Total lustig

Total lustig

Die meisten Fernsehsender haben sie im Programm: Comedys. Eine FACTS-Jury wählte die besten aus.

Ein Mexikaner mit doppeltem Penis, ein nackerter Volksmusikmoderator aus Bayern, eine furzende Bulldogge als Talkgast, präsentiert von einem Grossmaul: ein typisches Abendmenü bei «TV Total» auf Pro 7.

Moderator Stefan Raab tut uns das seit bald einem Jahr an. Jetzt wird er dafür belohnt: Eine FACTS-Jury, die zwölf deutschsprachige Fernseh-Comedys prüfte, hob «TV Total» aufs Podest – mit der fast perfekten Note 5,9. «Stefan Raab ist der modernste Vertreter seines Genres», attestiert Jurymitglied Peach Weber. «Er geht respektlos mit dem heutigen Fernsehen um und entlarvt die Medienwelt.» Und Frank Hubrath, Chef der Programmzeitschrift «TR 7», urteilt: «Grosse Klappe, viel dahinter.»

Raabs Werdegang steht beispielhaft für das Genre TV-Comedy: In den letzten Jahren erlebte es einen kometenhaften Aufstieg. Heute sind die Büttenredner, Schnitzelbänkler, Scherzkekse und Narren nicht bloss in der Fasnachtszeit Dauergäste am Bildschirm – sondern die aktuelle Fernsehregel lautet: Kein Abend ohne Humor. Unschlagbar sind die Quoten vieler TV-Comedys, un-überblickbar ist die Zahl der neuen und der bereits abgesägten Sendungen.

Die Witz-Moderatoren sind Stars am Fernsehhimmel. Und nicht selten stellen sie sich bald als Sternschnuppe heraus.

«TV Total» kam knapp vor «Viktors Spätprogramm» auf den ersten Platz. «Unnachahmlich», lautet der Tenor der Jury über die DRS-Sendung, «beste Satire». Einzig die Qualität der eingespielten Filmbeiträge löste Unzufriedenheit aus. Anders die beiden anderen Sendungen aus der Schweiz: «Ventil» mit Frank Baumann landete auf dem zehnten, «Rob’s Comedy Club» von TV3 auf dem elften Platz. Während Baumann für seine Flapsigkeit einige positive Punkte garnierte, erhielt Rob Spence nur ein paar Pluspunkte für seine Pantomimenkünste.

Auf Rang drei brachte es Harald Schmidt mit seiner Late-night-Show auf Sat 1, seit vier Jahren im Geschäft. Das ist heute in der TV-Szene eine Ewigkeit: Schmidt wirkt laut Urteil der Jury entsprechend weniger spritzig als zu seinen Anfangszeiten. Wortwitz, Intelligenz sowie Mimik und Gestik heben ihn aber immer noch vom Umfeld ab.

Neben dem Spitzentrio fallen die übrigen zehn Programme stark ab.

Einzig Hape Kerkelings «Darüber lacht die Welt» konnte halbwegs mithalten. Lachen kann man bei Kerkeling allerdings in erster Linie über die eingespielten Verkleidungsstückchen mit versteckter Kamera. «Seine Moderation ist aber eher flach», sagt Karin Müller, Autorin der Radio-Komödie «Marycarmen Elektra» auf DRS 3.

Hinter Kerkeling fängt das weite Feld der komödiantischen Peinlichkeiten an. Komiksaurier Karl Dall landete auf dem letzten Platz. «Ich war einmal ein grosser Fan von ihm», sagt Peach Weber, «heute ist seine Zeit abgelaufen, sein Humor verbraucht.» Und die Basler Kabarettistin Rosetta Lopardo urteilt mitleidslos: «Der Mann ist beruflich auf dem Abstellgleis.» Enttäuscht habe sie vor allem der platte frauenfeindliche Ton des unmotiviert wirkenden Altnarren.

Zwischen Karl Dall im Notenkeller und dem Spitzentrio Raab/Giacobbo/ Schmidt liegt ein breites Mittelfeld von «Na ja»-Sendungen. Gespannt wartet das Publikum minutenlang auf die nächste gelungene Pointe. In diesen Bereich gehören auf den Plätzen 6 und 7 zwei Comedy-Vor- und Dauerläufer:
die «Wochenshow» von Sat 1 und «7 Tage, 7 Köpfe» von RTL. Lange Zeit gaben sie in der Lachparade der deutschen Sender den Ton an. Spitzenkomikerinnen und -komiker gaben sich dort die Klinke in die Hand. Heute wirken beide Formate über weite Strecken ausgedünnt, ihr Layout veraltet.

«Das grosse Problem heute ist, dass es zu viele Sendungen und zu wenig gute Autoren gibt», sagt Peach Weber. «Bei der &Mac220;Wochenshow&Mac221; zum Beispiel habe ich das Gefühl, dass jetzt Sketche hervorgeholt werden, die früher im Papierkorb landeten.»

Ähnlicher Meinung ist der Schweizer Autor Charles Lewinsky: «Es gibt ein Materialproblem.» Das deutsche Privatfernsehen habe die Neigung, ein erfolgreiches TV-Format totzunudeln. Tatsächlich könnte der Boom der TV-Comedys auch ihr Ende einläuten.

Zwar gibt es hoffnungsvolle neue Varianten des Themas, etwa in Form des Comedy-Quiz wie bei «Voll witzig» auf Sat 1. Erste Verschleiss-Erscheinungen sind aber deutlich sichtbar. Die Sender müssen feststellen, dass Witz und Schreibtalent nicht ein unendlich teilbares Gut sind. Dazu kommt: Grundsätzlich ist jeder Gag, der über den Sender geht, verschossen. Im Vergleich zu Bühnentourneen, die jeweils ein zahlenmässig beschränktes Publikum erreichen, hat die TV-Comedy darum
einen wesentlich grösseren Verschleiss an Gags zur Folge.

Kein Wunder, will Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool neue Textlieferanten in Zukunft selber ausbilden. Zusammen mit dem gemeinnützigen, im TV-Bereich tätigen Adolf-Grimme-Institut möchte sie demnächst eine «Gag Academy» eröffnen. Ziel ist, sich gegen den «Verschleiss an Ideen und Köpfen» in Deutschlands Sketchszene «zu wappnen». Kaum ein Zufall: Für den renommierten Adolf-Grimme-Fernsehpreis wurden in diesem Jahr erstmals auch Comedys nominiert – zum Unbehagen von Ulrich Spies, dem Verantwortlichen für den Preis. Die Comedys seien «schwer in Einklang zu bringen mit den Qualitätsansprüchen des Grimme-Instituts», liess er wissen.

Das Medienunternehmen Brainpool ist eine der erfolgreichsten Neugründungen der deutschen Fernseh-branche. TV-Comedy ist für die Firma zum Standbein geworden: Mit der «Wochenshow» von RTL und der herb-komischen Quotenbolzerin Anke Engelke hat sie neben Raab zwei weitere Topshots des Genres im Angebot. Damit will Brainpool bald an die Börse: Steigende Quoten im Humorsektor machen Hoffnung auf hohe Dividenden.

Im Durchschnitt erreichen die getesteten deutschen Comedys 15,5 Prozent Marktanteil; Die RTL-Shows «7 Tage, 7 Köpfe» und «Freitag Nacht News!» erreichen gar 30 beziehungs-weise 20 Prozent. Für die deutschen Kommerzsender sind Comedys im Abendprogramm zu einem ähnlich sicheren Wert geworden wie einst die Intim-Talks am Nachmittag.

Dabei stellen Comedys auf verschiedene altbekannte Humorformen ab. Raabs Sendung «TV Total», Kerkelings «Darüber lacht die Welt», auch die «Wochenshow» und die «Freitag Nacht News» liefern moderne Varianten der «Freak Show», jener Wanderzirkusse, in denen Menschen mit Wasserköpfen, siamesische Zwillinge oder Kleinwüchsige vorgeführt wurden. Garniert werden sie mit uralten Zoten der Moderatoren. Auch die Verkleidungsstücke von Hape Kerkeling und von Viktor Giacobbo knüpfen an die Tradition der Verwechslungskomödien an, die von Aristophanes über Shakespeare zu Goldoni führt.

Und die eigentliche Form der Standup Comedy, wie sie in «Rob’s Comedy Club» und in Thomas Hermanns «Quatsch Comedy Club» hochgehalten wird, ist anglo-amerikanische Tradition pur.

Doch das Mischmasch kommt an: Die Fernsehzuschauer lieben den Stilmix, der unter dem Label TV-Comedy statt-findet. «Die Leute müssen den Humor erst mal gelernt haben», sagte Raab 1994 der Berliner «Tageszeitung». Nach fünf Jahren ist das Publikum Profi in Sachen Comedy. Raabs Studiozuschauer halten inzwischen auch ungefragt die «Pfui»-Kellen in die Höhe, die der Moderator als Zoten-Messer erfunden hat.

Der Quotenerfolg befreit das Genre jedoch nicht von Grundsatzkritik. «Die ganze Strömung ist bedenklich», sagt die Basler Kabarettistin Rosetta Lopardo, «Ich würde mir nahrhafteres Kabarett am Fernsehen wünschen.»

Der Wunsch wird unerfüllt bleiben. Fernsehzuschauer haben sich längst an die 20-Sekunden-Pointe gewöhnt. Wenn dem Komödiantenmund nach dieser Zeit nicht ein mindestens leidlichguter Gag entschlüpft, wird weitergezappt. Das sind die Spielregeln. Und darauf muss sich inzwischen auch die Kleintheater-Szene einrichten, wie Lopardo selber erfahren hat: «Aber ich glaube dennoch an ein Publikum, das nicht mit Fastfood-Humor zufrieden ist.»

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