Hippie-Organisation ade

Kommandowechsel bei Fantastic: Auf den Pionier Peter Ohnemus folgt der Organisator Reto Braun. Mit dem international erfahrenen IT-Manager will das Zuger Software-KMU zum Konzern heranwachsen.
Reto Braun
Als man dem 58-jährigen Reto Braun, damals noch Post-Chef, von der Vakanz auf dem Chefsessel der TFC erzählte, soll er ganz spontan gesagt haben: “Diese Aufgabe könnte auch mich reizen.” Jetzt, nur wenige Monate später, ist er CEO des Zuger Softwareunternehmens. Anleger und Mitarbeiter erwarten Grosses von ihm.

Die Pöstler machen einen Superjob.» Auf die Post lässt Reto Braun, 16 Monate lang CEO des Regiebetriebs, nichts kommen. Und zur Kritik an seinem überraschenden Rückzug will er sich gar nicht äussern. Da findet Giorgio Ronchi, Verwaltungsratspräsident bei Brauns neuem Arbeitgeber, der Zuger Fantastic Corporation (TFC), schon deutlichere Worte: «Ich kann nicht verstehen, weshalb Reto Brauns Entscheid, am weiteren Aufbau einer europäischen Top-Firma mitzuhelfen, Kritik auf sich zieht.» 
Doch letztlich ist das Schnee von gestern, und daran ist bei der TFC niemand interessiert. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet. Das Zuger Software-KMU, das in weltweit vierzehn Niederlassungen 320 Mitarbeiter auf den Lohnlisten führt, soll in wenigen Jahren zu einem IT-Konzern mit mehreren Tausend Mitarbeitern heranwachsen. Und deshalb herrscht Freude, dass man mit Reto Braun einen Topmanager gewinnen konnte, der fünf Sprachen fliessend spricht und sowohl die europäische als auch die amerikanische Businesskultur kennt, Erfahrungen, die er sich in seiner Zeit als CEO der amerikanischen Unisys und der kanadischen Moore erworben hat.

25 Jahre ist Braun nun schon bei internationalen IT- und Softwarefirmen in führender Stellung tätig, und seit 1986 sitzt er auch im Advisory Board to the Stanford University Computer Industry Project, einem prestigeträchtigen Gremium von weltweit anerkannten Managern und Wissenschaftern. Doch bei der TFC fängt auch er wieder von vorne an. Die Lernkurve sei steil: «Im Breitbandgeschäft gibt es jede Woche neue Ankündigungen, neue Prognosen und neue Ansprüche des Endverbrauchers.» 
Eine solche Hektik ist typisch für einen Markt, der erst im Entstehen ist. Das Breitbandgeschäft ist noch klein, doch der Bedarf nach dem schnellen Transfer grosser Datenmengen wächst, und langsam werden auch die nötigen Infrastrukturen geschaffen: Die für 2001 geplante Einführung von UMTS, dem neuen Breitbandprotokoll für die Mobiltelefonie, ist nur ein Beispiel dafür. «Wir rechnen damit, dass es auf der Nachfrageseite in spätestens drei Jahren zu einer wahren Explosion kommen wird», sagt Braun. 
Die momentane Situation im Breitbandmarkt ist deshalb mit der Saisonvorbereitung in der Formel 1 vergleichbar: Verschiedene Firmen investieren Millionen und fahren unter Rennbedingungen Trainingsrunden, bei denen es nur darum geht, in der Stunde X in der Poleposition zu stehen. Definitiv wird das Rennen wohl erst in zwei, drei Jahren freigegeben, aber schon heute ist in den einschlägigen Kreisen klar, welche Preissumme schliesslich vergeben wird. Auf rund 160 Milliarden Dollar wird der Breitbandmarkt geschätzt. Und von diesen 160 Milliarden will sich die TFC ein schönes Stück abschneiden.

Nur wollen das auch andere: So bietet beispielsweise die Luxemburger Europe Online seit einigen Monaten einen Breitbandservice an, der das Internet per Satellit ins Haus bringt. Und andere Firmen wickeln für ihre Kunden die gesamte interne Kommunikation via Breitband ab. Doch so konsequent wie die Zuger geht weltweit noch keine andere Firma vor: Sie positionieren sich nämlich nicht als Dienstleister, sondern als Entwickler. Sie haben eine Plattform kreiert, welche die Integration, den Vertrieb und den Empfang von Ton-, Text- und Filmdokumenten via Breitbandkanäle ermöglicht.

Technisch ruht das Betriebssystem auf dem so genannten UDP-Internetprotokoll. Das Protokoll steuert und optimiert den Datenfluss zwischen Aufbereitung, Verschickung und Empfang der Daten und wurde von der TFC rechtlich geschützt. Doch dieser Schutz soll keineswegs abschrecken. Im Gegenteil: Weil die «Fantastic-World» zwar auf der Internettechnologie aufbaut, vom normalen Internet aus aber nur via Gateway erreicht werden kann, ist die Firma geradezu darauf angewiesen, dass sich auch andere IT-Firmen in ihre neue Welt einklinken. So sind zum Beispiel hardwareseitig Kooperationen mit Unternehmen wie der Waadtländer Kudelski denkbar, einem der Weltmarktführer für TV-Decoder. Dazu kommt, je mehr Hard- und Softwareentwickler gewonnen werden können, desto grösser sind die Chancen der TFC, ihr eigentliches Ziel zu erreichen: die Etablierung eines Weltstandards für das multimediale Hochgeschwindigkeitsinternet beziehungsweise für das interaktive Fernsehen ­ je nach Sichtweise.

Ein geradezu unschweizerisch ehrgeiziges Projekt, das aber bisher auf guten Wegen ist. Die ersten Pilotprojekte mit der TFC-Software begeistern die Kundschaft, und die Liste der TFC-Partner liest sich wie ein Who is who des internationalen Big Business: Von Intel über die British Telecom bis hin zur deutschen Kirch-Gruppe gehören schon heute Medienkonzerne und IT-Giganten zu den TFC-Kunden, wobei nicht wenige von ihnen auch zum Aktionariat zählen. Sie alle sowie zahlreiche Hardwarehersteller, mit denen die TFC momentan Gespräche führt, wollen in Zukunft auf die Breitband-Multimedia-Software der Fantastic Corporation setzen.

Kein Wunder, dass TFC seit ihrem IPO im September zu den Lieblingen der Anleger gehört. Je nach Stimmung an der Börse ist die Firma zwischen sieben und neun Milliarden Franken schwer. Die Volatilität der Fantastic-Titel ist enorm; Mitte Februar büssten die Valoren innert nur zweier Handelstage 16 Prozent an Wert ein, das entspricht 1,5 Milliarden Franken oder dem Dreifachen der Börsenkapitalisierung einer Von Roll. Vorübergehend lag der Wert der TFC-Aktie, die am Frankfurter Neuen Markt kotiert ist, gut zehnmal über dem Emissionspreis. Dies bei Unternehmensverlusten, die sich bis zum IPO auf rund 35 Millionen Dollar akkumuliert hatten.

Gerade die Verlustzahlen zeigen allerdings auch, dass es sich beim Kauf von TFC-Anteilen um ein Hochrisiko-Engagement handelt. Das sieht man auch bei der Bank Vontobel so, welche die TFC als Konsortialbank mit an die Börse gebracht hat. Der Analyst Edi Theiler hält namentlich das proprietäre Element in der Fantastic-Software für einen potenziellen Risikoträger. Bei der TFC kennt man diese Bedenken, und Jürg Bollag, der Verantwortliche für Investor-Relationships, weiss, dass die Rechnung nur dann hundertprozentig aufgeht, wenn «wir in ein, zwei Jahren die Einzigen sind, die mit einem ausgereiften End-to-end-System für die globale Breitbandkommunikation am Markt stehen».

Bollag schliesst allerdings nicht aus, dass noch Konkurrenten auftauchen werden. Namen nennt er nicht. Doch für Kenner der Szene ist klar, dass die Gefahr vor allem aus Seattle droht: Im Gates-Imperium setzt man sich zurzeit intensiv mit der Breitbandkommunikation auseinander.
Gemessen am Tempo, das momentan in der IT- und Softwareszene herrscht, sind die zwei Jahre bis zur vermuteten Explosion des Breitbandmarktes eine sehr lange Zeit, in der noch viel passieren kann. Und wenn ein Konzern wie Microsoft mit aller Kraft ins Rennen einsteigt, dürfte es für die TFC eng werden. Im schlimmsten Fall werden die Investoren und Teilhaber der TFC mit ihren Aktien die Bürowände tapezieren können.

Giorgio Ronchi
Der erfahrene Risikokapitalist Giorgio Ronchi gehört zu den TFC-Investoren der ersten Stunde. Er hat die Firma über Jahre als Verwaltungsratspräsident begleitet und ist mit seiner ETF Group nach wie vor mit Abstand der grösste Aktionär. Als langjähriger Freund von Reto Braun ist er für dessen Einstieg bei der TFC wesentlich mitverantwortlich.

Das Risiko, noch auf der Ziellinie von einem Giganten überrollt zu werden, existiert, und der einzige Weg, es klein zu halten, ist ein äusserst aggressiver Marktauftritt. Mit den netto 100 Millionen Dollar aus dem Börsengang sowie den Vorratsaktien will die TFC jetzt Firmen zukaufen und weltweit eine schlagkräftige Marketingorganisation aufbauen.
Wobei die schiere Grösse umso mehr zählt, als die Zuger Kunden und Partner aus völlig verschiedenen Bereichen akquirieren müssen: Um die virtuelle «Fantastic-World» zu beleben, braucht sie Inhalte, sie braucht Datenvertriebskanäle, und sie braucht Kunden, welche die Inhalte konsumieren können. Fällt eine dieser drei Säulen des TFC-Geschäfts ins Wasser, sind auch die beiden anderen nicht zu retten. Wenn sie also nicht nur Grossfirmen mit Software für die interne Kommunikation ausrüsten, sondern auch auf dem Massenmarkt erfolgreich sein will, ist sie neben den Hardwareherstellern auch auf Medien- und Telekommunikationskonzerne angewiesen.

«Wir führen einen Wettlauf mit der Zeit», sagt denn auch Reto Braun. Und Peter Ohnemus, der bisherige CEO, der noch immer als Mister Fantastic schlechthin gilt, sekundiert: «Wir brauchen jetzt eine Organisationsstruktur, die schnell und reibungslos wachsen kann.»
Sich selbst hat Peter Ohnemus, der den Chefsessel per 1. Februar an Braun abgetreten hat, die alleinige Leitung des Betriebs nicht mehr zugetraut. Er ist heute überzeugt, dass es für einen klassischen Unternehmer eine physische Grenze der Arbeitsbelastung gibt, die mit der Betriebsgrösse korreliert: «Ich setze das Limit bei 300 Mitarbeitern an.» Diese Grösse hatte die TFC im vergangenen Herbst erreicht, und damals ­ es war just zur Zeit des erfolgreichen Börsengangs ­ schaute Ohnemus in den Spiegel und musste sich sagen, dass er krank sei. 18 Stunden haben die Arbeitstage des heute 35-jährigen Ohnemus regelmässig gedauert. Bis er an eine Leistungswand lief und den Verwaltungsrat um Giorgio Ronchi um die Freistellung vom Posten des CEO bat. Zweifellos hätte man auch andere Lösungen zu seiner Entlastung finden können, aber Ohnemus winkt ab: «Ich bin ein Vollblutunternehmer. Ich hätte auch mit mehr Managementunterstützung überall dreingeredet.» Und exakt dieses Prinzip der «Hippie-Organisation» (Ohnemus), wonach der Chef bei jeder Detailentscheidung selbst mitbestimmt, gilt es nun bei der TFC zu brechen. «Wir müssen dafür sorgen, dass auf jeder Ebene Entscheidungen gefällt werden können», bringt Jürg Bollag die Neuausrichtung der TFC auf den Punkt.

Für Ohnemus ist sein Rückzug aus der obersten Führungsverantwortung auch eine Frage der Ehrlichkeit: Selbstverständlich sei die Umbesetzung des Chefpostens einige Monate nach dem IPO kein gutes Signal, aber anderseits hätten die Anleger auch nichts davon, wenn der CEO überhaupt keine Zeit mehr für Visionen habe. So sieht es auch Verwaltungsratspräsident Giorgio Ronchi. Der Mann, dessen Tessiner ETF Group über 30 Prozent der Aktien hält und der die TFC schon seit Jahren begleitet, attestiert Ohnemus eine «unglaubliche Leistung». Und für ihn ist es nur natürlich, dass die Firma für das weitere Wachstum das Managementteam verstärkt. 
Die Lösung sieht vor, dass Braun die weltweite Verkaufsorganisation aufbaut, Partnerschaften eingeht und Akquisitionen tätigt, während Ohnemus mehr für die strategische Ausrichtung der Produkte und die «very large accounts» zuständig ist. «Ich sorge für den Sexappeal unserer Firma und unserer Produkte», formuliert Ohnemus, der weiterhin als Verwaltungsrat amten wird.

Das Softwaregeschäft ist People’s Business. Alles hängt davon ab, dass jeder tut, was er am besten kann, und wenn neue Aufgaben anstehen, braucht es eben auch neue Leute. Bei der TFC lebt man diesem Prinzip schon lange nach. Das Sesselrutschen nach dem Eintritt in eine neue Expansionsphase hat vielmehr Tradition.

Der erste CEO der Firma war Frank Ewald, der die Firma 1996 zusammen mit Lars Tvede gründete. Ewald hat in der damaligen Seed-Phase die ersten Investoren überzeugt und die Firma auf den Weg gebracht: «Doch im Herbst 1996 habe ich Peter Ohnemus als CEO geholt, weil ich wusste, dass er der ideale Mann für unsere damalige Situation war.»
Frank Ewald arbeitet seit Anfang Jahr nicht mehr in der TFC. Er hat zwar noch 
eine beratende Funktion, doch hauptamtlich ist er jetzt im Venture-Capital-Geschäft tätig. Angst um seine alte Firma hat er nicht: «Die Verpflichtung von Braun ist ein brillanter Schachzug.» Und wenn es Braun
gelingt, seine Vision umzusetzen, wonach die TFC in fünf Jahren ein «starkes, selbstständiges und weltweites Hightechunternehmen made in Switzerland» ist, profitieren schliesslich alle: Ewalds Anteil von knapp drei Prozent am TFC-Aktienkapital ist schon heute weit über 150 Millionen Franken wert.

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