Überforderte Super-Cops

FBI

Der Angriff der Cyber-Terroristen zeigt: Das FBI ist seinen Aufgaben nicht gewachsen.

FBI-Chef Louis Freeh hat ein Flair für dramatische Auftritte. Eine Woche nachdem Hacker die Internetseiten von Yahoo, eBay und Amazon.com lahm gelegt hatten, trat er mit düsterer Miene vor den US-Senat und verlangte, dass die Täter so hart wie die organisierten Kriminellen der Drogenkartelle oder der Mafia zu bestrafen seien. Auch von ersten Erfolgen konnte er berichten: Den Cyber-Terroristen sei man auf der Spur, in 17 Fällen habe man mit einer Untersuchung begonnen. Besonders hervor hob Freeh den Einsatz seiner noch jungen Spezialabteilung gegen Computer-Verbrechen.

Was der Direktor des Federal Bureau of Investigation (FBI) verschwieg, war die Tatsache, dass man auf erste Spuren nicht durch Detektivarbeit von Computer-genies beim FBI gekommen war. Das FBI musste nur das Telefon abnehmen – die Tipps kamen von Informanten.

Wie zu Zeiten des Gangsters Al Capone, als FBI-Beamte dem Schuhputzer um die Ecke ein paar Dollar für einen Hinweis aus der Unterwelt zuschoben, stüt-zen sich die US-Superpolizisten heute noch auf das gleiche, altertümliche Fahndungsgerüst: ein grosses Netz von oft bezahlten Informanten.

Diesmal kamen die Tipps von Leuten aus dem Umfeld von Untergrund-Hackern. «Das FBI ist nicht gerade überladen mit Internetgurus», merkte das US-Nachrichtenmagazin «Newsweek» an. Verbrechensbekämpfung per Denunziant statt per Decoder, scheint das Motto zu sein. Die Fahndung wird damit zur Glückssache: Entweder hat das FBI einen Hinweis, der zum Erfolg führt, oder die Untersuchung bleibt stecken.

Eine Situation, die typisch ist für den Zustand des FBI. In den letzten fünf Jahren haben sich die Aufgaben der Elite-Cops stetig ausgeweitet. Neben den traditionellen Bereichen wie der Bekämpfung von organisierter Kriminalität, Terroranschlägen und Drogenhandel kommt heute vom Computerbetrug über lokale Polizeiaufgaben bis zur Aufklärung von Kriegsverbrechen, wie etwa in Kosovo, alles hinzu. 4400 neue Agenten hat das FBI in den letzten Jahren angestellt – eine Aufstockung um mehr als ein Drittel und damit die grösste Reorganisation in der fast hundertjährigen Geschichte der Behörde. Das Budget wurde von 1,5 auf 3 Milliarden Dollar gar verdoppelt.

Die Kompetenz des FBI aber hat mit der Ausweitung nicht Schritt gehalten. Wegen der raschen Expansion gibt es heute viele junge, unerfahrene Beamte. Mehr als 40 Prozent aller FBI-Agenten haben weniger als fünf Jahre Berufserfahrung. «Eine dramatische Reduzierung des Erfahrungsniveaus», warnte die Zeitung «USA Today» kürzlich. Gerade in der Polizeiarbeit kann die im harten Strasseneinsatz angehäufte Erfahrung entscheidend sein. «Früher hatten wir immer irgendwelche alte Hasen, die den Jungen die Kniffe des Jobs zeigen konnten. Heute verlieren wir sie», klagt James DeSarno aus dem Los Angeles Office, dem nach Washington zweitgrössten Büro im Land.

Seit Anfang der Neunzigerjahre häufen sich die Pannen und Skandale bei der einst strahlenden Behörde. Das FBI macht weniger mit spektakulären Fahndungserfolgen als mit peinlichen Enthüllungen Schlagzeilen. Das reicht von zweifelhaften Methoden, wie der Unterzeichnung von falschen Haftbefehlen, mit denen die Cops im Staat Connecticut ihre Untersuchungen beschleunigen wollten, bis hin zu stumpfsinnigen Fehlern wie der vorschnellen Bekanntgabe des Täters beim Bombenanschlag wäh-rend der Olympiade in Atlanta 1996. Der Wachangestellte Richard Jewell, den das FBI als Täter präsentierte und mit Tricks zum Geständnis zwingen wollte, war unschuldig. Warnungen der Kollegen im Washingtoner Speziallabor, welche die Fahnder nach Tests von Beweismaterial darauf hinwiesen, dass man den «falschen Jungen» habe, wurden ignoriert.

Manchmal waren die Verfehlungen des FBI tödlich. Das Land war geschockt, als letztes Jahr bekannt wurde, dass das FBI, entgegen anders lautenden Behauptungen, bei der Stürmung des Sekten-zentrums in Waco, Texas, vom 19. April 1993 doch brennbares Tränengas eingesetzt hatte. Das Sektengebäude brannte nieder – möglicherweise hat das Tränengas den Brand mitverursacht oder beschleunigt. 80 Menschen, darunter 12 Kinder, starben in den Flammen. Justizministerin Janet Reno und FBI-Chef
Freeh schoben sich gegenseitig die Schuld an den Vertuschungen zu. Seitdem sind sich die beiden Behörden Spinnefeind. Als Höhepunkt des Hickhacks liess Reno im September ihre eigenen Polizisten, die United States Marshals, eine Razzia im FBI-Hauptquartier durchführen, um Material sicherzustellen. Freeh kochte vor Wut.

Aber auch mit Präsident Bill Clinton hat Freeh das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Der Kampf mit Reno und der Machtzuwachs der Behörde sollen Clinton misstrauisch gemacht haben. Als Freeh im Lewinsky-Skandal nichts dagegen unternahm, dass die FBI-Männer im Weissen Haus, die zum Schutz des Präsidenten angestellt sind, vor Sonderermittler Ken Starr aussagten, war Feuer im Dach. Clinton erklärte Freeh inoffi-ziell zur Persona non grata.

Öffentlich ist Clinton bisher nicht gegen Freeh vorgegangen. Das wäre auch schwierig: Der FBI-Direktor ist auf zehn Jahre gewählt. Das schützt ihn vor politischen Putschmanövern. Deshalb herrscht zwischen dem Weissen Haus und dem FBI-Hauptquartier jetzt kalter Krieg: «Seit den Sechzigerjahren war kein FBI-Direktor derart isoliert von der Landesregierung», urteilt «Newsweek».

Das liegt zum grossen Teil an Freeh, der 1993 sein Amt als Hoffnungsträger antrat. Nach dem glanzlosen William S. Sessions war Freeh, der ehemalige Strassenagent, erfolgreiche Mafiajäger und knallharte Ermittler – die Kollegen nannten ihn «Mad Dog», verrückter Hund – anscheinend der richtige Mann, um die Behörde zu führen.

Doch Freeh, der angekündigt hatte, mit der Arroganz im FBI aufzuräumen, hat nicht Wort gehalten. Engen Freunden, wie seiner ehemaligen Nummer zwei, Larry Potts, hielt er trotz Verfehlungen – Potts half mit, Fakten über eine Schiesserei zu vertuschen – zu lang die Stange, was dem alten Vorwurf, im FBI herrsche Klüngelei, Auftrieb gab. Die traditionellen Eifersüchteleien zwischen dem FBI und dem Geheimdienst CIA hat auch Freeh nicht abbauen können.

Freeh, berichten Vertraute, habe die konstante Kritik der Presse satt. Trotzdem will er nicht zurücktreten. Zumindest nicht, solange Bill Clinton im Amt ist. Sein Rücktritt würde dem Präsidenten die Chance geben, dem Senat einen neuen FBI-Direktor vorzuschlagen. So könnte Clinton der Behörde für zehn Jahre den Stempel aufdrücken – eine Angst, die beim FBI-Chef tiefer sitzt als die Sorge um das Image der wichtigsten Polizisten-Truppe des Landes.

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