Autos zu Tiefpreisen

Der Vergleich zeigt: Autokäufer zahlen in der EU viel weniger. Direktimport spart eine Menge Geld.

Okay, ein Prozent liegt noch drin und das Radio dazu.» Mit diesem Zugeständnis hat der Autoverkäufer den Konsumenten an der Angel: Nochmals 500 Franken gespart, denkt der und ist zufrieden. Der Interessent für einen neuen Alfa 156 macht den Handschlag. Was er nicht weiss: In Dänemark hätte er das gleiche Alfa-Modell, wenn auch ohne Klimaanlage, rund 15 000 Franken billiger kaufen können. Mit 35’721 Franken liegt der Schweizer Listenpreis ohne Steuern 78,5 Prozent über dem dänischen.

Bei einem dreitürigen Fiat Punto 1.2 beträgt die Differenz 72,7 Prozent. Und auch bei einem Ford Focus 1.6 oder einem Mazda 323 F 1.5 werden die Preise in der Schweiz über 50 Prozent höher angesetzt als in Dänemark.

Nirgendwo in Europa knöpft die Autoindustrie den Konsumenten so viel ab wie in der Schweiz. Nur gerade in Grossbritannien sind die Autos ohne Berücksichtigung der Steuern noch teurer. Aber dort lässt sich der hohe Preis zum Teil durch den Umbau wegen des Rechtsverkehrs erklären. In der Schweiz fällt solch ein handfester Grund für die massiven Preisunterschiede weg, das zentral in Europa gelegene Land kann kostengünstig aus allen wichtigen europäischen Autowerken mit den Standardausführungen für den Linksverkehr beliefert werden. Aber was als Preis in den Schweizer Showrooms angeschrieben ist, kann oft nur als Abriss bezeichnet werden.

«Autopreise ab Werk» gehören zu den bestgehüteten Geschäftsgeheimnissen der Branche. Aber die Endpreise eines Autos in den verschiedenen Ländern haben nur mehr sehr schwach etwas mit seinen Gestehungskosten in der Fabrik zu tun. Die gewaltigen Differenzen entstehen in den Marketingabteilungen der Vertriebsgesellschaften, in denen die Produktmanager der Modelle versuchen, den Gesamtertrag aus Anzahl verkaufter Exemplare mal dem Gewinn pro verkauftem Modell in jedem Land zu maximieren. Damit erschliesst sich das Geheimnis der Preisunterschiede. Hohe Kaufkraft und minimale Steuerabgaben verleiten die Autohersteller zu hohen Basispreisen mit grossen Gewinnmargen. Der Schweiz kommt die Rolle der Milchkuh zu. Hier zu Lande können Konsumenten dank ihrer grossen Kaufkraft und dank einem Staat, der die europaweit bescheidenste Mehrwertsteuer von nur 7,6 Prozent erhebt, tüchtig gemolken werden.

In Deutschland beträgt die Mehrwertsteuer für Autos 16 Prozent, in Frankreich 19,6, in Portugal 55,4 und in Dänemark gar 210 Prozent. Damit sich trotz der horrenden Steuern zum Beispiel auch in Dänemark neue Autos verkaufen lassen, setzen die Hersteller die Grundpreise gerade bei den Volumenmodellen enorm tief an. Ein Däne zahlt für seinen Alfa 156 2.0 umgerechnet dann immer noch satte 62’178 Franken. Für Schweizer Kunden, die einen Parallelimport aus Dänemark planen, spielt das keine Rolle. Sie können beim Ausführen des Autos an der Grenze die staatlichen Abgaben zurückverlangen oder schon beim Händler nur den Nettopreis zahlen.

Von der zurückhaltenden Besteuerung in der Schweiz profitieren also weder die Kunden noch der Staat, sondern einzig die Hersteller. Ebenfalls vom Geldsegen ausgenommen ist das Schweizer Autogewerbe. Gewinnmargen und damit auch die Verbraucher-Preise werden zumeist vom Hersteller bestimmt und immer schärfer kalkuliert. Damit bleibt gerade am Ende der Vertriebskette beim Händler immer weniger Spielraum. «Mit etwas Glück schaut für mich bei einem 50’000- bis 60’000- fränkigen Modell noch zwischen 1500 und 2000 Franken raus», erklärt ein kleiner VW-Händler mit zwei Angestellten.

Kein schnell verdientes Geld. Hinter jedem Neuwagen-Vertragsabschluss steckten für ihn fünf bis zehn Stunden Arbeit: Beratung, Probefahrten und Aufbereitung. Als so genannter B-Händler bezieht er seine Neuwagen von einer regionalen A-Vertretung mit 14 Prozent Rabatt auf den Listenpreis. Davon gibt er zwischen 8 und 10 Prozent an seine Kunden weiter.
Autos zu Tiefpreisen

Eigentlich ist die Schweiz kein Land mit Feilschkultur. Die angeschriebenen Preise sind bei den meisten Produkten in Stein gemeisselt und als solche akzeptiert. Das Auto ist ein Sonderfall. Um sich gegen den Abriss zu wehren, haben sich Schweizer Autokäufer ganz entgegen dem Nationalcharakter zu hartnäckigen Feilschern entwickelt. Sie wollen Rabatte und Extras – mit Erfolg. Auf die normalen Listenpreise kann ein cleverer Käufer acht bis zehn Prozent Rabatt herausholen. Und selbst bei Nettopreisen sind mit etwas Verhandlungsgeschick noch Abschläge drin. Wie viel Rabatt letztlich gewährt wird, liegt einzig im Ermessen des Händlers. Es ist sein Gewinn, der mehr oder weniger geschmälert wird.

Die Autobranche kontert mit einem Marketingfeuerwerk von «Swiss Editions» und speziellen Schweizer Service- und Garantiepaketen, die den Konsumenten den Vergleich mit ausländischen Listenpreisen erschweren.
Grundsätzlich steht es jedem Schweizer Kunden frei, sein Auto im Ausland zu kaufen. Seit im Oktober 1995 die Lärm- und Abgasvorschriften an die EU-Normen angepasst wurden, ist der Direktimport
von Autos in die Schweiz mit dem entsprechenden EU-Zertifikat sehr viel einfacher geworden. Doch ähnlich wie bei den Krankenkassen oder Motorfahrzeugversicherungen machen nur wenige von der Freiheit Gebrauch. Nach einem kurzen sprunghaften Anstieg 1996 sank die Zahl der direkt importierten Autos 1997 bereits wieder von 3992 auf 2562. Mit über 9500 Importen deutlich zugenommen hat in den letzten zwei Jahren die Zahl der eingeführten Occasionen. Dabei dürfte es sich teilweise auch um Neuwagen mit sehr wenig Kilometern handeln, die für die Überführung bereits im Verkaufsland eingelöst wurden, was sie offiziell zur Occasion macht. Bezogen auf einen Gesamtmarkt von zurzeit über 300’000 Neuwagen bleibt der Anteil aber nach wie vor verschwindend klein. «Der Schweizer kauft sein Auto gern in einer bekannten Umgebung bei einem Garagisten, dem er vertraut», erklärt Hanspeter Schick, Direktor der Vereinigung Schweizer Autoimporteure VSAI. «Zudem wird in 70 Prozent der Fälle das alte Auto eingetauscht. Beim Kauf im Ausland ist das normalerweise nicht möglich. Das Auto muss dann privat verkauft werden.»
Allein schon dieser Mehraufwand hat offenbar eine grosse abschreckende Wirkung. Das ist aber erst der Anfang. So ist der Kauf und Direktimport eines Autos in der Regel zeitaufwändig und mühsam, angefangen beim Einholen von Offerten über das Organisieren von Papieren auf verschiedenen Ämtern bis hin zum Transport und Einlösen in der Schweiz. Zudem muss das ganze Geschäft meist in einer Fremdsprache abgewickelt werden. Entsprechend ist für die meisten Schweizer ohne freundschaftliche Kontakte vor Ort das Auto-Billigland Dänemark nah und trotzdem fern.

Etwas anders sieht es im grenznahen Gebiet aus. Dort ist die Hemmschwelle kleiner, aber meist auch der Preisunterschied. Trotzdem kann sich bei gewissen Modellen das Einholen von deutschen, französischen oder italienischen Offerten durchaus lohnen. Der TCS kommt in seiner Broschüre «Direktimport von Personenwagen» zum Schluss: «Wenn sich 3000 Franken oder mehr sparen lassen, kann es sich lohnen, das Risiko von schleppender Bearbeitung von Garantiefällen in Kauf zu nehmen.»

Grundsätzlich ist die normale Werksgarantie in ganz Europa gewährleistet.
Entsprechende Reparaturarbeiten müssen von jedem Markenhändler erbracht werden. Anders sieht es bei speziellen, erweiterten Service- und Garantieleistungen aus. So führte Mercedes-Benz Schweiz 1995 kurz vor der Liberalisierung zwecks stärkerer Kundenbindung das Swiss-Integral-Servicepaket ein. Es umfasst zusätzlich zur normalen Werksgarantie eine Gratiswartung bis 100’000 Kilometer oder drei Jahre, die das Ersetzen von Verschleissteilen einschliesst. Der TCS schätzt, dass dieses ausschliesslich beim Kauf in der Schweiz angebotene Servicepaket rund 2000 Franken wert ist. Trotzdem bleibt gerade bei Luxusmodellen von Mercedes, etwa der Limousine S320, die Preisdifferenz im Vergleich zu anderen Ländern beträchtlich, wobei es je nach Markt Unterschiede in der Serienausstattung geben kann.

Die in der Schweiz verkauften Modelle sind im europäischen Vergleich durchweg überdurchschnittlich reichhaltig ausgestattet. Aber genau darin kann auch noch ein weiterer Vorteil des Direktimports liegen. Wer wenig Wert auf unnötigen Luxus legt, kann im Ausland wesentlich preiswertere Einsteigerversionen von Luxusmodellen kaufen, die in der Schweiz gar nicht angeboten werden. Je nachdem kann so gleich doppelt gespart werden.

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