Missionar auf dem Boulevard

Missionar auf dem Boulevard

Viel Politik, wenig Klamauk: Für «Blick»-Chefredaktor Jürg Lehmann ist politische Korrektheit hohes Gebot.

Der «Blick»-Chef schläft gut. Das ist nicht selbstverständlich für jemanden, der Tag für Tag eine Zeitung verantworten muss, die auf dem Boulevard heftig bedrängt wird von ernsthafter Konkurrenz. Die neue Pendlerzeitung «20 Minuten» beispielsweise, ein flott gemachtes Gratisblatt für den Grossraum Zürich, setzt bereits mehr Exemplare ab als der «Blick» mit seinen 133 000 in diesem Gebiet.

Das bringt Jürg Lehmann – seit knapp einem Jahr Chefredaktor des nationalen Boulevard-Blatts – nicht aus der Ruhe. Sagt er. Denn er fühlt in jüngster Zeit des Öfteren dieses «gewisse Kribbeln im Bauch», ein Gefühl, das in einem «Kick» kulminiert, dem Kick für die richtige Geschichte, die unverwechselbare, die «Blick»-Geschichte eben. Also nicht schon wieder Österreichs Jörg Haider
auf die Frontseite, sondern TV-Moderatorin Monika Fasnacht. Oder beispielsweise, wie nach der Bluttat von Dulliken, das heikle Thema Ausländer-Kriminalität in grossen Lettern als Debattier-Stoff lanciert – wenngleich im sanften Tonfall.

Im täglichen Kampf zwischen Kopf und Bauch, dem ein Boulevard-Macher notgedrungen ausgesetzt ist, hat sich Lehmann in den letzten Wochen tapfer auf den Bauch verlassen, und das Blatt zumeist «sehr gut verkauft», wie er erklärt. Das ist eminent wichtig. «Blick» verliert nämlich seit Jahren Leser. Die Auflage liegt nur noch knapp über der «Schmerzgrenze» von 300 000 Exemplaren. Anfang der Neunzigerjahre waren es 370 000 Stück.

Dramatisch ist die Schwindsucht beim Gewinn, genauer beim Deckungsbeitrag. Dieser ist innert zwei Jahren von 21 auf unter 10 Millionen Frannken gesunken. «Falsch», sagt Lehmann, «es sind mehr als 10.» Wie viel genau? «Deutlich mehr als 10 Millionen.» Konkreter will der Chef der «stärksten Zeitung der Schweiz» (Eigenwerbung) nicht werden. Nur noch dies: «Alle Boulevard-Zeitungen Europas haben Probleme.»

In der Tat ist die klassische Verkaufszeitung von allen Seiten unter Druck. Heute tummeln sich auf dem Boulevard nassforsche Privat-TVs, kostenlose Pendler-Zeitungen, bunte Wochen-Blät-ter und trendige Online-Dienste. Zudem verringern sich auch bei der so genannt seriösen Presse die Berührungsängste zum Infotainment mit dem süffigen Mix aus Information und Unterhaltung.

Und selbstverständlich sind längst auch Blätter wie «Basler Zeitung», «Tages-Anzeiger» und «Neue Zürcher Zeitung» rasch vor Ort, wenn eine Crossair-Maschine abgestürzt ist oder ein Polizist angeschossen wurde. Kommt hinzu, dass die elektronischen Medien, die auf dem Boulevard flächendeckend und nahezu omnipräsent arbeiten, ihren Zuschauern die Storys «real time» liefern. Das heisst, «Blick ist dabei», aber zu spät.

Um wenigstens den Vormarsch der Zürcher Pendler-Zeitungen aufzuhal-ten, prüft der Ringier-Verlag die Frühzustellung des «Blicks». Das Boulevard-Blatt wäre damit – wie Tagi und NZZ – bei den Lesern, bevor sich diese auf den Weg zur Arbeit machen, und würde den Griff nach den Gratisblättern an den S-Bahnhöfen und Tramhaltestellen weniger verlockend machen. Kosten der Übung: Rund sechs Millionen Franken. Was die Rendite des «Blicks» halbieren würde.

Zwar leidet die Boulevard-Zeitung – im Herbst 40 Jahre alt geworden – empfindlich unter den neuen Bedingungen auf dem Medienmarkt. Doch das Hauptproblem des Blatts ist hausgemacht. Grund: Der «Blick» trippelt mit Samtpfoten über den Boulevard.

Klar ist seine Schlagzeile noch immer die fetteste, die Sprache die direkteste, die Farbbilder die grössten und der Laufsteg für Stars und Sternchen länger als bei der Konkurrenz.

Aber sonst? Ist Ringiers Tageszeitung noch der Exot im Blätterwald? Der Provokateur, der Schreihals, der Vulgäre, der Kampagnenreiter, der Hochjubler, der Fertigmacher – dessen Geschichten die Gemüter erhitzen und Gesprächsstoff liefern, landauf und landab?

Nein. Es ist still geworden um das nationale Boulevard-Blatt. Der «Blick» ist heute eine «politisch korrekte» Zeitung, wie alle andern auch. So wollte es Verleger Michael Ringier – genauer: Frank A. Meyer. Wie einst Mönch Rasputin beim Zaren Nikolaus II. geniesst Meyer am Hofe Ringier das blinde Vertrauen der Throninhaber. Die suggestive Kraft des Einflüsterers bestimmt die publizistische Ausrichtung des «Blicks», und die lautet: Ein «Blick» mit möglichst viel Politik und wenig lautem Boulevard.

Meyer will kein Blatt, das aus dem Bauch gemacht wird. Keinen «Blick», der sich um die helvetische Konkordanz futiert. Keine Zeitung, die heute nach links und morgen nach rechts ausschlägt. Kein Blatt, das in Bundesbern wildert und dabei die Kreise des Hofkolumnisten stört. Er will eine «Volkszeitung», die ihm hilft im Kampf für eine soziale Schweiz, für starke politische Institutionen und gegen den Allmachtanspruch der vaterlandslosen Gesellen der Globalisierung.

Kein Zweifel, ein Engagement, das Staatsbürger Meyer zur Ehre gereicht. Auch macht die gute Absicht deutlich, dass der Arbeitersohn aus Biel seinen politischen Idealen auf dem Weg nach oben in gewisser Weise treu geblieben ist. Nur, Meyer hat für seinen Einsatz die falsche Waffe gewählt. Denn als politisches Kampfblatt und als Aufklä-rungsschrift ist der «Blick» denkbar ungeeignet.

«Das Volk will unterhalten sein», lautet eine alte Weisheit im Boulevard-Gewerbe. Und in einer Konkordanz-Demokratie ist Politik nur selten ein Ereignis, das die Volksseele trifft. Mit Ausnahme von Christoph Blocher fehlt es auch an Boulevard-Politikern, die mit dem Zweihänder durchs Land ziehen. Aber Blocher, der einzige echte Stimmungsmacher der Classe politique, ist Meyers stärkster politischer Feind. Damit taucht er in Ringiers Blättern
nur selten auf.

«DerBlick ist vorbei», kalauert ein ehemaliger Kadermann von Ringier. Und tatsächlich sind in der Medien-Branche die Meinungen über die meyersche Neuausrichtung des «Blicks» zumeist vernichtend: «Ein Irrtum.» «Verzweiflungstat.» «Zum Scheitern verurteilt.» Nicht weil Lehmann und seine Redaktion ihre Arbeit nicht gut machen würden. Im Gegenteil: So professionell sei das Blatt seit Jahren nicht mehr dahergekommen. Lehmanns Leute leisteten journalistisch Hervorragendes, ist allenthalben zu hören.

Der Auftritt als Boulevard-Blatt sei zu leise, zu zaghaft, zu korrekt. Zu wenig Prominenz aus Fernsehen und Showbiz, zu viel Würdenträger, denen mit gehörigem Respekt begegnet werde.

Die Geldstrafe gegen den Gatten von Bundesrätin Ruth Metzler wegen Verstosses gegen das Unabhängigkeitsgebot war «Blick» 14 versteckte Zeilen wert, für «20 Minuten» ein Themen-Schwerpunkt. «Das Feuer ist aus», stellt ein «Blick»-Journalist fest: «Früher sind die Leute erschrocken, wenn sie einen vomBlick vor sich hatten. Jetzt lächeln sie milde.»

In den Achtzigerjahren, unter Chefredaktor Peter Uebersax, war der «Blick» der Goldesel von Ringier. Skandal, Streit, Geld, Mord, Liebe, Sex, Krise, Korruption, Betrug, Essen, Trinken, Witz und Spass – das waren die Stoffe, mit denen Boulevard-Nase Uebersax sein Blatt würzte. «Korrekter Boulevard» war für ihn ein «Grundwiderspruch», und deshalb schreckte er nicht davor zurück, wochenlang über das «miese Schweizer Fernsehen» herzuziehen, gegen die «blödsinnigen Tempolimiten auf Autobahnen» zu wettern, Bundesrat Otto Stich vor dem Parlament zum Heulen zu bringen und eine Zürcher Sado-Maso-Dirne zum Medienstar zu machen. Bei solchen Themen konnte getobt und gewütet, gelobt und gelacht werden, und die Schweiz tats aus vollem Herzen.

Anderseits: Das Monopol als Tabubrecher und die Rolle des Rotzbengels hat die Boulevard-Zeitung längst an die Quotenjäger des Privatfernsehens verloren. Was von Uebersax’ Rezepten aber noch gilt, ist der Spass, die Polemik, der Witz. Selten jedoch sind im Lehmann-Meyer-«Blick» witzige Schlagzeilen zu lesen, Geistesblitze zu entdecken – von Jürg Ramspecks Glosse abgesehen.

Und frech? Die peinliche Schlappe einer Sondereinheit der Zürcher Stadtpolizei bei der Fahndung nach einem Schützen betitelte der «Blick» mit «Elitetruppen reingelegt». Weshalb nicht «Die Polizei als Tölpel»? Oder,wie es Uebersax gewagt hätte: «Dumme Polizei»? Einen solch politisch unkorrekten Titel, sagt Lehmann, würde er nie machen.

Der grosse Ernst hat sich der Spalten des «Blicks» bemächtigt. Liegt es am Chef? Es trifft Lehmann, wenn man ihn als «Mouderi» sieht, was im Berner Dialekt einen humorlosen, klagenden, am Leben stets etwas leidenden Menschen bezeichnet. Natürlich ist er kein Spassvogel, aber: «Ich amüsiere mich gerne. Ich liebe das Leben.» Und bei dieser Aussage lacht er laut und lehnt sich für Sekunden entspannt im Sessel zurück.

Nie wird in Erfahrung zu bringen sein, wie viele Stunden des Beisammensitzens, Beschwörens und Schmeichelns es brauchte, bis Michael Ringier dem Drängen seines Freundes Frank A. Meyer nachgab und den «Blick» letztes Jahr auf politisch korrekten Kurs setzte. Offensichtlich aber ist, dass mit Jürg Lehmann ein Mann das «Blick»-Steuer in den Händen hält, der Meyers Mission bis hin zum Sprachduktus teilt und dessen soziale Herkunft mit Meyer deckungsgleich ist.

Auch Lehmann will die «Volkszeitung». Sein Herz schlägt für «Otto Normalverlierer», aus dem er mit Hilfe von «Blick» «Otto Normalgewinner» machen will. «Blick ist Volkes Stimme. Ich weiss, wovon ich spreche. Meine Mutter ist eine Bauerntochter, mein Vater war Schuhmachersohn, aus dem ein kleiner Bundesbeamter wurde. Dieses Milieu hat mich geprägt. Ich weiss, was in den Leuten vorgeht, die hart arbeiten müssen; für die es ein Erfolg ist, wenn sie auf der sozialen Leiter nicht runterfallen. Es sind unsere Leserinnen und Leser.»

Diesen Leuten will Staatsbürger Lehmann «dienen», auf dass ihnen die Augen aufgehen und sie nicht länger falschen Propheten nachlaufen. Der «Blick» als Leuchtturm für die von Blocher in die Finsternis geführten Bürger. «Wenn wir Volkes Stimme Kraft und Bedeutung verleihen, ist uns Volkes Stimme sicher.»

Das klingt wie bei Schiller, meint aber die Zukunft des «Blicks». Lehmann will zurück zum klassischen Boulevard, «mit Geschichten, die über den Bauch ins Herz einfahren und sich im Verstand ein-nisten. Aber auch: Geschichten, über die man spricht, die das Land bewegen, bei derBlick vorangeht und führend ist.»

Vielleicht war Raoul, der in den USA inhaftierte Junge, eine solche Geschichte. Aber das liegt nun schon wieder einige Monate zurück. Und seither? Wann hat «Blick» Schlagzeilen gemacht? Wann grosse Emotionen ausgelöst? Die Medienpäpste aus der Reserve gelockt?

Der «Blick» ist das Blatt für den Stammtisch, nicht für die Wandelhalle. Jürg Lehmann siehts anders. Er will eine Zeitung für jedermann machen, und deshalb gibts täglich eine Seite «Kultur», wo auf Opern-Premieren hingewiesen und Literatur rezensiert wird. Ressortleiterin ist Lilith Frey, Meyers Lebensgefährtin Allein mit breiter Themenpalette, mehr Politik und Lebenshilfe hat der «Blick 2000» keine Zukunft. Da nützen auch die schönsten Beschwörungen von Verleger Ringier nichts: «Boulevard hat Zukunft. Blick ist Zukunft. Trotz immer dickerer Zeitungen. Trotz mehr Radio, Fernsehen und Internet. Gerade deswegen.Blick ist dabei. Dabei bleibts!»

Jürg Lehmann weiss um die Schwierigkeiten des Boulevards in heutiger Zeit. Er ahnt die Risiken, die mit dem neuen Kurs hin zu mehr Politik verbunden sind. Aber – Herrgott noch mal – leben wir nicht in politisch brisanten Zeiten, sind wir nicht Zeugen einer sozialen Umverteilung, eines Klassenkampfs von oben?

Doch, schon, aber wenn sich nun herausstellte, dass für den «Blick»-Leser Nella Martinetti und Roy Hodgson wichtiger sind als Ruth Dreifuss und Martin Ebner? Kein Problem. Auf den richtigen Mix kommts an. Glaubt Lehmann.

Und wenn es stimmte, dass Boule-vard-Zeitungen ihre Macher zurecht-biegen? Keine Gefahr. Jürg Lehmann ist ein politischer Kopf. Ein Mann mit Prinzipien. Seiner Gesinnung wird er treu bleiben, auch wenn er eines Tages entdecken sollte, dass er und sein Produkt eigentlich schlecht zusammenpassen.

«Ich habe eine Mission, derBlick hat eine Mission.» Und das Schöne ist, «dass Redaktion und Verlag Hand in Hand gehen, weil sie die gleiche Mission haben».

Nur, Jürg Lehmann, dieser erfahrene, dialektisch geschulte Medienmann,kennt die Verleger. Er weiss: Ein Blatt mit einer Mission ist gut. Ein Blatt, das Kohle bringt, ist besser.

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