Gesichert sind einzig die Verluste

Swissair

Die Beschäftigten der Swissair-Gruppe büssen viel Geld ein, weil Entschädigungen zwar vereinbart sind, aber nicht finanziert werden können.

Vier Milliarden Franken für die neue Airline, aber kein Geld für die entlassenen Angestellten der Swissair-Gruppe. Bis am 30. Oktober haben 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Swissair-Firmen den blauen Brief erhalten. Weitere 2000 werden ihren Job in den kommenden Monaten verlieren. Und nochmals mindestens 5000 kommen dazu, sollten die SR Technics und die Software-Firma Atraxis ebenfalls in die Nachlassstundung gehen. «SR Technics und Atraxis», warnt Susanne Erdös vom Kaufmännischen Verband, «stehen kurz vor dem Konkurs.» Dann würde die Swissair-Gruppe vollends zusammenkrachen.

Ob 4400 Stellen gestrichen werden oder ein Kahlschlag erfolgt – Entschädigungen für die entlassenen Angestellten gibts keine. Bei den fünf Firmen, die derzeit in der Nachlassstundung sind, blockiert Sachwalter Urs Wüthrich sämtliche Auszahlungen an die Entlassenen. Sie müssen auf Tausende von Lohnfranken verzichten, nämlich den 13. Monatslohn 2001 und den Januarlohn, der indessen zu 70 oder 80 Prozent von der Arbeitslosenversicherung gedeckt ist. Versichert sind aber maximal 8900 Franken. Wer mehr verdient, und das sind bei der Swissair nicht wenige, geht für den Rest seines Lohnes leer aus. Ein Angestellter mit 9500 Franken brutto muss bis zu seiner ordentlichen Entlassung per Ende Januar also 11’880 Franken abschreiben.

Aber selbst wenn die Löhne bis im Januar, dem Ende der ordentlichen Kündigungsfrist, bezahlt würden: Für einen Sozialplan ist kein Geld vorhanden. Der Bund, die Wirtschaft und verschiedene Kantone haben zwar über 4 Milliarden Franken ins Projekt Phönix gepumpt, darob ging die Sicht für die Arbeitnehmer offensichtlich verloren. «Ein kleiner Teil des vielen Geldes hätte für die Menschen sein sollen», sagt VR-Mitglied Bénédict Hentsch, der sich an vorderster Stelle für die Entlassenen einsetzt. «Das Personal», fügt er bei, «hat man schlicht vergessen.»

Auch in den Worten von Rainer Meier, dem Kommunikationschef der Gruppe, schwingt Empörung mit, wenn er sagt: «Der Phönix ist aufgestiegen und hat fürs Personal nur Asche zurückgelassen.» Seine Kritik an der Rettungsübung durch die Bundesräte Kaspar Villiger und Moritz Leuenberger ist deshalb harsch: «Stossend an der Lösung Phönix ist, dass die neue Crossair überkapitalisiert ist.» Keine andere Airline auf der Welt verfüge über 35 Prozent Eigenkapital.

Eine satte Kapitalausstattung für eine Firma, deren künftige Grösse unsicher ist. Crossair-Präsident Moritz Suter hat in Brasilien bei der Übergabe des ersten Embraer-Jets die 26/26-Lösung relativ deutlich in Frage gestellt. Auch Peter Siegenthaler, Villigers Säckelmeister, schloss kürzlich ein Scheitern des Projekts nicht aus. Eigentlich glaubt kein Airline-Spezialist, dass das Hauptszenario mit je 26 Kurz- und Langstreckenjets überhaupt realisierbar ist.

Nicht einmal mehr der Variante 2 mit 26 Lang- und 15 Kurzstrecken-Jets werden grosse Chancen eingeräumt. Eher wahrscheinlich ist eine abgespeckte Variante 2 mit 15 Kurz- und 9 Langstreckenflugzeugen. Die Konsequenzen dieser Variante wären für die Angestellten der Swissair-Gruppe dramatisch. 10’000 Jobs würden verschwinden und die Kosten für den Sozialplan auf 2 Milliarden Franken steigen.

Wie es derzeit aussieht, können die Angestellten der Swissair-Töchter lange auf viel Geld warten. Erfahrungen mit Sozialplänen anderer Firmen, wie ABB, Novartis oder UBS, zeigen nämlich, dass Massenentlassungen äusserst teuer sind. Die Entschädigung für den Abgang eines bis 40-Jährigen kostet die Firma rund 50 000 Franken. Die Sozialpläne sehen eine Verdoppelung der ordentlichen Kündigungsfristen von 3 auf 6 Monate vor. Dazu müssen abgestufte Alters- und Dienstaltersentschädigungen bezahlt werden. Bei der Swissair sieht der Sozialplan zudem vor, dass sich die Piloten mit 55 und das Kabinenpersonal mit 58 Jahren frühpensionieren lassen können und eine Überbrückungsrente erhalten.

Richtig teuer wird der Sozialplan fürs Personal ab 40 Jahren. Abgangskosten von 80 000 Franken sind durchaus die Regel. Für 55- bis 62-jährige Entlassene ist mit Kosten zwischen 150’000 und 250’000 Franken pro Angestellten zu rechnen. Die Kündigungsfrist beträgt in diesen Fällen ein Jahr, Alters- und Dienstaltersentschädigungen sind entsprechend hoch. Angesichts der horrenden Kosten – im besten Fall rund 650 Millionen Franken – erstaunt es nicht, dass bei der Rettungsübung die Sozialpläne «vergessen» gingen.

Die meisten Swissair-Töchter haben tatsächlich einen Sozialplan, der von den Gesamtarbeitsverträgen vorgeschrieben ist. Nur bringt der nichts, wenn kein Geld zur Verfügung steht. «Die Sozialpläne», sagt Swissair-Sprecher Urs Peter Naef, «sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind.»

Denn alle Töchter sind in einer mehr oder weniger deplorablen Lage:
Swissair, Swisscargo, Cargologic, Flight lease und SAirGroup Corporate, die Firmen in Nachlassstundung, müssen passen, weil alle Auszahlungen blockiert sind. «Das Gesetz lässt uns keinen Spielraum», sagt Filippo Beck, Partner des Swissair-Sachwalters Wüthrich. Jetzt will Jean-Luc Nordmann, oberster Chef der Arbeitslosenversicherung, mit Hilfe der Banken eine Lösung zimmern. «Eine Bank», sagt er, «wäre bereit, den Sozialplan unter zwei Bedingungen vorzufinanzieren.» Die Entlassenen müssten ihre Forderung gegen die eigene Firma an die Bank abtreten, und der Sachwalter müsste der Bank nach Abschluss des Nachlassverfahrens die volle Vorfinanzierung zurückerstatten – ein Versprechen, auf das er sich kaum einlassen dürfte.

Anders ist die Sachlage bei Gategourmet, Atraxis, SR Technics und Swissport, den Firmen, die nicht unter Nachlassverwaltung stehen. Sie müssten den Sozialplan voll erfüllen. Nur fehlt auch ihnen – ausser Gategourmet – das Geld. Atraxis braucht eine Liquiditätsspritze von 50 Millionen, SR Technics von 100 Millionen Franken, um weiter existieren zu können. Bei der Bodenabfertigungsfirma Swissport ist der Umsatz seit Sommer um 30 Prozent eingebrochen. «Wir rechnen jetzt aus», sagt Swissport-Chef Willi Hallauer, «was wir uns leisten können, ohne selbst in die Liquiditätsfalle zu laufen.»

Eine kleine Genugtuung haben die 450 Entlassenen von Swissport: Sie erhalten während der ganzen Kündigungsfrist wenigstens den ganzen Lohn. Was nachher ist, bleibt bis auf weiteres offen.

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