Tessiner Doppel

Tessiner Doppel

Im europäischen Eishockey sind die Tessiner Klubs eine Macht. Auf dem Eis brechen die Südschweizer aus ihrer Minderheitenrolle aus.

 

Jim Koleff ist gestresst. Der Trainer und Manager des HC Lugano eilt derzeit von Sitzung zu Training und zurück. Nicht die Meisterschaft steht dabei im Mittelpunkt, dort hat Lugano den ersten Platz in der Qualifikation auf sicher. Es geht um das Finalturnier der Euroliga, das am Wochenende in der Resega stattfindet und den enormen Eishockey-Enthusiasmus im Tessin zusätzlich anheizt. «Das Stadion ist praktisch ausverkauft», kann Koleff schon Tage zuvor vermelden.

 

Das Tessin als Hockey-Hochburg. Eine Gleichung, die Sportbanausen kaum mit dem Image der Sonnenstube vereinen können. Und doch: «Die Begeisterung ist viel intensiver als in der übrigen Schweiz, die Leute leben für das Eishockey», stellt der Bündner Gian-Marco Crameri fest, der seit 1996 in Lugano spielt. Die Gründe dafür sind vielfältig. «Eishockey ist ein Sport, der zum Temperament der Tessiner passt», glaubt Beat Kaufmann, TK-Chef und früherer Spieler von Lugano.

 

Eishockey ist für die Ticinesi aber auch das ideale Vehikel, um aus ihrer doppelten Minderheitenrolle auszubrechen. Politisch und wirtschaftlich werden sie von den Deutschschweizern dominiert, kulturell von Italien. Im Fussball haben sie keine Chance. Auf dem Eis dagegen können sie es den Landsleuten nördlich des Gotthards genauso zeigen wie den Verwandten im Süden. Nie wurde dies deutlicher als im Playoff-Final vom vergangenen Frühjahr, als Lugano im Tessiner Derby gegen den HC Ambri-Piotta um den Meistertitel spielte. In die kollektive Begeisterung mischte sich damals die grosse Genugtuung, die «Tedeschi» in den Senkel gestellt zu haben.

 

Damit allerdings endeten die Gemeinsamkeiten. Denn für gewöhnlich gönnen die Fans von Lugano und Ambri einander nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln. Die Rivalität zwischen den beiden Klubs macht das Tessiner Hockey erst zum Ereignis. «In der Schweiz gibt es kein Derby wie dieses», sagt Jim Koleff. Die beiden Vereine verkörpern Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: hier die «Millionarios» aus dem Bankenzentrum am See, dort die «Bergler» aus der wirtschaftlich öden Leventina.

 

Geradezu kultiviert wird dieser Gegensatz von den Fans. Man dreht sich den Rücken zu, im geografischen wie im übertragenen Sinn: Ambris Hardcore-Anhang besetzt in der Valascia die Curva Sinistra und pflegt sein linkes Image. Die Lugano-Tifosi in der Curva Nord der Resega gelten als rechts und einer Schlägerei nicht abgeneigt.

 

Das Meister-Playoff der letzten Saison endete mit dem Sieg Luganos. Was nicht überraschte, denn finanziell kann Ambri nicht mit dem Erzrivalen mithalten. Erstaunlich genug ist, dass ein Klub aus dem kargen Bergtal überhaupt an der Spitze des Schweizer Hockeys mithalten kann. «Wir haben viele gute Freunde, die uns unterstützen», sagt Präsident Emilio Juri. Zudem baut man auf den Nachwuchs aus der Region, was zusätzlich die Identifikation der Fans mit dem Klub fördert.

 

Im urbanen Lugano dagegen spielt es keine grosse Rolle, dass es kaum Tessiner in der Mannschaft hat. Man kauft einfach die besten Spieler ein, denn an Geld fehlt es nicht. Die Finanzkrisen, die in den letzten Jahren fast jeden Schweizer Hockeyklub erschüttert haben, gingen am HC Lugano spurlos vorüber. «Wir haben halt nicht über unsere Verhältnisse gelebt», sagt TK-Chef Kaufmann. Der Berner kennt das Image, wonach der Verein mit Geld nur so um sich schmeisst. «Dabei haben wir nicht einmal das grösste Budget in der Nationalliga A.»

 

Zumindest offiziell nicht. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass finanzkräftige Kreise bei Bedarf stets zur Stelle sind, allen voran Geo Mantegazza. Der Milliardär konnte als Präsident des «Grande Lugano» der Achtzigerjahre vier Meistertitel feiern. Heute agiert er im Hintergrund: Mit anderen früheren Vorstandsmitgliedern lässt er seine Beziehungen spielen, um neue Einnahmequellen zu erschliessen. «Damit hilft er uns mehr als mit Geld», sagt Beat Kaufmann.

 

Dass mit Geld nicht alles machbar ist, musste der HC Lugano in den Neunzigerjahren schmerzhaft erfahren. Spieler und Trainer gaben sich die Klinke in die Hand, der Meistertitel aber wanderte stets in die Deutschschweiz. Erst mit Jim Koleff kam die Wende. Der Kanadier mit Schweizer Pass gilt als starker Mann im Klub, was zuletzt Marcel Jenni zu spüren bekam. Der talentierte Stürmer überwarf sich mit dem Coach und versucht sein Glück nun in Schweden. Koleff lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen: «Wir haben einen guten Teamgeist und leben nicht einfach vom Talent. Diese Mannschaft kann auch hart arbeiten.»

 

Mit seinem Starensemble scheint der Coach die richtige Mischung gefunden zu haben. National ist Lugano der Konkurrenz klar voraus, und in der Euroliga gelang, wenn auch mit viel Glück, die Qualifikation für das Finalturnier. Die Basis bildet eine solide Abwehr um den Franzosen Cristobal Huet im Tor und den schwedischen Verteidiger Peter Andersson, und vorne sorgen Stürmer wie Christian Dubé, Kanadier mit Schweizer Lizenz, für den Angriffswirbel. Seine Verpflichtung vor Saisonbeginn hatte für böses Blut gesorgt, denn Dubés Lizenz gehörte eigentlich den ZSC Lions. Dass einmal mehr das Geld eine Rolle spielte, streitet der 22-Jährige ab: «Ich hätte in Zürich gleich viel verdienen können.» Nach Lugano hätten ihn die Stadt und Jim Koleff gezogen. «Ausserdem kann ich mich in einer der besten Mannschaften Europas besser bei den NHL-Scouts empfehlen», sagt Christian Dubé.

 

Die beste Gelegenheit dazu bietet der Euroliga-Final. Wobei schon im Halbfinal vom Samstag eine schwere Aufgabe auf die Luganesi wartet. «Sparta Prag ist vielleicht die beste Mannschaft Europas», sagt Peter Andersson über den Tabellenführer der tschechischen Extraliga. Und im Final müsste mit Turku oder Metallurg Magnitogorsk ein weiteres Schwergewicht bezwungen werden. Doch Koleff ist optimistisch: «An einem guten Tag können wir jede Mannschaft schlagen.»

 

Sollte Lugano der grosse Coup gelingen, dann käme es zu einer einmaligen Konstellation: Der europäische Supercup im Sommer würde als Ticino-Derby ausgetragen werden. Der Kanton Tessin als Nabel der europäischen Hockeywelt? Es wäre ganz nach dem Gusto der Fans.

 

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