Manu Rüegg : «Opfer des Ruhms»

Ich würde es wieder tun

Ihre Tantra-Demonstration am Fernsehen kostete sie den Job. Doch Manu Rüegg bereut den Auftritt bei TV3 und bei Vox nicht.

Das Licht ist gedämpft. Nackt, mit verbundenen Augen liegt er da. Ganz entspannt. Auf seinen Oberschenkeln sitzt eine weiche, mollige Frau – ebenfalls splitternackt. Sanft streicht sie ihm mit saftigen Trauben über den Mund. Er lächelt selig.

Diese TV-Sequenz, gezeigt in der Sendung «Lust und Liebe» auf TV3, hat Konsequenzen. Manu Rüegg, 35, verlor deswegen ihren Job. Sie war nach ihrer Tantra-Darstellung für die Thurgauer Gemeinde Sulgen als Singlehrerin der Oberstufe nicht mehr tragbar.

Tantra, das klingt in vielen Ohren nach Orgien, Sodom und Gomorrha. Doch die indische Liebesphilosophie, wie Manu Rüegg sie begreift, hat weder mit Pornografie noch mit Prostitution etwas zu tun. «Es geht um mehr als nur Sexualität», erklärt sie, «es geht um das bewusste Wahrnehmen von Sinneseindrücken.» Eine Berührung, ein Geruch, ein Geschmack, ein Klang sollen die Sinne schärfen. Tantra-Rituale werden in einer vertrauten, wohligen Atmosphäre abgehalten. Umgeben von sanfter Musik, Kerzen, Räucherstäbchen und Duftölen, schaukeln sich die Partner in höhere Sphären der Glückseligkeit. Gegenseitige Rückenmassagen und gemeinsame Atemübungen unterstützen sie dabei.

Rüegg führte die TV-Zuschauer gleich auf zwei Kanälen in die Geheimnisse der Tantra-Massage ein. Bei «Lust und Liebe» auf TV3 und in «Wa(h)re Liebe» auf dem deutschen Privatkanal Vox. Das war der Schulgemeinde Sulgen zu viel. Sechs Wochen bevor Rüeggs Vertrag ausgelaufen wäre, wurde die freizügige Singlehrerin freigestellt. «Bei zwei Schulbesuchen waren mir schon vorher Mängel in der Unterrichtsführung aufgefallen. Mit ihren Fernsehauftritten hat Frau Rüegg nun definitiv die Grenzen des Tolerierbaren überschritten», erklärt Schulpräsident Reto Kohler, 33.

Die vorzeitige Entlassung war eine späte Überraschung. Am Tag nach ihrem TV-Auftritt erteilte Rüegg nämlich wie gewöhnlich ihren 13-jährigen Schülern Gesangsunterricht. «Ein paar Mädchen kicherten und sagten, sie hätten die Sendung gesehen und eigentlich noch gut gefunden», sagt Rüegg. Sie dachte, damit sei das Thema erledigt.

Ein Irrtum. Im Dorf wurde getuschelt, im Schulhaus kursierten Video-Aufzeichnungen der TV-Sendungen. «Die Eltern waren verunsichert. «Ich bat um einen Informationsabend, doch der Schulleiter fand, es sei zu kompliziert, Tantra zu erklären, bis es der Hinterste und Letzte auch noch verstehe», sagt Manu Rüegg. «Die Schule ist nicht der richtige Ort, um unser angeblich verklemmtes Dorf mit einer esoterisch angehauchten Lehre wie Tantra sexuell zu befreien», erwidert Kohler.

Tantra habe ihr ganzes Leben verändert, sagt Rüegg. Die ausgebildete Sängerin und Mutter von drei Kindern zwischen fünf und 16 Jahren richtet nicht nur ihr Liebesleben nach tantrischen Werten aus, sondern auch ihren Alltag. Sie habe gelernt, auch die kleinsten Handgriffe bewusst und konzentriert auszuführen. Heute könne sie zum Beispiel nicht mehr ein Brötchen essen und gleichzeitig die Zeitung lesen, sagt sie.

Sexualität war im Leben von Manu Rüegg lange ein wunder Punkt. Ihre Schwäche, wie sie es nennt. Als Zwölfjährige war sie vergewaltigt worden. Mehrmals, über Jahre hinweg. Von ihrem Vater, dessen Freunden, ihren Onkeln. Ihr Leidensweg begann, als sie im Alter von zwölf Jahren in die Obhut ihres Vaters nach Belgien gegeben wurde. Sie litt und wurde krank. Rüegg erzählt das alles emotionslos. «Ich habe das Schlimme in meinem Leben verarbeitet. Richtig verarbeitet.» Als erwachsene Frau beschloss sie, ihre Schwäche in eine Stärke umzukehren. In Tantra-Kursen und esoterischen Workshops lernte sie ein neues Körpergefühl kennen und baute ein starkes Selbstverständnis auf. «Ich heilte das verletzte Kind in meiner Seele.»

Ihre Erfahrung gibt Rüegg ihren Schülerinnen und Schülern in eigenen Tantra-Kursen weiter. Die stossen allerdings nicht überall auf Verständnis. Es seien Sammelbecken für sexuell verklemmte Eso-Freaks, die auch mal ein Wochenende lang so richtig auf ihre Kosten kommen wollen, wird gespöttelt. Darüber kann Manu Rüegg nur lachen. «Die gibt es. Aber die kommen ziemlich schnell auf die Welt.» Tantra-Kurse hätten eine ausgleichende Wirkung. «Allzeit bereite Sexprotze erschlaffen kurzzeitig.» Vergeistigte, die glauben, sie stünden über ihren niederen Instinkten, werden laut Rüegg «scharf wie noch nie im Leben».

Wildfremde Menschen berühren, womöglich noch nackt, empfinden viele als abstossend. «Es wird niemand zu irgendetwas gezwungen. Geschlechtsteile werden im Kurs nicht berührt, und Sex gibt es auch keinen», weist Rüegg den Vorwurf zurück. Aber für sie ist klar, um alle Sinne anzusprechen, gehört Nacktheit unbedingt dazu. Darum kam sie gerne der Aufforderung der TV-Leute nach, die Massage nackt zu demonstrieren. Tantra-Expertin Regula Schenkel dagegen weigerte sich. Sie war ebenfalls für einen Auftritt in der TV-Sendung angefragt worden, wollte sich aber nicht hüllenlos präsentieren: «Das Fernsehen wollte nur Klischees bestätigen», moniert die Leiterin des Kurses «Tanz, Meditation, Berührung: A Touch of Tantra» in Zürich. «Frau Rüegg wurde verheizt.» Manu Rüegg dagegen kann an ihrem Nacktauftritt nichts Schlechtes finden: «Ich würde es wieder tun. Mit allen Konsequenzen.»

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