Fun-Sportler – Die Freak-Show

Fun-Sportler - Die Freak-Show

Die Fun-Sportler werden Teil des Establishments: Wettbewerbe der Extremsportarten sind ein Millionengeschäft.

 

Die Überschrift der Pressemitteilung klingt vollmundig: «Palmer reklamiert die Winter Gravity Games für sich.» Shaun Palmer, Amerikas berühmtester und schillerndster Snowboarder, hat sich am letzten Freitag von seiner besten Seite gezeigt und auf den Pulverschneehängen der kalifornischen Sierras die Erwartungen erfüllt: Er kommt als Erster im Skiercross ins Ziel und belegt im Boardercross den dritten Platz.

 

Solche Meldungen würde die rege PR-Abteilung der «Schwerkraft-Spiele», die ihr Büro am Fuss des 3368 Meter hohen Mammoth Mountain aufgeschlagen hat, gerne öfter verbreiten. Und damit den eigenartigen Namen einer Veranstaltung in die Welt hinausposaunen, die in der vergangenen Woche mit 200 Snowboardern, Freestyle-Skifahrern und Snowmobil-Piloten aus 14 Ländern ihre Premiere erlebt hat. Die Absicht der Gravity-Games-Veranstalter: Der Name soll durch Qualität zum Markenartikel gemacht werden.

Das Ziel scheint hoch gesteckt. Denn nicht nur gibts bereits weltumspannende Sportspektakel wie die Olympischen Spiele oder die Goodwill Games des Medienunternehmers Ted Turner. Die ganze Idee der Gravity Games, die der grosse amerikanische Fernsehsender NBC ausgeheckt hat, ist eine einzige Kopie, abgekupfert von den X Games, des Sportkanals ESPN. Doch die Teilnehmer scheint dies nicht zu stören. Schon gar nicht PR-bewusste Athleten wie Shaun Palmer. Die reisen dorthin, wo die Aussicht auf Erfolg am grössten ist, und kassieren so nebenbei ein paar tausend Franken Preisgeld.

 

Die sportlich relativ bescheidene Ausbeute von Mammoth Mountain können sich Amerikas Wintersportanhänger in den nächsten Wochen – zeitversetzt und scheibchenweise – im Fernsehen zu Gemüte führen. Dabei werden sie zum ersten Mal die Gelegenheit zu einem Vergleich haben. Denn in der kommenden Woche (3. bis 6. Februar 2000) findet in Mount Snow im Bundesstaat Vermont das Vorbild statt: die Winter X Games. Diese wurden vor drei Jahren auf die Beine gestellt, um ein Konzept zu komplettieren, das mit Sonne und Sommer, Skateboard-Fahren, Inline-Skating und Skysurfen begonnen hatte. Die Überlegung war simpel: Das Lebensgefühl der neuen Generation von Funsportlern, die sich nicht in den herkömmlichen Rahmen pressen lassen wollen, macht vor keiner Jahreszeit halt.

 

Ebenso simpel ist das Urrezept für die «Adrenalin-Orgie» («New York Times»): Man nehme junge Akteure mit Tattoos und Nasenpiercings, die ihr Dasein nach dem Motto bestreiten «Das Leben ist nicht hart genug, wenn man nicht jeden Tag seine Haut riskiert», und präsentiere sie in einem Umfeld aus Rockmusik und Plakatwänden des Zeitgeist-Kommerzes. «Die Leute sagen, wir seien Verrückte», sagt Pam Zoolalian, die schnellste Frau der Welt auf dem Asphalt-Schlitten. «Aber irgendetwas müssen wir richtig machen.»

 

Inzwischen hat ESPN die Nische zu einer grossen Programmecke ausgebaut – zu den «Olympischen Spielen der Alternativsportarten» («Dallas Morning News»). Die X Games erreichen 20 Millionen Zuschauer in 180 Ländern. Kein Wunder, findet die Idee mittlerweile Nachahmer mit gut gepolsterten Taschen, die sich nicht vor Produktionskosten von rund 20 Millionen Dollar pro Veranstaltung fürchten. Sponsoren berappen bereitwillig einen beträchtlichen Teil der Auslagen. Für sie sind die Sendungen ein ideales Vehikel geworden, um die Zielgruppe der Unter-30-Jährigen anzusprechen. «Der alternative und aggressive Charakter der Gravity Games passt perfekt zu uns», erklärte der Chef des amerikanischen Videogame-Herstellers Midway, der viel Geld dafür bezahlt, den Namen für seine Produkte zu nutzen.

 

Der Zielgruppe gefällt das Angebot an Disziplinen. Dies zumindest sagte ein junger Abfahrts-Skateboarder im letzten Herbst in Providence, wo die Gravity Games aus der Taufe gehoben wurden: «Jeder leidet unter den Traditionssportarten. Es wird Zeit, dass jemand einer neuen Generation eine Alternative anbietet.» Wie gut das neue Sport-Biotop in Amerika gediehen ist, zeigte die 1999er-Auflage der X Games in San Francisco. Dort fanden sich bis zu 60 000 Zuschauer ein, um Wettbewerbe wie Skysurfing oder Freeclimbing zu sehen. Der Erfolg der einstigen Freaks ist so gross, dass ihr kostbares Aussenseiter-Image inzwischen gefährdet ist. Wie die Grünen in der Politik sind die X Games im Begriff, das zu werden, wovon sie sich eigentlich absetzen wollen – ein Teil des Establishments.

 

Scott Kelliher, Marketingchef von «Blades, Board, Skate» – einer Ladenkette, die sich auf die neue Sportler-Generation spezialisiert hat – weiss, wie das funktioniert: «Je mehr Leute zuschauen, desto mehr wollen so aussehen wie die Akteure. Diese Sportarten signalisieren: Ich bin cool. Das gleiche gilt für die zugehörige Bekleidung.» Noch aber hebt sich die Bewegung in einigen wichtigen Nuancen vom Mainstream ab. Zum Beispiel dadurch, dass man nur schwer eine scharfe Grenze zwischen Fan und Sportler ziehen kann. X-Athleten gehts weniger ums Gewinnen als ihren Kollegen in den traditionellen Disziplinen, wo Regelübertretungen, Doping und der Kampf um Millionen von Franken an Gehältern und Prämien den Entwicklungsstand markieren. Sie wollen vor allem ihr technisches Können und ihren Mut zeigen.

 

«In den populären Mannschaftssportarten wünscht man sich, dass die Gegner versagen», beschrieb ein 19-jähriger Fan in San Francisco das seltsame Gefühl, mit dem immer mehr Nachwuchsathleten aufwachsen. «Hier klatscht man, wenn einem Konkurrenten etwas richtig gelingt. Und alle gehen hinterher auf dieselben Partys.» Arlo Eisenberg, ein Skateboarder, der 1996 das X-Championat errang, stimmt der Einschätzung zu: «Wir mögen es, weil es mehr ist als reiner Wettkampf. Es ist Lebensstil. Wir trainieren nicht. Wir haben keine Regeln, und wir haben keine Trainer.»

 

«Ob ich mir das so vorgestellt habe? Ja», sagt Ron Semiao, der bei ESPN als Vizepräsident der Abteilung Programmgestaltung fungiert. Der 43-Jährige hat die X Games erfunden und sieht sich gezwungen, ständig nach neuen Sportarten zu suchen, die ins Programm passen. Welche Disziplin aber kultiviert raues Image pur und produziert nicht jenes müde Gähnen, das Übertragungen vom Bungee-Springen unweigerlich begleitet? Eine allgemein gültige Antwort gibts nicht. Zumal er die Teilnehmer mitentscheiden lässt. «Sie sagen uns, was cool ist und was nicht.» Bumerang-Werfen ist es nicht. Jet-Ski-Wettbewerbe schon eher, weil die Top-Piloten Luftkunststückchen bei Tempo 100 machen. Und riskant genug ist es auch: Keine Freizeitbeschäftigung in den USA fordert so viele Tote.

 

Mit dem Publikumserfolg wächst aber nicht nur die Zahl der Disziplinen. Die X Games schielen nach einer Ausweitung in andere Länder. Die Expansion hilft beim Verkauf der Fernsehrechte und drängt jene Veranstalter in die Defensive, die das Konzept nachahmen wollen. So gibt es in Australien bereits die Winter Xtreme Games. Und der Pariser Sender Eurosport betreibt eine Veranstaltungsreihe namens YOZ Winter Games (die Abkürzung steht für Youth Only Zone), die sich aus dem Mad Masters im französischen Vars heraus entwickelt hat.

 

Auch in Europa sind Marketing-Manager wie Robert Stanic von Honda über die neue Ära des Wintersports begeistert, in der zur Abwechslung nicht die Honoratioren des Weltskiverbandes Fis das Sagen haben, mit denen sich viele Snowboarder im Clinch befinden: «So erhalten wir überall in Europa eine maximale Präsenz.» Obendrein feiern Blätter wie die Sportzeitung «L’Equipe» das Ganze als «veritablen Erfolg». Das Einzige, was die Verantwortlichen nicht beeinflussen können, ist das Wetter. So gingen die YOZ-Leute bewusst ins österreichische Sölden. Dort hat man notfalls einen Gletscher in der Hinterhand. Trotzdem brachten die Bedingungen die Veranstalter in Verlegenheit. Beim Big-Air-Wettbewerb waren die Sichtverhältnisse so schlecht, dass einige Teilnehmer mit Boykott drohten. Das Geld sei ihm egal, meinte ein französischer Freestyler: «Die Öffentlichkeit muss begreifen, dass unsere Sprünge nicht viel Raum für Fehler lassen.»

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