Hier bin ich! – Privates auf ihrer Homepage

Hier bin ich! - Privates auf ihrer Homepage

Immer mehr Leute machen Privates auf ihrer Homepage öffentlich und wollen nur eines: wahrgenommen werden.

Es ist aus mit uns, sagte Judith und verreiste. Völlig unerwartet verliess die lebenslustige 20-Jährige aus dem Aargau ihren Freund, dem sie kurz zuvor noch die Verlobung versprochen hatte. Das war vor zwei Monaten, und am 24. Juni notierte der Webmaster auf judith.ch: «Leider enden hiermit auch die Updates dieser Website.» Hintergrund des Unglücks: Der Webmaster von judith.ch war auch Judiths verschmähter Liebhaber.

Eine Geschichte, die das Leben schrieb. Solche und ähnliche Tragödien sind Tag für Tag auf Websites nachzulesen. Seiten wie judith.ch gibt es im Internet zu Tausenden. Auf privaten Homepages verraten susi.ch und dani.ch, werni.ch und manu.ch Intimstes aus ihrem Leben – formal oft handgestrickt.

Fotos aus den Amerika-Ferien und vom Geburtstag des Ehemanns, lustige Witze, Tagebucheinträge, die Rezeptsammlung der Ehefrau und komplette Adressangaben – immer mehr Schweizerinnen und Schweizer machen Privates im Internet öffentlich. «Rund 40 Prozent unserer Kunden sind Privatpersonen», bestätigt Guido Honegger den wachsenden Trend zur eigenen Homepage. Der Geschäftsleiter des Internet Service Provider green.ch, wo eine eigene Domain monatlich 22 Franken kostet, hat erkannt: «Heutzutage leistet man sich das.» Auch Barbara Stöckli vom Service Provider tiscalinet.ch weiss: «Die Zahl privater Homepages wächst konstant.»
Genaue Zahlen werden von der Schweizer Registrierungsstelle switch.ch, wo 400’000 Domains gemeldet sind, nicht erhoben. Genaueres weiss man aus Deutschland: Dort stieg die Zahl privater Homepages letztes Jahr um 184 Prozent. Ende 2000 war nur noch jede fünfte Domain auf ein Unternehmen eingetragen; 1994 waren es mehr als die Hälfte.

Das digitale Poesiealbum boomt. Sandy.ch ist 28 Jahre alt, hört Züri West, liebt Paprika-Pommes-Chips, Filme mit Val Kilmer und ihren «Darling» Chris. Patricia.ch ist 30 Jahre alt, 195 cm gross («leider»), zieht sich gerne schön an und versucht einfach nur, sich wie eine richtige Frau zu geben: «Ich esse keine Kinder und nehme keinem etwas weg», notiert sie auf ihrer Homepage. Offenbar wichtig, denn Patricia ist Crossdresser, ein Transvestit. Fido.ch indessen macht mehr auf Männlichkeit. Er ist ein snowboardverrückter Jurist mit kynologischem Übernamen. Einen richtigen Hund gibt es auf nici.ch. Ein Welpe – jö, wie herzig. Beinahe die gesamte Vor- und Nachnamenpalette findet sich mit Dot-ch-Endung im Internet. «Die Leute haben genug von ‘global’ und ‘big’», sagt Guido Honegger von green.ch. «Sie wollen ‘unique’ sein.» Honegger unterscheidet drei Kategorien von Privaten im Internet. Selbstdarsteller, die sich mit möglichst vielen Fotos präsentieren. Pragmatiker, die sich die Geburtsanzeige fürs Baby an Freunde und Verwandte sparen wollen. Und Kontaktfreudige, die beispielsweise Ahnenforschung betreiben.

Der Urner Sandy Trutmann ist kontaktfreudig. Er ist Amateurfunker mit Rufzeichen HB9JAO – nachzulesen auf mypage.bluewin.ch/sandy – und verbindet das heimatliche Altdorf mit der ganzen Welt. «Ich baue Kontakt mit fremden Ländern auf», sagt der Swisscom-Mitarbeiter. Dank seiner Stationsbeschreibung im Internet trat er schon mit Japanern in Kontakt. Seine Homepage dient ihm auch als Trödelmarkt. Wenn auf Trutmanns Estrich eine Bandsäge oder ein Discman ungebraucht herumliegt, dann offeriert er die Dinge auf seiner Webpage zum Verkauf. «Das gibt jeweils eine Zehnernote.»

Das Bedürfnis nach Kontakt und nach grösserem Selbstwertgefühl zählt für Josef Lang zu den Hauptgründen, die Privatpersonen ins Internet führen. Der Aargauer Fachpsychologe FSP: «Viele Menschen sind einsam. Eine eigene Homepage, auf der sie sich mit ihrem Hobby oder auch mal erotisch präsentieren, dient als Köder, sich mit anderen zu vernetzen.» Darauf deuten die zahlreichen eigenen Chats und Gästebücher hin. Fotos regen zum Träumen an – vor allem von sich selbst. Lang: «Es reizt, sich zu zeigen und von der Fantasie zu zehren, was sich aus solchen Fotos ergeben könnte.» Schliesslich kommt Prestige hinzu. «Was für die einen eine bestimmte Automarke ist, ist für andere ein eigener Internetauftritt: Es macht sich gut.»

Gar von der Muse geküsst ist Corinna Sameli aus dem zücherischen Weiningen: «Hört doch – hört ihr das Singen der Vögel im Strauch und das Zirpen der Grillen?» Poesie dieser Art nennt die Domain-Inhaberin von corinna.ch «Jagdtrophäen». Sie sammelt im Internet Gedichte von Laien und macht diese wiederum anderen zugänglich. Zum Dank erhält sie E-Mails von Lesern ihres Sammelguts, die sich für das vermittelte «schöne Gefühl» bedanken. Ein Internetauftritt mit Mission. «Es passt zu meiner Person, etwas weiterzugeben», sagt die Junior Consultant einer Webdesignerfirma. Fotos von sich hat sie auch ins Netz gestellt, aber nur ganz kleine: «Ich will mich zwar präsentieren, aber nicht vordergründig. Die Bilder sollen die Fantasie anregen.»
«Noch nie huldigten die Menschen im Kollektiv mit solcher Hingabe ihrer Anziehungskraft auf fremde Aufmerksamkeit wie in den heute reichsten und höchst zivilisierten Gesellschaften», sagt der deutsche Soziologe Georg Franck. Für das herrschende Informationszeitalter hat Franck die «Ökonomie der Aufmerksamkeit» ausgerufen: «Aufmerksamkeit als empfangene Zuwendung beginnt als neue Währung dem Geld den Rang abzulaufen.» Nicht der sorglose Genuss, sondern die Sorge, dass die andern einen ja auch wahrnehmen, werde zum tragenden Lebensgefühl und zur herrschenden Lebensangst in der Wohlstandsgesellschaft. Mit einer eigenen Homepage rücken gesellschaftlicher Ehrgeiz und das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ins Zentrum der Lebensinhalte.
Margrith.ch zeigt ihr nettes Haus auf dem Land, marlene.ch ihre Wohnung in der Stadt und gabi.ch ihren VW Beetle. Hausi.ch zeigt seine gut ausgebildete Brustmuskulatur und seinen Waschbrettbauch, mario.ch den Stammbaum seines Yorkshire Terrier Giango und sepp.ch seine Schützenkameraden vom Militärschiessverein Brunnen.

«Die Produktion von Aufmerksamkeit scheint zu einem zentralen Erklärungs-muster der Ökonomie der Informationsgesellschaft zu werden», haben die deutschen Volkswirtschaftler Andreas Brill und Michael de Vries auf kunstforum.de festgestellt. Dieser Erkenntnis kommt das Internet als demokratisches Medium entgegen: «Alle Websites sind prinzipiell gleichberechtigt. In der Architektur des Mediums hat die private Homepage von Hans Wurst aus Klein-Stretstaken den gleichen Status wie die Website von Warner Brothers.»

Pascale.ch ist Mutter von Aline, albi.ch ist Ferrari-Fan, «Matrix» ist der Lieblingsfilm von marcel.ch, manu.ch kennt das Rezept für «Moccamilch», johnny.ch ist seit 32 Jahren mit Kathrin verheiratet, conny.ch fotografiert in ihrer Freizeit und ist nicht zu verwechseln mit Conny aus «Big Brother» – keine Aussage zu banal, um nicht aufs Netz zu gehen.

Im Einzelfall dient sie als elektronische Visitenkarte. Auf Stefan Näffs Homepage finden sich im Wesentlichen seine Telefonnummern und seine Adresse. Den Sinn von naeff.ch sieht der Informatiker und Höhlenforscher rein pragmatisch: Als er kürzlich nach Turgi AG zügelte, orientierte er Freunde und Verwandte via Internet über den Umzug. «Das sparte die Kosten für die Postkarten.» Für die Familie stellte er gleich auch noch ein paar Fotos von seiner Hochzeit mit Claudia ins Netz – und für allfällige Besucher gibts eine detaillierte Wegbeschreibung zum neuen Heim.

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