Auf Aufholjagd – Das Kader hat abkassiert

Auf Aufholjagd - Das Kader hat abkassiert

Das Kader hat abkassiert. Jetzt wollen auch die Kleinen ihren Anteil am Kuchen.

Seit 13 Jahren dreht er seine Runden. Linie 5, 6, 7 und 9. Stefan Neuenschwander, 40, ist Tramführer bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ). Schichtarbeit inklusive. Auf Anfang Jahr gabs 3,5 Prozent mehr Lohn, «die aufgelaufene Teuerung seit 1996», sagt der VBZ-Angestellte. In letzter Zeit dreht er noch ein paar Runden mehr. Zusatzdienste – wegen Personalmangel.
Stefan Neuenschwander geht es wie Tausenden, die in öffentlichen oder privaten Betrieben angestellt sind. Bei Dienstleistungsunternehmen, auf dem Bau und in Industriebetrieben – überall wird die Belegschaft mit bescheidenen Lohnaufbesserungen abgespeist, trotz guter Wirtschaftslage.

Die Aufschwungsrendite wird in den Teppichetagen abgeschöpft. Schweizer Topmanager haben zwischen März 2000 und März 2001 im Schnitt 21 Prozent mehr Lohn abkassiert. Dies ergab die Salärumfrage 2001 der «Handelszeitung» und der Beratungsfirma Kienbaum. «Relativ deftig», findet das Neuenschwander: «Die Grossen werden gestopft auf Kosten der Kleinen.»
Die Chefs langen kräftig zu – und halten ihre Angestellten an kurzer Leine. In den Branchen mit Gesamtarbeitsvertrag sind die Löhne durchschnittlich nur um 2,9 Prozent gestiegen, wie das Bundesamt für Statistik ermittelt hat.

Jetzt soll die Lohnwende kommen. Die beiden grössten Angestelltenorganisationen der Maschinen- und Chemieindustrie VSAM und VSAC fordern eine Erhöhung der Lohnsumme um 3 bis 5 Prozent sowie ein Mitspracherecht der Personalvertretungen in der Budgetierungsphase. «Die bisherigen Rituale sind frustrierend», sagt Hans Furer, Geschäftsführer des VSAC, «wir wollen dort mitreden, wo die lohnpolitischen Pflöcke effektiv eingeschlagen werden.» Auch die Managerlöhne müssten verhandelt werden. Furer: «Es geht nicht an, gegenüber den Angestellten zu argumentieren, dass die Lohnforderungen zu hoch sind, und bei der Erhöhung der eigenen Kaderlöhne andere Regeln anzuwenden.»

Aufholjagd auf breiter Front – der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) wird seine Lohnforderungen im August präsentieren: «Es wird harte Verhandlungen geben», gibt sich SGB-Sekretär Serge Gaillard kämpferisch: «Drei Jahre Aufschwung sind an den Arbeitnehmern spurlos vorübergegangen. Jetzt reichts!» Sogar der Arbeitgeberverband signalisiert Entgegenkommen, da die gute Konjunktur zusätzlichen Spielraum eröffne.

Die Basis fühlt sich übers Ohr gehauen. «Man soll niemandem den Lohn neiden», sagt Richard Odermatt, Lokomotivführer bei den SBB, «aber wenn die oben so viel kassieren, macht mir das Mühe.» Im letzten Jahr haben die Bundesbahnen den Gewinn deutlich gesteigert – doch für den Angestellten Odermatt gabs unter dem Strich keinen Franken mehr Lohn. Die Arbeitszeit der Lokomotivführer wurde von 41 auf 39 Stunden reduziert, das hat den Zustupf kompensiert: «Die Lohnerhöhung existiert nur auf dem Papier», ärgert sich Odermatt.

Dafür hat sich das Management bedient. Heuer fliessen bei gutem Geschäftsgang 600’000 Franken aufs Konto von SBB-Chef Benedikt Weibel: 400’000 Franken Basisgehalt und ein Bonus von maximal 200’000 Franken. Ein Jahr zuvor warens noch 468’000 Franken – eine Saläraufbesserung von 28 Prozent. «Marktübliche Löhne», winkt SBB-Sprecher Christian Kräuchi ab. Doch Peter Lauener vom Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonalverband (SEV) siehts anders: «Der SBB-Gewinn wurde durch immense Leistungssteigerung des Personals erwirtschaftet. Die Belegschaft soll davon profitieren.» Die Forderung des Eisenbahnerverbands: eine um 5 Prozent dickere Lohntüte.

Abzockerei in den Chefetagen – seit Schweizer Unternehmen an den Börsen von New York und London kotiert sind, müssen sie die Summe offen legen, die sie den leitenden Organen ausschütten. Die UBS hat im Jahr 2000 an den Verwaltungsrat, die Konzernleitung und das Group Managing Board (50 Personen) insgesamt 272,3 Millionen Franken ausgeschüttet, im Schnitt pro Kopf 5,5 Millionen Franken – gegenüber 1999 eine Erhöhung von 13 Prozent. Die Basissalärsumme der Angestellten wurde um nur 1,5 Prozent erhöht. Bei Novartis erhielt das Management 21,6 Millionen Franken (1999) respektive 29,4 Millionen Franken (2000) – eine Steigerung um 36 Prozent. Anna Witschi, Pharma-Assistentin in einer Zürcher Apotheke hat 4,3 Prozent mehr Lohn bekommen.

«Die Chefs haben sich die Gewinne angeeignet», sagt SGB-Ökonom Serge Gaillard, «Reallohnerhöhungen für alle müssen wieder eine Selbstverständlichkeit werden.»
Den Gewerkschaften läuft die Zeit davon. Noch ist die Wirtschaft auf gutem Kurs – doch bereits ziehen am Konjunktur-Himmel die ersten düsteren Wolken auf.

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