US-Sportler – Mit aller Gewalt

US-Sportler Mit aller Gewalt

Im Wettkampf müssen sie den Gegner um jeden Preis ausser Gefecht setzen. Im richtigen Leben handeln viele US-Sportler nicht anders.

 

Es war nach Mitternacht, als Farrell Blalock noch in seinem Wohnzimmer sass und in der Bibel las. Plötzlich hörte er Schüsse und sah beim Blick durchs Fenster, dass eine Limousine auf seine Einfahrt zuraste. «Der Wagen drehte sich und fuhr über den Rasen, direkt vor meine Haustür.» Der Bauunternehmer rief die Polizei an, die innert Minuten zur Stelle war. Als die Beamten die Fahrertür öffneten, sahen sie eine schwangere Frau mit Wunden an Hals und Bauch. «Sie haben sie gefragt, wer auf sie geschossen hat», erinnert sich Blalock, «und sie antwortete: Mein Ehemann. Und dann verbesserte sie sich und sagte: Ich meine, mein Freund.»

 

Im Spital von Charlotte (North Carolina) brachten die Ärzte an jenem 16. November 1999 per Kaiserschnitt einen Knaben zur Welt. Er überlebte, doch seine Mutter Cherica Adams starb einen Monat nach der Schiesserei. Am folgenden Tag verhafteten Polizisten ihren Freund, Football-Profi Rae Carruth, der sich auf dem Parkplatz eines Motels im Kofferraum seines Autos versteckt hatte. Der 26-jährige Wide Receiver der Carolina Panthers wird beschuldigt, zusammen mit Komplizen die Mutter seines Sohnes ermordet zu haben. Er ist der erste aktive Spieler der National Foot-ball League (NFL), dem ein derartiges Verbrechen zur Last gelegt wird.

 

Es dauerte nur ein paar Wochen, und die Repräsentanten der populärsten US-Sportart sorgten für die nächste Horrorstory. Bei einer blutigen Messerstecherei im Kneipenviertel von Atlanta in der Nacht nach der Super Bowl vom 30. Januar 2000 waren zwei Männer niedergemetzelt worden. Als Hauptverdächtigen arretierte die Polizei Ray Lewis, einen prominenten Linebacker der Baltimore Ravens, der als Zuschauer zum Spiel nach Georgia gefahren war. Lewis sollte in der Woche darauf bei einem All-Star-Meeting teilnehmen, mit dem die NFL traditionell die Saison beschliesst.

 

Die Reise fiel aus. Ebenso ein Kommentar von Commissioner Paul Tagliabue. Der hatte nur wenige Tage vor der Super Bowl die 1500 Profis vor dem Pauschalverdacht in Schutz genommen, sie seien eine Ansammlung krimineller Gestalten. Was sollte der oberste Ligamanager nun auch sagen? Die Festnahmen von Lewis und Carruth waren nicht zu widerlegen, auch wenn deren Verwicklung in die Morde erst noch vor Gericht bewiesen werden muss. Stattdessen ergriffen Fachleute wie Richard Lapchik von der Northeastern University in Boston das Wort. Die Festnahmen würden endlich die «notwendige Aufmerksamkeit für ein Phänomen schaffen, das seit Jahren existiert und schlimmer wird».

 

Das «Phänomen» genau zu belegen ist schwierig. Während die NFL behauptet, die Zahl der Verurteilungen ihrer Profis wegen Gewalttaten sei von 1997 bis 1999 von 35 auf 5 zurückgegangen, zeigten zwei Journalisten vor einem Jahr in ihrem viel beachteten Buch «Pros and Cons: The Criminals Who Play in the NFL» ganz andere Dimensionen. Danach ist rund ein Fünftel der Spieler in die Mühlen der Justiz geraten. Typische Vorwürfe: Vergewaltigung, Körperverletzung und illegaler Waffen- und Drogenbesitz. «Die NFL-Teams rekrutieren eine neue Sorte krimineller Spieler», warnte Mitautor Don Yaeger neulich und verwies auf Cornelius Bennett, der im letzten Jahr für die Atlanta Falcons in der Super Bowl spielte, obwohl er kurz zuvor eine Babysitterin vergewaltigt hatte. Er ging für drei Monate ins Gefängnis. «Jetzt spielt er für die Indianapolis Colts, und die Kids kaufen sein Trikot wie verrückt.»

 

Dass Football-Spieler häufiger gewalttätig werden als andere Sportler, überrascht die Experten nicht. Die Sportart rekrutiert ihren Nachwuchs aus den untersten Gesellschaftsschichten und bereitet ihn auf eine Gladiatoren-Rolle vor, in der es zur Pflicht gehört, den Gegner brutal ausser Gefecht zu setzen.

 

Vor 100 Jahren waren Todesfälle in den Stadien an der Tagesordnung, ehe Regeländerungen die knochenkrachende Brutalität eindämmten. Heute, da NFL-Teams Sportpsychologen und eigene Geistliche beschäftigen, droht auf dem Spielfeld nicht mehr Gefahr als einem Weltcup-Abfahrer auf der Skipiste. Dafür geraten immer mehr Spieler im Alltag in Schwierigkeiten. Seis wegen Drogen und Prostituierten wie Michael Irvin von den Dallas Cowboys oder weil sie wie der ehemalige St-Louis-Rams-Verteidiger Darryl Henley einen Mord an einem Richter zu arrangieren versuchten. Henley, zu 41 Jahren Gefängnis verurteilt, sagt: «Es begann in der siebten Klasse. Jedes Mal, wenn ich einen Fehler gemacht habe, gabs jemanden, der ihn für mich vertuscht hat.»

Randy Cross, der bei den San Francisco 49ers spielte, und heute als TV-Kommentator arbeitet, sieht immer mehr Spieler mit Waffen. «Sie glauben, für sie gäbe es keine Regeln. Vieles hat mit dem Geld zu tun, das heute verdient wird.» Carruth bezog eine Millionen Dollar pro Saison, Lewis mehr als fünf Millionen.

 

Eine Studie der Eastern Michigan University stützte 1993 die Entwicklung erstmals wissenschaftlich ab. Danach verfügen Athleten in den US-Teamsportarten über ein geringeres ethisch-moralisches Empfinden als der Durchschnittsbürger.

 

Das schliesst auch Basketballspieler ein, deren Metier einst als Gentleman-Sport galt, bei dem Körperkontakt verpönt ist. Die neue Generation sieht das anders. So griff 1997 der NBA-Profi Latrell Sprewell im Training seinen Coach tätlich an und würgte ihn. Sprewell wurde monatelang gesperrt und dann an die New York Knicks abgegeben, mit denen er 1999 den Final erreichte. Aber auch dort, wo keine Gewalt im Spiel ist, mangelt es an Sinn für gesellschaftliche Regeln: NBA-Spieler zeugen mehr Kinder mit mehr Frauen als jede andere Gruppe von Athleten. Sprewell mit drei Zöglingen von drei Partnerinnen gehört bereits ins Mittelfeld der Liste. Spitzenreiter sind Shawn Kemp (Cleveland Cavaliers) mit sieben Kindern von sechs Frauen und Larry Johnson (New York Knicks) mit fünf Kindern von vier Frauen.

 

Die Betroffenen wenden sich selten so laut und vernehmlich an die Öffentlichkeit wie Kathy Redmond aus Littleton (Colorado), die als Studentin von einem Footballer vergewaltigt worden war. Sie gründete 1998 eine nationale Koalition gegen gewalttätige Athleten, nachdem sie erlebt hatte, dass der Täter, der noch andere Frauen belästigt hatte, in der NFL gelandet war. «Die Leute müssen erfahren, dass es sich um eine Epidemie handelt», sagt sie. Junge Sportler, die bereits in der Schule als Stars behandelt werden und später wegen ihrer athletischen Fähigkeiten Stipendien bekommen, machen nur vier Prozent der Studenten aus, sind aber für knapp 20 Prozent aller Übergriffe gegen Frauen verantwortlich. Oft vergewaltigen sie ihre Opfer zu dritt oder zu viert. «Das betrachten sie als Teil des Teamgeistes», sagt Kathy Redmond.

 

Eine Seite der brisanten Debatte wurde noch nicht aufgeschlagen. Sie könnte aber jederzeit zur Sprache kommen, wie das Beispiel des Mordprozesses gegen den Ex-NFL-Profi O. J. Simpson zeigte, der von den überwiegend schwarzen Geschworenen freigesprochen wurde. Denn die Frage, welche Rolle die Hautfarbe spielt, geistert, da Schwarze mehr als zwei Drittel der Football- und drei Viertel der Basketball-Profis stellen, in vielen Köpfen herum. Und sei es nur, um berechtigte Vorwürfe pauschal abzuwehren.

 

Als der Abgeordnete Bernard Sanders vor ein paar Jahren die NFL ermahnte, härter durchzugreifen, wurde er mit dem Hinweis kritisiert, solche Aktionen würden die alten Klischees fördern, mit denen die weisse Gesellschaft die schwarze Minderheit betrachtet. Umso mehr, als Sportler nicht vor Fehlurteilen gefeit sind, wie der Fall des Boxers Rubin «Hurricane» Carter bewies, der 18 Jahre unschuldig wegen Mordes im Gefängnis sass. Auch die «Pros and Cons»-Autoren sahen die Gefahr und bemühten sich, die Klippe mit einer ausgewogenen Berichterstattung zu umschiffen. Das Problem: Die Statistik zeigt, dass in der NFL die bösen Buben überwiegend dunkelhäutig sind.

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