Ein Mann in tausend Nöten

Ein Mann in tausend Nöten

Crossair-Chef Moritz Suter kämpft nach dem Absturz um sein Lebenswerk. Umso ungelegener kommt ihm der Konflikt mit seinen Piloten.

Die interne Mitteilung ging an das knapp 700-köpfige Pilotenkorps der Crossair. In den auf Englisch verfassten «Fleet Information News» vom Oktober 1999 wurden erstmals Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit von schweizerischen und ausländischen Piloten bestätigt.

Deren Arbeitsqualität im täglichen Flugbetrieb sei «ziemlich dürftig», in einigen Fällen sogar «unsicher» gewesen, hatten sich Kopiloten über die neuen Flugkapitäne beschwert. Das Crossair-Management schrieb in der Mitteilung vorsichtig «von Unterschieden beim Gebrauch der Crossair-Flugverfahren». Die notwendigen Schritte würden bereits eingeleitet. Man sei sicher, dass die Piloten die Crossair-Philosophie «in einigen Monaten» übernommen hätten.

Von FACTS auf das interne Schreiben angesprochen, antwortete Crossair-Chef Moritz Suter kernig: «Es ist doch völlig unerheblich, was einzelne Piloten schreiben.» Ihm war wohl entgangen, dass die «Fleet Information News» nicht von einem unzufriedenen Crossair-Piloten, sondern von Flottenchef Fredi Luginbühl unterschrieben waren.

In der Öffentlichkeit weist Crossair-Chef Moritz Suter kritische Fragen zu den rund 60 ausländischen Aushilfe-Piloten barsch zurück. Kommt das heikle Thema zur Sprache, reagiert er seit dem Flugzeugabsturz von Niederhasli am Montag vergangener Woche persönlich betroffen.

Über die Absturzursache herrscht nach wie vor Unklarheit. In den nächsten Tagen sind erste Resultate der Auswertungen der Blackboxes der abgestürzten Saab-Maschine zu erwarten. Unabhängig davon wird bei der Crossair der Gewerkschaftskampf um bessere Löhne und anständige Arbeitszeiten härter.

Der Crossair-Chef gerät im eigenen Haus zusehends in Bedrängnis. Gegen aussen ist davon kaum etwas sichtbar. In den letzten Tagen kümmerte sich Suter auf zahlreichen Flügen quer durch die Schweiz selber um verunsicherte Piloten und Kabinencrews. Im Basler Münster zeigte er sich vergangenen Freitag tief betroffen, als er zusammen mit 800 Gästen um die zehn Todesopfer trauerte. Wie ein echter Patron sorgte er sich nicht um seine angeschlagene Gesundheit, sondern war präsent und bewies Mitgefühl. Suter will den Unfall trennen von seinen internen Problemen.

Kapitän des abgestürzten Crossair-Fluges 498 war der moldawische Pilot Pavel Gruzin, Kopilot der Slowake Rastislav Kolesar. Beide arbeiteten erst wenige Monate für die Basler Airline: Kolesar begann am 2. August 1999, Gruzin am 26. Oktober 1999 nach seiner Überprüfung der fliegerischen Fähigkeiten. Alleine ihre Nationalitäten sagen nichts über ihre fachlichen Qualitäten aus. Die Frage ist, ob die beiden Piloten, als sich das Unglück anbahnte, genügend eingespielt waren, die notwendigen Massnahmen zur Rettung des Flugzeuges zu treffen.

Zweifel daran sind zumindest erlaubt. Ein Crossair-Pilot berichtete FACTS anonym über eine Begegnung mit dem Kopiloten der Unglücksmaschine: «Das Problem war die Kommunikation. Wir Westpiloten sind Teamwork gewohnt. Wir arbeiten mit Check und Gegen-Check. Die Ostpiloten sind auf Hierarchie fixiert. Da sagt der Chef, wo es langgeht.»

Derartige Aussagen will Crossair-Chef Moritz Suter gar nicht erst hören. «Ich weiss, dass es Leute gibt, die die momentane Situation ausnutzen. Auch in den eigenen Reihen versuchen sie uns den Gnadenstoss zu geben», sagte er am vergangenen Wochenende in einem «SonntagsZeitung»-Interview.

Für Suter eine Unverschämtheit: «Man darf einen Arbeitskampf, mit dem man Konditionen verbessern will, nicht mit dem gegenwärtigen Drama in Verbindung bringen», antwortete er im selben Interview. «Und schon gar nicht darf man ihn mit der Sicherheitsfrage verknüpfen. Wer das tut, ist von mir aus gesehen verantwortungslos.»

Im Visier hat Moritz Suter mit seinen Worten in erster Linie die kämpferische Crossair-Pilotengewerkschaft CCP. Es nützte nichts, dass CCP-Mitglied Martin Rissi bereits am Tag nach dem Unglück einen Zusammenhang zwischen Absturz und Arbeitskampf als «völlig fehl am Platz» bezeichnete. Im Rahmen der Unfalluntersuchung von Crossair-Flug 498 hat die CCP inzwischen sogar den offiziellen Beobachterstatus erhalten. Damit ist sie in die Ermittlungen und deren Auswertung eingebunden.

Bei Moritz Suter wird das Ansehen der Pilotengewerkschaft deswegen nicht grösser werden. Um die CCP in die Schranken zu weisen, erzählte er Anfang Woche, die Piloten hätten bis auf weiteres als Zeichen der Rücksichtnahme und der Trauer in ein Stillschweigeabkommen eingewilligt. Die CCP dementierte schriftlich in einem internen Schreiben. Von einem derartigen Beschluss sei nie die Rede gewesen. «Wir lassen uns von unserem Kurs nicht abbringen», antwortete CCP-Präsident Thomas Häderli.

Der Arbeitskonflikt zwischen CCP und Crossair war im Dezember eskaliert, als die Mitglieder mit überwältigender Mehrheit den geltenden Gesamtarbeitsvertrag (GAV) kündigten. Sie monierten ungenügende Saläre, zu hohe Arbeitsbelastung und schlechte Arbeitszeiten. Eine Umfrage unter den CCP-Mitgliedern ergab, dass wegen der tiefen Löhne etliche Crossair-Piloten um staatliche Unterstützungsbeiträge für die Krankenkassenprämie nachsuchen mussten. Der Anfangslohn eines Crossair-Piloten beträgt rund 50 000 Franken.
Zum Eclat kam es, als die Arbeitgeberseite die Wahl des entlassenen Crossair-Piloten Thomas Häderli zum neuen CCP-Präsidenten nicht anerkannte. Dass sich die Crossair mit Häderli als GAV-Verhandlungsführer nicht an einen Tisch setzen wollte, brachte das Fass zum Überlaufen. «Damit hat Moritz Suter die Sozialpartnerschaft faktisch aufgelöst», sagt Stefan Suter, Rechtsvertreter der CCP.

Ob der GAV mit der Crossair überhaupt noch besteht, ist unklar. Wie erst jetzt bekannt wurde, war der GAV im Dezember von der CCP nicht per Juni 2000, sondern per sofort aufgelöst worden. Zwischen der Crossair und ihren Piloten herrscht demnach bereits der vertragslose Zustand. Doch die Situation ist verworren. Ein Schiedsgericht soll nun Klarheit schaffen. Bereits haben die Streitparteien ihre Vertreter bestimmt. Für die Crossair nimmt der emeritierte Basler Rechtsprofessor Frank Vischer in dem Gremium Platz. Der Entscheid, ob der Pilotenvertrag tatsächlich bereits ausser Kraft ist, soll in den kommenden Wochen fallen. Davon hängt ab, «ob es hart auf hart gehen wird», sagt ein Pilotenvertreter. Hält Moritz Suter an seiner Linie fest, drohen Kampfmassnahmen – bis hin zum Streik. Aus Pietätsgründen wurde dieses Mittel in Pilotenkreisen als Sofortmassnahme bisher ausgeschlossen. Doch im Sommer ist bei der Basler Airline Charterzeit.

Moritz Suters Zukunft als Crossair-Chef wird davon abhängen, wie er das Unglück von Niederhasli bewältigt. «Auf dem Balsberg hat man Basel immer im Blick», sagt ein Swissair-Kadermitarbeiter. Auf dem Balsberg arbeitet SAirGroup-Konzernchef Philippe Bruggisser, gleichzeitig Verwaltungsratspräsident der Crossair. Sein Vorgehen nach der Katastrophe von Halifax im Umgang mit Öffentlichkeit und Angehörigen ist der Gradmesser, wie sich eine Airline nach einem Flugzeugabsturz verhalten sollte.

Aber Suter will seinen eigenen Weg gehen. Die Nachbetreuung des Absturzes sowie sämtliche Kommunikationsarbeiten wurden letzte Woche nach Basel gezügelt. Weg vom Hauptsitz der SAirGroup, hin zur Crossair-Firmenzentrale beim Flughafen an der französischen Grenze. Hin in die Nähe des Patrons.

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