Hollywood online

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Internet-TV, Online-Musik, digitales Video: Die Fusion von AOL und Time Warner läutet das dritte Jahrtausend in der Kommunikationsbranche ein.

Ätherisch die Klänge aus dem Lautsprecher, stolz tanzt die Sängerin in schwarzer Kapuze über den Bildschirm, schummrig der Hintergrund: Wir sehen einen Madonna-Song auf Video. Ein Mausklick, dann kommt der nächste Clip, noch ein Klick, und wir sind über Madonnas Zukunftspläne informiert, wieder ein Klick, und die zugehörige Platte ist bestellt. Alles via Fernsehgerät.

So sieht – vom Sofa des Konsumenten aus betrachtet – die Medienzukunft aus, die sich zu Wochenbeginn mit einem gewaltigen Schlag angekündigt hat. Die Meldung, dass der junge Internetkonzern America Online (AOL) den alten Hollywood- und Mediengorilla Time Warner schluckt, erschütterte am Montag sowohl Börsen als auch Medien- und Kommunikationswelt. Denn allseits war klar: Hier war mehr passiert als nur der grösste Firmenzusammenschluss aller Zeiten.

Der neue Internet- und Medienriese AOL Time Warner werde «der Unterhaltungskonzern des dritten Jahrtausends», verkündete ein Börsenanalyst in Frankfurt. Die «Financial Times» kommentierten: «Von jetzt an sieht die Landschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationsfirmen auf der ganzen Welt anders aus.» Sätze von historischer Dimension, versteht sich, fand auch der designierte Konzernleiter des neuen Konglomerats, Steve Case: «Wir werden die Art, wie die Menschen sich informieren, miteinander kommunizieren, einkaufen und unterhalten, grundlegend ändern», verkündete er am Montag.

Das neue Jahr beginnt mit einem wegweisenden Schritt. Denn im abgelaufenen Jahrzehnt vermählten sich erst die Internetbuden untereinander: Beispielsweise übernahm AOL die Softwarefirma Netscape. Die Nachrichten- und Unterhaltungskonzerne rückten ihrerseits zusammen: So fusionierten Time und Warner, dann schluckte Time Warner den News-Sender CNN. Nun wird die nächste Stufe gezündet: Nachrichten, Entertainment, Internet – alles kommt unters gleiche Dach.

Im Falle der neusten Fusion verzahnen sich die Konzerne zu einem vertikalen Verbund: Time Warner liefert die Inhalte – etwa die Filme von Warner Brothers, die Musik von Warner Music, die journalistischen Leistungen von CNN oder «Time». AOL sorgt für den internationalen Datenfluss via die Internetprovider America Online und Compuserve. Time Warner wiederum verfügt über ein riesiges Breitband-Kabelnetz – welches seinerseits eine Basis dafür bildet, dass Web-Angebote dereinst übers Fernsehgerät laufen können.

«Die beiden Teile ergänzen sich überall dort, wo sie bisher Lücken hatten», konstatiert Analyst Edmond Saran von der Zürcher Privatbank Julius Bär.

Und so gilt nun die Elefantenhochzeit – Volumen: 350 Milliarden Dollar – plötzlich als Startschuss für weitere ähnliche Zusammenschlüsse. An den amerikanischen und europäischen Bör-sen sprangen die Werte der Medienfirmen steil in die Höhe – ein klarer Beweis dafür, dass die psychologische Wand zwischen den klassischen Medienfirmen und den flinken Internetbuden am Montag eingebrochen ist. Sofort jagten sich Spekulationen und Gerüchte: Wer mit wem? Rupert Murdochs News Corporation fahnde nach einem starken Online-Partner! Internetprovider Yahoo verhandle mit Walt Disney und CBS/Viacom.

«Bislang versuchten die Medienfirmen, sich selber ins Internet vorzukämpfen», sagt die Merill-Lynch-Analystin Jessica Reif Cohen. «Der jetzige Schritt beschleunigt ihr Ausbreiten in die neuen Medien um Jahre.»

Tatsächlich kämpfte Time Warner bislang unglücklich im Markt der neuen Medien: Sein weltweit beachtetes Pilotprojekt für interaktives Fernsehen in Florida geriet zum spektakulären Flop; sein Sammel-Webportal «Pathfinder» wurde innert Kürze wieder aufgesplittet. Time Warner, das war ein gewaltiger Mischladen für Medienwaren der guten alten Schule – glamouröses Hollywood, seriöse Nachrichten sowie etablierte Popgrössen, die nicht eben trendy sind.

Dieses Konglomerat aus Hunderten von Firmen trifft nun auf eine fremde Unternehmenskultur: AOL, 15 Jahre jung, gehört zu den schnell wachsenden, locker geführten, hoch bewerteten Internetbuden der neuen Medienära.

Bis dato standen sich das traditionelle Filmgeschäft und die neu gegründeten Online-Betreiber oft distanziert gegenüber, bezüglich Copyright-Regelungen waren sie sich sogar spinnefeind.

Jetzt sind diese Berührungsängste überwunden.
In der Folge sollen die letzten Hür-den fallen, welche noch vor den Zukunftsangeboten stehen – vor dem Internet-TV, der Online-Musik, dem digitalen Video on Demand. Noch bleibt zu spekulieren, wie sich die ersten Schritte darstellen. Ein Manager, der an den Verhandlungen beteiligt war, erklärte den «New York Times», dass beispielsweise CNN zum Aushängeschild des Nachrichtensektors von AOL werden könnte. Konsequenterweise würden News-Produzentin CNN und Verbreiterin AOL ihre Angebote gegenseitig bewerben und aufschalten.

Ähnlich siehts fürs Erste im Musikbereich aus: Die Fusion bietet neue Chancen der Cross-Promotion. Die CDs von Warner Music finden in AOL einen privilegierten Absatz- und Promotionsweg, was bald auch auf dem Schweizer Markt funktionieren dürfte: «Auch hiesige Künstler könnten sich dereinst über das künftige AOL Schweiz besser verkaufen lassen», erwartet der Geschäftsführer von Warner Music Schweiz, Chris Wepfer.

Freilich, der eigentliche Quantensprung steht hier erst bevor – die digitale Verbreitung des Sounds übers Internet. Bald schon werden zahllose Musikfreunde nicht zum Plattenkauf zu Jecklin oder City Disc pilgern, sondern sie können ihre Wunschklänge gleich am Computer runterladen. Noch ist die Technologie nicht ganz massenfreundlich, aber sie wird es innerhalb der neuen Dekade – sobald zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Die Tonqualität der internettauglichen Endgeräte wird erstens verbessert. Zweitens sind die grossen Agglomerationen durch Breitband-Kabelnetze erschlossen. Dies ist nur eine Frage der Zeit: In der Schweiz sind momentan knapp die Hälfte der Haushalte entsprechend aufgerüstet, bis zum Jahresende dürften es 75 Prozent sein.

Beschleunigt wird dieser technische Fortschritt, weil durch die Fusion von AOL und Time Warner der Markt für technische Innovationen reift, oder anders: Auch die Konkurrenz muss in dieselbe Richtung ziehen. Wenn AOL Time Warner seine Hollywoodfilme, Platten oder Fernsehshows via Web millionenfach promoten kann, müssen Konzerne wie Disney und Viacom nachrüsten – sowie in einer weiteren Stufe die kleineren Unterhaltungsfirmen Europas. Der neue Konzern werde «fürs nächste Jahrzehnt vollbringen, was die CD für die Achtziger getan hat», sagte denn auch AOL-Präsident Robert W. Pittman am Montag.

Ähnliche Regeln gelten für gedruckte Medienprodukte: Time Warners Publikationen wie «Fortune», «People», «Time» und «Sports Illustrated» warten geradezu auf die Promotion im Internet. Während der Online-Dienst bis anhin das Printprodukt am Kiosk konkurrenzierte, bleibt in Zukunft alles schön im gleichen Haus.

Europa ist vorderhand vom Zusammenschluss nur am Rande betroffen. Bertelsmann, mit 0,7 Prozent an AOL beteiligt, wird seine Strategie überdenken, schliesslich ist Time Warner ein direkter Konkurrent der Deutschen. Für die Schweiz werden keine unmittelbaren Auswirkungen erwartet. Aber der Trend zum vertikalen Zusammenschluss in der Medienbranche gilt auch hier, hält Christoph Brand von Blue Window fest. Er denkt dabei an die laufenden Verhandlungen zwischen der TA-Media AG und seinem Online-Unternehmen.

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