Enzo Trossero – Schleifer alter Schule

Enzo Trossero

Der Nati-Wunschtrainer heisst Enzo Trossero. Er lernt Spieler «schuften, kämpfen und rennen».

 

Enzo Trossero steht schon früh morgens unter Strom. Den Kaffee trinkt er schwarz und im Stehen. Fünf Mal schon hat das Telefon geklingelt, dabei ist es erst kurz nach halb acht. Trossero ist am nördlichen Stadtrand von Buenos Aires untergekommen, wo Gärtner die Hecken vor den Einfamilienhäusern schneiden und sich schwere Eisengitter per Fernbedienung öffnen lassen. Als er sich ins Auto setzt, klingelt abermals das Handy. Die tägliche Fussballsendung «Primera Edición» möchte ihn am Abend im Studio haben. «Vergiss es, keine Zeit», zischt der 47-Jährige genervt.

 

Die 30 Kilometer zum Trainingsgelände des Club Atlético Independiente wären locker in 20 Minuten zu schaffen, doch die Autobahn ist wie jeden Morgen verstopft, und Trossero überholt rechts, «man macht das so in Argentinien», sagt er.

 

Beim Training ist er wie immer der Erste. Seinen VW Passat parkt er dort, wo bis im September der schwarze BMW von César Luis Menotti stand, der meistens erst eintraf, wenn sein Assistent die Profis schon eine halbe Stunde auf dem Platz herumgescheucht hatte.

 

Es ist 9 Uhr, und auf dem Trainingsgelände ist um diese Zeit erst der Materialwart anzutreffen, der die Bälle aufpumpt. Trossero verteilt zwei Dutzend orangefarbene Signalhütchen auf dem Platz. Um halb zehn versammelt er seine 25 Spieler im Mittelkreis. Beim letzten Testspiel vor Meisterschaftsbeginn hat die Mannschaft gegen eine regionale Juniorenauswahl 1:1 gespielt. Deshalb stapft er jetzt eine halbe Stunde lang mit verkniffenem Gesicht durch die Reihen und erklärt seinen Profis, was sie da für einen Mist zusammengekickt haben.

 

«Hat einer von euch gestern geschwitzt? Herrgott nochmal, wir haben keinen einzigen Zweikampf gewonnen, und das gegen eine Juniorenmannschaft», bellt er, dass man es bis hinter den Zaun hören kann, wo 20 Journalisten und drei Kamerateams Stellung bezogen haben. Dann lässt er in zwei Gruppen die Angreifer gegen die Verteidiger spielen. Alle paar Sekunden muss er unterbrechen. Die Bälle verspringen, die Aussenstürmer flanken hinters Tor, der Mittelstürmer läuft falsch – es ist ein Graus. Trossero fuchtelt, korrigiert, flucht.

 

Nach der zweieinhalbstündigen Einheit ist Trosseros Trainings-Kluft ebenso durchgeschwitzt wie die der Spieler. Auch das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Menotti. Der leitete die Übungen mit entblösstem Oberkörper zumeist vom Mittelkreis aus und liess sich zwischendurch vom Platzwart eine schwarze Parisienne reichen.

 

Independiente Buenos Aires ist hinter River Plate und Boca Juniors die dritte Kraft im argentinischen Fussball. Kein anderer südamerikanischer Verein hat so viele internationale Titel gewonnen wie Independientes «Rote Teufel». Doch der letzte Erfolg liegt sechs Jahre zurück; eine Ewigkeit für die verwöhnte Fangemeinde. Und auch in diesem Jahr hat Independiente nicht die Mannschaft, um oben mitzuspielen. Das hatte Trossero schon vor der Saison jedem gesagt, der es hören wollte. Die beiden Stars des Teams sind 19-jährig und haben gerade mit Argentiniens U-23-Nationalmannschaft die Olympiaqualifikation verpasst.

 

Nach dem Training ist Pressetermin. Stark parfümiert und mit reichlich Gel im Haar setzen sich die Spieler hinters Steuer ihrer Pathfinder und Grand Cherokee und geben durchs offene Fenster Interviews. Der Trainer hat verordnet, dass die Journaille nur noch zweimal wöchentlich beim Training zuschauen darf. Anders als Menotti pflegt Trossero einen eher knorrigen Umgang mit der Presse. Während sein Vorgänger ungefragt über linken und rechten Fussball schwadronierte und dabei ein halbes Pack Zigaretten wegrauchte, spricht Trossero über seinen Sport, als handele es sich um Arbeit im Bergwerk: «Schuften, kämpfen und rennen.»

 

Deswegen hat man ihn im September schliesslich geholt. Dem Fussballphilosophen Menotti war es nie gelungen, seiner Mannschaft zu erklären, was es mit dem von ihm gepredigten totalen Fussball auf sich hat. Zwischendurch gabs zwar etwas fürs Auge, doch Menotti, der «die Zuschauer glücklich machen» wollte, wurde vor allem von den gegnerischen Fans gefeiert, weil seine Mannschaft zwar zwei Tore schoss, aber regelmässig drei oder vier kassierte.

 

Trossero dagegen zog bei Independiente schon als Spieler einen schnörkellosen Fussball vor. Obwohl für einen Verteidiger mit überdurchschnittlicher Technik und einem knallharten Schuss ausgestattet, verdiente er sich die Anerkennung der Fans durch seinen bedingungslosen Siegeswillen und seinen Einsatz. Unvergessen etwa das Halbfinalspiel um die Meisterschaft 1978, als Trossero nach einer wüsten Grätsche seines Gegenspielers minutenlang am Boden lag und später mit blutroter Socke einen Freistoss verwandelte, der Independiente den Weg ins Endspiel ebnete.

 

Das haben die Fans nicht vergessen. Und viele im Verein hielten die Zeit ohnehin für reif, den zu beträchtlicher Überheblichkeit neigenden Independiente-Profis wieder einen Schleifer alter Schule vorzusetzen. Unter Menotti schloss Independiente die Rückrunde des letzten Jahres auf dem 16. Rang ab, die schlechteste Klassierung der letzten 15 Jahre. Da kam es gerade recht, dass Trossero nach einem kurzen Gastspiel beim FC Lugano im August ohne Arbeit war.

 

Doch nun wirkt der Wikinger, wie ihn Argentiniens Presse seiner blonden Mähne wegen nennt, gereizt und staucht einen Radioreporter zusammen: Er habe nach dem letzten Testspiel «einen absoluten Scheissdreck» erzählt. Dann knöpft sich Trossero den Mann von «Clarín», der grössten argentinischen Tageszeitung, vor, der ihm taktische Fehler unterstellte. Und obwohl er heute «nur Fragen zu Independiente» beantworten wollte, prescht ein junger Kollege von der Sportzeitung «Olé» vor und fragt, was es auf sich habe, dass Trossero die Schweizer Nationalmannschaft übernehmen soll.

 

«Ich habe einen Vertrag bis im Juli, und den will ich erfüllen», sagt Trossero. Aber es sei schon so: «Man liebt mich in der Schweiz.» Das ist zwar nur die halbe Wahrheit, doch was weiss man in Argentinien schon über Trosseros Wirken in der Schweiz? Natürlich gewann er mit dem FC Sion 1991 den Cupfinal und ein Jahr später den Meistertitel. Seither ist er im Wallis so etwas wie ein Volksheld. Andere dagegen, und es sind nicht wenige, mäkelten an seinem Sicherheitsfussball herum und kritisierten seine arrogante Art.

 

Geblieben ist der Eindruck, den Trossero als tobender Derwisch an der Seitenlinie hinterlassen hat. In vier Disziplinarverfahren des Schweizer Fussball-verbandes wurden ihm insgesamt elf Spielsperren auferlegt. Das ändert nichts

daran, dass SFV-Präsident Marcel Mathier, selbst ein Walliser, ihn lieber heute als morgen in die Schweiz zurückholen möchte. Trossero winkt vorerst ab: «Es war immer mein Traum, Independiente zu trainieren.»

 

Doch dann kam der Sonntagabend und die erste Meisterschaftspartie gegen Boca Juniors. Independiente spielte eine Stunde lang auf ein Tor und zeigte das beste Spiel unter Trossero. Am Schluss hiess es 1:3 für den Gegner, und tags darauf stand der Trainer schon wieder in der Kritik. Independiente kann für Trossero schon sehr bald zum Alptraum werden.

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