Unter Zugzwang

Unter Zugzwang

Sanft, aber beharrlich ziehen sie schiefe Zähne an feinen Drähten in die gewünschte Richtung. Kieferorthopäden sind Präzisionsarbeiter.

Sie strahlen von Plakaten und Kinoleinwänden: die perlweissen Zahnreihen der Models und Topstars. Zähne, stramm und gerade, in Reih und Glied gerichtet, werden heute als Normalfall präsentiert. Doch die Natur hat den wenigsten Menschen fehlerfreie Zahnreihen geschenkt. Der Kieferorthopäde hilft deshalb nach: Er formt verschrobene Gebisse zu makellosen Kauapparaten.
Seine Werkzeuge sind Drähte, Federn, Spangen, Bügel, Platten, Gummizüge, Schrauben – und manchmal die Zange, um störende Zähne zu ziehen. Von Allgemeinzahnärzten unterscheidet ihn eine Spezialausbildung nach dem Studium, viel Erfahrung und Überzeugungskraft, wenn es gilt, jahrelange Behandlungspläne – und die damit anfallenden Kosten – zu rechtfertigen. Seine Kundschaft sind Kinder und Jugendliche, zunehmend auch Erwachsene.

In der Kieferorthopädie gehts nicht nur um Ästhetik. Gut 20 Tonnen Lebensmittel werden im Laufe eines Menschenlebens Bissen für Bissen zerkleinert. Falsch belastete Zähne scheuern ab und erkranken früh. Zu eng stehende Zähne lassen sich nicht sauber putzen; Karies und Parodontitis drohen. Passen Ober- und Unterkiefer nicht zueinander, wird das Kiefergelenk überlastet, es beginnt zu schmerzen. Schliesslich ermöglicht erst die korrekte Zahnstellung verständliches Sprechen.

Dank regelmässigen Vorsorgeuntersuchungen in den Schulen werden Zahnfehlstellungen heute sehr früh entdeckt. So wundert es nicht, dass immer mehr Jugendlichen eine Zahnkorrektur angeraten wird. «Die Ästhetik der Zähne spielt heute eine Riesenrolle», bestätigt der Zürcher Professor Paul Stöckli, Direktor der Uniklinik für Kieferorthopädie. Ein Drittel bis die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler in der Schweiz lässt sich kieferorthopädisch behandeln, in den USA müssen bis zu 70 Prozent der Teenies ihren ersten schüchternen Kuss mit einer Spange im Mund wagen. Zahnmedizinisch «zwingend oder notwendig» ist eine Behandlung laut Stöckli bei etwa 8 Prozent der Kinder und Jugendlichen.

Wichtig ist eine rechtzeitige Überweisung zum Kieferorthopäden. Er kann entscheiden, wann der beste Zeitpunkt für den Behandlungsbeginn ist. Schulzahnärzte sind eigens dafür geschult, kieferorthopädische Probleme rechtzeitig zu erkennen.

Befunderhebung

Zu den häufigsten Zahn- und Kieferfehlstellungen gehören der Distalbiss und ein Engstand der Zähne. Vor der eigentlichen Behandlung muss durch Befragung und Befunderhebung eine exakte Diagnose gestellt werden, die erst die Behandlungsplanung ermöglicht. Da mag sich ein Mädchen wundern, wenn der Kieferorthopäde fragt, ob es die Periode schon habe. Die Frage ist wichtig, denn kurz vor der Pubertät streckt sich der Körper mächtig in die Länge – auch der Kieferknochen. Im genaueren Wissen über die Flausen der Sexualhormone können sich die Spezialisten ein Bild davon machen, wie stark das Kieferwachstum die Behandlung beeinflussen wird. Oft wird der pubertäre Wachstumsschub abgewartet, bis mit der Therapie begonnen wird. Ebenso unverständlich mag es erscheinen, wenn junge Patienten ihre Hand unter die Röntgenröhre halten müssen. Das Ausmass der Verknöcherungen im Handskelett lässt den Kieferorthopäden wissen, mit welchem Knochenwachstum er noch zu rechnen hat.

Auf dem Panoramabild, der Röntgenaufnahme von oberer und unterer Zahnreihe, erkennt der Kieferorthopäde die Stellung der Zähne von Milch- und Dauergebiss; Mineralisationsgrad und Wurzellänge der Zahnanlagen im Kieferknochen lassen ihn das Zahnalter bestimmen. Beim «Frühzahner» ist die Gebissentwicklung dem Lebensalter vorausgeeilt, beim «Spätzahner» hinkt sie hintennach – Informationen, die für die Behandlungsplanung wichtig sind.

Die abschliessende Abnahme des Zahnabdrucks ist äusserst unangenehm: Faustdick quillt die eklig mundende Abdruckmasse über die Ränder der Abdrucklöffel und verstopft den ganzen Mund. Mit den Abdrücken wird ein Gipsgebilde geformt, das Kiefermodell. Es ist ein wichtiges diagnostisches Hilfsmittel, das während der Behandlung die Fortschritte dreidimensional erkennen und ausmessen lässt. In Zukunft wird ein Computer die Ergebnisse der Befundaufnahme berechnen und die Behandlungsplanung übernehmen.

Die Therapie

Bügel, Platten, Klammern, Federn, Spangen, Gummizüge – sie sind die Hilfsmittel des Kieferorthopäden. Durch leichte Zug- und Druckkräfte wirken sie auf einzelne Zähne, ganze Zahngruppen oder auf den ganzen Kieferknochen. Allmählich setzen Umbauvorgänge im Zahnbett und Knochen ein: Die Zähne beginnen zu wandern, sich zu drehen und zu richten, die Kieferknochen nehmen die gewünschte Form und Lage an. Behutsam wie ein Dompteur muss der Spezialist den Zähnen den Weg zu ihren Plätzen weisen. Zu viel Druck könnte die Durchblutung im Zahnbett drosseln und das Gewebe schädigen, der Zahn würde locker. Regelmässige Kontrollen und Anpassungen der Geräte verhindern dies.

Das Headgear, eine Aussenspange, soll beim Distalbiss das ungezügelte Vorschreiten der oberen Zähne bremsen. An der oberen Zahnreihe verankert, wird der Bogen über Bänder und Gummizüge am Hinterkopf befestigt. Das groteske Gerät muss glücklicherweise meist nur nachts getragen werden. Ähnlich wirkt der Monobloc. Er gibt zusätzlich dem Unterkiefer den nötigen Vorschub. Tagsüber wird auch er aus dem Mund genommen.

Nicht so die fest sitzenden Spangen mit ihren glitzernden Brackets, Inbegriff der Teenager-Zahnspange. Ihnen zu Grunde liegt die aufwändige «Edgewise-Technik», eine Entwicklung, die bereits in den Zwanzigerjahren begann: Jeder Zahn kann nach Belieben in alle Richtungen geführt werden. Die dazu notwendigen Kräfte gehen von einem feinen Metalldraht aus, über die Brackets werden sie auf die Einzelzähne übertragen.

Das Anbringen der Brackets ist Präzisionsarbeit. Zur Vorbereitung appliziert der Zahnarzt einen Lack auf die Zahnflächen, der oberflächlich die mineralischen Bestandteile herauslöst. Zurück bleibt eine raue Oberfläche, die das Haften der Brackets ermöglicht. Die werden genau auf den Zahn geklebt. Schon kleinste Abweichungen von der idealen Lage könnten Hebelkräfte freisetzen, die den Zahn in die falsche Richtung manövrieren. Die Arbeit erfordert höchste Konzentration, denn der Klebstoff härtet innerhalb weniger Minuten. Alle paar Wochen wird die fest sitzende Apparatur neu eingestellt. Bereits sind computergesteuerte Geräte in Entwicklung, die den Zahnarzt bei der Neueinstellung des Spangendrahts ersetzen sollen.

In seltenen Fällen lassen sich die Brackets auch auf der Innenseite der Zähne versteckt anbringen. Als Lingualtechnik wird dieses Vorgehen im Fachjargon bezeichnet. Die Technik bietet wohl kosmetische Vorteile, sie eignet sich jedoch lediglich für die Korrektur von geringfügigen Zahnstellungsfehlern. Die Nachteile überwiegen: Auf ihrer Rückfläche sind die Zähne unterschiedlich geformt, das einwandfreie Anbringen der Brackets wird problematisch. Zudem engen sie den Zungenraum ein – lästige Zungenverletzungen sind die Folge.

Der Rückfall

Nach oft jahrelanger Therapie ist es endlich so weit: Die Zähne stehen in Reih und Glied, die Kaubewegungen laufen harmonisch, kein gegenseitiges Abschleifen der Zähne ist mehr möglich. Oft zeigen sich die Zähne jetzt jedoch von ihrer widerspenstigen Seite – sie tendieren dazu, erneut mit ihrer ursprünglichen Fehlstellung zu liebäugeln –, es droht ein Rückfall. Der kann durch die so genannte Retentionsbehandlung verhindert werden. Mittels einfacher Spangen oder herausnehmbarer Schienungen aus Kunststoff werden die Zähne über Jahre – meist bis etwa zum 20. Lebensjahr – in ihrer Top-Position festgehalten. Dass ein Rückfall nicht immer verhindert werden kann, bestätigt ein erfahrener Kieferorthopäde unumwunden: «Insbesondere beim offenen Biss müssen wir oft mit einem Rückfall rechnen – obwohl an kieferorthopädischen Kongressen meistens nur schöne Resultate gezeigt werden.»

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