Jim Morrisons Message

Jim Morrisons Message

Dreissig Jahre nach seinem Tod brennt das Feuer, das er mit den Doors entzündet hat, immer noch. Jim Morrison, Rockpoet und Unruhestifter, lebt.

Come on baby, light my fire. Paris hat Fieber. Zehntausende Fans aus aller Welt sind letzten Dienstag in der Stadt eingefallen, um den 30. Todestag von Jim Morrison zu feiern. Den wenigsten gelang es, sich bis zum Grab auf dem Friedhof Père Lachaise im 20. Arrondissement durchzukämpfen. Die Polizei markierte Präsenz, nachdem es vor zehn Jahren zu wüsten Ausschreitungen gekommen war. Das Grab ist einfach zu finden. Sprayereien weisen den Weg. Die Stätte selbst: ein schlichter Marmorwürfel. James Douglas Morrison. Eingezwängt zwischen Grabsteinen französischer Familien.

Nach Paris kam auch Ray Manzarek, 62, Keyboarder der Doors und Jims bester Kumpel. Er signierte Bücher und Platten und führte am Abend im Pariser Theater Les Bouffes du Nord durch eine exquisite Party, an der zum Teil unveröffentlichte Filme gezeigt wurden. Filme von Jim. Mit Jim. Über Jim. Die Legende lebt.
«Jim hätte Spass daran, wie auf seinem Grab gefeiert wird», sagt Manzarek. Morrison liebte, was Aufruhr verursacht und Autoritäten zur Weissglut bringt. «Ich interessiere mich für alles, was mit Revolte, Unordnung, Chaos zu tun hat. Speziell für Aktivitäten, die offensichtlich keinen Sinn machen», sagte Morrison einmal. Try to set the night on fire. Am 3. Juli 1971 starb Jim Morrison vermutlich im Badezimmer einer Pariser Wohnung. Vermutlich an Herzversagen infolge Alkohol- und Drogenmissbrauchs. Er war erst 27. Doch das Feuer, das er mit den Doors entzündet hatte, brennt dreissig Jahre nach seinem Tod noch immer. Nicht nur in Paris. Weltweit gedenkt die Doors-Gemeinde mit Celebration-Partys, Tribute-Konzerten und Poesie-Lesungen des düsteren, schönen Acid-Rock-Engels.

Die Fans betrachten ihn als Sexsymbol. In der Doors-Biografie «Keiner kommt hier lebend raus» vergleichen die Autoren Morrison mit Dionysos, dem griechischen Gott der Ausschweifung. Er brach jedes Tabu, führte und verführte seine Anhänger. Verschliss Frauen und zog seine Freunde in einen Strudel unbändiger Lebenslust. Um sie dann verwirrt ihrem Schicksal zu überlassen. Morrison, der Unruhestifter, der Säufer, der kaum einen Tag nüchtern war. Der Lizard-King, der sich alles erlaubte. Schmerzhaft wie ein Furunkel am Hintern. Aber auch Morrison, der Türöffner zu einer anderen Welt. Der hilfsbereite, bescheidene, charmante und tiefgründige Denker. Der Avantgarde-Filmer und Nietzsche-Verehrer, der wunderbare Texte schrieb.
Jim hasste den Starkult um seine Person. Er empfand sich als Viertel einer Band. Punkt. Einmal weigerte er sich, die Bühne zu betreten, nachdem der Veranstalter dem Publikum Jim Morrison und die Doors angekündigt hatte. «Wir sind die Doors», herrschte Jim den verdatterten Mann an. «Geh nochmal raus und sag uns richtig an. Wir sind die Doors!» Morrison am Mikrofon, Ray Manzarek am Keyboard, Robby Krieger an der Gitarre und John Densmore am Schlagzeug bildeten eine Einheit, die sich gegenseitig zu Höhenflügen anspornten, zum archaischen Ritt auf der Schlange.

Jim Morrison in seiner besten Zeit war schön wie ein junger Gott. Lockige, lange Haare – die Frisur hatte er bei Alexander dem Grossen abgeschaut – enge, auf den Hüften sitzende Lederhosen mit breitem Gurt, offenes Hemd und dunkle Pilotenbrille. Würde er heute in dieser Aufmachung durch eine westliche Grossstadt spazieren, sähe sein Look dank aktuellem Siebzigerjahre-Revival äusserst trendy aus.

In genau dieser Aufmachung wird am kommenden Wochenende in Baden ein junger Mann auf der Bühne stehen. Nigel Feist, 31, ist der Sänger einer der besten Coverbands, den LA Doors. Feist wird das Mikrofon umfassen wie einen Phallus. Er wird sich winden wie Jim, singen wie Jim. Zumindest von weitem und im Licht der Bühne wird er sogar aussehen wie Jim. Und das Publikum wird sich willig der Il-lusion hingeben. Die LA Doors benutzen Instrumente aus den Sechzigerjahren, und selbst die Lichteffekte sind originalgetreu. «Ich schlüpfe für zwei Stunden in die Haut von Jim Morrison. Dann bin ich er», erklärt der Engländer Nigel Feist. So sehr er Parallelen zwischen sich und seinem Vorbild sieht – Identitätsprobleme hat er keine. Es fällt ihm leicht, nach dem Spektakel wieder sich selber zu werden. Schliesslich
sei er kein schizophrener Maniac, der sich konstant für jemand anderen halte, sagt Feist.
Seit etwa sechs Jahren tourt er als Jim durch ganz Europa. Frust darüber, jeden Abend dieselbe Bühnenekstase liefern zu müssen, sich nie weiterentwickeln zu können, hat Feist trotzdem nicht. «Ich bin ein miserabler Songschreiber, aber ein guter Performer. Darum macht es für mich Sinn und Spass, Jim zu imitieren.»

Mag die Band falsch sein, die Emotionen, die sie entfacht, sind echt, wie die LA Doors vor einem Jahr in der Zürcher Kaserne bewiesen. Diesmal ist der Gig Teil der Doors-Celebration-Festivitäten, die Pino Quaresima, 33, am kommenden Wochenende in Baden (ABB-Halle 36) veranstaltet. Seit Jahren organisiert er alle drei, vier Monate in der Schweiz Doors-Partys für jeweils sieben- bis achthundert Leute. Der Bedarf für mehr ist da, aber Quaresima will die Doors-Euphorie nicht bis zum bitteren Ende vermarkten. «Ich will nicht jedes Wochenende etwas machen», sagt er, «sonst nützt es sich ab. So aber fiebern die Leute auf jede Party hin.»

Die Faszination der Original-Doors auf ihre Zeitgenossen lässt sich nur erahnen. Sie zu erklären, liess Psychologen und Soziologen scheitern. Warum die Doors heute gerade ein junges Publikum anziehen, ist ein Rätsel. Jung zu sterben, ist hilfreich, reicht aber nicht als Erklärung für den Kult. «Unsere Musik verkörpert den Geist der Freiheit, und der ist unsterblich», glaubt Keyboarder Manzarek.

Sechs Alben veröffentlichten die Doors zu Jims Lebzeiten. Viermal schafften sie eine Nummer eins in der US-Hitparade. «Light My Fire», «Riders on the Storm», «LA Woman» oder «The End» sind heute Klassiker, die in allen möglichen Versionen den Markt überschwemmen. Sie brennen sich noch immer ins Ohr. Hinterlassen Spuren, wiegeln auf, verwirren, betören durch die düstere Schwere. Mit Texten voller sexueller Anspielungen, Todessehnsucht und Schmerz. Die Kombination von Jims Poesie mit den hypnotischen Orgelsalti von Ray Manzarek zieht in eine mystische Trance. «Es gibt das Bekannte, und es gibt das Unbekannte», erklärte Jim einmal einem Reporter, «und dazwischen sind die Türen» (Doors).

In den späten Sechzigern war die Band eine Zumutung für anständige Bürger. Zeilen wie «Girls we couldn’t get much higher» – eine Anspielung sowohl in sexueller Hinsicht als auch in Bezug auf Drogenkonsum – brachten nationale Fernsehshows an den Rand des Kollapses. Jim Morrisons laszive Bühnenspektakel riefen Hundertschaften von Polizisten auf den Plan, die für Einhaltung moralischer Grenzen sorgen sollten. Publikum wie Gesetzeshüter warteten nur darauf, dass Mr. Mojo Risin’ Obszönitäten ins Mikrofon stöhnte – oder besser gleich die Hosen runterliess. Nachgesagt wurde es ihm oft. Bewiesen nie. Selbst beim legendären Konzert 1969 in Miami, das Jim eine empfindliche Geldstrafe und acht Monate Zwangsarbeit wegen öffentlicher Entblössung und Gotteslästerung einbrachte, war auf keinem der 150 Beweisfotos Jims Penis zu sehen.
Trotzdem beendete der Skandal beinahe seine Karriere. Besorgte Veranstalter sagten bereits ausverkaufte Konzerte ab. Moralapostel organisierten gut besuchte Protestveranstaltungen. Radiostationen setzten die Band auf den Index. Die Plattenverkäufe gingen massiv zurück. Die Doors haben überlebt. Der Name stand immer für mehr als «nur» Musik. Die Doors seien, beschrieb Jim, die Vermählung von Rockmusik mit Poesie. Vermischt mit Theater und Drama. Morrison hatte an der Universität von Los Angeles Filmwissenschaft studiert. Er las wie ein Besessener, war fasziniert von Philosophie und Psychologie. Mehr denn als Sänger sah sich Morrison als Poet. Nichts wünschte sich der Sohn eines US-Admirals sehnlicher als die Anerkennung als Dichter. Heute gehören seine Gedichte zum Pflichtstoff in mehreren amerikanischen Universitäten, und Literaturprofessor Wallace Fowlie schrieb ein viel beachtetes Buch: «Rimbaud und Jim Morrison: Der Rebell als Poet». Bei seinem Tod hinterliess Jim Morrison mehrere Filme, vier Gedichtbände und rund 1600 Seiten mit Geschichten, Gedichten, Anekdoten, Songtexten sowie Konzepte für Theaterstücke und Drehbücher.

So zerrissen er im Leben war – «Hört», rief er bei einem Konzert ins Publikum, «ich bin allein. Ich brauche etwas Liebe. Mag denn niemand meinen armen Arsch?» -, so wohl dürfte ihm auf dem Friedhof Père Lachaise sein. Umgeben von Geistesgrössen wie Balzac, Baudelaire und Paul Verlaine. Gegen 100 000 Leute besuchen jedes Jahr das Grab. Es gilt als drittwichtigste Attraktion von Paris – nach Eiffelturm und Louvre. Und noch vor dem Alama-Tunnel, in dem Prinzession Diana verunglückte. Bald könnte es damit aber vorbei sein. Die Angehörigen der umliegenden Grabbewohner empfinden die Nachbarschaft des Rockstars als Ärgernis. Die Fans zertrampeln alles, was zwischen ihnen und ihrem Liebling liegt, verschmieren Grabsteine und feiern bei Jim fröhliche Orgien. People are strange. Pamela Courson, seine langjährige Freundin, hatte das Grab für dreissig Jahre gepachtet. Am Freitag, dem 6. Juli 2001, läuft der Vertrag aus. Die Verwaltung des Friedhofs ist wild entschlossen, den Störenfried auszugraben und loszuwerden. Das allerdings wäre eine gute Gelegenheit nachzuschauen, wer wirklich dort liegt. Denn weder die drei anderen Doors noch Manager Bill Siddons haben je Jims Leiche gesehen. Gefunden wurde er von Pamela, mitten in der Nacht, in der Badewanne. Ihre diffusen und sich widersprechenden Versionen der Todesnacht brachten die Gerüchteküche zum brodeln. Zudem wurde nie eine Obduktion durchgeführt. Ob Jim – wie viele behaupten – noch lebt und mit ihrer Hilfe sein Ende inszenierte, um endlich Ruhe zu haben, kann Pamela nicht mehr sagen. Sie starb drei Jahre nach Jim an einer Überdosis Heroin. Der blaue Bus ist abgefahren.

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