Ruf doch mal an

Ruf doch mal an

Stopp-Suizid-Kleber sollen Selbsttötungen verhindern. Umstritten ist, ob die Aktion der Dargebotenen Hand nicht daneben greift.

Woran denkt ein Mensch, bevor er von einer Brücke springt, 50 oder mehr Meter in die Tiefe?

Was immer es sein mag, die Dargebotene Hand Ostschweiz ist der Meinung: «Darüber reden hilft. Rufen Sie uns an.» Dieser Appell an Lebens-müde, in roten Lettern gedruckt, steht auf Plastikklebern und Metallschildern, die in den letzten Wochen an Eisenbahnviadukten und Autobahnbrücken in der Region Sankt Gallen angebracht wurden. Zum Beispiel am Stahlgeländer der SBB-Brücke hoch über der Sitter, von wo sich allein im letzten Jahr mehrere Menschen in die Tiefe stürzten. Doch nun sollen die Stopp-Suizid-Schilder Lebensmüde vom Todessprung abhalten: Statt zu springen, Telefonnummer 143 wählen, die Dargebotene Hand.

Die eifrigen Telefonseelsorger werden in der nächsten Wochen und Monaten in der gesamten Ostschweiz weitere Notruf-Plaketten anbringen lassen; an möglichst vielen Bauten und Orten, wo sich Menschen das Leben nehmen. «Wenn ein Suizidant eines der Schilder liest, weiss er: Ich bin nicht allein auf dieser Welt», sagt Cécile Federer, Presseverantwortliche der Ostschweizer Telefonseelsorge 143. Dieser «Impuls» könne Lebensmüde zur Umkehr verleiten.

Tatsächlich? Psychiatrie-Experten bezweifeln, ob die Dargebotene Hand mit dieser Aktion zum Tode Entschlossene im Leben zurückhält.

«Suizid-Prävention muss früher beginnen», sagt der Ostschweizer Suizid-Experte Rolf Jud, der im psychiatrischen Zentrum Sonnenhof in Ganterswil suizidgefährdete Jugendliche therapiert. Befinde sich jemand in einem suizidalen Schub, nehme er die Aussenwelt kaum mehr wahr. «Mit diesem Aufruf zum Notruf ist niemand zu retten.» Ohnehin sind in der Dunkelheit viele der Plaketten – mit Beiträgen aus dem Lotteriefonds finanziert – nicht zu erkennen.

«Solche Aktionen sind zwar gut gemeint», sagt Asmus Finzen, Leiter der sozialpsychiatrischen Abteilung der Psychiatrischen Uni-Kinik in Basel, «sie spiegeln aber auch die Hilflosigkeit der Gesellschaft gegenüber dem Suizid.» Die klinische Prävention setze heute vor allem auf die Früherkennung und Behandlung von Depressionen und Suchterkrankungen, da diese häufig mit suizidalen Handlungen verbunden sind.

Seit Anfang der Siebzigerjahre ist die Zahl der Selbsttötungen in der Schweiz unvermindert hoch: Fast 1500 Menschen nehmen sich Jahr für Jahr das Leben. Gemäss Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Schweiz eines der fünf europäischen Länder mit der höchsten Suizidrate pro 100 000 Einwohner. «Da darf man doch nichts unversucht lassen», sagt Ceçile Federer von der Dargebotenen Hand. Die PR-Frau freut sich über das grosse öffentliche Interesse an der plakativen Aktion der Beratung 143.

Dabei gäbe es wirkungsvollere Methoden, Brücken ihre selbstmörderische Gefährlichkeit zu nehmen: Umbauten wie Zäune, Gitter oder Netze. «Solche Massnahmen greifen», sagt Uni-Professor Finzen, «doch das kostet viel Geld.» Zuweilen wehrt sich auch der Heimatschutz aus ästhetischen Gründen dagegen, dass alte, imposante Brücken suizidsicher umgebaut werden.

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