Hans J. Massaquoi – Zur falschen Zeit am falschen Ort

Hans J. Massaquoi

Als Sohn eines Afrikaners überlebte er in Hamburg die Nazizeit. Jetzt legt der US-Starjournalist Hans J. Massaquoi seine bewegenden Memoiren vor.

Hans-Jürgen, zehn Jahre alt, unerwünscht. Einen Tag bekommt jene Klasse frei, die als erste geschlossen der Hitlerjugend beitritt, hat die Schulleitung bekannt gegeben. Hans-Jürgen will, dass seine Klasse gewinnt, er meldet sich zum Beitritt. Doch er darf nicht. «Du bist ein deutscher Junge, aber leider nicht wie alle anderen», sagt der Lehrer.
Da hat er nicht ganz unrecht. Hans-Jürgen, Jahrgang 1926, hat zwar eine deutsche Mutter, spricht Platt, jubelt Hitler zu, als der im Konvoi vorbeifährt. Hans-Jürgen hat aber krause Haare und dunkle Haut. Hat unverkennbar afrikanisches Blut. Hat einen afrikanischen Vater. «Nicht-arier», «Kaffer», «Hottentotte» nennen ihn die Nazis.
Und doch überlebt der Sohn einer deutschen Krankenschwester und eines liberianischen Diplomatensprosses das «Dritte Reich». Jetzt legt Hans J. Massaquoi seine Autobiografie vor. «Neger, Neger, Schornsteinfeger» handelt von einem Leben als «Alien». Ein bewegendes Buch.
Es ist in diesem Herbst schon der zweite Bericht eines Überlebenden. Mit dem jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der die Memoiren «Mein Leben» publizierte, verbindet den Halb-Afrikaner nicht nur die Opfer-Perspektive, sondern auch der Beruf. Massaquoi, heute 73, stieg später in Amerika zum Chefredaktor von «Ebony» auf, der grössten Zeitschrift der Afroamerikaner.
Damit sind die Gemeinsamkeiten erschöpft. Reich- Ranicki wurde als Jude nach Polen deportiert. Massaquoi hingegen überstand Naziterror und Krieg in Deutschland. Seine Erklärung dafür, dass er nicht im Konzentrationslager endete: Im Gegensatz zu den Juden gab es in Deutschland so wenige Schwarze, «dass die Nazis sie bei ihren Vernichtungsplänen als relativ unbedeutend einstuften».
Mit einzelnen Schrecknissen beginnt alles. Eines Abends 1934 in Hamburg will der neugierige Achtjährige die NSDAP-Kneipe «Zanoletti» besichtigen. Ein SA-Mann entdeckt ihn, packt ihn, schleppt ihn durch die grölenden Braunhemden zur Bühne. Die Menge tobt unberechenbar. Da stellt sich dem Grobian eine zornige Frau entgegen, entreisst ihm das Kind: Massaquois Mutter.
«Deutschlands Retter» Hitler hat da für Massaquoi wie für die meisten anderen Kinder noch «gottähnlichen Nimbus» und nichts mit den pöbelnden SA-lern zu tun. Doch die schlimmen Erlebnisse häufen sich. Eine Frau scheucht Hans-Jürgen vom Spielplatz. «Nicht-Ariern ist das Betreten dieses Spielplatzes strengstens verboten», steht da plötzlich. «Wieso bin ich dann Nicht-Arier, weil mein Vater Afrikaner ist, und nicht Arier, weil meine Mutter Arierin ist?», fragt Hans-Jürgen.
Düstere Zeiten. Wegen «Rassenschande» wird Mutter Bertha entlassen. Die jüdische Arztfamilie, bei der sie putzt, begeht Selbstmord. Und Hans-Jürgen muss sich im Fach «Rassenkunde» den Lehrer Dutke anhören. «Ich würde mich nicht wundern, wenn euer Klassenkamerad eines Tages zum asozialen Subjekt wird, beispielsweise ein Krimineller oder Alkoholiker», sagt Dutke über ihn.
Dabei kommt Hans-Jürgen Massaquoi aus der Oberschicht. Sein Grossvater Momolu war im Grenzgebiet zwischen Liberia und der Kolonie Sierra Leone König des Volks Vai. Dann geriet er in liberianische Parteienkämpfe, wurde 1922 als Generalkonsul nach Hamburg abgeschoben. In der Diplomatenvilla wächst Hans-Jürgen auf, Frucht der Liaison von Momolus verzogenem Sohn Al-Haj mit der Krankenschwester Bertha Baetz, die Momolu nach einer Operation pflegte.
Das Idyll mit weissen Dienstboten hält, bis Momolu als Präsidentschaftsanwärter samt dem heiratsunwilligen Al-Haj 1929 nach Liberia zurückfährt. Hans-Jürgen kann nicht mit, denn er hat soeben mehrere Kinderkrankheiten überstanden. Der Luxus hat abrupt ein Ende: Mutter und Sohn ziehen in eine Mansarde im Arbeiterviertel Barmbek. «Statt der freundlichen Blicke und schmeichelhaften Komplimente, die ich gewohnt war, erntete ich nun neugierige, mitunter sogar feindselige Blicke und Beleidigungen.»
Wenig später machen Mutter und Sohn einen Ausflug zum berühmten Tierpark Hagenbeck. Dort gerät Hans-Jürgen an das «Afrikanische Dorf»: strohgedeckte Lehmhütten, barfüssige Statisten in Lumpen, Frauen, die Maismehl mörsern. Plötzlich passiert es: Die Afrikaner im Gehege entdecken den Verwandten in der Menge. Und die Menge entdeckt Hans-Jürgen, gafft und johlt.
Seine Andersheit wird Hans-Jürgen sukzessive beigebracht. Obwohl er Hitler, Goebbels und Göring als Spielzeug-figuren besitzt, darf er nicht beim Jungvolk mitmachen. Darf mit 14 nicht an die Landesmeisterschaft im Boxen, auch wenn er Talent hat. Darf trotz bester Noten nicht aufs Gymnasium. Gut tut ihm, als 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin der schwarze Läufer Jesse Owens abräumt. «Jeder weiss, dass ein Pferd dem Menschen körperlich überlegen und geistig unterlegen ist. Dasselbe gilt für die Hottentotten aus Amerika», kontert Lehrer Dutke. Mit einem Zuckersud will Hans-Jürgen seine Haare glätten.
Massaquoi erlebt auch Menschen, die Rassismus ablehnen oder für ihn eine Ausnahme machen. Gerade die feinen Risse im Bild vom nationalsozialistischen Einheitsstaat, den die Heutigen sich homogen vorstellen, machen die Autobiografie faszinierend. Die Wirklichkeit von damals hat ihre Abweichungen, Nuancen, Widersprüche.
Da ist etwa Fräulein Beyle, die Lehrerin. Sie heuert für Hans-Jürgen, als er auf dem Schulhof gehänselt wird, den älteren Wolfgang als Beschützer an. Ein plausibler Widerspruch, dass der blonde und blauäugige Wolfgang, der Hans-Jürgen beisteht, bald einen Hitlerjugendtrupp anführt, später in die Waffen-SS eintreten und im Kampf fallen wird.
Ebenfalls fanatischer Hitlermann und farbenblind ist Schlosser Morell, vormals ein stiller Malocher, nun ein «schneidig uniformierter Kleinstwürdenträger». Hans-Jürgen ist mit dessen Sohn Karl eng befreundet, geht bei Morells ein und aus. Blockwart und Quartierspitzel Morell akzeptiert Hans-Jürgen: «Zum Kummer meiner Mutter war ich bei dem grössten Nazi unseres Viertels – sozusagen in der Höhle des Löwen – praktisch wie zu Hause.»
Ein trügerischer Friede. «Wenn wir mit den Juden fertig sind, bist du und deinesgleichen nämlich als nächstes dran», zischelt ein Lehrer. Lebensgefährlich ist Hans-Jürgens Liebe zu Gretchen. Die zwei nehmen zu Ausflügen immer einen Freund als Anstandsperson mit. Die Nürnberger Rassengesetze gelten. «Nichtarier» dürfen mit deutschen Frauen keinen sexuellen Umgang haben oder sie gar heiraten.
Brisant ist auch Massaquois’ Kontakt mit den «Swingboys». Wie heute die Punks rebellieren diese gegen jeden Konformismus. Freilich mit übertrieben eleganter Kleidung. Im «Café König» hören sie «Negermusik», Jazz also. Hans-Jürgen ist dabei. Oft greifen Hitlerjugend-Streifen einzelne Swingboys auf. Hans-Jürgen kann sich jeweils verdrücken. Rund 70 Swingboys endeten im KZ.
Auch dem Schicksal der «Rheinland-Bastarde» entgeht Massaquoi. Viele der dunkelhäutigen Kinder, welche deutsche Frauen im Ersten Weltkrieg und danach mit französischen und belgischen Kolonialsoldaten zeugten, kamen im KZ um.
Der Krieg bringt ab 1939 – da ist Massaquoi 13, müssen seine Klassenkameraden an die Front – immer mehr Härten. Massaquoi, bald Bauschlosserlehrling, wird auf der Strasse von einem Frontheimkehrer angegriffen. In der Werkstatt als Saboteur verdächtigt und fast der Gestapo gemeldet. Auf dem Heimweg wegen seiner Schweisserbrille und dem ölverschmierten Overall für einen abgeschossenen US-Piloten gehalten und beinahe gelyncht.
Dem Tod am nächsten ist er mit Hunderten anderer Hamburger im Sommer 1943. Da läuft die «Operation Gomorrha», ein zehntägiges Bombardement. Im Luftschutzkeller ersticken die Leute fast, derweil auf den Strassen 800 Grad Hitze herrschen, 41 000 Menschen sterben.
Als Gauleiter Karl Kaufmann schliesslich Hamburg kampflos den Briten übergibt, fällt die Angst von Massaquoi ab, «erniedrigt, verspottet, meiner Würde beraubt zu werden, das Gefühl vermittelt zu bekommen, minderwertiger zu sein als die Menschen, in deren Mitte ich lebte». In den Hungermonaten nach Kriegsende schlurft er durch Ruinen. Ein Lastwagen hält. «Was ist los mit dir, Mann?», ruft ein GI, schenkt ihm Konserven und Schokoriegel. Es ist ein Schwarzer. «Der erste Bruder, den ich in meinen zwanzig Lebensjahren zu Gesicht bekam.»
Mit der Reise zum Vater in Liberia enden Massaquois sensationelle Erinnerungen. Nicht ausführlich erzählt wird, wie er in Amerika eine der Schlüsselfiguren des schwarzen Establishments wurde. «Die Arbeit half mir, eine stabile psychische Basis zu finden», sagt er über die Zeitschrift «Ebony», deren Chefredaktor er war. Mit Martin Luther King, Malcolm X, Jesse Jackson, Joe Louis und Muhammad Ali verkehrte er als engagierter Bürgerrechtler, traf drei US-Präsidenten.
Hoffentlich gibts all das bald in einer Fortsetzung zu lesen.

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