Höhenflug im Cyberspace

Anfänglich wurden die helvetischen Internet-Pioniere als Freaks belächelt. Mittlerweile haben sie sich zu smarten Jungmanagern gemausert. Bilanz präsentiert vier der heissesten Internet-Firmen der Schweiz.

Sichtlich stolz prophezeit Michael Moppert: «Unser diesjähriger Umsatz wird eine zweistellige Millionenhöhe erreichen.» Der Mitgründer der Basler Internet-Agentur Bidule ist derzeit meist in Los Angeles anzutreffen, denn dort bauen die Schweizer ihre erste Auslandniederlassung auf. Die Wahl der USA als erstes Zielland der vor sechs Jahren gegründeten Bidule beruht auf durchdachter Strategie. Das Unternehmen brachte mit OpenWeb ein Produkt auf den Markt, das die kostengünstige und professionelle Bewirtschaftung der Web-Sites grosser Firmen erlaubt. Doch wenn es darum geht, ein Software-Produkt im Markt zu positionieren, dann haben die Amerikaner die Nase vorn. Dafür ist Microsoft mit seiner globalen Quasimonopolstellung im PC-Bereich das Paradebeispiel. «Im Marketing sind sie Spitze», schwärmt Moppert. Jetzt holen sich die Bidule-Manager das Fachwissen und die Power direkt vor Ort. Damit lösen die Basler auch das Problem mit dem hiesigen Mangel an Fachleuten. Mopperts Kommentar: «Gute Leute sind in der Schweiz kaum noch zu finden.»

Ob es gelingt, mit OpenWeb den Marktdurchbruch zu erreichen, wird sich zeigen. Sicher ist, dass die Basler aufs richtige Pferd setzen. Das Geschäft mit dem Internet ist im Umbruch: Einerseits bieten grafisch orientierte Dienstleistungsbetriebe durchgestylte Web-Oberflächen an, anderseits etablieren sich die auf Software-Lösungen spezialisierten Agenturen im Markt und machen das Internet zu einem intelligenten Kommunikationssystem. Eine immer grössere Bedeutung erhält zudem die Bewirtschaftung der Web-Sites durch die Firmen selber. Die Investitionen für einen guten Erstauftritt sind zwar beträchtlich, doch wirklich ins Geld gehen die für jeden interessanten Auftritt nötigen laufenden Updates. Da verhilft ein Produkt wie OpenWeb zu massiven Kosteneinsparungen. Mit der Umorientierung im Internet-Geschäft geht die Professionalisierung einher: Attraktive und clevere Web-Lösungen sind kein Geschäft mehr für einige Computer-Freaks, die Homepages basteln und Site für Site im HTML-Code in den Computer schreiben. «Damit lässt sich kein Geld mehr verdienen», bestätigt Moppert.

Exakt ins Bild der jungen, dynamischen Internet-Unternehmen passt die ebenfalls in Basel ansässige O.M.S. Open Mind Systems. «Wir sind keine Web-Agentur, sondern eine Entwicklungsfirma von Software», sagt Luc N. Haldimann, der zusammen mit José C. Valcarce vor vier Jahren O.M.S. als Kollektivgesellschaft gegründet hat.

Heute ist die Firma eine Aktiengesellschaft und präsentierte jüngst an der Zürcher Internet-Expo mit dem WebIntegrator eine Software, welche das einfache Management grosser Web-Sites mit mehreren hundert Seiten ermöglicht. Eine zweite Lösung geht noch weiter und erlaubt den Aufbau eines Web-Auftritts, bei dem die Seiten dynamisch aus der Datenbank aufgebaut werden. Updates erfolgen wie bei OpenWeb über Editier-Tools, und die Navigation wird jeweils automatisch an die laufenden Veränderungen angepasst.
Jetzt gilt es, die Produkte zu vermarkten. Finanziert wurde die Neuentwicklung aus den laufenden Erträgen aus dem Engineering-Geschäft, denn die Datenbankspezialisten schufen sich in den vier Geschäftsjahren bei renommierten Kunden wie UBS, Hewlett-Packard oder Helvetia Patria Versicherungen einen guten Namen. «Das datenbankbasierende System von O.M.S. hat massgebend zu unserem Erfolg im Internet beigetragen», betont denn auch Hans Peter Haller, Internet-Verantwortlicher der Helvetia Patria.

O.M.S. wählte bei der Produkteentwicklung den Bottom-up-Ansatz und geht bei der Vermarktung den konventionellen Weg über Messeauftritte und die Suche nach Vertriebspartnern. Anders dagegen die Konkurrenz Bidule: Für die Vermarktung wollen sie mit grosser Kelle anrichten. Auch bei der Entwicklung kamen sie nicht von der technologischen Basis wie O.M.S. her, sondern orientierten sich für OpenWeb an den Publishing-Bedürfnissen ihrer Kunden und dem professionellen visuellen Auftritt.
Die beiden Basler Unternehmen zeigen, dass das Internet-Business sich mittlerweile als professionelles Geschäft etabliert hat. Kein Wunder bei diesen Umsätzen: Gemäss einer Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsinformatik hat die Schweizer Wirtschaft letztes Jahr rund 190 Millionen Franken ins Web gepumpt. Das Institut rechnet damit, dass es heuer eine viertel Milliarde sein wird. Diese Zahl könnte durchaus auch wesentlich höher ausfallen, denn jetzt haben auch die Schweizer Konsumenten das Internet entdeckt. Allein in diesem Jahr rechnet das Hergiswiler Marktforschungsinstitut IHA mit einer Zunahme der privaten Internet-Anschlüsse von derzeit 400 000 auf 700 000.

In diesem rasant wachsenden Markt ist es für die potentiellen Kunden der Internet-Agenturen nicht einfach, den Überblick zu behalten. Eine ideale Basis für Internet-Consulter, deren Zahl sprunghaft zunimmt. Hier setzt die St. Galler Delta Consulting an, die mit mittlerweile 50 Angestellten das grösste der hier präsentierten Topunternehmen ist. Doch die Firma, praktisch ein Spin-off der Hochschule St. Gallen, lässt es nicht bei der Beratung bleiben, sondern löst auch das Design und die Programmierungen inhouse. Dazu der Pressesprecher Andreas Bernet: «Wir helfen unseren Kunden, ihre Geschäftsprozesse zu optimieren.» Dafür muss alles zusammenstimmen: Es braucht betriebswirtschaftliche Impulse, clevere technische Lösungen und Design-Kompetenz. Und exakt auf diese drei Pfeiler baut die Delta-Gruppe, die im zugerischen Baar einen Ableger hat und nun über eine Niederlassung in Konstanz in den deutschen Markt vordringt.
Auch Delta kommt nicht ohne ausgefeilte Tools für die einfache Bewirtschaftung von grossen Web-Sites mit Hunderten von Seiten aus. Die St. Galler bezeichnen diese Software-Lösungen, die modular aufgebaut sind, als Redaktionssysteme, die durchaus mit den Produkten der Basler Topfirmen vergleichbar sind. Im Unterschied dazu handelt es sich nicht um ein marktfähiges Produkt, durch dessen globalen Vertrieb sich riesige Umsätze scheffeln lassen. Delta schuf ihre Lösung für den Eigengebrauch. Das ist strategiebedingt: Es fliesst kein Know-how ab, und gleichzeitig sichern die eigenen Tools einen permanenten Marktvorsprung gerade gegenüber kleineren Internet-Agenturen, die immer wieder versuchen, ins Business der grossen einzudringen.

Auch die Bieler Unternehmung Aseantic verfügt über ein auf dem Web basierendes Redaktions-Tool und nennt dieses Online-Manager. Das 23-Mann-Unternehmen konnte sich im Markt, obwohl erst 1995 gegründet, hervorragend positionieren und gilt bei Insidern als eine der innovativsten Internet-Firmen der Schweiz. Von Anfang an setzten die Bieler auf dynamische Seiten, die sich aus spezifisch abgefragten Daten zusammensetzen. Funktionalität ist Trumpf, denn die Kundschaft kommt schwergewichtig aus der Industrie. Da ist Schnickschnack nicht gefragt. Entscheidend ist, dass die richtigen und neuesten Daten fliessen und das Geschäft läuft.
Ausschlaggebend für den Erfolg aller Internet-Dienstleister ist die Kundenorientierung. Dies bestätigt Aseantic-Gründer Gian-Franco Salvato: «Wir setzen auf langfristige Geschäftsbeziehungen mit unseren Kunden. Das funktioniert nur über eine eigentliche Partnerschaft.» Stolz erzählt denn auch Salvato von den Erfolgen seiner Kunden wie etwa dem Computer-Discounter TopD, der letztes Jahr über das Web mehr als drei Millionen Franken umgesetzt hat.

Die gute Positionierung im Markt verdankt Aseantic nicht zuletzt dem Bieler Industriellen Marc Gassmann, der das Potential von Salvato und Co. erkannte und als strategischer Partner und Minderheitsaktionär 1997 einstieg. Das Engagement von Gassmann gibt den Bielern die finanzielle Sicherheit, die sie brauchen, um im rasch wandelnden Markt auf neue Entwicklungen sofort reagieren zu können. Gassmann verfügt aber auch über die richtigen Beziehungen, denn der Financier gehört in Biel mit seiner Druckerei und dem Verlag zu den einflussreichen Persönlichkeiten. Gerade im Internet-Geschäft sind solche Partner Gold wert, denn vieles läuft in diesem wenig transparenten Markt über Beziehungen. Sowieso gilt, dass jede Agentur, die in diesem wachstumsträchtigen Business bestehen will, schnell und aggressiv wachsen muss. Im Markt mit dem rasanten und andauernden Technologiewechsel können nur agile und flexible Unternehmen überleben, die auch das dafür nötige Know-how bündeln können. Kleinunternehmen werden da schnell und ohne Rücksicht an die Wand gedrückt.

Nicht jeder der in den neunziger Jahren aus dem Boden geschossenen Dienstleister, die auf Multimedia und Internet gesetzt haben, schafft das Wachstum im Alleingang. So übernahm die Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark 75 Prozent der Anteile an der zukunftsträchtigen Multimedia Kommunikations AG in Basel. Auch die Zürcher Internet Access, die letztes Jahr noch den Sprung in die Liste der 50 Top-KMU von Bilanz geschafft hat, ist nicht mehr eigenständig, sondern eine Tochtergesellschaft des Telekommunikationsunternehmens Diax. Und in Genf wurde NetArchitects von der Altran-Gruppe übernommen. Die an der Pariser Börse kotierte Altran ist international tätig und auf Unternehmensberatung und Engineering spezialisiert.

Delta Consulting, Aseantic, O.M.S. und Bidule dagegen wollen eigenständig bleiben, wobei für Bidule ein Going public an der amerikanischen Venture-Börse Nasdaq oder am Neuen Markt in Frankfurt nicht ausgeschlossen ist. Sowieso haben die Basler in beiden Ländern grosse Pläne. So wird es nicht beim Ableger in Los Angeles bleiben. Bereits ist die Gründung von Büros in New York sowie in London geplant, und im deutschen Markt will Bidule über München Fuss fassen.
Auf Expansion setzen auch die anderen drei Topagenturen. Dafür gilt es, sich gute Projekte anzuschnallen und sich so noch grösseres Renommee in der Branche zu schaffen. Der Aseantic-Chef Salvato beispielsweise hat im letzten Herbst einen Supercoup gelandet: Er hat den Internet-Auftrag der Expo.01 an Land gezogen, der die Aseantic in der ganzen Schweiz bekannt machen wird. Und weil es beim Expo-Web-Auftritt sehr stark um Information und Kommunikation geht, kooperieren die Bieler für das Expo-Projekt mit der Online-Abteilung des Zürcher «Tages-Anzeigers». Salvato, der seine Firma nach amerikanischen Methoden führt, nur Profis anstellt und keine Teilzeitmitarbeiter beschäftigt, ist bei der Expo Projektleiter von Technik Internet. Ganz offiziell kann sich der Jungmanager nun «Mister Internet der Expo.01» nennen.

TIPPS IDEEN TRICKS
Die Nachfrage nach Software-Entwicklung, Software-Engineering und weiteren Dienstleistungen für das Internet steigt sprunghaft. Bilanz zeigt, wo sich das Internet-Business auch in Zukunft lohnen wird.

Shop-Lösungen: Hier besteht zweifellos das grösste Potential, denn ausgereifte Tools mit Anbindung an ein sicheres Online-Zahlungssystem sind Mangelware. Zumal sich die Kunden heute mit langweiligen «Einheitsläden» nicht mehr zufriedengeben: Sie wollen individuell gestalten und auch Schnittstellen zu ihren Warendatenbanken vorfinden.

Web-gestütztes Remote-Monitoring: Wenn es um die Kombination von Web- und Sensortechnologie geht, wird’s schnell kompliziert. Doch Web-Firmen, die sich das Know-how aneignen oder einen Partner suchen, der sich auf Sensorik spezialisiert hat, können goldene Eier finden. Denn der Bedarf nach Fernüberwachungssystemen für Maschinen und technische Anlagen ist eine logische Folge der Globalisierung.

Publishing-Tools: «What you see, is what you get»-Werkzeuge in der Art von Microsofts «Frontpage» sind mittlerweile Standard. Doch sie allein erhalten keinen Internet-Auftritt am Leben. Es braucht Tools, welche auch die Seitenverwaltung als Ganzes vereinfachen. Zum Beispiel solche, mit denen sich Dutzende von Seiten per Mausklick umadressieren lassen und die erst noch via Web-Browser gesteuert werden. Dadurch erhält der Web-Master die Möglichkeit, immer wieder neue Links und Angebote aufzuschalten, was auch geübte Surfer bei der Stange hält.

Intranet: Das TCP-Protokoll ist nicht nur plattformunabhängig, es ist auch Nahtarif sei Dank – sehr günstig. Das nutzen immer mehr Firmen für ihre Binnenkommunikation oder für den Verkehr mit den Kunden. Wer hier clevere Lösungen entwickelt, setzt zweifellos auf das richtige Pferd.

Dienstleistung: Alle Welt spricht von Standardprodukten – auch im Internet-Business. Was jedoch vergessen wird: Kaum eine Standardlösung funktioniert nach dem «Plug and play»-Prinzip. Auf der Systemseite fallen aufwendige Installationen und Anpassungen an, und auf der Personalseite geht es in der Regel nicht ohne Schulung. Firmen, die sich als Systemhäuser für bestehende Standardprodukte einen Namen machen, haben gute Chancen, auch in fünf Jahren noch im Geschäft zu sein.

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