Unter Menschenfängern

Menschenfängern

Im Sudan, dem grössten Land Afrikas, leben Zehntausende von Menschen als Sklaven. Wer Glück hat, wird freigekauft.

A ls hätte es nichts mit ihrem Leben zu tun, sagt die junge Frau: «Meine Mutter wollte fliehen. Sie wurde von den Sklavenjägern erschossen.»

Ayath Adiang Dhel sitzt im Stroh auf der Erde, in ihrem Schoss nuckelt ein auffallend hellhäutiges Kind. Sie ist 17, vielleicht 18 Jahre alt, genau weiss das niemand mehr, auch sie nicht. Neun Jahre ist es her, seit sie verschleppt wurde. «Plötzlich waren sie mit ihren Pferden überall und schlugen auf uns ein.» Ayath streichelt ihrem kleinen Sohn über die Backe, stillt ihn. Gepunktete Narben laufen quer über ihre Stirn, die traditionellen Tätowierungen des schwarzen Dinka-Volkes, das im Südsudan lebt. «Sie erschossen meine Mutter. Sie packten mich und meine zwei Schwestern. Sie fesselten uns die Arme auf den Rücken. Sieben Tage lang trieben sie uns nach Norden. Dann wurde ich einem Bauern verkauft. Wie eine Kuh.»

Neun Jahre lang, ihr halbes Leben, ist Ayath die Sklavin des Bauern. Er zwingt sie, die schwerste Arbeit im Haus zu machen: Sie schleppt das Wasser, stampft das Korn, wäscht die Kleider, hütet nachts das Vieh. Sie hungert, weil sie nur Reste zu essen bekommt. Ist sie müde, schlägt er sie mit der Lederpeitsche. Neun Jahre lang, ihr halbes Leben, ist Ayath eine Leibeigene, Eigentum eines Fremden, ohne jedes Recht. Sie schläft auf dem kalten Boden in der Küche, sie darf das Haus nur verlassen, um zu arbeiten. Wie eine der Ziegen auf dem Bauernhof kann sie verkauft und gekauft werden. Oder getötet. «Mein Meister hielt mir das Messer an die Kehle und drohte: Wenn du wegläufst, bringe ich dich um.»

Was heute undenkbar erscheint, ist im Sudan Alltag. Fünfzig Jahre, nachdem die Uno die Sklaverei für abgeschafft erklärt hat, boomt die Sklaverei im grössten Land Afrikas. Hier ist es einfacher, einen Sklaven zu bekommen als ein Fernsehgerät. Das Ausmass des Menschenraubs ist immens: Im Sudan sind derzeit über 100 000 Menschen versklavt, schätzt John Eibner von der Schweizer Organisation Christian Solidarity International (CSI). Sie müssen ihren Besitzern jederzeit verfügbar sein – im Haushalt, auf dem Feld, im Bett.

John Eibner, ein hagerer Mann mit dem Gesicht eines Fuchses, kauft Sklaven frei. 50 000 sudanesische Pfund bezahlt er pro Sklave, das sind 80 Franken. Die Freiheit hier hat einen Preis. Und der Handel mit Menschen einen Markt. Eibner schleppt zwei ausgebleichte, grüne US-Army-Säcke zum vereinbarten Treffpunkt im Dorf Yargot. Das rechte Bein zieht er leicht nach. Die Mittagssonne brennt vom Himmel, das Gewicht der Säcke drückt. Sie sind gefüllt mit speckigen Pfundnoten. Im Schatten einer Akazie setzt er sich auf einen der Säcke und wartet auf die Sklaven.

Auch Garang wartet in Yargot. Er wartet seit fünf Jahren. Jedesmal, wenn Eibner mit den schweren Säcken kommt, macht sich der 40-Jährige Hoffnung. Garang, gross gewachsen wie alle Dinka, hofft auf seine Frau und seinen Sohn. Sie sind vor fünf Jahren entführt worden. Er hat nie eine Nachricht erhalten.

Wir hören die Sklaven, bevor wir sie sehen. Vielstimmiges Gemurmel dringt durch die Dornenbüsche, jemand hustet trocken, ein Baby wimmert. Drei Männer in der Dschellaba, dem arabischen Gewand, treten aus dem Dickicht. Die Sklavenhändler vermummen ihre Gesichter mit einem Kopftuch. Sie zögern, bevor sie auf uns zukommen. Hinter ihnen gehen die Sklavinnen wie auf einem Faden aufgezogen: schwarze Frauen und Mädchen in zerschlissenen Röcken, barfuss die meisten, mit tief gefurchten Fusssohlen. Einige tragen Babys in den Armen, einige Säcke auf den Köpfen. Dazwischen nackte Kinder, die Haut über und über mit Staub bedeckt. Eine alte Frau hinkt, kann mit dem rechten Fuss nur noch auf den Zehenspitzen gehen. Eine andere trägt statt eines Kleids Plastiksäcke um die Hüften. Ein erschöpfter Junge kotzt.

865 Menschen gehen an uns vorüber. Eine halbe Stunde lang. 865 Sklavinnen, die später unter einem mächtigen Feigenbaum sitzen und nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Erwachsene Männer sind keine dabei. Sie werden von den Murahaleen, wie die Sklavenjäger heissen, bei den Überfällen getötet. Männer sind zu kräftig, zu widerspenstig, könnten den Sklavenhaltern zur Bedrohung werden.

Garang hält in der Sklavenmenge Ausschau nach seinem Sohn, nach seiner Frau. Auch er, damals ein kräftiger Mann, hätte beim Überfall vor fünf Jahren sterben sollen: Die Murahaleen fesselten ihn mit einem Seil, hackten ihm mit der Axt beide Arme ab und liessen ihn liegen. «Ich bin nur noch ein halber Mensch», sagt er, «aber ich lebe.» Er gestikuliert, als hätte er seine Arme noch. Wo die Glieder waren, hängen Stummel von den Schultern und schaukeln grotesk.

John Eibner stellt sich vor die Masse der Sklavinnen. Gebannt schauen sie auf den weissen, bärtigen Mann, der heiser verkündet: «Ihr seid bald frei. Dann könnt ihr zu euren Familien zurück.»

Ayath und ihr auffallend hellhäutiges Kind sind unter den Ersten, die an diesem Morgen in Yargot freigekauft werden.

Wie jedes Mal seit 1995, da die Schweizer Organisation CSI im Sudan aktiv ist, bezahlt Eibner umgerechnet 80 Franken pro Mensch – den Gegenwert von zwei Ziegen. 20 961 Frauen und Kinder hat Christian Solidarity International nach eigenen Angaben bisher ausgelöst; 5514 sind es allein in den zehn Tagen, in denen FACTS John Eibner begleitet. Hier in Yargot bezahlt er über 43 Millionen sudanesische Pfund, gut 70 000 Franken. Das Geld sind Spenden, die zum grössten Teil aus der Schweiz stammen.

Berge von Bündeln mit Hunderternoten legt Eibner auf den Boden vor die arabischen Sklavenhändler. Diese sehen sich selber als Fluchthelfer, die Gutes tun, als Menschenfreunde eigener Art. Sie kaufen die schwarzen Sklaven von den Bauernhöfen im Norden und bringen sie in die Dörfer im Süden zurück, von wo sie verschleppt worden waren. Als Gegenleistung, zusätzlich zum Lösegeld, dürfen sie ihr Vieh in der Trockenzeit auf dem wasserreichen Land der schwarzen Dinka weiden lassen. Sie machen ein gutes Geschäft. Das lassen allein schon die fabrikneuen Wanderschuhe vermuten, die sie alle tragen – eine Kostbarkeit in einem Land, wo sich die meisten Leute nicht einmal Plastiksandalen leisten können.

80 Franken pro Mensch, das ist ein durchschnittlicher Monatslohn.
Das Dorf Yargot besteht aus zwei Dutzend armseliger Lehmhütten und liegt in der Provinz Bahr al-Ghazal. Das ist das Unglück von Ayath, Garang und den gut drei Millionen Dinkas, die in dieser Region leben. Hier ist die Schnittstelle zwischen dem Nordsudan und dem Südsudan, zwischen den muslimischen Arabern und den christlichen und animistischen Schwarzen. Hier kommt es seit Jahrhunderten zu Konflikten zwischen den ungleichen Nachbarn. Hier herrscht seit 17 Jahren ununterbrochen Bürgerkrieg. Die Soldaten des islamistischen Regimes prallen auf die schwarzen Rebellen der sudanesischen Volksbefreiungsarmee SPLA, die für Autonomie kämpfen.

Hier werden Menschen gejagt wie in alten Zeiten.
Die Dinkas sind sich sicher, dass sie aus Kriegstaktik versklavt werden. «Das Regime will den Süden arabisieren und islamisieren», sagt der Generalstabschef der SPLA-Rebellen, Commander Salva Kiir. Er trägt Vollbart, ein rotes Béret und frisch gewichste Kampfstiefel. Er spricht leise und sanft, was nicht zum robusten Zweimetermann passt. «Mit den Sklavenüberfällen will uns das Regime terrorisieren und demoralisieren.»

Das könnte als Propaganda einer Kriegspartei interpretiert werden. Doch auch unabhängige Beobachter – etwa der Uno-Sondergesandte für die Menschenrechtslage im Sudan – kommen zum Schluss, dass das Regime in Khartoum mitverantwortlich ist für die Sklavenjagden. Amnesty International schreibt, dass sich Regierungsmilizen an den Überfällen beteiligen. Und laut Human Rights Watch, der angesehenen amerikanischen Menschenrechts-Organisation, hat das Regime die Murahaleen-Milizen, die Sklaven jagen, mit Waffen ausgerüstet. Auch Ayath sagt, dass sie von Männern in Uniform überfallen und gefangen worden sei. Alle anderen Opfer, mit denen wir sprechen, bestätigen dies.

Die meisten Überfälle passieren innerhalb eines Radius von zwei Tagesritten um die Eisenbahnlinie, die Khartoum mit der Stadt Wau verbindet. Für das Militärregime ist diese Linie von grösster strategischer Bedeutung: Wau ist Garnisonstadt und einer der letzten Brückenköpfe Khartoums im rebellischen Süden.

Die Dinkas nennen die Eisenbahn nur noch «den Todeszug». Er ist die Lebensader der Sklaventreiber. Er bringt die Murahaleen-Milizen samt ihren Pferden in den Süden. Nach ihren Überfällen pferchen sie die Sklavinnen in den Zug, fahren mit ihnen zurück in den Norden und verkaufen sie entlang der Strecke. Die Käufer sind, wie befreite Frauen erzählen, nicht etwa besonders Reiche, sondern Durchschnitt, so wie Ayaths Besitzer zum Beispiel: ein Bauer mit einigen Hektaren Land und etwa zwei Dutzend Kühen und Ziegen. Und mit zwei, drei Sklavinnen.

Wie die Milizen vorgehen, sehen wir in einem Dorf, das zwei Stunden von Yargot entfernt liegt. Wenige Tage vor unserem Besuch ist es überfallen worden. Von den Hütten stehen nur noch die Lehmmauern, die dem Feuer trotzten. Die Murahaleen zerstörten die Getreidespeicher und verbrannten die Vorräte an Sorghum, einer Hirseart und das Hauptnahrungsmittel der Dinkas. Sie steckten die Felder in Brand und schütteten das Wasserloch zu. Was sie nicht plündern konnten, verwüsteten sie. Selbst das Kochgeschirr nahmen sie mit.

Bei den Überfällen geht es darum, die Lebensgrundlage der Dinkas zu zerstören, die Dinkas zu vernichten. Dazu gehört auch, dass die Frauen bei den Attacken systematisch vergewaltigt werden, zum Teil von mehreren Männern.

Ayath hatte am Anfang Glück. Sie war noch ein Kind, als sie verschleppt wurde. So entging sie einige Jahre lang der sexuellen Gewalt. Das änderte sich, als sie zur Frau heranwuchs. Eines Morgens kamen Frauen ins Haus, die sie noch nie gesehen hatte. Ihr Besitzer sagte ihr, sie kämen, um sie zu beschneiden. Von fünf Leuten wurde Ayath auf den Boden gedrückt. Sie wehrte sich mit aller Kraft.

Noch Tage nach der Beschneidung blutete sie. Noch heute hat sie Schmerzen. «Es gibt nichts Schlimmeres», sagt Ayath. Sie hat genug erlebt, um das behaupten zu können. Danach verging sich der Besitzer, der arabische Sklavenhalter, der Durchschnittsbauer, regelmässig an ihr. Seine Haut war hell. Ayaths Kind wird unter den schwarzen Dinkas stets auffallen.

Die Provinz Bahr al-Ghazal, wo CSI-Mann John Eibner Sklaven freikauft, ist verbotenes Gebiet. Das Regime will keine Zeugen und untersagt darum alle privaten Flüge in die Region. Eibner reist jeweils heimlich und illegal via Kenia mit einem Kleinflugzeug an. Damit geht er ein beträchtliches Risiko ein.

Der 47-jährige Amerikaner kam 1990 in die Schweiz und arbeitet seither für die CSI. Seine Hauptmotivation, sagt er, sei sein christlicher Glaube. Eine seiner Lieblingsfiguren aus der Bibel ist der barmherzige Samariter. Und weil er weiss, dass seine Arbeit auch kritisiert wird, betont Eibner: «Ich will allen helfen, nicht nur den Christen. Wir sind keine Fundamentalisten.» In diese Ecke sieht sich die CSI trotzdem ab und zu gestellt. Sie reduziere den unüberschaubaren Bürgerkrieg auf einen Religionskrieg, wird etwa kritisiert. «Wir sind nicht im Sudan, um zu missionieren», sagt Eibner, «sondern um Menschen zu befreien.» Von religiösem Eifer ist in Yargot nichts zu spüren. Wohl lädt Eibner die befreiten Sklavinnen dazu ein, an einer Messe teilzunehmen. Doch damit hat sichs – zumindest solange wir dabei sind.

Dem promovierten Historiker gefällt es aber sichtlich, etwas Weltpolitik zu betreiben. Eibner bringt lokale Araberführer mit Dinka-Führern zusammen, um sie Allianzen gegen Khartoum schmieden zu lassen. Er gibt einem der Sklavenhändler eine Botschaft an den Chef der muslimischen Opposition mit. Er tauscht sich regelmässig mit Botschaftern westlicher Länder aus. Und er arbeitet eng mit der SPLA zusammen – zu eng, wie manche meinen, um den Rebellen noch kritisch gegenüberstehen zu können.

Lange leugnete das Militärregime kategorisch, dass es Sklaven im Sudan gibt. Heute spricht es von einer «traditionellen Unsitte von Nomadenstämmen im Süden». Dass die Regierung selber in die Sklaverei verwickelt ist, tut sie als «anti-islamische Propaganda» der CSI ab. Dabei waren es zwei muslimische Akademiker in Khartoum, die erstmals darüber berichtet hatten, dass das Militärregime Sklavenjagden als Kriegsmittel einsetze.

Ernster zu nehmen ist die Kritik, die CSI heize mit ihrer Tätigkeit den Sklavenhandel an. Wer für Sklavenbefreiungen Geld zahlt, schaffe einen ökonomischen Anreiz, Menschen zu versklaven und zu verkaufen, kritisiert etwa das Kinderhilfswerk Unicef: «Das führt dazu, dass es noch mehr Sklavenhandel gibt.»

«Unsinn», kontert Eibner und zeigt wie zur Bestätigung auf die befreiten Frauen und Kinder in Yargot. So viele Sklavinnen wie in den letzten Monaten habe er noch nie ausgelöst, trotzdem gebe es weniger Überfälle als früher. Die Sklavenjagden seien politisch motiviert und entzögen sich deshalb ökonomischen Gesetzen. Aber auch Eibner weiss, dass seine Arbeit die Sklaverei nicht aus der Welt schafft. Dass sie nur das Symptom bekämpft, nicht das Problem löst. «Sollen wir deshalb etwa nichts tun?», fragt er. «Wir retten immerhin Menschen.»

Fünf Jahre hat der 40-jährige Garang gewartet, fünf Jahre hat er gehofft. Und tatsächlich: An diesem Morgen findet er unter den 865 Sklavinnen in Yargot endlich seine Frau und seinen Sohn. Garang ist glücklich, und er schämt sich. Sein Sohn versteckt sich hinter der Mutter, schaut erschreckt auf die Stummel. Garang kann sein Kind nicht in die Arme nehmen.

Ayath, die 17-, vielleicht 18-Jährige, wartete bis spät nachts vergeblich. Niemand kam, um sie nach Hause zu holen. Am nächsten Tag, kurz nach sechs Uhr, als die Sonne den Vollmond verdrängt hat, hüllt sie ihr auffallend hellhäutiges Kind in ein buntes Tuch, nimmt es in die Arme und macht sich barfuss auf den Weg. Sie wird Tage brauchen, bis sie ihr Dorf erreicht.

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