Braut-Show – Kronprinz Haakon heiratet eine Bürgerliche

Kronprinz Haakon heiratet eine Bürgerliche Norwegen

Norwegen weint und lacht: Kronprinz Haakon heiratet eine Bürgerliche und ledige Mutter. Ein Skandal für
die einen – die Rettung der Monarchie für die anderen.

Die Frisur der Frau ist unmöglich, ihre Hüte sind eine Katastrophe. Die Haltung krumm, der Gang zu unweiblich, der Modegeschmack unter jeder Kritik. Na, und dann erst noch die Vergangenheit – eine Schande für die Monarchie! Norwegen ereifert sich über eine angebliche Mesalliance.

Das Land erlebt den Sommer der selbst ernannten Expertinnen und Experten, der Mode-, Stil- und Anstandspolizei. Tagtäglich erhalten sie derzeit Spaltenmeter Platz in der Boulevardpresse und dürfen sich in abendlichen TV-Debatten-Programmen über etwas auslassen, was sie eigentlich absolut nichts angeht: die Partnerwahl des 27-jährigen norwegischen Kronprinzen Haakon.
Nicht einmal den Namen will man seiner Liebsten lassen, die er am 25. August in den Stand der Ehe führen will: Mette-Marit Tjessem-Höiby. Unpassend sei dieser Name im Zusammenhang mit dem künftigen Königintitel – das meinen Linguistik-Experten, deren Existenz man bislang nicht einmal erahnte. Mette-Marit klinge, übertragen in die deutsche Sprache, so ähnlich wie Klein Mariechen. Zu allem Überfluss war eine Mette-Marit in den Fünfzigerjahren Titelheldin einer Kinderbuchserie, die in Norwegen ähnlich populär war wie Pippi Langstrumpf. Kann man als Pippi Langstrumpf Königin werden? Die bürgerliche Mette-Marit Tjessem-Höiby, Mutter eines dreijährigen Sohns, will es. Und sie könnte stark genug sein, es auch zu schaffen: «Ich habe einen schönen norwegischen Namen. Ich denke nicht daran, ihn zu ändern.»
Auch sonst verteidigt die 27-Jährige ihre eigene Linie und Persönlichkeit – selbst wenn es Tribut fordert. Ja, zwei Stunden am Stück habe sie erst einmal geheult, gestand sie vor ein paar Wochen in ihrem ersten «offiziellen» Interview als künftige Kronprinzengattin. In einem Interview, das sie wohl alles andere als zufällig nicht einem der Medienriesen, sondern einer auflageschwachen und gerade um ihr Überleben kämpfenden sozialdemokratischen Zeitung gab. Das war, als sie erstmals auf den Titelseiten als Haakon-Geliebte abgehandelt wurde und die Medienhetze einsetzte, als über Nacht plötzlich alle und jeder sich berufen fühlte, eine eigene Meinung über sie zu haben.
Norwegen ist immer noch ein ausgeprägt puritanisches Land. Die Popularität des Königshauses war lange Jahrzehnte ungebrochen, es gilt als volksnah und zehrt auch heute noch von der patriotischen Widerstandsrolle, die Olav, Vater des jetzigen Königs Harald, während der Besetzung des Lands durch die Truppen Nazideutschlands spielte. Zudem verstanden Norwegens Blaublüter bislang, mit ziemlichem Benehmen der Skandalisierung durch die Medien weit gehend zu entgehen.
Doch just «Skandal» wurde nun eines der Lieblingsworte der Regenbogenpresse – es gibt viele Aspekte im Leben der Mette-Marit, aus denen sich dicke Schlagzeilen schnitzen lassen. Mette-Marits Vergangenheit im Party- und Drogenmilieu der Hauptstadt? Ein Skandal! Die Tatsache, dass der Kronprinz überhaupt ein Verhältnis mit einer allein stehenden Mutter einging: ein Skandal! Wobei der Vater ihres Kindes – Skandal im Quadrat! – auch noch mehrfach wegen Drogendelikten verurteilt worden war. Doch der Superskandal: Noch vor der Heirat zogen Haakon und Mette-Marit zusammen in eine gemeinsame Wohnung. In Ikea-Möbeln, ohne Verlobung, dafür in «Sünde».
Mit der Sünde wird es mit dem Ja-Wort am 25. August ihr Ende haben, die Ikea-Möbel sind mittlerweile zum grössten Teil ausgetauscht gegen solche, welche die Anstandsdamen und Anstandsherren des Hofs für passender halten. Um ihre Garderobe aufzubessern, wurden Mette-Marit 60 000 Franken und ein Flugticket nach New York in die Hand gedrückt.
Eine Einkaufstour, die Mette-Marit vor allem als «absolut stressig» empfand: «Ich fühle mich nun mal in Jeans und Joggingschuhen am wohlsten.» Sie hat es wirklich schwer: Mit der Wahl der eingekauften Garderobe lag sie natürlich auch wieder daneben. Unpassend, zu langweilig, zu aufreizend, vor allem aber: kein einheimisches Modehaus sei berücksichtigt worden, monierten ihre Kritiker.
Einige von Norwegens Boulevardblättern schienen sich zum Ziel gesetzt zu haben, Mette-Marit erst einmal tüchtig
zu erniedrigen und in Stücke zu reissen. Um sie dann, je näher die Königshochzeit rückt, nach dem eigenen Gusto vom Kopf bis zu den Zehen häppchenweise wieder zusammenzusetzen.
Doch Mette-Marit lässt so nicht mit sich umspringen. Und seit einigen Wochen kann die Bürgerliche dabei auf einen immer grösseren werdenden Teil des Volks zählen. In der Bevölkerung zeichnet sich nämlich ein Stimmungsumschwung ab: Die Norwegerinnen und Norweger sind offenbar auf dem Weg, ihrem Kronprinzen die Wahl einer Frau «niedrigen Stands» zu verzeihen. Ein deutliches Signal hatte Königin Sonja selbst gesetzt. In einem selten offenherzigen Interview erinnerte sie daran, wie sie, die ebenfalls nicht blaublütige Kaufmannstochter, und der jetzige König Harald zehn Jahre darum kämpfen mussten, bis sie heiraten durften. «Ich erkenne viel von mir selbst in Mette-Marit wieder», bekannte die 64-jährige Königin und hofft, dass ihre Schwiegertochter nicht so unter dem «maskulinen und militärischen Milieu im Schloss» leiden müsse, wie sie selbst.
Noch vor einem halben Jahr sah es schwarz aus für das Königshaus. Jeder dritte Norweger wollte es abschaffen, im Parlament gab es gar eine Mandatsmehrheit, die sich für eine Abstimmung zum Übergang Norwegens von der Monarchie zur Republik stark machte.
Die Regierung sah sich veranlasst, eine Kommission einzusetzen, die sich Gedanken zu einer möglichen Verfassungsänderung spätestens im Zusammenhang mit der 200-Jahre-Feier der Selbstständigkeit des Lands im Jahre 2014 machen soll. Eine so genannte republikanische Initiative sammelt derzeit Unterschriften für eine Volksabstimmung, die spätestens 2005 stattfinden soll.
Ein sich im Land nun neu aufbauender Stolz auf «unser» Königshaus könnte ihr den Wind aus den Segeln nehmen. Die Hochzeitsfeier selbst verspricht als grosses Medienereignis dabei eine zentrale Rolle zu spielen. 1000 Journalisten werden erwartet. 60 Stunden lang wollen die beiden grössten norwegischen Sender das Volk vor die Mattscheibe locken. Königliche wie republikanische Hochzeitsgäste aus ganz Europa haben ihr Kommen zugesagt. Vom englischen Prinzen Charles bis zum schwedischen König Carl Gustav. Vom Bestsellerautor Jostein Gaarder bis zum für Manchester United kickenden Star Ole Gunnar Solkjär.
Rettet Pippi Langstrumpf letztlich Norwegens Monarchie? Schwierig zu sagen, denn eine neue Gefahr für den Friedensschluss der 4,5 Millionen Norweger mit ihrem Königshaus lauert schon um die Ecke. Kronprinz Haakon hat eine jüngere Schwester. Prinzessin Märthas Verlobungskandidat gilt in seiner Mischung aus Playboy und Dandy als so halbseiden – er hat Filme gedreht, in denen Prostituierte sich in aller Ruhe dicke Kokainlinien einschnupfen und in denen er selbst auftritt, wie er genüsslich einen Joint raucht –, dass er nicht einmal zur grossen Hochzeitsparty Ende August eingeladen werden soll.

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