Spätes Glück

Spätes Glück

Schweizer Mütter bekommen immer später ihr erstes Kind. Der Beruf hat Vorrang.

Früher war die Kanzlei ihr Arbeitsplatz. Jetzt schöppelt und wickelt sie ihre kleine Tochter zu Hause. Christina Reutter, 41, ist vor kurzem Mutter einer Tochter geworden. Die renommierte Juristin hat sich bewusst spät für ein Kind entschieden. «Ich wollte mich erst einige Jahre ausschliesslich um meinen Beruf kümmern», sagt sie. Jetzt geniesst es die verheiratete Anwältin, dass sie Beruf und Muttersein verbinden kann.

Um ihren Arbeitsplatz muss sie nicht fürchten, auch wenn sie das Arbeitspensum nach dem Mutterschaftsurlaub reduzieren wird. Das hat sie nicht nur ihrem fortschrittlichen Arbeitgeber zu verdanken, sondern auch ihrer Spezialisierung und langjährigen Berufserfahrung. Auch die Kinderbetreuung lässt sich regeln: Als Doppelverdienerin kann sich Reutter ohne Weiteres eine Kinderfrau und später eine private Tagesschule leisten.

So wie Christina Reutter entscheiden sich immer mehr Mütter für eine späte Schwangerschaft. Ein Viertel der Erstgebärenden in der Schweiz ist heute über 30 Jahre alt. 1978 bekamen 1,6 Prozent der Frauen in der Schweiz ihr erstes Kind nach 35, heute sind es etwa 3 Prozent. Die Zunahme verteilt sich auf alle Altersgruppen, auch auf die über 40-Jährigen. Vor allem gut ausgebildete Frauen machen zuerst Karriere und erfüllen sich den Kinderwunsch erst später.

Viele Frauen vertagen die Entscheidung zwischen Berufs- und Mutterglück so lange wie möglich. Wenn sie erst einmal im Beruf etabliert sind, dann liesse sich auch die Doppelbelastung von Kind und Arbeit besser bewältigen, hoffen sie. Bei der Anwältin Christina Reutter ist die Strategie aufgegangen.

Manchmal ist jede Lebensplanung umsonst, sorgfältig kalkulierte Strategien werden hinfällig. Das Schicksal ist stärker.
Die Schweizer Schauspielerin Silvia Jost, 53, traf ihren Traummann erst, als sie bereits über vierzig war. Ihr Kinderwunsch, den sie lange Zeit verdrängt hatte, wurde wieder wach. Es blieb nicht beim Wünschen: Jost wurde mit 45 Jahren schwanger. «Dass ich die grosse Liebe fand und nach kurzer Zeit ein Kind bekam, betrachte ich als kleines Wunder», sagt die glückliche Mutter eines kleinen Mädchens.

Auch die Tessiner Regierungsrätin Marina Masoni, die sich selbst als ausgesprochener «Homo Faber» bezeichnet, verwendet im Zusammenhang mit ihrem kleinen Sohn oft das Wort Glück. «Man kann vieles planen und organisieren – aber im Zwischenmenschlichen gibt es immer eine unberechenbare Seite, es braucht auch Glück.»

Glück ist das eine. Etwas anderes sind die sozialpolitischen Rahmenbedingungen. Länder mit grossem staatlichem Engagement für den Nachwuchs wie der ehemalige Ostblock oder Skandinavien haben generell ein tieferes Heiratsalter als solche, die sich auf die Selbstorganisation der Mütter verlassen. Deutlich zeigte sich das in den neuen deutschen Bundesländern. Nach dem Zusammenbruch der DDR sackte die Geburtenrate massiv ab. Dann schnellte das Durchschnittsalter der Frauen bei ihrer ersten Geburt in die Höhe. Für die Sozialwissenschaftler Höpflinger, Fux und Ley ist klar, «dass die in der Schweiz ausgeprägte strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber der Mutterschaft dazu beiträgt, dass viele Frauen ihren Kinderwunsch erst in einem höheren Alter realisieren oder ganz auf Kinder verzichten.»

Im europäischen Vergleich für familienpolitische Massnahmen schneidet die Schweiz schlecht ab. Bei der Unterstützung für die Mutterschaft wie Kinderzulagen oder Hilfe bei der Betreuung figuriert sie durchwegs auf den hinteren Rängen. Beat Fux, Autor verschiedener Publikationen zu familiensoziologischen und demografischen Themen, erklärt das mit der weit verbreiteten Meinung, dass familiäre Belange Privatsache sind. Das staatliche Engagement ist vor allem in der ausserhäuslichen Kinderbetreuung dürftig.

Für den Besuch öffentlicher Kinderkrippen bestehen lange Wartelisten. Eine werdende Mutter, die auf Nummer Sicher gehen wollte und ihr Kind schon vor der Geburt bei einer Krippe anmeldete, fiel aus allen Wolken, als man ihr sagte, sie müsse mit einer Wartezeit bis zu zwei Jahren rechnen. Auch die Anwältin Christina Reutter macht sich Sorgen, ob sie in nächster Zeit eine gute Betreuung für ihre Tochter findet. Besser als in der Deutschschweiz ist das Angebot einzig im Tessin. Dort können Kinder schon ab drei Jahren in den Kindergarten und werden auf Wunsch auch verköstigt.

Regierungsrätin Masoni ist stolz auf die Tessiner Tradition, betont aber trotzdem, dass sie Eigenverantwortung hoch gewichte.
Zu den Schattenseiten der minimalen Familienpolitik gehört ein hohes Armutsrisiko für junge Familien. Die Schweizer und Schweizerinnen haben nach dem Soziologen Fux «ihre Hormone und Emotionen ziemlich unter Kontrolle» und würden die Fortpflanzung mit ausgeprägter Rationalität angehen.

28 Prozent der Schweizer Frauen bleiben kinderlos. Dies obwohl die meisten jungen Frauen «irgendwann» Kin-der wollen. Nach einer Zusammenstellung der eidgenössischen Koordinationsstelle für Familienfragen wünschen sich 80 Prozent der Jahrgänge 1970 bis 74 Nachwuchs, nur 8 Prozent wollen keine Kinder. 12 Prozent der Frauen sind unsicher. «Kinder bringen Fröhlichkeit und Lebensfreude in den Alltag», ist die häufigst gemachte Aussage junger Frauen. Als grösste Schwierigkeit gilt die Verbindung von Familie und Beruf.

Anders verhält sich die Mehrheit der gut ausgebildeten Männer. Kaum im Beruf, haben sie es eilig, unter die Haube zu kommen. Für Fux ist auch klar weshalb: Mit einer Heirat legen sich die Männer praktisch ein Innenministerium zu, das sie in ihrer Karriere unterstützt. Die gut ausgebildeten Frauen dagegen hüten sich, sofort zu heiraten. Laden sie sich jetzt familiäre Verpflichtungen auf, bleiben ihre Berufsaussichten beschränkt. Nach einer intensiven Berufsphase wächst bei vielen Frauen jedoch der Wunsch nach anderen Lebenswerten. Eine Regisseurin, die mit 40 Mutter wurde, sagt: «Ich habe lange auf den Beruf gesetzt, aber er deckt nicht alles ab. Wenn ein Projekt vollendet war, bedeutete es das Ende einer Beziehung. Ich sehnte mich nach mehr emotionaler Kontinuität.»

Gundula Hebisch, Oberärztin am Universitätsspital Zürich, bestätigt, dass vor allem gut ausgebildete Frauen immer später Kinder bekommen. Sie gehen allerdings das Risiko ein, dass sich ihr Kinderwunsch aus biologischen Gründen nicht mehr erfüllt. Das steigende Gebäralter ist mit ein Grund für zunehmende Unfruchtbarkeit.

Es gibt aber auch das Gegenteil: Nach einer Phase von partieller Unfruchtbarkeit – möglicherweise wegen Stress – werden Frauen mit 40 plötzlich schwanger. Die «späten Mütter» verhalten sich laut der Frauenärztin während der Schwangerschaft in der Regel sehr verantwortungsvoll. Sie gehen ihre neue Aufgabe trotz Berufstätigkeit mit grossem Eifer an.

Unternehmensberaterin Ursula Hirt hat sich ebenfalls bewusst spät für ein Kind entschieden. «Ich unternehme in der freien Zeit sehr viel mit meinem Sohn.» Seit er drei Jahre alt ist, kocht sie mit ihm zusammen täglich das Nachtessen. Wenn in der Schule die Mithilfe der Eltern gefragt ist, bemüht sie sich mehr als manche nicht berufs-tätige Mutter, ihre Termine freizuschaufeln.

Tatsächlich haben die Kinder mit älteren Eltern gute Startbedingungen. Die Eltern sind reif, gelassen und materiell abgesichert. Und sie fördern den Nachwuchs nach Kräften. Ob wegen des Hormonschubs oder ob wegen der neuen Herausforderung zu einem Zeitpunkt, in dem das Leben sonst in geregelten Bahnen verläuft: Viele späte Mütter wirken auffällig jugendlich.

Christina Reutter fühlt sich kurz nach der Geburt jung und fit und will nicht ausschliessen, dass sie noch ein zweites Kind bekommt.
Bereits in den Dreissiger- und Vierzigerjahren, als die wirtschaftliche Situation kritisch war, kannte man in der Schweiz ein relativ hohes Heiratsalter. Das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt lag damals mit knapp dreissig Jahren etwa gleich hoch wie heute. Nur hatten die Frauen zu jener Zeit noch mehr Kinder und waren bei den letzten Geburten schon entsprechend älter.

Die Fünfzigerjahre Jahre waren dann «The Golden Age of Marriage», und das Heiratsalter sank. Seit den Siebzigerjahren steigt das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt wieder kontinuierlich an und ist nun beinahe bei dreissig Jahren. Soziologe Fux schätzt, dass es noch etwas weiter aufwärts geht, vielleicht bis 32.

In materiell gehobenen Gesellschaftsschichten sind Kinder in späteren Jahren bereits üblich, wie beispielsweise im Bekanntenkreis von Christina Reutter. In jedem Fall sind die berufstätigen Frauen allerdings vom Entgegenkommen ihrer Arbeitgeber abhängig. Juristin Reutter hatte auch in dieser Beziehung Glück. Sie kann selbst entscheiden, wann und wie viel sie auf ihrer Wirtschaftskanzlei arbeiten will.

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