Sorgenkind Mann

Sorgenkind Mann

Als Susan Pedroni-Lutz sich im letzten November von ihrem Ehemann Rolf trennte, nannte sie dafür vor allem zwei Gründe. Erstens, sagte die ehemalige Ansagerin des Schweizer Fernsehens, habe ihr 15 Jahre älterer Ehemann keine Lust mehr auf Veränderungen gespürt. Zweitens hätten sie sich nicht mehr verständigen können: «Rolf und ich reden einfach nicht die gleiche Sprache.» – Dem verlassenen Ehemann war während der elfjährigen Beziehung nichts dergleichen aufgefallen. Nach seiner Ansicht hatte es in ihrem Zusammenleben nicht mehr Probleme gegeben als bei anderen Paaren auch. «Ich habe mir nichts vorzuwerfen», diktierte Rolf Pedroni-Lutz, 51, dem «Blick»-Reporter ins Mikrofon. «Ich habe für meine Familie alle Hobbys aufgegeben, mich fast zu Tode gerackert.»

Der gut aussehende und erfolgreiche Geschäftsmann konnte nicht fassen, dass «all das jetzt ruiniert wird wegen der Gefühlsschwankung einer Frau. Jetzt muss ich mit 50 Jahren noch lernen, meine Wäsche zu waschen.» Als der Reporter fragte, ob solches Elend möglicherweise daher rühre, dass Frauen heute zu selbstbewusst sind, kippte des Nochehemanns Selbstgerechtigkeit in weinerlichen Zorn über: «Ja, diese neue Art von Frau macht mir und vielen Männern Mühe. Für die sexuelle Befriedigung gibt es Beate Uhse, finanziell stehen die Frauen auf eigenen Beinen. Ich frage mich: Braucht es den Mann überhaupt noch?»
Gute Frage.

Langsam, aber unerbittlich droht dem männlichen Geschlecht alles wegzurutschen, worauf es in der Vergangenheit seine Identität stützte: Bildung, Zeuger- und Ernährerrolle in der Familie, ein Platz im Beruf und in der Gesellschaft, den es sich dank seiner Leistung erworben hat.

Inzwischen kann der Mann sich wenden, wohin er will: Überall wird ihm bedeutet, dass seine Entbehrlichkeit nur noch eine Frage der Zeit sei. «Was den Männern geschieht», schreibt der renommierte New-Yorker Anthropologe und Autor Lionel Tiger in seinem so-eben erschienenen Buch «Auslaufmodell Mann», «ist noch so unpräzise und fast nur als Stimmung wahrnehmbar, dass sie gar nicht realisieren, wie ihnen geschieht.» Aber das unangenehme Gefühl, ringsherum nichts mehr so richtig im Griff zu haben, beisst sich immer fester. In allen schrecklichen Details malt Tiger, Professor an der Rutgers University in New Jersey, dem einstigen Königsgeschlecht aus, wie jämmerlich es unter die Räder gekommen ist, seit die Frauen angefangen haben, in allen Bereichen nach dem Steuer zu greifen. Wo Marx die Entfremdung des Menschen durch die Produktionsmittel anprangerte, wehklagt Tiger über die viel verhängnisvollere neue Entfremdung, die sich zwischen dem Mann und dem Reproduktionswesen Frau eingestellt habe: «Der Übergang von der männerzentrierten Produktion zur frauenzentrierten Reproduktion ist so tief greifend wie der Übergang von der Landwirtschaft zur Industrie.»

Im Klartext: Seit sie die Pille nehmen und Kinder bekommen oder nicht, wie es ihnen passt, machen Frauen den Männern ihren Logenplatz in der Gesellschaft streitig.

In der westlichen Trendsetter-Nation USA verdienen Frauen bereits vierzig Prozent der Haushaltseinkommen, wobei über ein Viertel von ihnen mehr Geld nach Hause bringt als ihre Männer. Falls da noch Männer sind: Die Scheidungsraten nähern sich in fast allen westlichen Industrienationen stetig der 50-Prozent-Grenze, fast ein Drittel der Frauen Westeuropas, die ein Kind haben, sind ledig.

Vor allem aber hat sich das gar nicht so zarte Geschlecht energisch aufgemacht, mit dem Mann um eine attraktive Stellung in der Arbeitswelt zu wetteifern.

Man lasse sich durch die noch immer dünne weibliche Präsenz in den Teppichetagen nicht täuschen. Natürlich ist es ernüchternd, dass über 40 Prozent aller Berufstätigen in der Schweiz weiblich sind, aber nur rund zehn Prozent aller Chefpositionen in der Wirtschaft von Frauen besetzt werden. Denn obwohl in jedem Wirtschaftsmagazin nachzulesen ist, dass das männliche Leithammel-Management keine Zukunft hat, setzt die gläserne Decke den Frauenkarrieren noch immer klare Grenzen. Frauen verfügen zwar in grösserem Mass über die angeblich notwendigen Eigenschaften für die Leadership von morgen: Sie sind im Schnitt beweglicher, teamfähiger, kommunikativer, innovativer, pragmatischer und konfliktfähiger als ihre männlichen Kollegen. Aber noch sitzen diese in den Chefsesseln und klammern sich daran, auch wenn ihnen der Zeitgeist ins Gesicht bläst.

Die derzeitige Dynamik der Wirtschaft spielt den Frauen in die Hände, ist die Schweizer Unternehmensberaterin Sonja Buholzer überzeugt. «Der Zustand zahlreicher Unternehmen spitzt sich drastisch zu», schreibt sie in ihrem Bestseller «Frauenzeit – Erfolgsstrategien für Gewinnerinnen». Darin liege für Frauen «die Chance, mit ihrem Fähigkeitsvorsprung in die oberste Führungsetage zu gelangen».

Bereits stattgefunden hat die berufliche Ablösung der Männer woanders. Statt auf eine Luke in der gläsernen Decke zu hoffen, machen Frauen sich selbstständig. Zwei Drittel der Firmen, die in der Schweiz neu gegründet werden, sind in Frauenhand. Das hat, in Umsatzzahlen gemessen, keinen wirtschaftlichen Erdrutsch ausgelöst. Aber es setzt Zeichen und Massstäbe: Frauen machen sich nicht länger davon abhängig, ob der Mann ihr Talent und ihre Ideen fördert oder bremst. Lieber eine eigene Bude aufmachen als beim Kriechgang durch den Grossbetrieb versauern.

Das nötige Selbstbewusstsein haben sie sich in Schulen und Universitäten geholt. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ist Bildung in den letzten zwei Jahrzehnten von einem mehrheitlich von Männern genossenen Gut zur weiblichen Domäne geworden.

1998 absolvierten in den USA erstmals mehr weibliche als männliche Studenten College und Highschool. Im gleichen Jahr waren 52,3 Prozent der Schweizer Maturanden junge Frauen. An den Schweizer Universitäten beträgt der Anteil der Studentinnen inzwischen über 40 Prozent – viermal mehr als vor fünfzig Jahren.

Zwar steigt ihre Lust an traditionell männlichen Studienrichtungen zögerlich. Knapp ein Viertel der Frauen studiert Wirtschaft, 13 Prozent belegen exakte Wissenschaften wie Mathematik und Physik, Informatik interessiert nicht einmal 7 Prozent. Dafür haben sie mit den Männern in Humanmedizin fast gleichgezogen, sind mit fast 45 Prozent bei Jus und 38 Prozent in den Naturwissenschaften dabei. Einzig die Fachschulen sind nach wie vor zu zwei Dritteln von Männern belegt.

Die Aufholjagd in der Bildung wirkt sich, ähnlich wie die hoch gepriesenen Vorzüge weiblicher Berufstätiger, nicht unmittelbar auf die Karriere aus. Männliche Kungelei, heute gediegen als Networking bezeichnet, hat ihre Wirksamkeit noch nicht wesentlich eingebüsst. Bewerber mit Fachschulabschlüssen haben nach wie vor die besten Chancen, Spitzenjobs in der Industrie zu bekommen. Aber die Zeit, sagen die Arbeitsmarkt-Experten einhellig, arbeitet gegen die Männer.

«Ich sehe eine weibliche, aber keine ausschliesslich weibliche Zukunft», sagt Unternehmensberaterin Sonja Buholzer. Männer hätten darin sehr wohl Platz – sofern sie sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen verstehen und «erwachsen, verantwortungsvoll und lernfähig» werden.

Auch in der Politik sind die Frauen dabei, die alten Gesetze auf den Kopf zu stellen. Feministinnen, so Lionel Tigers Analyse, haben den Politikerinnen und Politikern nicht nur gänzlich neue, politisch korrekte Themen aufgezwungen, die von Abtreibung über Quotenregelung bis zur sexuellen Belästigung reichen. Bei den Wahlen 1998 wählten Frauen in den USA auch erstmals entscheidend anders als Männer: nicht mehr nach Parteien, sondern strikt nach den Programmen der Kandidaten. Und im skandalgeschüttelten Deutschland ist die unbeirrbare Angela Merkel als Sauberfrau der CDU in nur wenigen Wochen von der grauen Politmaus zur Hoffnungsträgerin der Partei geworden, weil sie Prinzipien vor Rücksichtnahme auf Parteigrössen stellt.

Die Folgen von so viel weiblichem Eigensinn allerorten lassen den Anthropologen Tiger um das männliche Ego bangen. Nach seiner Überzeugung nehmen Selbstvertrauen und Macht der Männer im gleichen Mass ab, in dem sie bei den Frauen zunehmen. Sein keineswegs humorvoll gemeinter Vorschlag, der männlichen Misere Einhalt zu gebieten: Höhere Kinderzulagen für die Kinder erster Ehen sollen Ehepartner aneinander schweissen und die Frau möglichst von der Erwerbsarbeit abhalten, so lange die Kinder klein sind.

Schuld an der Krise der Männer – auch wenn viele Männer das mit Inbrunst anders sehen wollen – sind die Frauen nur bedingt. Die Frauenbewegung mag am Geweih des Mannes gesägt haben. Aber Mütter, die ihre Kinder alleine aufziehen, und Liebhaberinnen, die ihn von der Bettkante stossen, wenn er ihren Erwartungen nicht gerecht wird, bringen den Mann allenfalls ins Wanken.

Was ihn in die Knie zwingt, ist ein Bild von sich selber, aus dem er Jahrhunderte lang sein Selbstwertgefühl zog, das aber in der postindustriellen Gesellschaft zu einem traurigen Phantom geworden ist. «Alles, was aus Männern Ernährer machte, verschwindet heute», sagt der deutsche Trendforscher Matthias Horx. «Es gibt weder lebenslange Arbeitsplätze noch sichere Berufsbilder oder berechenbare Aufstiegschancen mehr.»

Ein Bericht über die Perspektiven des Arbeitsmarkts, den das US-Arbeitsministerium 1998 veröffentlichte, bestätigt Horx’ Befürchtung: Bis in zwei Jahren sollen häusliche Pflege, Datenverarbeitung, Gesundheitsdienste und Geschäftsdienstleistungen die am schnellsten wachsenden Bereiche sein – fast alles Branchen, für die Frauen sich besser eignen als Männer.

Wenig qualifizierte Männerberufe hingegen werden fast oder ganz untergehen. «Vor allem ungelernte männliche Arbeitskräfte», warnte der englische «Economist» schon 1997, «werden dauerhaft aus der Arbeitswelt verschwinden, wenn Frauen sie betreten.»

Mit einem derart veränderten Umfeld zu rechnen hat den Mann niemand gelehrt.

Die amerikanische Autorin Susan Faludi, die Hunderte von Männern über ihr Selbstbild befragte, ist überzeugt, dass nicht so sehr die berufliche Zukunftsangst den Mann in die Krise gestürzt habe, sondern eine Erziehung, die ihn auf eine völlig andere Welt vorbereitet habe als die, in der er sich heute zurechtfinden muss.

Das von den Vätern vermittelte Bild vom Mann als solider Arbeitskraft, Soldat, Vereins- und Parteistütze ist von der Realität Stück um Stück abgebaut worden: Fabriken gehen Konkurs, der Kalte Krieg ist mangels Feind beendet, lokale Sportgrössen werden an Meistbietende verkauft. Es gibt keine Welt mehr zu kontrollieren, keine Frauen und immer weniger Kinder zu beschützen.
Stattdessen bietet die Gesellschaft dem Mann des 21. Jahrhunderts gerade noch eine Rolle als dekoratives Versatzstück an.

Stammtisch, Vereinsleben und Politzirkel wurden ersetzt durch Fernsehspektakel, an denen der Mann nur noch als Zuschauer teilnimmt. Er darf zwar nach wie vor Muskeln und Aggressionen zeigen, aber beide sind im täglichen Leben vor allem als Show-Einlagen gut. Ein kräftiger Körper zeugt nicht mehr von Durchsetzungsvermögen und innerer Stärke, sondern nur noch von der Mitgliedschaft in einem Fitnessklub.

Wer herumbrüllt, verteidigt nicht Überzeugungen, sondern benimmt sich, wie er es von TV-Talkshows gelernt hat.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends ist der Mann nach Einschätzung von Erfolgsautorin Susan Faludi für die westlichen Industriegesellschaften vor allem in einer Rolle unverzichtbar: als Konsument.

In einer Gesellschaft, in der Konsum zusehends zum Kulturersatz gerät, wird die Entscheidung, ob die Unterwäsche von Calvin Klein oder Versace sein soll, immer mehr zu einer Frage der Weltanschauung. Der Macher von gestern ist zum Objekt geschrumpft – wie die Frau lange vor ihm, bevor sie, mit beschränktem Erfolg, gegen ihre Vermarktung zu rebellieren begann. «Männer sind das entwertete Geschlecht des neuen Jahrhunderts», schrieb die deutsche «Woche» und zitierte eine Studie des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Werteforschung, nach der in Deutschland «mindestens jeder dritte Mann stark verunsichert ist». Das dürfte in der Schweiz nicht anders sein.

Das weibliche Mitleid hält sich in Grenzen. Aber die Neugier steigt. Möglicherweise ist der verunsicherte Mann ein interessanterer, weil interessierterer Zeitgenosse als seine Vorgänger.

Mit anderen Worten: Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen.

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