Stoff zum Umkippen: GHB, die neue Partydroge

GHB

Viele schlucken sie, niemand weiss Bescheid. GHB, die neue Partydroge, wird überdosiert und mit Alkohol gemischt – bis zum Zusammenbruch.

Freitagnacht, eine Technoparty ist in vollem Gange. Etwas abseits der Raver liegt eine Gestalt regungslos am Boden. Die Sanität fährt vor. Zwei Biere und eine Ampulle GHB haben den 16-Jährigen ins Koma befördert. Aber das wissen die Ärzte nicht, die ihn etwas später auf der Intensivstation versorgen, denn das Drogenscreening war negativ.

Gamma-Hydroxybutyrat, GHB, ist eine körpereigene Substanz, die seit den Sechzigerjahren künstlich hergestellt wird. Niedrig dosiert wirkt sie entspannend und macht gute Laune, in höheren Dosen ist sie stark dämpfend. Kombiniert mit anderen Mitteln kann GHB tödlich sein. Als bunt gefärbte Flüssigkeit in Röhrchen zu zwanzig Franken findet es seine Abnehmer in der Technoszene. Noch kennen nur wenige Fachleute und Konsumenten die Risiken der neuen Droge.
Während der Chef des Bundesamtes für Gesundheit darauf hofft, dass sich GHB als Eintagsfliege entpuppt, legen amerikanische Toxikologen die ersten Langzeitstudien vor. GHB allein, richtig dosiert, ist nicht gefährlich, kombiniert mit Alkohol oder anderen beruhigenden Mitteln aber wirkt es narkotisch und kann den Konsumenten innerhalb von Minuten ins Koma befördern.

Ein Zustand, der ohne ärztliche Hilfe lebensbedrohend ist. Hugo Kupferschmidt vom Toxikologischen Informationszentrum weist auf ein weiteres Risiko hin: «Der Spielraum zwischen gewünschter Wirkung und einer Überdosierung ist bei dieser Substanz äusserst klein.» Da GHB in privaten Labors hergestellt wird, ist die Konzentration für den Käufer nicht überprüfbar. Für die experimentierfreudige Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen wird GHB somit zu einem russischen Roulette.

Ende der Sechzigerjahre als Narkose- und Schlafmittel eingesetzt, verschwand es wegen starker Nebenwirkungen bald wieder vom Markt. In den Achzigerjahren verwendeten Bodybuilder GHB als Muskelaufbaupräparat, und seit Mitte der Neunzigerjahre boomt es als Lifestyledroge in den USA. In der Schweiz ist GHB, Giftklasse 2, ein gutes Geschäft. Ein einzelner Händler, der die Regionen Zürich, Sankt Gallen und Solothurn beliefert, verkauft jeden Monat bis zu 10 000 Ampullen an falsch oder gar nicht informierte Konsumenten. «Falschinformationen sind bei GHB ein grosses Problem, ebenso dessen aggressive Vermarktung im Internet», kritisiert Roger Liggenstorfer, Präsident von Eve & Rave, einem Verein zur Förderung der Technokultur und Minderung der Drogenproblematik.

Wenn ein Vertreiber im Internet schreibt: «GHB ist in der Schweiz legal, nicht giftig und nicht Sucht erzeugend», dann stimmt nur das erste Drittel des Satzes. In den USA veröffentlichte Langzeitstudien weisen darauf hin, dass GHB sehr wohl Sucht erzeugen kann. Dort berichten immer mehr Toxikologen von Patienten, die GHB regelmässig und in kurzen Abständen konsumieren, in der Nacht erwachen und eine Dosis nehmen müssen, um Entzugssymptome zu verhindern. «Das sind eindeutige Hinweise», erklärt Hugo Kupferschmidt, «solche Patienten verwenden GHB wie Valium.» Auch wenn Konsum und Besitz nicht strafbar sind, befindet sich die Substanz bei uns im Untergrund. Deshalb wissen die meisten Ärzte nichts von der neuen Droge, ausser die Koma-Patienten erzählen, nachdem sie erwacht sind, von sich aus, was sie genommen haben. Der Toxikologe Hugo Kupferschmidt schätzt die Dunkelziffer von unerkannten GHB- Komas als hoch ein. Aber auch anhand der wenigen Anfragen beim Toxikologischen Informationszentrum lässt sich ein Trend ablesen: 1998 informierten sich drei Ärzte über GHB, bis Oktober diesen Jahres waren es bereits 19, die meisten davon betreuten Koma-Patienten.

Dass die Sanität immer wieder an Technopartys gerufen wird, hängt ausserdem mit einem grundlegenden Missverständnis über die Verwendung von GHB zusammen. Die Substanz wird bei uns auch als Liquid Ecstasy vermarktet, obwohl GHB und Ecstasy grundverschieden wirken. Während Letzteres aufputscht, wirkt GHB stark beruhigend. In den USA wird GHB deshalb ausschliesslich als After-Party-Droge benutzt gegen Muskelverspannungen und Ruhelosigkeit nach Kokain- oder Ecstasykonsum. Bei uns hingegen wird GHB bereits während der Party genommen, wo die Leute dann statt ins Bett auf den Dancefloor kippen.

Gerade weil sich Fachleute heute einig sind, dass Drogenkonsum zu verbieten kontraproduktiv ist, und stattdessen an die Eigenverantwortung der Konsumenten appellieren, muss so rasch wie möglich neutral und systematisch über GHB aufgeklärt werden. Roger Liggenstorfer, Kenner der Technoszene, geht einen Schritt weiter: «Es sollte zumindest Minimalbestimmungen für GHB geben, auch wenn die Substanz legal ist. Alkohol ist schliesslich auch legal und trotzdem klaren Verkaufsbestimmungen unterstellt.»

Wie GHB in der Schweiz künftig gehandhabt wird, darüber hat Thomas Zeltner, Chef des Bundesamtes für Gesundheit, BAG, zu entscheiden. Während er noch am 3. Oktober in einem Interview mit dem «SonntagsBlick» erklärte: «Wir werden dafür sorgen, dass GHB möglichst rasch auf die Verbotsliste kommt, damit der Handel verfolgt und unterbunden werden kann», haben sich seine Prioritäten inzwischen verlagert. Für den Moment sieht er keinen Handlungsbedarf: «Wir werden die Betäubungsmittelliste im Verlauf des ersten Halbjahres 2000 überprüfen. Ob GHB dann auf die Liste kommt, hängt davon ab, ob das Problem bis dann noch aktuell ist.»

Statt die Substanz selbst einer gesetzlichen Restriktion zu unterstellen, hat Thomas Zeltner darüber nachgedacht, das Lösungsmittel, aus dem GHB hergestellt wird, einer Kontrollpflicht zu unterstellen. Doch diese Massnahme würde die chemische Industrie treffen, die das Lösungsmittel zur Herstellung von Farben und Lacken in grossen Mengen verwendet. Deshalb zögert der BAG-Chef: «Das würde für die chemische Industrie einen zusätzlichen administrativen Aufwand bedeuten. Deshalb müssen wir zuerst die Betroffenen konsultieren, ehe wir eine definitive Entscheidung treffen.»

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