Im Clinch mit den Banken

Kredit-Rating heisst das Wundermittel, mit dem die Banken die Vertrauenskrise mit den KMU in den Griff bekommen wollen. Nicht allen Unternehmen wird es aber gerecht.

Ueli Hugglers Haus thront wie eine Burg über dem Dorf Dulliken im Kanton Solothurn. Der Eigentümer hat sich das Gebäude genau nach seinen Vorlieben eingerichtet. Doch derzeit verursacht dem Inhaber einer kleinen Schreinerei das Haus vor allem Probleme.

Alles begann vor zwei Jahren, als Huggler seinen Anteil an einem zweiten Gebäude in Olten verkaufte und mit dem Erlös Neuentwicklungen seiner Firma in Richtung Möbeldesign finanzieren wollte. Doch er hatte die Rechnung ohne seine Bank gemacht, den früheren Bankverein. Denn diese finanzierte die Schreinerei in Olten nur unter der Bedingung, dass Huggler mit dem herausgelösten Kapital einen Geschäftskreditzurückbezahlt, eine variable Hypothek abdeckt sowie entweder für die Festhypothek seines Hauses in Dulliken den Rest als Sicherheit hinterlegt oder die Belehnung des Hauses reduziert. Als Begründung gab die Bank die Wertberichtigung von Hugglers Immobilienbesitz an, was Huggler als schlechten Witz bezeichnet. Er ist überzeugt, dass der Wert seines Hauses sogar eine Erhöhung der bestehenden Hypothek erlaube.
Die Bank beharrte auf ihren Forderungen. Zusätzlich wurde eine Ablösungsgebühr von 13000 Franken in Aussicht gestellt, falls Huggler wie gefordert die Festhypothek reduzieren würde. Das liess sich Huggler nicht bieten und wehrte sich mit Erfolg: Die Bank verzichtete nachträglich auf die Erhebung einer Ablösesumme. Doch das war nur ein kleiner Erfolg. Huggler steht mit den Finanzinstituten weiterhin auf Kriegsfuss.

Wie gefährlich Immobilien sein können, musste auch die BF Infoconsulting in Sempach erfahren. Die Software-Firma, beflügelt von der Hochkonjunktur der achtziger Jahre, agierte Anfang der neunziger Jahre als Bauherrin und erstellte in Sempach für zehn Millionen Franken ein Geschäftshaus. Die Hälfte des Neubaus wollte der Badener Computer-Grosshändler COS übernehmen. Jene COS also, die zwei Jahre später saniert werden musste und die Banken 170 Millionen Franken kostete. «Die COS hat trotz Vertrag keinen Franken bezahlt», ärgert sich Ernst Sperandio von der BF Infoconsulting, der der früheren Schweizerischen Volksbank vorwirft, die Finanzierung bewilligt zu haben, ohne die COSals Miteigentümerin zu überprüfen. Zuletzt mussten die Sempacher den Zehn-Millionen-Bau im Alleingang finanzieren.
Vor zwei Jahren kam die BF-Gruppe mit ihrer Hausbank UBS in Clinch, als diese die Rückzahlung eines Kontokorrents von einer halben Million Franken innerhalb lediglich dreier Monate verlangte. Das brach der Firma zwar nicht das Genick. Die Eigentümer sowie Mitarbeiter beteiligten sich an einer Aktienkapitalerhöhung und erledigten das Problem auf diese Weise. Trotzdem blieb ein schaler Nachgeschmack. Sperandio kritisiert denn auch das Unverständnis der Banker. Cash-flow und Gewinn würden wenig darüber aussagen, wie fit ein Software-Hersteller sei: «Wer künftig zu den Marktleadern gehören will, muss in seine Mitarbeiter investieren.» Und solche Zukunftsinvestitionen liessen sich in der Bilanz nicht kapitalisieren.

Doch die Banken wollen künftig alles besser machen. Dutzende von Milliarden kostete sie Anfang der neunziger Jahre die Immobilienkrise. Dazu kamen die Verluste bei den Firmenkrediten. Die bisher getätigten Rückstellungen der Banken belaufen sich mittlerweile auf 56 Milliarden. «Jedes siebte KMU steckt in einer bankinternen Workout-Group», bestätigt Roland Nydegger vom Schweizerischen Gewerbeverband. Das sind rund 15 Prozent aller KMU, die zu jenen Kreditnehmern gehören, deren Position die Banken als gefährdet beurteilen.
Da müssen sich die Banken den Vorwurf gefallen lassen, bei den Abklärungen zuwenig das Zukunftspotential der Unternehmen zu berücksichtigen. Die Stiftung KMU Schweiz beispielsweise versucht zusammen mit dem Firmensanierer Gary Friedman, so viele Firmen wie möglich aus den Workout-Groups herauszulösen und sie zu retten. Statt denSubstanz- und Ertragswert zu ermitteln, schaut Friedman mit seiner sogenannten Pecopp-Methode nur darauf, ob ein Unternehmen in der Lage ist, nach Abzug aller fixen Kosten einen Cash-flow zu erwirtschaften. Ist dies bei einem Unternehmen der Fall, treten Friedman und seine Mitarbeiter in Aktion und nehmen die Firmenchefs unter ihre Fittiche. Dann muss schnellstens Umsatz her, der wöchentlich kontrolliert wird.

Gemessen an den über 30000 gefährdeten Klein- und Mittelbetrieben ist dies jedoch wohlkaum mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Auch überhaupt nicht gefährdete Kreditpositionen werden laufend neu beurteilt. Das musste auch die Jungunternehmerin Romana Schneeberger erfahren, die vor zwei Jahren dank einem Bankkredit der UBS überhaupt erst den Sprung in die Selbständigkeit starten konnte und in Liestal den Stoffladen Fashion-Plus eröffnete. Das Geschäft läuft gut. Dieses Jahr will sie erstmals in die Gewinnzone vorstossen. Aber noch ist es nicht soweit. Und bereits hat sich die UBS gemeldet und jeder Euphorie ein Ende bereitet. Sie verlangt, dass ein Viertel des Kredites bis Ende Jahr, ein weiteres Viertel im nächsten Jahr zurückbezahlt wird. Damit gibt die Kreditgeberin der Geschäftsfrau kaum genügend Zeit, um sich definitiv im Markt zu etablieren. «Dass der Kredit schon jetzt nach zwei Jahren amortisiert werden muss, habe ich nicht erwartet», kommentiert Romana Schneeberger enttäuscht. Wenigstens wurden ihr nicht die Kreditzinsen erhöht wie so manchem anderen Firmenchef, der von einem Monat auf den andern statt sechs, sieben oder acht Prozent bis zu dreizehn Prozent und mehr für Firmenkredite bezahlen muss.

Die Zinssteigerungen basieren auf einem Kredit-Rating, mit dem bestehende und neue Kredite beurteilt werden. Dafür haben die Grossbanken für teures Geld Software-Tools entwickeln lassen. Doch das Kredit-Rating lässt sich für das einzelne Unternehmen nicht im Detail nachvollziehen, auch wenn ausgewiesen wird, welche Faktoren berücksichtigt werden (siehe «Hart und weich» auf Seite 104). Angewandt wird das System von den Schweizer Grossbanken, aber bereits auch von der Zürcher Kantonalbank. Weitere Kantonalbanken werden folgen. Sogar die Raiffeisenbanken haben ein System entwickelt, welches sie zu Kontrollzwecken einsetzen.
Das Ziel der Banken ist klar: Sie wollen verhindern, dass sie, wie es Anfang der neunziger Jahre eintraf, auf einer Fülle fauler Kredite sitzenbleiben. Das Rating gibt die nötige Entscheidungsgrundlage, ob ein Kredit bewilligt werden soll oder nicht. Und wenn ja, zu welchem Preis. So werden Fehlentscheide reduziert. Kommt es trotzdem zu einem Totalverlust, trägt der Kundenberater der Bank nicht mehr die alleinige Verantwortung.
Die Ratings lösen die Vertrauenskrise zwischen den Banken und den KMU indes nicht. Obwohl die Zinsen auf Sparkonten und Kassenobligationen auf einem Tiefstand sind, müssen die KMU für ihre Kredite immer höhere Zinsen zahlen. Vor allem die Risikozuschläge sind umstritten und werden vielfach als eindeutig zu hoch eingestuft. «Es braucht eine eigene Bank für die KMU», fordert deshalb Sperandio von der BF Infoconsulting in Sempach. Eine Forderung, die zumindest zum Teil erfüllt wird. Die VTZ Versicherungs Treuhand Zürich jedenfalls will noch dieses Jahr ein Konzept für eine Pro KMU AG umsetzen, die sich an Betrieben beteiligt, diese fit trimmt und ihre Beteiligung dann wieder abstösst.

Auch die Pro KMU AG wird nur einen Teil der Finanzprobleme der KMU lösen. Ohne Kredite von den Banken können auch künftig viele Betriebe nicht geschäften, geschweige denn ihr Geschäft ausweiten. Und dazu braucht es eine Vertrauensbasis und Offenheit zum Bankenberater. Darauf setzt Erhard Huser, Chef des Druckfarbenherstellers Amra im sanktgallischen Rapperswil. Er hat zwar auch ein zwiespältiges Verhältnis zu den Finanzinstituten. Seine langjährige Hausbank, die St. Galler Kantonalbank, schickte Huser einen privaten Betriebsberater ins Haus. Dieser machte eine Zusammenstellung der Fakten. «Die Erhebung brachte mir nichts», sagt Huser. Trotzdem musste er für das Papier happige 23000 Franken bezahlen. Seither sind die Kontakte praktisch eingefroren.
Mehr Vertrauen hat er in den Kundenberater bei der CS. «Wir können offen miteinander reden», sagt Huser. Seinerseits lobt auch CS-Berater Rolf Lutz seinen Kunden und spricht von einem guten Vertrauensverhältnis. Auf einer solchen Basis lassen sich durchaus auch neue Geschäfte aufbauen. Und diese will Huser unbedingt lancieren. Speziell dafür unterzog er sich einem privaten Rating der Firma Hohl & Partner, welche das Wachstumspotential einer Firma untersucht. Ein wichtiger Faktor, denn wenn sein Unternehmen sich behaupten will, muss es weiter wachsen. Und das will er künftig nicht, wie er es bisher getan hat, einfach mit Firmenübernahmen, sondern auch aus eigener Kraft. Er will sich zusätzliche Kundensegmente öffnen, selber auch in die Entwicklung investieren und vor allem Marketing und Verkauf ausweiten. An Visionen für die Zukunft mangelt es dem Unternehmer nicht. Die nötige finanzielle Unterstützung sicherte ihm der CS-Berater bereits zu.

TIPPS IDEEN TRICKS

Fast jeder KMU-Chef stellt fest, dass die Banker vom Unternehmertum falsche Vorstellungen haben. Dennoch ist er auf seinen Geldgeber angewiesen. Wenn eine Bank beispielsweise ohne Vorankündigung einen Kredit kündigt oder die Zinsen hinaufsetzt, muss der Betroffene umgehend über die Bücher. Hat er Fehler gemacht und die Lage der Firma und ihr Potential nicht genau genug dargestellt? Oder hat er es richtig gemacht und ist diese Bank vielleicht der falsche Partner?

Die folgenden Tips zeigen, was im Kreditgeschäft immer beachtet werden muss:

VERSCHIEDENE FINANZPRODUKTE
Machen Sie sich zuerst kundig über die Angebote Ihrer Bank. Die Kreditzinsen errechnen sich nicht zuletzt aus den Umtrieben, und die sind nicht für alle Finanzprodukte gleich hoch.

WENIGE BANKBEZIEHUNGEN
Konzentrieren Sie Ihre Bankbeziehungen auf eine oder zwei Banken. Das spart Kosten. Zudem beleihen viele Banken
Sicherheiten, die sie in ihren Händen wissen, höher als solche, die bei anderen Banken hinterlegt sind.

KENNTNISSE DER BANK
Suchen Sie den Kontakt zu einer Bank, die mit den Begebenheiten in Ihrem Umfeld vertraut ist. Ein wichtiger Punkt, wenn Sie einmal in kurzfristigen Problemen stecken.
OFFENE KOMMUNIKATION
Das Kreditgeschäft lebt vom Vertrauen. Wenn Ihr Bankenberater Ihre Probleme nicht kennt, kann er auch nichts für Sie tun. Dann dürfen Sie nicht überrascht sein, wenn Ihr Kredit plötzlich gekündigt wird.

TREFFEN VOR ORT
Laden Sie Ihren Banker zu sich in Ihr Geschäft ein. Bei einem Augenschein ist es Ihrem Kontaktmann von der Bank besser möglich, Ihre Visionen, aber auch Ihre Probleme zu verstehen. Banker dagegen, die sich hinter ihrem Pult im Büro verbarrikadieren, sind meist nicht die richtigen Kommunikationspartner.

HILFE VON DRITTEN
Ziehen Sie Ihren Berater oder Treuhänder bei. Er kennt sich in der Regel aus und kann Sie bei Ihren Anliegen unterstützen.

WISSEN BRINGT VORTEILE
Stellen Sie Fragen, denn das Kredit-Rating ist keine Einbahnstrasse. Lassen Sie sich immer erklären, wie Sie Ihr Rating verbessern können.

GENÜGEND EIGENKAPITAL
Denken Sie daran, dass Sie mit der Vergrösserung der Eigenkapitalbasis mit Sicherheit jedes Rating-Ergebnis massiv verbessern können. Fehlt Ihnen das nötige Eigenkapital, so versuchen Sie Bekannte oder Freunde an Ihrem Geschäft zu beteiligen. Über diesen Weg hat schon mancher eine Firma aufgebaut oder seinem Unternehmen zu einem Wachstumsschub verholfen.

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