unangemessen ist. Ich gestehe, als
am Dienstagnachmittag die ersten Bilder vom brennenden World Trade Center über den TV-Schirm flimmerten, da schoss mir durch den Kopf: Dieses Gebäude habe ich auch schon gerammt, und mit mir all meine Kumpels und viele andere Computer-User. Auf dem beliebten «Flight Simulator», wo man sich ein Flugzeug aussucht und dazu eine Landschaft. Ich wählte bei meinen Sessions gern einen Jet und als spektakuläres Szenario New York. Ich bog dann jeweils in die Häuserschluchten von Manhattan ein. Steuerte aufs World Trade Center zu und zerschellte daran.

Inzwischen hat die Realität das Spiel eingeholt, ist die Game-Katastrophe Wirklichkeit geworden. Doch die realistische Simulation war zuerst da. Und so fiel es mir vorerst schwer, jenes Flugzeug ernst zu nehmen, welches den echten Tower in den TV-Endlosschleifen immer wieder rammte. Seltsam irreal, ja virtuell sah das aus. Und wirkte wie ein Fake auch neben den diversen Hollywood-Filmen, die solche Desaster gekonnt rhythmisieren und personalisieren, von der Halbtotalen aufs Gesicht des gestressten Helden fokussieren und zurück. Das macht Eindruck, unserm visuellen Gedächtnis bleiben die künstlichen Katastrophenszenarien. Sie sind dann bereits da, wenn sie wirklich werden.

Die Filmbilder triumphieren über die Fernsehbilder. Kino gehorcht einer ausgeklügelten Dramaturgie, deren Regeln das wahre Leben nicht immer folgen kann. Die Ereignisse in New York und Washington gaben ein hohes Tempo vor, Adrenalin wurde anfangs reichlich ausgeschüttet. Doch dann blieb den Medien nichts anderes, als das Gezeigte zu rezyklieren; eine jener Markt-Situationen, wo Angebot und Nachfrage sich spektakulär verschieben. Normalerweise hat man 50 TV-Kanäle zur Auswahl, doch würden auch 10 reichen. Diesmal wars anders, herrschte medialer Ausnahmezustand: Auf allen 50 Kanälen suchte man Neues, doch eigentlich führten alle 50 bloss immer wieder die wenigen CNN-Aufnahmen vor, ergänzt ab und zu um eine Computeranimation, ein Amateurvideo oder die Aussagen irgendwelcher Leute. Einer der wenigen Augenzeugen, die durch Beobachtungsgabe aus der Masse herausstachen, kam auf SF DRS zu Wort, ein Schweizer vor Ort, der die Farbe des zweiten Flugzeugs nannte (Blau), seine Anflugrichtung (von Süden), sein Verhalten (es benahm sich wie ein Militärflugzeug). Wohltuend klares Votum angesichts der vielen Brabbler: «Dann sahen wir das Flugzeug. Dann gab es einen Feuerball.»

Schon früh ventilierte ein US-Militär: «Pearl Harbor Nummer zwei.» Einprägsame Formel. Die gut meinende Grossmacht wurde also zum zweiten Mal nach 1941 am Boden zerstört, aus heiterem Himmel, aus der Luft. Ein Angriff auf die ganze Menschheit sei dies, ein Angriff auf die zivilisierte Welt, ein Angriff auf uns alle, äusserten besorgte Politiker im TV. Als anschliessend jubelnde Palästinenserinnen und Palästinenser in Ostjerusalem gezeigt wurden, zerstörten die Bilder allerdings den humanistischen Harmonieanspruch der vorangegangenen Statements. Offenbar sind das halt unzivilisierte Barbaren. Oder dann … Pardon! Weiterführende Gedanken zur Rolle Amerikas in der Welt waren zu jenem Zeitpunkt tabu und dürften es noch lange bleiben. Zumindest in der medialen Öffentlichkeit.

Und noch ein pietätloser Gedanke: Schwer wars, angesichts der einbrechenden Zwillingstürme nicht an Babel zu denken, an den himmelwärts strebenden Turm, den frivole Menschen laut Bibel bauen, bis er einstürzt. Der Gedanke ist aber eventuell gar nicht so frivol, denn er ist original amerikanisch und äusserst massentauglich. In den USA gibts ja die unglaublich erfolgreiche «Left-Behind»-Roman-Serie des Autorenduos Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, seit 1995 millionenfach verkauft. Die Serie schildert genüsslich blutig die Apokalypse in Amerika. Aus christlicher Sicht und in christlicher Absicht: Erdbeben, brennender Hagel, üble Seuchen versehren die Nation. Nur diejenigen überleben, welche nicht ums goldene Aktienkalb tanzen, nicht dem Kult des Geldes verfallen sind, der sich in Manhattans Skyline verkörpert. Ob die predigenden Bestseller-Autoren den Jüngsten Tag gekommen sahen, als sie CNN schauten, wissen wir nicht. Sicher ist, dass manch frommem Bible-Belt-Fundamentalisten, manch fanatischem Militia-Anhänger just Manhattan als gottloser Finanzmoloch und Sündenpfuhl gilt. Schon wieder Symbole, die wir beim TV-Schauen in die Bilder legen: Alttestamentarische Steinwüsten erblickte man am Dienstag, wo einst zwei besonders mächtige Hochhäuser Richtung Schöpfer stachelten.

«America under attack», lautete das bewundernswert prompt gedichtete CNN-Logo zu den Attentaten. Im Kino werden die Attacken auf Amerika allerdings in der Regel von tapferen Agenten im letzten Moment verhindert. Eine spektakuläre Ausnahme ist «Independence Day» von Roland Emmerich, an dessen Bilder sich mehrere Kommentatoren in ihrer verbalen Ohnmacht erinnert fühlten. Die Story des Films von 1996: Die Ausserirdischen machen mehrere Grossstädte inklusive New York platt. Der Präsident himself besteigt, als es schliesslich zum Endkampf kommt, einen Jetfighter und tut sich am Steuerknüppel als begabter Rächer hervor: mehrere Abschüsse, great! Wohingegen der reale Bush nach einem ersten Knapp-Statement in den bombensicheren Unterstand abtauchte – subterranean government, bunker administration. Frappierender Eindruck vor dem TV: Das offizielle Amerika verschwindet, ist über Stunden kaum präsent, nachdem sein Führer doch von Widerstand in Stärke gesprochen, den
unbekannten «Feigling» angeprangert und Vergeltung angekündigt hat. Es war der Versuch des Ohnmächtigen, Macht zu demonstrieren.

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