Ich habe Angst vor allem und jedem!

cisco

Cisco-Chef John Chambers über die Kunst, pro Jahr 20 Übernahmen zu verdauen, über die nächste Wirtschaftsordnung und den drohenden Crash der Hightech-Aktien.
John Chambers, wenn ich richtig nachgezählt habe, hat Cisco in den letzten sieben Jahren 50 Unternehmen aufgekauft, davon 19 in den letzten zwölf Monaten.
John Chambers: Das könnte etwa hinkommen. Und wir planen in diesem Jahr weitere 20 bis 25.

–: Das sieht so aus, als würden Sie relativ wahllos zusammenkaufen, was der Markt hergibt.
Chambers: Überhaupt nicht. Oft heisst es, wir seien Weltmeister bei der Integration von übernommenen Firmen. In Wirklichkeit sind wir in den Auswahlverfahren sehr sorgfältig. Es ist wie bei einer Hochzeit; Sie wählen Ihre Braut auch nicht nach dem ersten Rendezvous. Es gibt fünf Fragen, die wir uns vor der Übernahme eines Unternehmens stellen: Passt es in unsere Kultur? Hat das Management eine ähnliche Vision? Bietet es kurzfristige Gewinne? Passt es langfristig in unsere Strategie? Und, besonders bei den grossen Übernahmen: Ist das Unternehmen geografisch nicht zu weit entfernt?
–: Und wie stellen Sie dann sicher, dass Sie all diese Unternehmen richtig integrieren?

Chambers: Wir schaffen eine Kultur, die Wandel, neue Ideen und neue Leute akzeptiert. Und unsere ganze Unternehmensstruktur ist so aufgebaut, dass sie neue Geschäftsfelder problemlos integrieren kann. Wir lassen die neuen Mitarbeiter vom ersten Moment an ein Teil von Cisco sein – sie werden sofort in eine Geschäftseinheit, eine Verkaufs- oder Serviceorganisation eingegliedert. Wir haben eigentliche Integrationsteams, die sich darum kümmern. Wir können die Geschwindigkeit nur beibehalten, wenn wir bei jeder Integration immer wieder die gleichen Prozesse anwenden. Wenn wir das Rad jedes Mal neu erfinden müssten, würden wir scheitern. In unserer Industrie misslingen über 80 Prozent aller Übernahmen. Von den 50, die wir durchgeführt haben, haben nur drei meine Erwartungen nicht erfüllt.

–: Was passiert mit der Unternehmenskultur?
Chambers: Ich glaube nicht an Merger von Gleichberechtigten. Die Cisco-Kultur setzt sich durch. Das wissen die Leute von Anfang an. Aber wir lernen von jeder Firma, die wir übernehmen: Wir passen unsere Kultur ein bisschen an, verbessern sie im Detail.

–: Das heisst, jedes Mal, wenn Sie ein Unternehmen aufkaufen, zerstören Sie seine Kultur.
Chambers: Nein. Die meisten Firmen, die wir übernehmen, sind uns kulturell sehr ähnlich. Mein Büro ist 3,60 Meter lang und 3,60 Meter breit. Wenn wir ein Unternehmen evaluieren, schaue ich mir das Arbeitszimmer des CEO an. Wenn er ein riesiges Büro hat, kaufe ich die Firma nicht.

–: Sie kaufen die meisten Unternehmen, wenn sie eine Technologie entwickelt haben, die Cisco fehlt. Es scheint, als hätten Sie ihre Entwicklungsabteilung ausgelagert.
Chambers: Unsere Strategie ist sehr einfach: Wir wollen in jedem Produktbereich, in dem wir vertreten sind, Nummer eins oder Nummer zwei sein. In zwei Dritteln der Fälle schaffen wir das selbst. Den Rest erreichen wir durch Partnerschaften oder Übernahmen.

–: Kann ein Unternehmen im schnelllebigen Technologiemarkt heute überhaupt noch aus eigener Kraft die nötigen Innovationen schaffen?
Chambers: Nein. Die Unternehmen aus der alten Wirtschaftswelt, die glauben, alles selber machen zu können, werden nicht überleben. Sie werden lernen müssen, Partnerschaften einzugehen und Übernahmen schnell und effizient durchzuführen.

–: Rechnerisch geben Sie bei Ihren Akquisitionen zwischen einer halben und 20 Millionen Dollar pro übernommenen Mitarbeiter aus. Was ausser Aktienoptionen bieten Sie denen, um sie bei Cisco zu halten?
Chambers: Wir sind dieses Jahr der drittbeliebteste Arbeitgeber in den USA, aber nicht wegen der Optionen. Die Leute wollen in einem spannenden und anregenden Umfeld arbeiten, zusammen mit Leuten, die ähnliche Interessen haben. Zweitens wollen sie für ein höheres Ziel arbeiten: Hat das Unternehmen eine gewisse Erhabenheit, eine Vision? Was gibt es Grösseres, als nicht nur die Zukunft des Internets mitzugestalten, sondern auch die Art, wie die Welt lebt, arbeitet, lernt und spielt? Das ist es, was wir tun. Drittens müssen sie von fähigen Chefs geführt werden. Und erst als Viertes spielt die Entlöhnung eine Rolle. Unsere Löhne sind kompetitiv. Aber es gibt keinen Mitarbeiter bei Cisco, der woanders nicht mindestens das doppelte Gehalt und zweimal so viel Optionen verdienen könnte. Keinen einzigen!

–: Woher wollen Sie das wissen?
Chambers: Ich kenne die Angebote, die hereinkommen. Die Mitglieder der Konzernleitung bekommen Angebote, 10 bis 15 Prozent eines Start-ups zu übernehmen, mit einer Garantie von 200 Millionen bis einer Milliarde Dollar – und ich habe nicht einen einzigen verloren! Durchschnittliche Ingenieure können für zehn Millionen Dollar gehen – da habe ich ein paar verloren. Aber es sind sehr wenige. Unsere Fluktuationsrate ist 3,1 Prozent bei einem Branchendurchschnitt von über 20 Prozent.

–: Sie haben lange Jahre bei Wang und IBM gearbeitet, zwei einst strahlenden Unternehmen, die an den Rand des Abgrunds geraten sind, weil sie die Bedeutung technologischer Neuerungen wie des PC nicht erkannt haben. Was haben Sie aus jener Zeit gelernt?
Chambers: Es ist tragisch, dass man sich bei Firmen immer nur daran erinnert, wie sie geendet haben, auch wenn sie vorher jahrzehntelang hervorragende Arbeit geleistet hatten. Aber beide Unternehmen haben die gleichen Fehler gemacht: Sie waren so verliebt in die aktuelle Technologie, dass sie neue Entwicklungen ignoriert haben. Sie haben sich von ihren Kunden entfernt und auch von ihren eigenen Mitarbeitern – so konnten sie nicht mehr die besten Talente verpflichten und behalten. Und ich habe noch etwas gelernt: Wenn man in einem Markt nicht unter den ersten fünf ist, muss man sich entweder mit einem dieser fünf zusammentun oder ihn aufkaufen.

–: Müssen Sie nicht befürchten, dass dem Giganten Cisco eines Tages das Gleiche widerfährt wie IBM oder Wang?
Chambers: Exakt. Wir wissen, dass wir sehr schnell vom Olymp stürzen können. Intel-Gründer Andy Grove sagte: «Nur die Paranoiden überleben.» Im Vergleich zu uns ist das noch harmlos. Ich habe Angst vor allem und jedem! Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus Zuversicht und gesunder Paranoia, die uns treibt. Denken Sie, dass wir uns nach einem guten Quartal auf die Schulter klopfen und sagen, «gut gemacht»? Im Gegenteil! Wir setzen uns hin und analysieren, was wir hätten besser machen können.

–: Allein im letzten Quartal ist Cisco um über 50 Prozent gewachsen. Wann wird der Tag kommen, an dem sie zu gross sind, um dieses Tempo durchhalten zu können?
Chambers: Grösse hat Vor- und Nachteile, aber sie bestimmt nicht automatisch die Wachstumsrate. Unser Wachstum hat sich über die letzten neun Quartale beschleunigt, nicht verlangsamt. Aber Sie haben Recht: Der Punkt, wo wir zu gross werden, kann kommen. Und wir wissen, dass wir in drei bis vier Jahren aus dem Geschäft draussen sein können, wenn wir etwas falsch machen. Deswegen haben wir ja so viel Angst.

–: Der nächste grosse Trend in Sachen Internet ist Mobilität. Wer wird diese zweite Phase des Internets dominieren? Sind es die Amerikaner, die bisher im Internet den Ton angeben, oder die Europäer, die in Mobilfunktechnologie führend sind?
Chambers: Ich glaube nicht, dass es so klar von jemandem dominiert werden wird. Das ist das Spannende an dieser neuen globalen Wirtschaft: Nicht die Grösse ist entscheidend, sondern nur die Geschwindigkeit bei der Umsetzung.

–: Aber die erste Phase des Internets war klar amerikanisch geprägt.
Chambers: Das stimmt. Aber was die New Economy vorantreibt, ist nicht der globale Wettbewerb oder das Ziel, die Produktivität zu erhöhen. Es geht ums Überleben. Und erst, wenn ein Unternehmen beziehungsweise ein Land das realisiert, bewegt es sich schnell genug. Präsident Clinton hat als Erster begriffen, dass es ums Überleben geht. Inzwischen weiss es auch Tony Blair, Kim Dae-jung in Korea, Lee Teng-hui in Taiwan, Jiang Zemin in China, Teng Cheong Ong in Singapur oder John Howard in Australien.

–: Was bedeutet das für die zukünftige Wirtschaftsordnung?
Chambers: Die USA, Asien mit Ausnahme Japans und erstaunlicherweise auch Osteuropa bewegen sich viel schneller als Zentraleuropa. Dort gibt es einige Regierungschefs, die die Bedeutung der Informationstechnologie für die Konkurrenzfähigkeit des Landes und für die Erhaltung von Arbeitsplätzen noch nicht begriffen haben. Jene Länder, die bisher am erfolgreichsten waren, haben auch die grössten Probleme, sich anzupassen.

–: Auch die Schweiz?
Chambers: Ich habe am Weltwirtschaftsforum in Davos den Staatssekretär für Wirtschaft, David Syz, getroffen. Er hat es begriffen. Bei den Bundesräten kann ich es nicht sagen, ich habe noch mit keinem gesprochen. Interessanterweise bekomme ich Anfragen von allen Regierungen der Welt, nur aus Zentraleuropa nicht.
–: Sie verwenden eine Menge Zeit dafür, rund um die Welt zu reisen und die Bedeutung des Internets Politikern, Wirtschaftsführern und der Öffentlichkeit zu predigen. Sehen Sie sich auch als Missionar?
Chambers: Nicht als Missionar, sondern als Gläubiger. Ich glaube, dass dies die Zukunft ist. Und ich glaube, dass jeder eine Chance haben muss, daran teilzuhaben. Wenn er es nicht tut, kann er das niemandem vorwerfen ausser sich selber. Das gilt auch für Staatsoberhäupter. Und es macht mir Spass, denn auf diese Weise lerne ich auch, was wir richtig machen und was nicht. Die Leute sagen, wir seien Visionäre, weil wir fast alle Industrietrends richtig vorhergesagt haben. Ich würde eher sagen, dass wir sehr gut zuhören. Was würden Sie denn sagen, wo wir Schwächen haben?

–: Hinter Ihre Strategie, in den Markt der Telekomausrüstung einzusteigen und es dort mit etablierten Firmen wie Siemens, Alcatel, Ericsson, Nortel Networks oder Lucent aufzunehmen, würde ich zum Beispiel einige Fragezeichen setzen.
Chambers: Nun, schauen Sie sich an, wie die Telefonnetze der Zukunft aussehen werden: Sie werden auf der Internettechnologie basieren. Das haben auch die traditionellen Anbieter erkannt, die Sie gerade aufgezählt haben. Wir müssen in ihre Märkte eindringen, sonst kommen sie in unsere. Dann werden wir aussterben, so wie die Dinosaurier. Wir haben keine Wahl.

–: Aber diese Unternehmen sind um einiges grösser als Cisco. Sie haben in die-sem Markt fast ein Jahrhundert lang Erfahrung sammeln können, und sie haben die Beziehungen zu den Kunden entsprechend lang etabliert. Dem hat Cisco nichts entgegenzusetzen. Und da wollen Sie Nummer eins oder Nummer zwei werden?
Chambers: Sie haben völlig Recht mit Ihren Einwänden. Aber auch hier gilt, dass der Schnelle den Langsamen schlägt. In diesem Markt wachsen wir mit über 80 Prozent jährlich, während die anderen zusammen weniger als 20 Prozent wachsen.

–: Keine Kunst, Ihr Wachstum kommt ja auch von einer erheblich kleineren Basis.
Chambers: Aber wir gewinnen die meisten neuen Ausschreibungen. Ausserdem müssen Sie nur unsere Börsenkapitalisierung anschauen: rund 450 Milliarden Dollar. Wenn Sie die Börsenkapitalisierung der fünf anderen Unternehmen zusammenzählen, kommen sie damit nicht einmal in unsere Nähe. Der Markt hat also schon entschieden, wer gewinnen wird. Und der Markt hat zwar nicht immer Recht, aber langfristig liegt er meistens richtig. Die Zeit wird es zeigen.

–: Mit dem Kauf von Time Warner durch AOL hat erstmals eine Internetfirma einen etablierten Grosskonzern geschluckt. Ein Startsignal, dass die Dotcoms nun auch die reale Welt zu übernehmen beginnen?
Chambers: Nein, ich glaube, da muss man die Entwicklung abwarten. Aber klar ist, dass es immer mehr Kombinationen gibt aus traditionellen und virtuellen Firmen – etwas, was ich «clicks and mortar» nenne, Mausklicks und Mörtel. Die Supermarktkette Wal-Mart zum Beispiel bewegt sich sehr aggressiv in Richtung Internet, und sie könnte eine grosse Herausforderung für Amazon.com werden. Was es nicht mehr geben wird, sind die rein traditionellen Firmen, die sich dem Internet verschliessen. Die werden den Anschluss verlieren.

–: Ist der Trend von den reinen Dotcoms zu gemischten Unternehmen auch ein Mittel, um den virtuellen Wert, der sich bisher nur in der hohen Börsenkapitalisierung ausdrückt, durch reale Werte zu unterlegen?
Chambers: Das glaube ich nicht. Die Werte der Zukunft sind intellektuelle Kapazitäten. Das einzige Kapital, das Cisco hat, sind die Mitarbeiter und unsere Fähigkeit, deren
Potenzial zu nutzen. Diese Sicht wird sich überall durchsetzen.

–: Können die reinen Dotcoms langfristig überleben?Oder werden sie alle, wie Sie es nennen, zu einer Mischung aus Mausklicks und Mörtel?
Chambers: Es wird auch in Zukunft beides geben. Diejenigen, die aus der alten Welt Marke und Marktposition mitbringen, sind im Vorteil. Aber nur, wenn sie schnell genug sind. Das ist ja das Schöne: Dass die Kleinen die gleichen Chancen haben wie die Grossen. Das hat Barnes & Noble von Amazon.com sehr schmerzhaft lernen müssen.

–: Investmentbanker sagen voraus, dass drei Viertel aller neuen Internetfirmen innerhalb von fünf Jahren wieder verschwunden sein werden.
Chambers: Verschwunden vielleicht nicht, aber sie werden zumindest eine Enttäuschung sein, ja.

–: Auch dann ist es noch eine sehr hohe Zahl.
Chambers: Nicht unbedingt. Der durchschnittliche Aktionär ist heute zum Risikokapitalgeber geworden. Wie ein Venture-Kapitalist investiert er in zehn verschiedene Unternehmen. Er rechnet damit, dass er die Hälfte abschreiben muss, dass 25 Prozent eine Enttäuschung sind und nur die restlichen 25 Prozent ein grosser Erfolg. Dieser Rest wird dramatisch besser abschneiden als der Gesamtmarkt und die anderen Verluste wieder wettmachen. Das gilt auch für die ganze amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Seit Mitte letzten Jahres hat sie den Gesamtmarkt um 70 Prozent übertroffen.

–: Wird dies auch in Zukunft so sein?
Chambers: Die Zukunft gehört den Internetfirmen und den traditionellen Unternehmen, die sich neu erfinden und den Sprung ins Internetzeitalter schaffen. Andere werden den Anschluss verlieren: Aus der Liste der weltweit 500 grössten Unternehmen des Jahres 1998, gemessen an der Börsenkapitalisierung, wird in fünf Jahren die Hälfte der bekannten Namen verschwunden sein. Das ist ein dramatischer Wandel.

–: Jeder spricht von der Internetblase an den Börsen. Wann werden die Hightech-Aktien crashen?
Chambers: Ich behaupte nicht, ein Hellseher zu sein. Aber es ist klar, dass die Hightech-Firmen während der nächsten zehn Jahre die Lowtech-Firmen an der Börse abhängen werden. Meine In-dustrie wird über die nächsten fünf Jahre 30 bis 50 Prozent wachsen – die traditionellen Branchen dagegen vielleicht fünf Prozent. Aber natürlich wird es unter den Hightech-Aktien auch riesige Enttäuschungen geben. Die Unternehmen gehen heute zwei bis vier Quartale schneller an die Börse als früher. Das erhöht das Risiko sowohl für die Firma als auch für den Anleger.

–: Wann wird das Internet etwas so Selbstverständliches sein, dass wir darüber kein Interview mehr führen?
Chambers: Nicht in den nächsten zehn Jahren. Das Internet wird zwar als Basisdienstleistung bald so selbstverständlich sein wie heute Elektrizität. Aber es wird ständig neue spannende Anwendungen hervorbringen oder neue Produkt-Features ermöglichen. Es wird auch weiterhin unseren Lebensstil in einer Art ändern, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Wir werden also auch die nächsten zehn Jahre genug haben, worüber wir uns unterhalten können.

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