Banken treten auf die Bremse

Banken treten auf die Bremse

Mit der Börsenflaute brechen bei den Banken die Erträge ein. Sie bauen Stellen ab, streichen Privilegien und kürzen die Bonuszahlungen.

Ein grosser, neuer Händlerraum voll gestopft mit Computertechnik. Hier hätte es Platz für 200 Personen, erklärt Michael Bär, Konzernleitungsmitglied der Bank Bär. Momentan arbeiten da aber nur 120 Personen, orientiert der Urenkel des Firmengründers.

Das Geschäft der in der Vermögensverwaltung starken Julius Bär ist durch die Börsenbaisse arg in Mitleidenschaft gezogen worden: Der Gewinn der Bank verringerte sich im ersten Halbjahr im Vorjahresvergleich um satte 45 Prozent.

Das hatte Konsequenzen für die im Börsenhandel Beschäftigten: statt einem vorgesehenen Ausbau ein Abbau. «Im Aktienhandel musste ich zehn Leute gehen lassen», sagt Michael Bär, der in der Bank den Bereich Trading leitet. «Teilweise wurden sie frühzeitig pensioniert, für die anderen haben wir uns nach einer Ersatzbeschäftigung umgeschaut.» Bär junior hofft, dass es nicht zu härteren Massnahmen kommt: «Wir sind kein Hire-and-fire-Institut.» Aber die Bank hat jetzt einen generellen Personalstopp verhängt. Und mit den grossen Bonuszahlungen für die Mitarbeiter wird es dieses Jahr auch nichts werden: Obwohl im Halbjahresvergleich acht Prozent mehr Leute für die Bank arbeiten, verminderte sich der Personalaufwand dank tieferer Bonusrückstellungen um 4,5 Prozent. Laut Michael Bär führt der Abbau bei den Boni nicht zum Kater an den Händlerpulten: «Die Leute reagieren gelassen, sie verstehen das.» Seine Bank beschäftige schliesslich auch nicht die aggressivste Sorte Investmentbanker: «Wir wollen, dass die Leute zu uns kommen, weil sie sich bei uns wohl fühlen.»

Auch an anderen Fronten hat die Bank Bär jetzt wegen den wegbrechenden Erträgen zu drastischen Massnahmen gegriffen. So hat sie ein praktisch fertiges Internetprojekt gestoppt, das sie ab 2002 jährlich 20 Millionen Franken gekostet hätte. Weitere Projekte sollen ebenfalls auf Eis gelegt werden.

Die Bank Bär steht mit ihren Sorgen nicht alleine da: Die Flaute an der Börse drückt bös auf die Erträge der im Investmentbanking und im Vermögensverwaltungsgeschäft starken Häuser. Reihenweise mussten Banken in den letzten Tagen und Wochen über schlechte Halbjahres- und Quartalsabschlüsse informieren: Der Reingewinn der UBS brach im Vergleich zum zweiten Quartal 2000 um 26 Prozent ein; der Halbjahresgewinn von Sarasin ist im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent kleiner, und bei Vontobel ist der Gewinn sogar um sagenhafte 88 Prozent eingebrochen. Trotzdem bleibt Vontobel-Handelschef Ronald Angst positiv: «Ich rechne nicht mit einem grossen Crash.»

Eine dramatische Zeitenwende. Denn in den letzten Jahren waren die Aktienkurse fulminant gestiegen und hatten die Gewinne der Banken wundersam explodieren lassen. Gleich an mehreren Ecken bewirkte der Börsenboom einen Geldsegen für die Banken: Sie profitierten durch Kommissionen auf dem Börsenhandel im Auftrag der Kunden, sie profitierten durch Gebühren für die Verwaltung und Bewirtschaftung von börsenbedingt steigenden Kundenvermögen, und sie profitierten durch Börsengänge von Kundenfirmen und durch die Finanzierung und Begleitung von unkotierten, wachstumsträchtigen Unternehmen, die dann mit viel Gewinn an die Börse gebracht werden konnten.

Im Zuge dieses stetigen Geldstroms haben die Banken die entsprechenden Abteilungen gewaltig ausgebaut: Die Kosten stiegen dementsprechend, doch angesichts der tollen Geschäfte schien das kein Problem zu sein. Mit der Börsenflaute ist das jetzt alles vorbei: «Das Verhältnis der Kosten zu den Erträgen ist mit einem Mal so schlecht, dass man bei den meisten Banken heftig erschrocken ist», sagt Claudia von Türk, die Bankanalystin der Bank Pictet, die im Juli eine grössere Studie zu den Schweizer Banken verfasst hat: «Die Banken müssen sich entscheiden, worauf sie sich konzentrieren wollen; bei den Gewinnen der vergangenen Jahre war vieles möglich. Heute ist vieles nicht mehr denkbar.»

Den privaten Gürtel enger schnallen müssen auch Börsenhändler und Investmentbanker. In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre gehörten sie zu den am besten bezahlten Berufsgruppen. Bei der CS beliefen sich die für letztes Jahr ausbezahlten Boni auf 44 Prozent der gesamten Personalaufwendungen, bei der UBS auf 48 Prozent. Am schlimmsten trieb es die Credit Suisse First Boston. Dort haben die Bonusexzesse dazu geführt, dass 60 Prozent der Erträge direkt in die Taschen der bonusberechtigten Banker flossen. Ausgerechnet die Tochter der doch international als bescheiden geltenden Schweizer Credit Suisse war speziell hemmungslos: Denn im Branchendurchschnitt machen diese Kompensationen nicht mehr als 50 Prozent der Erträge der Banken aus.

In den vergangenen Boomjahren hat sich zudem die fragwürdige Praxis eingebürgert, Starbankern die Boni gleich über Jahre zu garantieren – das kommt einer eigentlichen Perversion der Bonusidee gleich: Mittels Boni sollten eigentlich die Mitarbeiter am guten Geschäftsgang partizipieren können.
Das Fest ist jetzt vorbei: «Es geht allen Banken schlecht, alle fahren die Boni runter», sagt Analystin von Türk. Darum findet unter den Bankern auch keine Völkerwanderung mehr statt.
Bei der Bank Vontobel sind ein Personalstopp oder Entlassungen vorerst kein Thema, wie Handelschef Ronald Angst sagt. «Man kann aber nicht ausschliessen, dass etwas in dieser Art einmal kommen kann.» Eine schlechtere Stimmung wegen den auch bei Vontobel deutlich tieferen Boni kann Angst unter seinen Mitarbeitern ebenfalls nicht beobachten: «Die Stimmung ist unverändert gut.» Die Bank Vontobel hat ihren Personalbestand deutlich erhöht, dennoch sanken die Personalkosten im letzten halben Jahr um elf Prozent dank geringeren budgetierten Bonuszahlungen.

Auch sonst ist die Bank Vontobel hart auf die Bremse getreten: Firmenjet, Helikopter und Jacht auf den Bahamas – während dem Boom stillschweigend akzeptiert – führten in der Börsenbaisse zum Eclat: Drei Chefs wurden schmachvoll entlassen, das ambitionierte Internetprojekt you, das bereits mehr als 200 Millionen Franken gekostet hat, begraben.

Ihre Nähe zum Börsengeschehen spürt auch die Bank Sarasin. «77 Prozent des gesamten Betriebsertrags macht bei uns der Posten Kommissionen und Dienstleistungen aus», sagt Matthias Hassels, Finanzchef von Sarasin. Diese Erträge sind nun eingebrochen. Doch die Bank hat noch bis vor kurzem ihre Belegschaft weiter aufgestockt und beschäftigt heute bei einem um 41 Prozent geringeren Konzerngewinn 15 Prozent mehr Leute. Dass die Bank vor kurzem die englische Investmentbank Fox-Pitt Kelton beauftragt hat, die rechtliche Struktur der Bank zu überprüfen, hat aber laut Hassels mit der schwierigen Ertragslage nichts zu tun. Breit angelegte Entlassungen sind bei Sarasin nicht geplant, im Einzelfall laut Hassels «aber nicht auszuschliessen».
Bei Sarasin will man sich wieder stärker fokussieren: «Im Jahr 2000 haben wir viele Felder gleichzeitig beackert, jetzt, unter einer geänderten Ertragslage, ist unsere Fähigkeit zur Gleichzeitigkeit vermindert», sagt Hassels.

Je grösser der Anteil des Börsengeschäfts, je bedeutender ihr Investmentbanking oder ihre Vermögensverwaltung, desto härter ist eine Bank nun vom Tief der Aktienmärkte betroffen. Genau diese Sparten waren vor kurzem noch die Geldkühe der Banken.
Selbst die Kantonalbanken wurden von der Börsenentwicklung getroffen, je nach ihrem Engagement dort: Die Zürcher Kantonalbank verdiente im ersten Halbjahr beinahe 20 Prozent weniger als im Vorjahr, der Gewinn des Basler Kantonalbank-Konzerns brach um 16 Prozent ein. Profitieren konnte die Basler Kantonalbank hingegen von einer Kultur, die sich von derjenigen der aggressiven – und während des Börsenbooms sehr erfolgreichen – Investmentbanken fundamental unterscheidet: Bonuszahlungen spielen bei der Basler Kantonalbank nur eine untergeordnete Rolle. «Unsere Leute hatten nie einen stark schwankenden Lohn, in den guten Jahren gabs nicht so viel wie bei den anderen, jetzt geht das Salär auch nicht stark zurück», sagt Handelschef Thomas Greminger. «Leute, die scharf auf einen Bonus sind, arbeiten nicht bei uns.»
Auch bei Julius Bär setzt man auf andere Werte. Mit Informationsveranstaltungen werden den verunsicherten Mitarbeitern die neusten Entwicklungen in der Unternehmung vermittelt. «Gerade im August fand wieder eine statt», sagt Michael Bär: «Alle kamen zusammen, es war ein schöner Abend, die Stimmung war gut.»

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