Trip in die Finsternis

Ecstasy

Mit Verboten will der Bund gegen neue Party-Drogen vorgehen. Davon profitieren nur die Dealer. Für die Konsumenten sind die Folgen fatal.

Der Weg zum Raver-Paradies «OXA» in Zürich-Oerlikon führt durch die Finsternis. Alle drei Meter steht eine Gestalt und zischt «Ecstasy!» in die Dunkelheit. Hin und wieder bleibt jemand stehen; der anonyme Deal ist kurz, der Trip kann beginnen.

Unter dem Lockruf «Ecstasy» wird in der Szene derzeit viel Chemie angeboten – vom harmlosen Kopfwehpulver bis zu hochgiftigen Substanzen. Vorbei sind die nostalgischen Zeiten, als Kiffer bei ihrem Hausdealer ein Piece Qualitäts-Shit kauften. Heute steht ein ganzes Arsenal von modernen Designer-Drogen zum Angebot. Buchstabenkürzel wie MDMA, GHB, DXM, YABA und 2-CB heissen die trendigen Errungenschaften aus dem Chemielabor. Sie laden allesamt zu Reisen in eine bessere Welt ein – oder führen direkt auf die Intensivstation.

Am vorletzten Wochenende sorgte die Modedroge GHB für Schlagzeilen. Vier Zürcher Party-Besucher mussten ins Triemli-Spital eingeliefert werden. Sie kollabierten, nachdem sie GHB zusammen mit Alkohol konsumiert hatten.

Der Vorfall im «OXA» hat Konsequenzen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will die bis anhin legale Substanz GHB auf die Liste der verbotenen Betäubungsmittel setzen. «Wir stehen nach einem solchen Unfall unter Zugzwang», sagt BAG-Pressesprecher Georg Amstutz. «Die Öffentlichkeit erwartet, dass wir zackig etwas unternehmen».

Die Folgen eines Verbots: Die Konsumenten sind erst recht den Dealern ausgeliefert. Aufklärung und Prävention werden noch schwieriger. Nicht einmal die Zürcher Polizei kann sich so richtig für ein GHB-Verbot erwärmen. «Dann werden die Konsumenten den Stoff bei skrupellosen Strassendealern kaufen», sagt Pressesprecher Walter Gehriger, «wer heute GHB legal in einem der spezialisierten Läden kauft, wird wenigstens auf die Risiken hingewiesen.»
Unkenntnis wurde auch den vier Opfern von Oerlikon zum Verhängnis. Die zwei Männer und zwei Frauen zwischen 27 und 29 Jahren brachen zusammen, weil sie nicht wussten, dass GHB und Alkohol ein tödlicher Cocktail sein kann. Eine der jungen Frauen erlitt einen lebensgefährlichen Atemstillstand und musste reanimiert werden. «Mir ist unverständlich, wieso sie GHB mit Alkohol mischten», wundert sich Pressesprecher Gehriger. «Es müsste sich doch inzwischen herumgesprochen haben, wie gefährlich das ist.»

Offenbar nicht. Noch sind die Warnungen zu wenig verbreitet, wie der Zürcher Vorfall belegt. Aufklärung tut Not. Viele Konsumenten wissen nicht einmal, dass Besitz und Konsum von GHB noch legal und in Läden für Naturdrogen zu kaufen sind. In Sachen Kundeninformation geben sich einige so genannte Smart-Shops geradezu vorbildlich. Zum Beispiel jener an der Zürcher Badenerstrasse.

Jeder Kunde, der ein Fläschchen der bunten Flüssigkeit GHB kauft, bekommt eine Broschüre. In vier Sprachen wird erklärt, was gekauft wird, wie es zu dosieren ist und was beachtet werden muss. Das psychedelisch gestaltete Büchlein enthält sogar Tipps, was bei Überdosierung zu unternehmen ist.

In geringer Dosierung beschert GHB ein Wohlgefühl und führt zu einem entspannenden, aphrodisierenden Rausch. «Man nimmt es am besten zu Hause, mit der Freundin. Es geht ziemlich sinnlich ab. Ausserdem schadet es dann nicht, wenn man mal wegschnarcht», sagt Matthias D., ein 29-jähriger Kellner aus Basel, der regelmässig GHB konsumiert.

Während die Smart-Shops auf die Gefahren von GHB und anderer legaler Drogen hinweisen, ist der Kunden-Service der Dealer lausig. Sie wissen oft selber nicht genau, was sie verkaufen. Auch klären sie die Kunden kaum über die richtige Dosierung oder mögliche Risiken auf. Wichtig ist nur das Business.
«Der Fall in Oerlikon ist klassisch», sagt Fredi Hauser, Mitinhaber des Smart-Shops an der Badenerstrasse in Zürich, «die vier haben irgendwelche Flüssigkeit aus Glasfläschchen getrunken. Vielleicht war nicht mal GHB drin, und, wenn ja, in einer krassen Dosis.» Er verkaufe richtiges GHB unter der Bezeichnung Original G und informiere über den korrekten Umgang, sagt Hauser. Ihm sind die illegalen Dealer ein Dorn im Auge, denn bei Unfällen fährt die Polizei bei seinem Shop vor und prüft sein Angebot. Hauser und seine Partner versuchen nun mit Hilfe eines Rechtsanwalts herauszufinden, wer ihnen ins Geschäft pfuscht.

Doch GHB ist nur eine der neuen Party-Drogen. Ein zweiter «Trendstoff» ist Dextro-Methorphan (DXM), ein Bestandteil von Hustenmittel wie etwa Bexine. Er bewirkt in hohen Dosen einen Stunden dauernden Rauschzustand. «DXM regt keinesfalls zum Tanzen an», warnt Roger Liggenstorfer von der Vereinigung Eve & Rave, die sich für Drogenaufklärung an Partys einsetzt. Trotzdem wird die Substanz in Form so genannter Green-Triangle-Pillen an Raves verkauft. Oft wird es von naiven Ravern für Ecstasy gehalten. Mit zum Teil verheerenden Auswirkungen. «Kombiniert man DXM mit Ecstasy, kommt es leicht zu einer Überdosis», warnt Liggenstorfer. Im letzten November starb in London ein Mann an den Folgen von DXM-Konsum.

Dass Verbote kaum Erfolg haben, zeigt auch die nach wie vor ungebrochene Popularität von Ecstasy. GHB und DXM mögen zwar die Trenddrogen sein, am meisten wird in der Party-Szene aber immer noch zum illegalen «Exty» gegriffen. Im Bereich des Verbotenen wird Drogenprävention noch schwieriger. Und doch ist Aufklärung auch hier möglich, wie das von der Berner Regierung abgesegnete Projekt Pilot E zeigt.

Mit einem mobilen Labor testete ein Team aus Chemikern und Sozialarbeitern Ecstasy-Tabletten. Und zwar dort, wo sie verkauft und konsumiert werden – an den Partys im Kanton Bern. Die Raver hatten keine Repression zu fürchten, brachten willig ihre Pillen. Der Chemiker schnitt eine Probe davon ab. Er untersuchte nicht nur, welche Stoffe darin enthalten waren, sondern auch in welcher Menge. Nach dem zwanzigminütigen Test bekamen die Konsumenten ihren Stoff zurück und konnten selber entscheiden, ob sie das Zeug schlucken wollten oder nicht. Die Fachleute nutzten die Wartezeit für ein Gespräch mit ihren Kunden.

In dem eineinhalb Jahre dauernden Versuch machten über 1500 Raver vom Gratisangebot Gebrauch. 4000 Broschüren wurden abgegeben, rund 500 Einzelgespräche fanden statt. Durchgeführt wurde das Projekt von der Drogenberatungsstelle Contact. «Wir haben damit absolutes Neuland betreten», sagt Projektleiter Jakob Huber. «Es ist uns gelungen, sowohl mit regelmässigen Ecstasy-Konsumenten zu sprechen, als auch mit Kids, die noch nie eine Pille probiert hatten.» Noch sind die Ergebnisse nicht definitiv ausgewertet, doch Huber ist optimistisch: «Wir haben ein klares Ziel. Wir wollen die Tests weiterführen, die Beratung optimieren und ausweiten.»

Auch bei der Berner Gesundheitsbehörde äussert man sich positiv. «Grundsätzlich hat man gute Erfahrungen gemacht», sagt der kantonale Beauftragte für Suchtfragen, Markus Jann, «für eine abschliessende Beurteilung ist es aber noch zu früh.» Voraussichtlich Ende Februar wird man wissen, ob das mobile Labor im Kanton Bern eine ständige Einrichtung wird. Am sinnvollsten wäre, wenn das Projekt auch auf andere Modedrogen ausgeweitet würde. Damit wäre der Kanton Bern in der Drogenberatung europaweit wegweisend.

Keine Freude an dieser Form von Drogenaufklärung werden die Dealer haben, die vor den Klubs auf Kundschaft warten. Sie setzen ihre Ware lieber im Dunkeln ab und verschwinden nach dem Deal. An Konsumentenschutz haben sie kein Interesse.

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