Angriff aus dem Untergrund

Untergrund

Die Grossen propagieren für 2002 feminine Sanftheit. Nur die avantgardistischen Aufsteiger zeigen Bizarres aus Seide und Spitze.

Die Botschaft der grossen Modemacher auf den Prêt-à-porter-Schauen in Paris war so eindeutig wie selten: Die Frau kleidet sich im kommenden Sommer wieder weiblich und romantisch. Nur die kleinen Aufsteiger aus dem Untergrund wagten es, der gepflegten Unverfänglichkeit einen kräftigen Schuss Verruchtheit entgegenzusetzen.

So präsentierte das Duo Vava Dudu, 30, und Fabrice Lorrain, 31, seine aktuellen Entwürfe im morbiden Ambiente des Darkrooms eines Gay-Lokals. Inmitten all der artigen Mädchen in netten Kleidchen, die sonst über die Laufstege trippelten, wirkte die wilde Inszenierung wie die Faust aufs Auge. Dudu und Lorrain überraschten selbst die notorisch gelangweilte Modeszene mit bizarren Teilen aus Seide und Spitze, alle entstanden ausschliesslich in ihrem Appartement im 18. Arrondissement von Paris: «Unsere ganze Produktion wird an einer einzigen Nähmaschine entworfen», sagt Lorrain.

Ihren Erfolg – Dudu und Lorrain sind in der Szene das, was man heutzutage Kult nennt – verdanken sie jedoch auch ihrer clever gestrickten Marketingmasche: Die flippigen Sachen werden ausschliesslich in Kultboutiquen wie Kokon To Zai in Paris oder The Pineal Eye in London verkauft – Läden mit Kundinnen wie Björk, Madonna oder den Stylistinnen der TV-Serie «Sex and the City». Das ist dem Image wesentlich dienlicher als jede Fotostrecke in einem Hochglanzmagazin.

Ganz anders dagegen die Masse der etablierten Couturiers: Sie schwelgten in Paris in Herzchen, Schleifen und rauschenden Röcken. «Wir vermitteln Träume», beharrten Häuser wie Lacroix und Valentino auf einer poetischen Botschaft, die nach dem 11. September fast wie eine Kampfansage an die Tristesse der Wirklichkeit klang: Auch bei den Pariser Modewochen fielen fast alle wichtigen Partys der Betroffenheit über das Weltgeschehen zum Opfer. Die Absage von Helmut Lang, dessen neue Kollektion als grosser Schritt nach vorn erwartet worden war, sowie die verschärften Sicherheitsmassnahmen zeigten, dass sich auch das Illusionshandwerk der Modewelt nicht vom Rest der Welt abkoppeln kann.

Immerhin war, anders als befürchtet, die internationale Presse angereist, und sogar die Einkäufer mit Ausnahme einiger weniger amerikanischer Vertreter hatten nicht abgesagt. Schliesslich geht es im Fashion-Business nicht nur um die Schönheit. Der Leitsatz der wichtigsten Pariser Modehäuser war nirgendwo zu überhören: «Von 20 Minuten Show ist ein ganzer Wirtschaftszweig abhängig.»

Um sich als internationale Modekapitale halten zu können, setzt die Pariser Branche voll auf die Jugend. In den meisten Traditionshäusern wurde die alte Garde durch Nachwuchskräfte ersetzt: Neuer Chefdesigner bei Givenchy ist der Brite Julien Macdonald. Giambattista Valli entwirft von nun an die Prêt-à-porter-Kollektionen bei Emanuel Ungaro. Das Duo E2 soll Léonard modernisieren. Massimo Giuzzani ist neuer künstlerischer Leiter bei Nina Ricci. Und Phoebe Philo wurde Nachfolgerin ihrer Freundin Stella McCartney bei Chloé, die nun für die Gucci Group schneidert.

Die textile Revolution wird allerdings auch im Frühjahr 2002 nicht ausbrechen. Die Modemacher kreieren in ihren neuen Entwürfen – schon vor einem halben Jahr, also lange vor dem denkwürdigen 11. September entworfen – die Illusion einer friedlichen Welt in Pastellfarben, in der die Frauen noch nicht die Hosen anhatten. Die zentrale Farbe der neuen Unschuld ist, wie kann es anders sein, Weiss. Am konsequentesten zogen die neue Weissheit die Designer Viktor & Rolf durch: Nach einer rein schwarzen Winter-Kollektion präsentierten die Holländer nun Frühlingskleider wie jungfräulich weisse Wolken mit Schleifen und ausschweifenden Ballonärmeln. Pate standen Klassiker der Kostümgeschichte, immerhin von den Schnitten und Materialien her so modernisiert, dass sie auch den Anforderungen der modernen Einkäufer aus Amerika und Asien gerecht werden.

Feminin auch die Schnitte von Chloés neuer Chefdesignerin Phoebe Philo. Allerdings bürstet sie die Romantik etwas gegen den Strich, indem sie grobe, unbehandelt wirkende Materialien verwendet. Stella McCartney sieht die moderne Frau ebenfalls als Elfe in einem eleganten knielangen weissen Mantel, aufwändig verarbeitet mit Biesen und brav bis ins Mark.

Spielerisch-ironisch bearbeitet hingegen der in London lebende türkisch-zyp-riotische Designer Hussein Chalayan das Thema Romantik. Chalayan zeigte in Paris luftige Kleidchen mit unfertigen Säumen, die aussahen wie aus losen Fetzen zusammengestoppelt. Neu ist dieses Stilvokabular allerdings nicht: Bereits Rei Kawakubo von Comme des Garçons und Nicolas Ghesquère von Balenciaga arbeiten mit verfremdeten Romantikzitaten. Ghesquière gilt übrigens als einer der Talentiertesten in Paris und führte Balenciaga, das seit Juli zur Gucci Group gehört, innerhalb weniger Saisons zu internationalem Ansehen.

Kann ich das überhaupt tragen? Dieses Problem kann der Kundin im kommenden Sommer niemand abnehmen. Doch einen Trost hat sie: Raubtierprints, seit Jahren immer wieder neu variiert, bleiben in Mode. Jean-Paul Gaultier und vor allem Tom Ford, allmächtiger Kreativdirektor von Yves Saint Laurents Zweitmarke Rive Gauche, greifen erneut in den Trachtenfundus alter Kulturen. Ford spielt beispielsweise mit dem Thema Afrika – eine Reverenz an den grossen YSL, der sich stets vom Schwarzen Erdteil inspirieren liess. Leoparden-Drucke auf Mousseline, Djellabas und die Saharienne, die Saint Laurent neben dem Damensmoking weltberühmt gemacht haben, sind eine wichtige Basis seiner neuen Ethno-Kollektion.

Auch der Exzentriker John Galliano bleibt bei Dior seinem Leitmotiv «In fünfzehn Minuten um die Welt» treu und puzzelt seine Kollektion nach dem Baukastensystem zusammen. Als Couturier, Stylist, DJ und Popstar gleichzeitig «sampelt» er die klassischen Dior-Codes mit zeitgenössischen Elementen und nennt dies modisch «Street Chic».

Dagegen stehen die Klassiker wie ein Fels in der Pariser Brandung. Altmeisterin Sonia Rykiel hält sich nach wie vor an das, was sie am besten kann: Strick. In der kommenden Saison ist das typische Rykiel-Model gestreift oder in hellen Sommerfarben, mit Strassinkrustationen verziert und in femininer Optik. Dazu passen Sandaletten.

Auch Karl Lagerfeld konzentriert sich auf das Wesentliche. So wie der Chanel-Chefdesigner selbst abgespeckt hat, so hat er auch seine Kollektion von Ballast befreit. Lieber zu wenig als zu viel, nach dieser Devise setzt er gezielt die Details ein: Kamelien auf den Revers der Westen, die typischen Chanel-Steppstoffe zur Abwechslung mal als Grundmaterial für Stiefel, Cocos berühmte Perlencolliers nicht am Hals getragen, sondern auf den Kleidern aufgestickt. Den klassischen Chanel-Tailleur hat Lagerfeld mit der Schere auf den Zeitgeist getrimmt: Er kommt jetzt in Kurz als Minikleid.

Überhaupt lässt sich modisch einiges erreichen, wenn man nur an der rechten Stelle schnippelt, das weiss auch der Edelschneider. Der belgische Designer Martin Margiela funktionierte übergrosse, abgeschnittene Vintage-Mäntel und -Pullover zu Boleros und Capes um. Seine Kollektion liess er in einem traditionellen Pariser Bistro am Quai du Louvre präsentieren. Mitarbeiter in weissen Arbeitsblusen erklärten die raffinierten Kreationen anhand eines Videos. So erfuhren die Journalisten und Einkäufer, wie kompliziert seine Stofffalttechnik ist und dass die Basis seiner Blousons, Seidenkleider und Cardigans der Kreis ist.

Wer die Botschaft versteht, kauft – hoffentlich. Dann hat sich der Kreis wenigstens für Martin Margiela geschlossen.

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