Gerry Boon: «Die Spieler sind die Gewinner»

Schweizer Fussball

Finanzexperte Gerry Boon schlägt dem Schweizer Fussball vor, sich für eine zentraleuropäische Liga einzusetzen – und sich an andern Kleinen ein Beispiel zu nehmen.

-: Mister Boon, seit Einführung der Champions League 1992 hat sich die Anzahl Partien von 85 auf 157 nahezu verdoppelt und das Preisgeld mit heute 820 Millionen Franken quasi vervierfacht. Allein den Sieger erwarten rund 55 Millionen Franken. Nimmt dieser Wahnsinn denn gar kein Ende?
Gerry Boon: Es ist wie mit Pandoras Büchse: Einmal geöffnet, kann man sie nie mehr schliessen. TV-Stationen und Sponsoren investieren nicht Unmengen von Geld in den Fussball, damit die Klubs plötzlich sagen: Danke schön, das wars jetzt. Sie wollen eine Gegenleistung, und die heisst in diesem Fall öffentliche Präsenz, sprich: mehr Spiele. Diese Entwicklung ist nicht zu stoppen, die Klubs haben das längst akzeptiert.

-: Die Fans offenbar nicht. Erstmals seit Jahren sind die Einschaltquoten der Sender ebenso rückläufig wie die Zuschauerzahlen in den Stadien.
Boon: Das ist der Preis, den wir bezahlen müssen. Und das wird sich auch nicht ändern, solange diejenigen, die das Spiel kontrollieren, ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Die Uefa kann nicht die Supermacht im europäischen Fussball sein wollen und sich gleichzeitig vor Entscheidungen drücken.

-: Entschieden wird doch längst von den Klubs. Als die so genannten G14 vor eineinhalb Jahren drohten, eine eigene Liga zu gründen, falls die Champions League nicht erweitert wird, lenkte die Uefa ein. Was erwarten Sie nach einer solchen Bankrotterklärung?
Boon: Wir sollten Kontrolle nicht mit Macht verwechseln. Die wirtschaftliche Macht im Fussball liegt natürlich bei den Klubs, denn ihnen gehören die Spieler, also das, was die Fans sehen und die Fernsehsender kaufen wollen. Die Kontrolle allerdings obliegt noch immer der Uefa. Der wirtschaftliche Background im Fussball hat sich in den letzten zehn Jahren mehr entwickelt als in den gesamten hundert Jahren davor. Und nun wirft er halt eine Reihe von Fragen auf, die schnellstens beantwortet werden müssen.

-: Zum Beispiel?
Boon: Wird Fussball nun aus kommerziellen Gründen gespielt? Oder aus sozialen, kulturellen und traditionellen Gründen? Wie viele Partien können die Spieler und die Fans verkraften? Und ist die Uefa selbst nun ein wirtschaftliches Unternehmen? Oder eine Organisation, verantwortlich für den Ruf, die Regeln und die Integrität des Spiels? Fest steht: Fussball ist heute Wirtschaft, ob es uns passt oder nicht. Das ist die Realität – nun gilt es, das Beste daraus zu machen.

-: Wie stellen Sie sich das vor?
Boon: Schauen Sie sich doch einmal die Entwicklung der europäischen Cupgeschichte an: In den Achtzigerjahren, wo das Geld im Fussball noch nicht so entscheidend war, haben Teams aus zehn oder zwölf Ländern die Wettbewerbe unter sich ausgemacht. In den Neunzigern warens praktisch noch fünf. Und bezeichnenderweise genau jene aus den Topmärkten England, Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich. Sie haben die grösste wirtschaftliche Infrastruktur und damit einen klaren Wettbewerbsvorsprung. Selbst auf dem Talentmarkt werden die kleinen Länder ausgebootet, dienen bestenfalls noch als Exporteure von Nachwuchsspielern. Und die Fans zu Hause müssen zuschauen, wie ihnen ständig die Stars vor der Nase weggekauft werden und die eigene Liga immer schwächer wird. Das ist ein Teufelskreis.

-: Wer wüsste das besser als wir Schweizer. GC als finanzieller Topklub des Landes schafft es mit seinem 20-Millionen-Franken-Budget im internationalen Vergleich nicht einmal unter die Top 100. Und der Direktor der Schweizer Nationalliga, Edmund Isoz, sagt, es sei in der Schweiz nicht mehr möglich, genug Geld zu erwirtschaften, um einen Fussballklub professionell zu betreiben. Müssen wir unsere Träume von Champions League und Europaliga begraben?
Boon: Nicht zwingend. Aber man muss realistisch bleiben und die eigenen Grenzen akzeptieren: Die Hackordnung im Fussball wird inzwischen halt nun mal durch Demografie, Wirtschaft und Bevölkerung eines Landes bestimmt. Die Schweiz hat 7 Millionen Einwohner, England 50 Millionen. Es wäre absurd, wenn die Schweizer so gut sein oder so viel verdienen wollten wie die englischen Klubs.

-: Ein ordentlicher Bruchteil davon würde ja schon genügen.
Boon: Aber dafür muss man Ideen entwickeln, anstatt stur an Strukturen festzuhalten, die weder zeitgemäss noch wirtschaftlich ertragreich sind. Was ist falsch daran, Holland und Belgien in einer Benelux-Liga zusammenzulegen? Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark in einer skandinavischen Liga? Und die Schweiz mit Österreich, Ungarn und Tschechien in einer zentraleuropäischen Liga? Wenn man so plötzlich Märkte mit 20, 30 Millionen Menschen öffnet, hat man eine sehr viel grössere Chance gegen Spaniens 40 Millionen und Italiens 50 Millionen.

-: Und Sie glauben, das würden die Fans schlucken?
Boon: Was bleibt ihnen denn anderes übrig? Ist es etwa besser, wenn man in
einer nicht konkurrenzfähigen nationalen Liga verstaubt in irgendeiner Ecke Europas, deren Teams bei der Qualifikation zur Champions League zwar zugelassen sind, weil es so im Regelbuch der Uefa steht, dort aber regelmässig in der ersten Runde ausscheiden?

-: Das nicht. Aber ein Spiel FC Basel gegen den FC Zürich zieht mit Sicherheit mehr Leute an als eine Partie Basel gegen Szekesfehervar.
Boon: Kommt darauf an, wie man das Produkt verkauft. Die grossen Nationen haben keine Probleme mit ihren nationalen Meisterschaften, weil diese finanziell lukrativ sind. Aber die kleinen Länder sind leider gezwungen, einige fundamentale Dinge in Frage zu stellen. Das Leben ist nun mal nicht mehr so, wie es mal war.

-: Wenigstens findet hier zu Lande nun am 5. November eine Generalversammlung statt, bei der eine Reduktion der Nationalliga A von zwölf auf zehn oder acht Klubs zur Diskussion steht.
Boon: Und, was spricht dagegen?

-: Die Klubs fürchten einen Attraktivitätsverlust, wenn sie viermal pro Saison gegeneinander anzutreten hätten.
Boon: Komisch, in Schottland funktioniert das wunderbar. Und wissen Sie was? Die Schweiz hat sieben Millionen Einwohner, und ihre TV-Rechte sind zwölf Millionen Franken wert. Schottland hat fünf Millionen Einwohner, dort sind die TV-Rechte aber 40 Millionen Franken wert. Wie kommt das? Was machen die Schotten besser als die Schweizer? Ist den Schweizern Fussball überhaupt wichtig?

-: Ein Zuschauerschnitt von knapp 6000 Leuten spricht nicht dafür.
Boon: Also müssen sich die Fans auch mal an der eigenen Nase nehmen. Wo bleibt denn ihre Unterstützung? Warum kommen sie nicht zahlreicher in die Stadien? Wo sind die Politiker, die sich öffentlich zum Fussball bekennen? Fussball ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Einstellung, der Kultur und der Politik. Man kann nicht nur nehmen, aber nichts geben wollen. Oder glauben die Schweizer etwa, sie seien zu gut für die Tschechen oder die Ungarn?

-: Traditionellerweise orientiert man sich hier zu Lande eben eher Richtung Süden oder hinauf zum «grossen Bruder» Deutschland als in den Osten.
Boon: Warum organisiert man sich dann nicht so, dass die Klubs in der Meisterschaft nur dreimal gegeneinander antreten? Es gibt keinen Grund, 40-mal zu spielen und eine Liga aufzublasen, wenn kein Geld dabei rumkommt. Viel mehr Sinn würde es stattdessen machen, an den restlichen Terminen eine Art Cup-Wettbewerb aufzuziehen mit Klubs aus Nachbarländern. Das wäre ein Produkt, das nicht nur für die Fans, sondern auch für das Fernsehen interessant sein könnte. So würde mehr Geld verdient, und die Konkurrenz wäre stärker – das sind Gebiete, auf denen die Uefa eine führende Rolle übernehmen müsste.

-: Sie dagegen haben die führende Rolle in der Finanzberatung eingenommen. Wo liegt Ihre Herausforderung?
Boon: Schön wäre, wenn es allen Klubs finanziell so gut ginge wie Manchester United – dem reichsten Klub der Welt und dem wahrscheinlich besten Vorbild für einen wirtschaftlich hochgradig entwickelten Fussballbetrieb. Dort hat man von Anfang an begriffen, dass Fussball grundsätzlich kein soziales Auffangbecken mehr sein kann für Exfussballer und Hobbyfunktionäre. Wer Erfolg haben will, muss hoch qualifizierte Wirtschaftsfachkräfte anheuern. Manchester beschäftigt allein in seiner Merchandising-Firma 110 Leute. Das sind fünfmal mehr als bei den meisten anderen Topklubs im gesamten kommerziellen Bereich.

-: Kein Wunder, bei einem Umsatz von über 200 Millionen Franken.
Boon: Schauen Sie, wo das Geld hingeflossen ist: In den Ausbau des Stadions und in die Mannschaft. An die Aktionäre sind lediglich drei Prozent des Gewinns gegangen.

-: Andere wären froh, sie erhielten überhaupt etwas zurück. Wie kann ein Klub wie Real Madrid Schulden in dreistelliger Millionenhöhe anhäufen?
Boon: Wir beraten acht der G14, unter anderem Real, deshalb will ich dazu nichts sagen. Fest steht: Am meisten Kopfzerbrechen bereiten allen Klubs die Spielerlöhne, die in England allein im vergangenen Jahr um 37 Prozent gestiegen sind und oft mehr als 80 Prozent der Einkünfte wegfressen. Die Spieler sind die grossen Gewinner dieser Entwicklung. Auch wenn sich manche Summen absurd anhören – so einer wie David Beckham ist jeden Rappen wert. Wegen ihm kommen die Leute ins Stadion, ihn wollen sie sehen, wie er mit einem einzigen zauberhaften Schlenker ein Spiel entscheidet. Das ist immer noch die grösste Faszination im Fussball – selbst für mich als kleiner Finanzberater.

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