Die Schweiz geht ins Netz

Netz

Die Internet-Euphorie ist ausgebrochen. Eine Million Schweizer wollen noch dieses Jahr einen Anschluss ans Web. Das freut die Unternehmen, die im Netz Geschäfte machen.
Von Nicole Kircher

Wir sind die erste Schweizer Buchhandlung im Internet», verkündete der Geschäftsleiter der Dübendorfer Buchhandlung Freihofer vor den Medien. Das war 1994. Sechs Jahre später findet die Suchmaschine AltaVista unter dem Begriff «Buchhandlung» 21 613 Eintragungen allein in der Schweiz.

Das Internet boomt. Vor sechs Jahren waren hier zu Lande gerade 197 Adressen mit der Schweizer Endung.ch bei der offiziellen Registrierungsstelle Switch gemeldet, heute sinds über 200 000.

Doch welchen Stellenwert hat das World Wide Web im Alltag wirklich? Im Auftrag von FACTS führte das Marktforschungs-Institut IHA/GfM eine repräsentative Umfrage durch. Das Ergebnis: 18 Prozent der Schweizer haben privat einen Internet-Anschluss. Das Wachstum hält an: Fast 17 Prozent jener, die offline sind, planen dieses Jahr den Anschluss ans Netz – das sind eine Million neue Surfer. Experten gehen davon aus, dass die Internet-Dichte in der Schweiz in fünf Jahren bis auf 80 Prozent ansteigen wird.

Jetzt macht auch die Politik Druck. Der Zürcher Regierungsrat und Bildungsdirektor Ernst Buschor fordert die Lancierung einer Internet-Offensive: «Ich trete dafür ein», sagt Buschor, «dass ein Teil der Goldreserven der Nationalbank für eine Internet-Weiterbildungs-Offensive verwendet wird.» Der einflussreiche Bildungspolitiker ist überzeugt, «dass das Internet unser tägliches Lebens- und Arbeitsverhalten mitbestimmen wird». Wer seine Vorurteile gegenüber dem neuen Medium nicht rasch ablege, «verliert den Anschluss».

Buschors Pläne stossen bei der jüngeren Generation auf Anklang. 70 Prozent der 15- bis 19-Jährigen plädieren in der FACTS-Umfrage dafür, schon in der Primarschule eine obligatorische Internet-Grundausbildung anzubieten. Noch gibt es aber auch Widerstand: 40 Prozent der Befragten geben an, sich künftig keinen Internet-Zugang anschaffen zu wollen.

Beat Schmid, Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikations-Management der Uni Sankt Gallen, ist überzeugt, dass dies nur eine Übergangsphase sei. «Die Gruppe der Internet-Verweigerer wird langfristig sehr klein sein.» Der Internet-Trend, sagt Schmid, habe Parallelen zum Handy-Boom: «Am Anfang gibt es viele, die von der neuen Technologie nichts wissen wollen. Dann nimmt der Widerstand ab.» Schmid hält eine Internet-Dichte in der Schweiz «von bis zu 90 Prozent» für realistisch.

Das glaubt auch Verena Gyr, seit letztem Mai Besitzerin der Buchhandlung Freihofer in Dübendorf. Gyr ist daran, zusammen mit einem externen Internet-Spezialisten ihre Website à jour zu bringen. «Das Internet wird die Geschäftswelt wesentlich verändern», ist die 71-Jährige überzeugt.

Pionier im World Wide Web sind die Amerikaner. Fast ein Drittel hat einen Internet-Anschluss. Besonders gefragt ist in den USA das Buchen von Reisen, der Einkauf von Büchern, der Handel mit Occasions-Autos und der Börsenhandel im Netz.

Die Schweiz braucht sich nicht zu verstecken: Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern liegen wir beider Internet-Entwicklung im vorderen Mittelfeld, wie eine Studie der Datenforscher IDC ergeben hat.

Nicht etwa die Städte, sondern die kleinen Gemeinden kurbeln das Internet-Wachstum an. Die FACTS-Umfrage zeigt überraschend: Bewohner in Gemeinden mit 2000 bis 10 000 Einwohnern sind überdurchschnittlich häufig im
Netz und kaufen oft online ein. 27 Prozent der Bewohner in kleinen Gemeinden haben einen privaten Internet-Anschluss. In den Städten ists die Hälfte.

Log-in der Provinzler. «In kleinen Gemeinden», analysiert Schmid, «lebt der progressive Mittelstand.» In den Städten dagegen wohnten überdurchschnittlich viele Gruppen, die das Internet unterdurchschnittlich nutzen, wie Ausländer und sozial Schwache.

Eine Einschätzung, die Christoph Brand, Chef des grössten Schweizer Internet-Providers Blue Window, teilt. «Wir haben sehr viele Kunden in nicht städtischen Gebieten.»

Die meisten Surfer nutzen das Internet als Informationsquelle und zum Verschicken von E-Mails. Wenig Bedeutung, das zeigt die FACTS-Umfrage klar, hat das Einkaufen im Internet, der E-Commerce. 64 Prozent der Internet-Nutzer in der Schweiz haben noch nie online eingekauft. «Der Faktor Sicherheit hält viele vom Einkaufen im Internet ab», bestätigt René Burgener, Direktor E-Business von Sunrise. «Konsumgewohnheiten ändern sich eben nur sehr langsam.»

Wurde noch vor zwei Jahren der E-Commerce als Wachstumsmotor Nummer eins betrachtet, gehen Experten mittlerweile davon aus, dass vor allem der Business-to-Business-Bereich (B2B), der Handel unter Firmen, die Internet-Umsätze in die Höhe schnellen lässt.

Im Trend liegen da die Big Three der Automobilindustrie, General Motors, Ford und DaimlerChrysler. Sie gaben in diesen Tagen ihre B2B-Kooperation bekannt. Amerikanische Garagisten können schon bald ihre Auspuffe, Vergaser und Keilriemen online bestellen.

Auch Kleinstfirmen mischen im Online-Handel mit: In Aarburg AG hat der Swisscom-Angestellte Wilfried Schlichther diese Woche die E-Chäsi GmbH gegründet. Einen Laden hat er nicht, dafür das Gefühl, eine Marktnische gefunden zu haben. «Käseplatten-Lieferungen an Heime, Schulen und Firmen, auch samstags und sonntags», umschreibt Schlichther sein Modell. Im April geht er unter www.e-chaesi.ch online.

Auch aus Eigennutz treiben die Firmen das Web als Vertriebskanal voran. Damit können Unternehmen ihre Vertriebskosten massiv senken. Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers errechnete, dass das Internet-Banking die Finanzinstitute nur noch 15 Rappen pro Transaktion kostet, während der Gang der Kundschaft an den Schalter mit dem Zehnfachen zu Buche schlägt.

Nicht nur die Banken profitieren. «In multinationalen Firmen ist das Internet nicht mehr wegzudenken», erklärt Gu-dela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisations-Psychologie an der ETH Zürich. In kleinen und mittelgrossen Firmen dagegen werde das Web nur in Teilbereichen eingesetzt.

Wie beim Schweizer Autoersatzteil-Lieferanten Derendinger. Chef Kurt Schnyder gab seiner Informatik-Abteilung vor vier Jahren den Auftrag, ein Bestellsystem mit direkter Kundenanbindung zu entwickeln. Rasch waren sich die Spezialisten einig, dass dafür nur der Gang ins Internet in Frage kommt.

Auch Otto Ineichen, Gründer des Restposten-Anbieters Otto’s, ist mittlerweile online. «Im Business-to-Busi-ness-Bereich wird die Post abgehen», ist Ineichen überzeugt. Deshalb investiert er kräftig: 4,5 Millionen Franken pumpt er in seine neue B2B-Firma, bei der er 15 Leute beschäftigen wird.

Noch verdienen nur die wenigsten Geld mit dem Online-Shopping. Das soll sich ändern: Alain Nicod, Chef des ers-ten Schweizer Internet-Detailhändlers Le-Shop, will im nächsten Jahr schwarze Zahlen schreiben. «Wir haben monatliche Zuwachsraten von 20 Prozent», schwärmt der Romand. Bereits verkauft Le-Shop sein Konzept ins Ausland:

In Spanien gibts einen Lizenznehmer, der unter der Adresse www.alcampo.es Lebensmittel online anbietet. Geplant sind weitere Tochterfirmen von Le-Shop in Argentinien und in Europa.

Das Weltwunder Web setzt sich durch. Neue Zugangsgeräte der Industrie kurbeln den Internet-Boom zusätzlich an. So starten Kinder ihre ersten Gehversuche im Internet immer öfter mit ihrer Spielkonsole. Die neue Dreamcast von Sega ist internettauglich, die PlayStation 2 von Sony, die im Herbst in den europäischen Handel kommt, solls ebenfalls sein. Neuen Schub bringen neben den internettauglichen WAP-Handys vor allem die so genannten Web-Pads. Die einfach zu bedienenden Geräte ermöglichen auch Technik-Laien den Einstieg ins Internet: Drei Knöpfe genügen, und die Surfer sind im Netz.

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