Gefährliche Nebenwirkungen

Gefährliche Nebenwirkungen

Giftige Substanzen in chinesischen Heilkräutern: Dass in der Schweiz noch niemand zu Schaden gekommen ist, ist Zufall.

Eigentlich wollten die zwei Frauen mit chinesischem Tee einen chronischen Hautausschlag bekämpfen. Nach Jahren der Einnahme war das Ekzem weg, dafür die Nieren kaputt – die Britinnen mussten an die Dialyse. Wegen einer Verwechslung hatte ihr Tee ein giftiges Kraut enthalten. Die Fälle wurden letzten Sommer in Grossbritannien bekannt, und die Behörden verboten in der Folge alle chinesischen Pflanzen, die mit dem schädlichen Kraut Aristolochia verwechselt werden könnten.

Dass in der Schweiz noch niemand zu Schaden kam, ist eher Zufall – die exotischen Heilmittel gehen bis heute weitgehend unkontrolliert über den Ladentisch. «Die chinesische Medizin ist in der Schweiz eher unsicher», warnt deshalb der Berner Kantonsapotheker Niklaus Tüller. «Die Medikamente sind zum Teil ausserordentlich problematisch, weil ihre Qualität nicht kontrolliert wird.»

So ist es möglich, dass die Sake-Schule für asiatische Körper- und Energiearbeit in Bern ihre Kräuter von staatlichen chinesischen Lieferanten selbst importiert und an Patienten abgibt. Die einzige Kontrolle hier zu Lande ist der Augenschein des chinesischen Therapeuten, sagt eine Mitarbeiterin. Chemische Analysen, um Wirkstoffgehalt oder Verunreinigungen festzustellen, gibt es keine.

Damit verstösst die Schule nicht einmal gegen Vorschriften. Denn chinesische Mixturen fallen nicht unter das Heilmittelgesetz und entziehen sich damit der Kontrolle der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel. Die ist zuständig für fertige Medikamente, nicht aber für Rezepturen, die für jeden Patienten individuell zusammengestellt werden. Auch das Bundesamt für Gesundheit kümmert sich nicht – solange niemand zu Schaden kommt, heisst es.

Die Verantwortung läge bei den Kantonsapothekern, sagen beide. Die können jedoch nicht allen Anbietern auf die Finger schauen. «Die Kontrolle fehlt in den meisten Kantonen», sagt der Aargauer Kantonsapotheker Klaus-Jörg Dogwiler.

Die Gefahr der chinesischen Kräuter liegt in der Verwechslung, und genau das schien in Grossbritannien passiert zu sein. Denn auf Chinesisch haben verschiedene Pflanzen oft den gleichen Namen. «Es gibt niemanden, der genau sagen kann, welche Pflanze er verkauft», sagt der Aargauer Arzt Severin Bühlmann, Geschäftsführer einer auf chinesische Kräuter spezialisierten Apotheke. Nebenwirkungen und Gefahren sind nur aus der chinesischen Überlieferung bekannt, in der nur wenige europäische Ärzte und Apotheker ausgebildet sind.

Dazu kommt, dass die «natürlichen» Heilpflanzen in China oft mit Pestiziden behandelt werden. Auch Schwermetalle wie Blei oder Quecksilber und giftige Schimmelpilze verunreinigen die kostbare Ware aus dem Land der Mitte.

Bühlmanns Sinecura-Apotheke in Aarau hat deshalb freiwillig eine dreifache Qualitätskontrolle eingeführt. Universitätslabors analysieren die Zusammensetzung sämtlicher Pflanzen.

Doch die Analysen sind teuer, und so wird die Sicherheit oft dem Profit geopfert. «Wenn etwas boomt wie die chinesische Medizin in der Schweiz, lockt das viele Geschäftemacher», sagt Kantonsapotheker Tüller.

«Es ist schwierig, gute und schlechte Angebote zu unterscheiden», sagt auch Rudolf Schaffner, Geschäftsführer des neuen Chinamed-Zentrums in Basel. Ein Sprecher der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel bestätigt: «Es gibt relativ viele unseriöse Anbieter.» Der Apotheker der Sinecura empfiehlt deshalb: «Nichts einnehmen, was nicht von einem Arzt oder Therapeuten mit Fachausweis verschrieben wurde.»

Vor allem Hände weg von im Ausland selbst gekauften oder per Post oder Internet bestellten Heilmitteln, warnen die Experten. «Da ist allergrösste Vorsicht geboten», sagt Kantonsapotheker Tüller. Denn der Wirksamkeit der vermeintlich «natürlichen» Pillen werde oft mit starken, chemischen Stoffen wie Cortison oder Schmerzmitteln nachgeholfen.

Tüller räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: «Dass Kräuter natürlich und deswegen harmlos sind, ist Schwachsinn», sagt er. Der Patient sollte auch seinem Hausarzt nicht verschweigen, dass er chinesische Heilmittel nimmt. «Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich», sagt sein Aargauer Kollege Klaus-Jörg Dogwiler.

Bis die behördliche Kontrolle in der Schweiz funktioniert, müssen sich die Anbieter selbst kontrollieren. Niemand drängt zur Eile. An der Sake-Schule für asiatische Körper- und Energiearbeit in Bern würden Qualitätskontollen zurzeit «abgeklärt», heisst es. In der Zwischenzeit kaufen die Patienten weiterhin Mixturen mit unbekanntem Inhalt.

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