Helsinki – Lichtermeer im dunklen Norden

Helsinki

Tageslicht gibt es in Helsinki im Winter nur zwischen 9 und 15 Uhr. Dafür geniessen die Bewohner der finnischen Hauptstadt die langen Nächte umso ausgiebiger. Mit viel Kultur, Kunst und Kulinarischem.

Die Stimmung in der Männerrunde der Sauna Kotiharjun im Herzen Helsinkis ist fröhlich, das Bier fliesst in Strömen. Ein Seemann erzählt zur Gaudi seiner Kollegen, was er auf seinen Auslandreisen am liebsten tut: «Feiern und vögeln.» In dieser Reihenfolge – der Stimmungspegel steigt. An den Wänden im Trockenraum hängen Fotos, die von ausgelassenen Festlichkeiten in der Vergangenheit zeugen.

Für die Finnen ist die Sauna, was der Stammtisch für die Schweizer: Lebensfreude und Geselligkeit. Hier verbringen sie die langen Winterabende, um sich den Dämonen der Dunkelheit zu entziehen. Damit Körper und Seele in der Kälte nicht leiden, setzen die Finnen auf eine Kultur der Wärme und des Lichts.

Wer dieser Tage an Helsinki denkt, dem wird selten warm ums Herz. Winterzeit im Norden bedeutet in der Vorstellung der meisten Nicht-Skandinavier ausschliesslich Dunkelheit, Kälte und Depressionen. Das innere Auge sieht Bilder von nassen Strassen mit eingemummten Menschen, die eines gemeinsam haben – eine rote, triefende Nase.

Alles falsch. Lebenslust wie in der Männersauna Kotiharjun ist überall spürbar. Von November bis März dauert für die Finnen die kulturelle Hochsaison. Dazu gehören nicht nur Wellnessfreuden und Sport, sondern ebenso gesellschaftliche Highlights: Theaterbesuche im plüschigen «Savoy», klassische Konzerte in der «Finlandia-Halle» oder die Haute Cuisine im Restaurant «Havis Amanda», das eine Fischküche von internationalem Ruf führt. Tageslicht gibt es im Winter nur zwischen 9 und 15 Uhr, dafür geniesst Helsinkis Bevölkerung die Nächte umso ausgiebiger mit Kultur, Kunst und Kulinarischem.

Die Jüngeren drängen scharenweise in Discos wie das «Memphis» in der Innenstadt. «In der kalten Jahreszeit wächst die Lust auf Zerstreuung und Unterhaltung», sagt Tiina Asikainen, Managerin des Nachtklubs «Memphis» im Stadtzentrum. In ihr Lokal kommen die Menschen selbst an einem Sonntagabend zu Hunderten, als müsste jede Stunde Dunkelheit in corpore gefeiert werden.

Je tiefer die Aussentemperaturen, desto höher die Wogen in der Disco. Die Leute tanzen mitunter bis zum Umfallen, und sei es nur wegen des reichlichen Konsums von Hochprozentigem, dem die Finnen bekanntermassen gerne zusprechen. Rund um den Klub «Memphis» ist in der Stadtmitte ein kleines Soho entstanden: «Helsinki», «Copacabana» und «Lady Moon» heissen die beliebtesten Klubs, aus denen Nacht für Nacht bis in die Morgenstunden Dance- und Housemusic dröhnt.

Auch die Ausländer aus wärmeren Breitengraden haben die finnische Lust am Winter entdeckt. Die Zahl der Touristen in dieser Zeit verdoppelte sich in den letzten fünf Jahren auf 150 000 Besucher. Mit einem Wachstum von
15 Prozent wird im neuen Jahr gerechnet.Die Bulevardi strahlen trotz Minustemperaturen Wärme aus, denn Helsinkis grosszügige Stadtbeleuchtung schenkt den Einwohnern Geborgenheit. Auch die Geschäftsinhaber scheuen keinen Aufwand, ihre Schaufenster in Licht zu tauchen. Mit breiten elektrischen Lichtplatten von Philips locken sie das Publikum an. Nur wer möglichst viel Energie spendet, findet den Zuspruch der Kundschaft. Das frisch renovierte Luxushotel «Kämp» zieht hell beleuchtet seine Gäste wie Insekten an. Neben elektrischen Scheinwerfern brennen Fackeln an den Wänden.

Finnland erlebt eine Renaissance. Während Jahren litt das Land unter einer Rezession, die schwerer war als im restlichen Europa. Das Land war abgeschottet, die wirtschaftlichen und politischen Perspektiven schienen düster. Heute reitet Helsinki auf einer Welle internationaler Anerkennung: Die EU-Präsidentschaft brachte dem Kleinstaat letztes Jahr politische Aufmerksamkeit wie noch nie seit dem Krieg; ein Kommunikationsunternehmen wie Nokia erzielt weltweit höchste Wachstumsraten; das Modedesign-Unternehmen Marimekko findet in Paris und London Beachtung; und das Porzellan-Design von Arabia gehört nach langer Krise neuerdings wieder zu den besten Adressen im Norden.

Seit dem 1. Januar ist Helsinki eine «europäische Kulturstadt 2000», nicht weniger als 450 Anlässe mit einem Aufwand von 100 Millionen Franken sind geplant. Das Spektrum reicht vom Bau einer Schneekirche auf dem zentralen Senatsplatz bis zu einem Männerchor, der in der Stadtmitte schreit statt singt. Und da zur Kultur auch der Sport gehört, hat Helsinki den Zuschlag für die Eisschwimm-Weltmeisterschaften im Februar erhalten.

Symbolischer Mittelpunkt der Kulturstadt-Aktivitäten ist eine hell erleuchtete Glasplastik, die das historische Stadtzentrum wie ein Leuchtturm überstrahlt. «Die dunkle Saison zwingt die Finnen, sich täglich mit dem Licht zu beschäftigen», sagt der Architekt Peter Ch. Butter, Konstrukteur der Glasplastik.

Die 400 000-Einwohner-Stadt Helsinki schwimmt dieser Tage in einem warmen Lichtermeer, als ob permanente Feststimmung herrschte. Wärme erfüllt das «Kaamos», das Zwielicht der Dämmerung, dessen Krönung im Alltag jedes Finnen die Sauna ist. Wer darunter eine stinkige Schweissbude versteht, irrt. Die Sauna ist in Finnland eine Stütze der Gesellschaft mit Klassencharakter: In der Entblössung schätzt man die Geselligkeit in den eigenen Kreisen. Nacktheit ist nicht gleichmacherisch, sie lässt soziale Unterschiede erst recht spürbar werden: Sag mir, in welcher Sauna zu schwitzt, und ich sag dir, wer du bist. Unternehmen führen für ihre Angestellten ein Schwitzhaus, das Parlament hat eines für die Abgeordneten und die Kirche eines für ihre Gläubigen.

Prototyp des Saunafinnen ist Jaakko Joutsenlahti, 64, und Weltrekordinhaber. Der Mann besuchte 222-mal hintereinander Tag für Tag die gleiche Sauna und schaffte einen Eintrag ins Guinness-«Buch der Rekorde». Der rüstige Rentner hat eine einfache Erklärung für seinen Ehrgeiz: «Die Sauna gibt mir in der Kälte ein gutes Lebensgefühl.» Weltrekordler Joutsenlahti schwitzt am liebsten in der renommierten Sauna Seura, die mit einem englischen Klub erster Klasse vergleichbar ist. Wer dazugehört, hat etwas zu sagen. In dieser Sauna werden bei 95 Grad Celsius gesellschaftliche Fäden gesponnen und Geschäfte besprochen. Bei Drinks und Canapés schliessen die Herren ihre Deals anschliessend in der Trockenlounge ab. Als internationale Anerkennung der Exklusivität von Sauna Seura prangt an der Wand ein Dankesschreiben des englischen Prinzgemahls Philip für die wohlwollende Aufnahme in dem Etablissement vor dreissig Jahren.

Weniger Betuchte besuchen öffentliche Saunas wie das Haus Kotiharjun mit seiner fröhlichen Männerrunde. Dort pflegen die Finnen Hygiene und Gesundheit total. Zur Belebung der Blutzirkulation lassen sie sich kalt und warm abspritzen. Medizinisch ausgebildete Pflegerinnen massieren Körper und Kopf fachgerecht. Wer seiner Gesundheit besondere Sorge trägt, lässt sich alle drei Monate Blut abzapfen – zwecks Erneuerung des Lebenssaftes. «Trotz aller Saunakultur gibt es Finnen, die unter einer saisonalen Traurigkeit leiden», konstatiert Psychologe Timo Partonen. Sein Spezialgebiet ist SAD, Seasonal Affective Disorder, die winterliche Traurigkeit. Vereinzelte Menschen leiden unter den langen Nächten und entwickeln Depressionen. Partonens Rezept ist einfach: Wer sich jeden Morgen eine halbe Stunde einer intensiven künstlichen Lichtquelle aussetzt, kann SAD lindern. Die Energie-Intensität der Raumbeleuchtung muss dafür von 500 Lux auf 10 000 Lux verzwanzigfacht werden.

Im Kulturzentrum Glaspalast haben Eventkünstler just diese Therapie zur Performance entwickelt. Sie installierten in einer Galerie weisse Design-Liegen zur Bestrahlung für jedermann. Die intensive Beleuchtung soll sinnliche Gefühle aktivieren, wie die Studentin Camilla Grandel versichert. Sie liegt regelmässig eine Stunde mit geschlossenen Augen in dem fast taghell erleuchteten Raum: «Ich wünschte mir noch wesentlich grelleres Licht», sagt sie und kann sich nicht vorstellen, dass zu helles Licht empfindlicheren Gemütern Kopfschmerzen verursachen könnte.

Der Glaspalast ist ein Paradebau der «neuen Sachlichkeit» aus den Dreissigerjahren. Dann kam die Kriegszeit, und der Palast vergammelte. Kürzlich ist der marode Lagerschuppen zu einem Multimediazentrum umgebaut worden mit grossem Internet-Café, einer Bibliothek sowie TV-Studios für eine kommerzielle Popstation und den Staatssender.

Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart bestimmen den finnischen Lifestyle mehr als irgendwelche ausländischen Einflüsse. «Wir hatten nie eine Monarchie, wir kennen keinen Adel, finnisches Gestalten war stets einfach und funktionell», sagt Maikki Kattilakoski, die Pressefrau des Design Center Arabia. Sie erinnert daran, dass Finnland bis vor kurzem noch ein isolierter Agrarstaat mit wenig Kontakt zur Aussenwelt war.

Mit den Stichworten «verständlich und funktionell» charakterisiert auch Kirsti Paakanen, die Marketing-Managerin des Modehauses Marimekko, ihre Design-Linie. Dahinter steckt eine Lebensphilosophie: «Transparenz prägt nicht nur unser Design, sondern die gesamte Unternehmensstruktur.» Marimekko beschäftigt fast ausschliesslich Frauen, interne Hierarchien gelten als verpönt. Ein durchwegs weiss gehaltener Bau dient als Hauptsitz des Designhauses, die hell erleuchteten Fensterfronten erstrahlen im Zwielicht. Licht in die Dunkelheit bringen wird für den auswärtigen Helsinki-Besucher zur Metapher für finnische Lebenslust, wie bei den Kumpels in der Sauna Kotiharjun. Sie machen sich nach einem halben Dutzend Schwitzgängen in heiterer Stimmung auf ihren kalten Heimweg. Um sich nicht zu lange dem Frost auszusetzen, legen sie unterwegs gerne den einen oder andern Kneipenstopp ein. Er dient nicht nur dem Aufwärmen, sondern vielmehr der Kurzweile in der langen Nacht.

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