Entwicklung der Chipkarten – Alles auf eine Karte gesetzt

Entwicklung der Chipkarten

Smartcards sollen vom Ausweis bis zum Arzneimittelpass alles in einem sein. Aber die Inhaber können nicht kontrollieren, was darauf über sie gespeichert ist.

Die Kassiererin im Supermarkt blickt nicht einmal auf, als der Kunde an ihr vorbeimarschiert, die Einkaufstaschen prall gefüllt. Ein kurzer Piep, schon ist die Ware bezahlt, ohne dass Bargeld die Hand gewechselt hat. Denn der Käufer hat eine Chipkarte im Portemonnaie, die der Kasse per Funk den korrekten Einkaufsbetrag gesendet hat.
Solche Szenen sollen schon in wenigen Jahren alltäglich sein. Denn die Entwicklung der Chipkarten, auch Smartcards genannt, wird zur Zeit rasant vorangetrieben. Die Plastikkarten sind richtige Computer, die Programme und Informationen speichern – nur die Tastatur und ein Bildschirm fehlen. Doch auch daran arbeiten die Hersteller.

«Die Leistungsfähigkeit moderner Chipkarten ist vergleichbar mit der von ausgewachsenen PCs der Achtzigerjahre», sagt Peter Buhler, Smartcard-Spezialist des IBM-Forschungslabors in Rüschlikon bei Zürich. In seinem Büro entwirft er Betriebssysteme für Chipkarten; Abnehmer sind Banken, Versicherungen und Sicherheitsfirmen.
Am Arm trägt Buhler, 43, eine Versuchsuhr mit eingebautem Smartcard-Chip: «Smartcards müssen nicht unbedingt die Form einer Karte haben.» Die Uhr kann Daten kontaktlos übermitteln, wenn sie höchstens 10 Zentimeter weit vom Lesegerät entfernt ist. Auch andere Hersteller bringen jetzt Chipkarten auf den Markt, die man zur Datenübermittlung nicht mehr in das Lesegerät stecken muss, sondern einfach davor hält.

In wenigen Jahren sollen die Plastikkarten ihre Informationen sogar mehrere Meter weit senden. Das ist das Ziel des Berner Projektbüros EasyRide, das ein elektronisches Billett für die öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz entwickelt. «Spätestens im Jahr 2006 wollen wir so weit sein», sagt Daniel Vögeli, der bei EasyRide die Entwicklung dieser Chipkarte leitet. Fahrgäste steigen einfach in den Zug ein, die Karte speichert die gefahrenen Distanzen, zum Monatsende folgt automatisch die Sammelrechnung.

Die Technik ist weit gehend bereit. So hat das deutsche Unternehmen Varta eine papierdünne Batterie für die nur acht Zehntelmillimeter dicken Chipkarten entwickelt, die drei Jahre lang halten soll. Siemens und andere Firmen experimentieren mit Kleinstbildschirmen aus biegbaren Kunststoff-Folien. Am Industriekongress Cartes 2001 vom 23. bis 25. Oktober zeigten die Mikroprozessoren-Hersteller Infineon und Hitachi die jüngste Chip-Generation für Smartcards – sie kann gleichzeitig Operationen in mehr als einem Dutzend Programmen ausführen.

Jeder, der ein Handy besitzt, hat schon eine Smartcard: die SIM-Karte

Jahrelang lebte das Chipkarten-Gewerbe vom Aufschwung der Mobiltelefonie. Denn in jedem Handy steckt eine SIM-Karte für die Teilnehmererkennung – sie ist nichts anderes als eine Smartcard. Gemäss dem Industrieverband Eurosmart wurden im Vorjahr alleine in Europa 370 Millionen SIM-Karten ausgeliefert. Doch der Boom ist vorbei: Für 2001 rechnet die Branche mit einem Rückgang auf 320 Millionen Stück.
Dafür steigt anderswo der Bedarf, etwa bei Finanzdienstleistern. Die Kreditkarten-Unternehmen Visa, Mastercard und Eurocard wollen bis zum Jahr 2004 die heutigen Magnetstreifen-Karten durch die als sicherer geltenden Smartcards ersetzen. In der Schweiz lässt zum Beispiel die Migros-Bank – bei IBM – eine Chip-Kundenkarte entwickeln; für Postkonto-Inhaber («Postcard») ist dies längst Alltag. Gemäss Eurosmart wurden im ersten Halbjahr 75 Millionen Chip-Bankkarten in Europa ausgegeben, ein Viertel mehr als in den ersten sechs Monaten 2000.

Regierungen testen Chipkarten als Personalausweise, so in Belgien, Italien und in den USA; in Finnland sind sie schon im Einsatz. Vergangene Woche bestellte das US-Verteidigungsministerium vier Millionen Chipkarten für militärische und zivile Angestellte. Die «Common Access Card» soll Mitarbeiter ausweisen und ihnen Zugang zu Gebäuden und Computernetzwerken verschaffen. Ein eingebauter Spezialprozessor verschlüsselt dabei innerhalb von Tausendstelsekunden alle übermittelten Daten – genau wie bei Finanztransaktionen mit Bankkarten der nächsten Generation.

Doch es regt sich auch Widerstand. PC-Anwender wissen meistens, welche Programme und Informationen auf ihren Festplatten gespeichert sind. Nicht so bei Chipkarten: Dort kontrollieren die Kartenausgeber, welche Daten sie festhalten wollen. Die Kunden haben keine Ahnung, was auf den Karten steckt, die sie mit sich herumtragen – deren genaue Inhalte erschliessen sich erst mittels spezieller Lesegeräte.
Das weckt den Argwohn von Datenschützern, die Missbräuche befürchten. So in Deutschland, wo die Regierung eine Patienten-Chipkarte plant. Der «elektronische Arzneimittelpass» soll hoch sensible medizinische Informationen enthalten: verschriebene Arzneimittel und ihre Dosierungen, Krankheiten, Behandlungen, Operationen. Gegner des Vorhabens warnen vor «gläsernen Patienten», die keinerlei Kontrolle über die Informationen haben, die über sie gesammelt sind – obwohl sie diese in der eigenen Brieftasche mittragen.

Die Smartcard der Zukunft erkennt ihren Besitzer an der Stimme

Das Problem kennt auch Daniel Vögeli von EasyRide. «Als vertrauensbildende Massnahme werden wir öffentlich Lesegeräte bereitstellen, damit Nutzer einsehen können, welche Fahrtstrecken und Billettkosten über sie gespeichert sind», sagt er. Bloss: «Ob die Besitzer von Smartcards tatsächlich alle über sie gesammelten Informationen sehen, wissen sie nicht – man kann jeden Datensatz manipulieren», sagt Vögeli.

Zukünftige Chipkarten werden sogar ihre Besitzer identifizieren können, kündigen mehrere Hersteller an. So will die englische Firma Domain Dynamics eine Stimmerkennung einbauen – die Smartcard bekommt Ohren. Der Inhaber spricht einen Mustersatz, der auf der Karte gespeichert wird. Zur Identifizierung muss man anschliessend die entsprechenden Worte vorsagen. Auch mit Sensoren zur Erkennung von Fingerabdrücken wird experimentiert.
Technisch wären auch multifunktionale Chipkarten möglich, die man leer in Supermärkten kaufen und selbst mit Applikationen füllen kann – zum Beispiel per Internet über ein am PC angeschlossenes Schreibgerät. Plötzlich würden nicht mehr dicke Kartenstapel das Portemonnaie beulen: Die Kreditkarte könnte auch Büroschlüssel, Bahnbillett und Eintrittkarte fürs Theater sein.

Die Realität ist anders. «Ich sehe in naher Zukunft keine Entwicklung in diese Richtung», sagt Peter Buhler von IBM. Denn die Kartenaussteller wollen die Kontrolle über die gespeicherten Daten und Programme nicht aus der Hand geben. So bleibt Normalbürgern auch versagt, was Buhler in seinem Labor bereits probiert: die Smartcard als mobile Spielkonsole. «Die Karten sind leistungsfähig genug für einfache Spielprogramme», sagt Buhler. Richtige Computer eben.

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